Wohnungsnot: Den letzten beißen die Hunde

17. Oktober 2012
Teilen

"WG, Wohnheim, Appartement oder Zimmer zur Untermiete gesucht! Egal was, wo, wieviel! Bitte meldet euch!" – so lautet die verzweifelte Anzeige eines Münchner Studenten. Und so wie ihm geht es vielen zu Semesterbeginn. Es wird eng in Deutschlands Studentenstädten.

Das Problem ist dieses Jahr besonders groß. In Städten wie München, Bonn, Hamburg oder Berlin ist der Teufel los. Selbst in tendenziell unbeliebten Stadtteilen, in denen die letzten Jahre immer noch ein Dach über dem Kopf zu ergattern war, warteten kurz vor Semesterstart noch tausende Bewerber auf einen Wohnheimplatz. “Durch die Abschaffung der Wehrpflicht und die doppelten Abiturjahrgänge wird der Andrang nach einer Unterkunft immer größer. Wie soll man in so kurzer Zeit so viel neuen Wohnraum herbekommen, den sich die Studenten leisten können”, jammern die Studentenwerke betroffener Städte.

Kreativität ist gefragt – über Lottospieler und Containerbewohner

Die Studentenwerke wollen sich daher kreativ mit dem Wohnungsnotproblem befassen. In Hamburg etwa wurden sogenannte “Last-Minute-Zimmer” eingerichtet: In diese provisorischen Unterkünfte kann man für 25 € pro Nacht in ein Einzelzimmer bzw. für 15€ in ein Doppelzimmer einziehen. Der Haken: die maximale Wohndauer bei hoher Nachfrage beträgt acht Tage. Danach muss man sich eine andere Bleibe suchen.

Auch in München wird für Abhilfe gesorgt: mit etwas Glück kann man seinen Wohnheimplatz per Los gewinnen. Am 22. September wurden so in der Mensa an der Leopoldstraße wieder um die 100 Zimmer unter die künftigen Erstsemester gebracht. “Ich bin einer der wenigen Glücklichen, der einen Platz gewonnen hat”, teilt uns Max Megger, künftiger Mathestudent, mit. “Bei über 750 Bewerbern ist das wie ein Sechser im Lotto.” Seit dem letzten Wintersemester sollen zudem 1.200 neue Wohnplätze entstanden sein. Außerdem, so teilt das Studentenwerk mit, könne man problemlos knapp 90 Notbetten in Gemeinschaftsräumen bestehender Wohnheime aufstellen. Wirklich helfen wird das bei dem aktuellen Wartelistenstand von 6.000 Bewerbern aber wenig.

In Würzburg probiert man es noch mit einer anderen Lösung. Dort denkt man über ein Matratzenlager für Studenten nach. “So etwas Ähnliches hat es zuletzt in den Achtzigern gegeben”, sagt Studentenwerksprecher Ingo Wachendorfer. Damals mussten Container aufgestellt werden. Beim Studentenwerk Würzburg ist vor Semesterstart eine solche Maßnahme in Vorbereitung. Zusammen mit der Uni Bamberg plant Würzburg, auf einem Parkdeck 40 Schlafcontainer in ein Wohnheim zu verwandeln.

Werbung für den guten Zweck

Immer öfter liest man außerdem Anzeigen in Zeitungen, sieht Werbeplakate in der U-Bahn oder hört Durchsagen im Radio vom Stile: „Sind Ihre Kinder bereits ausgezogen und Sie könnten ein Zimmer oder gar eine WG-taugliche Wohnung an Studierende vermieten? Haben Sie möglicherweise bereits mit dem Gedanken einer Vermietung gespielt, wissen aber nicht, an wen Sie sich wenden können? Das Studentenwerk ruft die Bevölkerung auf, vorhandene, stille Reserven an Wohnraum zu erschließen, um so den Erstsemestern zu Studienbeginn eine feste Bleibe zu ermöglichen. Wir sind für jeden Interessierten dankbar!“

