Famulieren in Kanada

29. Oktober 2008
Teilen

Warum nicht ins Land der Elche? Coole Ausblicke, nette Ärzte und viele prickelnde Erfahrungen warten dort. Juliane Wilcke, Medizinstudentin im 11. Semester an der Uni Halle Wittenberg war schon da und erzählt uns jetzt von ihrer Zeit in Neufundland.

MS: Juliane, wie kamst du darauf, deine Famulatur in Kanada zu absolvieren?

Juliane: Nachdem ich bereits ein Krankenpflegepraktikum in Frankreich und ein Erasmussemester in den USA verbracht hatte, war mir von vorn herein klar, dass ich auch für diese Famulatur den Weg ins Ausland gehen möchte. Bei meinen Recherchen im Internet stieß ich auf eine Menge sehr positive Berichte und Artikel über Kanada, das hat im Grunde zu meiner Entscheidung geführt.

MS: Welche Vorbereitungen musstest du im Vorfeld treffen?

Juliane: Es war nicht ganz einfach, eine geeignete Klinik zu finden, da nicht alle kanadischen Provinzen ausländische Studenten aufnehmen und auch häufig sehr hohe Kosten anfallen. Ich musste lange das Internet durchstöbern, bis ich eine Klinik in Neufundland entdeckte, die kostenlose Verpflegung und Unterkunft anbot. Daraufhin schickte ich eine Mail an die angegebene Adresse und bekam sofort Antwort von einer sehr netten Dame, die mir wenig später auch ein Infopaket mit allen nötigen Unterlagen für die Bewerbung schickte.

Das Bewerbeprozedere war nicht übermäßig aufwändig. Ich benötigte ein Empfehlungsschreiben von einem Arzt, eine Bestätigung des Dekans, dass ich bisher erfolgreich studiert hatte und musste 100$ Kaution zahlen. Am nervigsten war eine Gesundheitsbescheinigung eines in Kanada anerkannten Arztes. Dazu musste ich mich an die kanadische Botschaft in Berlin wenden, ein Liste entsprechender Ärzte erfragen, nach Leipzig fahren, mich von Kopf bis Fuß untersuchen lassen und dafür stolze 150€ zahlen. Nach dieser Gesundheitsbescheinigung hat mich allerdings niemals jemand gefragt – das hätte ich mir sparen können!

Versicherungen musste ich zum Glück nicht allzu viele abschließen. Haftpflicht übernahm das Krankenhaus, ansonsten musste ich nur eine Auslandkrankenversicherung beim ADAC einrichten.

MS: Wie hast du den Aufenthalt finanziert?

Juliane: Den größten Teil haben mir meine Eltern zum Geburtstag geschenkt. Den Rest habe ich von Ersparnissen bezahlt. Die recht hohen Flugkosten hat mir das Krankenhaus mit 50$ pro Tag teilweise erstattet und Wohnheim mit Verpflegung war ja kostenlos.

MS: In Kanada angekommen, wie war dein erster Eindruck?

Juliane: Mir ist sofort aufgefallen, wie entspannt und freundlich die Leute sind. Schon am Flughafen lief das ganze Einreiseprozedere viel lockerer ab als etwa in den USA. Und auch sonst herrscht bei den Leuten viel weniger Hektik, jeder nimmt sich Zeit für dich und ist hilfsbereit. Im verschlafenen Neufundland gibt es ja allerdings auch keinen Grund zum Stress…

MS: Wo lag das Krankenhaus und wie groß war es?

Juliane: Das Krankenhaus lag in St. Anthony, einem kleinen verschlafenen Ort mit 3000 Seelen, direkt gegenüber meines Wohnheims. Es war kein sonderlich großes und betriebsames Krankenhaus: 60 Betten, davon eine Chirurgie mit ganzen zwei Chirurgen, eine Gynäkologie mit Ambulanz und Geburtshilfe, eine Pädiatrie und eine Innere, die allerdings nur sporadisch in Betrieb war. Daneben arbeiteten noch einige GPs, also Allgemeinmediziner, in der Klinik. Sie hielten ganz normale Sprechstunden in der Ambulanz ab und besetzten nebenbei die Notaufnahme.

Vom Konzept her kam das Krankenhaus also einer kleinen Polyklinik nahe, was in diesem ländlichen Gebiet auch sicher sinnvoll ist.

MS: In welcher Abteilung hast du gearbeitet? Was durftest/musstest du alles machen?

Juliane: Ich habe auf der Gynäkologie gearbeitet, wo zwei Gynäkologinnen angestellt waren. Morgens ab 9:00 Uhr war ich meistens in den Sprechstunden mit dabei und erhob die Anamnese der Patientinnen, die eine Ärztin dann mit mir besprach. Danach durfte ich auch die körperliche Untersuchung durchführen und Befunde erheben. Wenn OPs anstanden, war ich mit dabei und konnte auch ernsthaft assistieren. Ich durfte etwa Biopsien entnehmen und das Zunähen habe ich auch übernommen. An der Seite der vier angestellten Hebammen, konnte ich auch eine Frau in den Wehen untersuchen und bei einem Kaiserschnitt assistieren. Ansonsten haben sich die Ärztinnen sehr viel Zeit für mich genommen. Sie haben mir täglich Themen zur Vorbereitung aufgegeben, mir die entsprechenden Bücher gestellt und die Themen gut und gerne zwei Stunden lang mit mir durchgesprochen. Das hat mir sehr viel gebracht.

MS: Was hat dich besonders erstaunt?

Juliane: Es hat mich sehr beeindruckt, wie entspannt der Klinikbetrieb im Vergleich zu Deutschland war, wie freundlich, geduldig und hilfsbereit die Leute miteinander und mit mir umgingen und wie offen die Stimmung in der Klinik war. Es wurde auch viel über private Themen gesprochen und man traf sich auch abends nach der Arbeit oder am Wochenende noch für irgendwelche Unternehmungen. Einen vergrämten Chefarzt oder eine feuerspuckende Oberschwester, wie man das aus Deutschland so gewohnt ist, gab es nicht.

MS: Was hast du dir außerhalb der Klinik so anschauen können?

Juliane: Ich habe vor allem St. Anthony mit seinen großartigen Wanderwegen erkundet und war abends auch gerne mal mit den Leuten aus der Klinik in einem der wenigen Restaurants. Ohne Auto kommt man in Kanada ja nicht so gut weg, es ist einfach ein riesiges Land ohne viele Transportmöglichkeiten.

An einem Wochenende hat ein Chirurg zwei Mitstudenten und mir sein Auto geliehen, da haben wir etwas die Umgebung besichtigt und haben unter anderem älteste Wikingersiedlungsstätte in Nordamerika besucht. An einem anderen Wochenende sind wir mit einem