Studentenwerke in vielen Städten greifen inzwischen auf die Strategie der direkten Anwerbung von Privatzimmern zurück. Man findet die Flyer in Tiefgaragen hinter die Scheibenwischer geklemmt oder sieht sie in Bussen und Straßenbahnen. Die Studentenwerke versprechen den Hausbesitzern für die Bereitstellung von privatem Wohnraum intensive Beratung und Betreuung bei der Vermietung von Zimmern. Dabei versuchen sie besonders ältere Menschen mit viel Platz sowie Eltern, deren Kinder bereits in einer eigenen Wohnung leben, anzusprechen. Für die Studenten versuchen sie günstige Mietpreise auszuhandeln und so die langen Wartezeiten nach einer finanzierbaren Unterkunft etwas zu kürzen.

Von Seniorenheimen, Partykellern und US-Kasernen

Auch kreative Ideen von Studenten, mit dem Wohnplatzmangel umzugehen, gibt es viele. Jana Wikolek – BWL-Studentin in Hannover – beispielsweise, suchte in ihrer Verzweiflung ein Altenheim auf: „ Dass meine erste eigene Wohnung ein Zimmer in einem Seniorenheim sein würde, hätte ich nicht gedacht. Aber es war mit Abstand die schönste Bleibe, die ich mir angesehen habe. Klar, es ist schon ein bisschen außergewöhnlich und die Leute gucken irritiert, wenn sie hören, dass ich dort lebe. Aber mir gefällt es in meiner neuen Umgebung richtig gut. Einsam bin ich hier nicht: Ich habe 15 Kommilitonen und um die 100 Senioren als Nachbarn.“

Robin Kratzer, der im ersten Semester Medizin in München studiert, wusste anderweitig kreativ der Raumnot zu begegnen: “ Ein paar Tage vor Semesterbeginn habe ich noch die Uni getauscht. Ich bin von Erlangen nach München gezogen und habe auf die Schnelle natürlich keine Wohnung mehr bekommen. Über das Internet bin ich auf die Notunterkünfte eines Stundentenwohnheims aufmerksam geworden. Dort bin ich erst mal eingezogen und habe im Schlafsack auf einem Matratzenlager übernachtet – im Partykeller eines Studentenwohnheims. Das Gute war, dass ich viele neue Leute kennen lernen konnte. Zum Kochen hatten wir zwar nur einen Topf und zum Duschen sind wir in die Umkleidekabinen des Hochschulsports gegangen, aber dennoch war ich überglücklich überhaupt einen Schlafplatz zu haben. Seitdem ich allerdings ein eigenes Zimmer in einem Wohnheim ergattern konnte, ist es mit dem Lernen viel einfacher geworden.“

Auch Julia Haase, Jura-Studentin in Heidelberg, stand vor dem Problem, dass sie keine Wohnung fand. „Ich dachte schon, dass ich nicht zum Studieren nach Heidelberg ziehen könnte, als ich drei Tage vor Uni-Beginn erfuhr, dass das Studentenwerk in Heidelberg 192 ehemalige US-Wohnkasernen angemietet hat, in denen rund 640 Studenten Platz zum Schlafen finden sollten. Das war meine Rettung. Bis ich ein eigenes Apartment fand, lebte ich mit 4-5 Studenten in einer Kaserne. Mir war anfangs ein bisschen mulmig zumute, da die Amerikaner immer noch ihr Hauptquartier um die Ecke haben und ich auf dem Weg zur Uni jeden Tag an bewaffneten Soldaten vorbeikam. Unsere Wohnhäuser waren zudem von einem massiven Sicherheitszaun umgeben. Trotzdem war ich froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf bekommen zu haben. Einen Plan B hatte ich nicht.“

Pendeln für das Traumstudium

Vielen Studenten, die aus dem Umland einer großen Studentenstadt kommen, bleibt oftmals nichts anderes übrig als am Anfang zu pendeln. So wie Ina John, die mittlerweile im 3. Semester Medizin in München studiert: “Ich fahre jeden Tag ca. 1 ½ Stunden von Murnau aus mit der Bahn in die Münchner Innenstadt. Hin und zurück sind das schon 3 Stunden, die ich täglich unterwegs bin. Außerdem muss ich um 5 Uhr morgens aufstehen, was ich wirklich hasse. Aber was tut man nicht alles für sein Traumstudium? Im Zug habe ich wenigstens Zeit, den Lernstoff vorher noch mal durchzugehen und ein wenig Schlaf nachzuholen.”

Ina hat im Oktober 2011 auf den letzten Drücker im Nachrückverfahren einen Platz bekommen: “Viel zu spät, um sich eine Wohnung zu suchen. Also habe ich erstmal daheimgewohnt und gehofft, im nächsten Jahr einen Platz zu finden.” Tatsächlich war die Wohnungslage im Sommersemester 2012 viel besser. “Ich habe mir einige hübsche Unterkünfte angesehen. Doch dann bin ich an der Preishürde gescheitert. Ich konnte mir ein eigenes Studentenappartement in Uni-Nähe einfach nicht leisten.” Deswegen arbeitet Ina jetzt die Semesterferien über. So hofft sie, im nächsten Semester genug Geld für eine geeignete Bleibe zusammengespart zu haben. Und dieses Mal wird sie definitiv früher auf Wohnungssuche gehen, um auch wirklich fündig zu werden.

Rebellion mit Big Brother und Schlafsack-Flashmob

Xenia Richter, die schon seit Monaten verzweifelt nach einer Unterkunft sucht, glaubt nicht daran, dass es zukünftig besser wird. “Nach der Zeit stellt sich eine gewisse Frustration ein”, sagt Xenia. “Inzwischen würde ich so gut wie alles nehmen, mit jeder Absage schrauben sich meine Ansprüche weiter herunter. Dennoch habe ich immer noch keine Wohnung gefunden. Das wird sich auch die nächsten Jahre nicht ändern. Im Gegenteil, die Wohnungsnot wird sich eher verschlimmern.”

Studierendenvertreter aus ganz Deutschland sind inzwischen dabei, einen Forderungskatalog für den Wohnungsbau und neue Berechnungsgrundlagen zu erarbeiten, um jungen Leuten wie Xenia zu helfen. Der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) startete diesen Montag eine Kampagne zur Bekämpfung studentischer Wohnungsnot. Mit Plakaten und Flyern soll bundesweit auf das Problem aufmerksam gemacht werden. “Momentan sind nur für weniger als 11 Prozent der Studierenden genügend Wohnheimplätze vorhanden”, kritisiert fzs-Vorstandsmitglied Katharina Mahrt. Der Dachverband der Studentenvertreter fordert daher, dass Bund und Länder die Studentenwerke mit mehr Geld beim Wohnungsbau fördern.

Dach gesucht

Langsam wird es auch den Studenten zu viel. Sie wollen sich nicht mehr mit billigen Ausreden der Politiker abspeisen lassen. Vielerorts beginnen die kuriosesten Protestaktionen, um auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen. So wurde beispielsweise in Karlsruhe von Studentenwerk und Stadtmarketing das Projekt “Dach gesucht!” ins Leben gerufen.

Eine Woche lang wohnen Studierende unterschiedlichster Fachrichtungen in einem Schaufenster mitten in der Karlsruher Fußgängerzone. Sie haben das Zimmer in einem Papierladen komplett gelb eingerichtet, es gibt ein Bett, einen Schreibtisch und sogar einen Fernseher. Die “gläsernen Studenten” tragen ein gelbes T-Shirt bedruckt mit dem Motto des Projekts. “Es ist schon ungewöhnlich, in einem Schaufenster zu wohnen”, erzählt Julian, der technische VWL studiert. “Den ganzen Tag wird man beobachtet und ist den Blicken der vorbeigehenden Menschen ausgesetzt. Die Leute klopfen gegen die Scheiben und wundern sich, was wir hier machen. Das hat schon ein bisschen was von Big Brother. Wir hoffen damit Menschen auf unsere Situation aufmerksam machen zu können und sie dazu zu bringen, selber Wohnraum an Studenten zu vermieten.”

Auch in Jena gibt es die lustigsten Aktionen – mit ernstem Hintergrund. Studenten besetzten kürzlich das komplette Rathaus in einem “Schlafsack-Flashmob”. Die Stadtratsitzung der lokalen Politiker wurde komplett lahmgelegt, indem sich rund 50 Studenten der Uni Jena in ihren Schlafsäcken ausbreiteten. Sie forderten einen runden Tisch zum Thema – und wurden von den Politikern gehört. Mit dem Spruch “Für’s Studium im Paradies? Für Wohnraum auf der Straße!” konnten sie den Verantwortlichen zwar nicht gleich das Versprechen einer stärkeren Finanzierung des Wohnraumausbaus abringen. Zumindest erreichten sie aber, dass die Wohnungsnot ab nun stärkere Beachtung findet und sich demnächst Lösungen zum Angriff des Problems überlegt werden sollen.

“Ich finde es gut, dass andere Studenten auf unsere unmögliche Wohnungssituation aufmerksam machen. Doch bis etwas passiert, ist es noch ein langer, steiniger Weg” meint Xenia. “So ist es doch immer. Und ich werde noch viele, schlaflose Nächte verbringen, in denen ich nicht weiß, wo ich ein Dach über dem Kopf herbekommen soll.”

Mehr zum Thema findet Ihr hier:

31 Wertungen (4.77 ø)
Studium

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

3 Kommentare:

Alexander Heinze
Alexander Heinze

Das eigentlich Bittere ist doch viel eher, dass die Studentenwerke und die Politk seit Jahren wissen, dass die Wohnungsnot jetzt akut soviel größer wird, denn die Umstellung von G9 auf G8 wurde ja nicht von gestern auf heute beschlossen! Und bezahlbarer Wohnraum ist auch vor 5-10 Jahren nicht gerade im Überfluss vorhanden gewesen. Und was ist in der Zwischenzeit passiert? Praktisch nichts! :(

But my dear Valerie,
in den USA ist auch nicht alles Gold was glänzt!
Das deutsche System ist wahrlich nicht perfekt, aber dein Vergleich hinkt doch ganz gewaltig! Zum einen müssen deutsche Universitäten mit deutlich mehr Studenten klarkommen, München hat zum Beispiel in den letzten Jahren jährlich rund 1.000 Erstsemester allein in Humanmedizin gehabt, das viel gerühmte Havard hat wie viel? 150-200?
Zum anderen kostet das Studium an deutschen Universitäten wenig bis gar nichts, wohingegen in den USA jedes Semester viele Tausend Dollar an Studiengebühren anfallen!!!
Und dein Kommentar zur mangelnden Körperhygiene hat doch eher wenig mit dem Thema Wohnungsnot zu tun und aus heutiger Sicht kann ich ihn nicht nachvollziehen.

#3 |
  0
Toxikologin

Da haben es die US-Studenten hier in Amerika viel besser, denn viele Unis verfuegen ueber Studentenwohnheime und Wohnungen fuer Studenten die verheiratet oder Eltern sind zu relativ guenstigen Preisen. Armes Deutschland! Habe auch mal ein paar Semester in Deutschland studiert und es war total aetzend, die Uni, die Profs und manche der Studenten deren Koerperhygiene unter aller Kanone waren. Werde nie den stinkigen Vorlesesaal an der Uni Heidelberg vergessen. Oh My Gosh, what stinking people!!!

#2 |
  0
Ingo Müller
Ingo Müller

Schlafsäle, Matratzenlager, Nötunterkünfte, Schlafsackcontainer … geht es hier um Obdachlosenasyl oder um ein Wohn und Lernplatz für Studenten. Zum studieren braucht man ja wohl ein Mindestmass an Privatsphäre und Abgeschlossenheit und nicht nur ein Platz zum pennen. Armes Deutschland, wer nicht zu den Reichen gehört!

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: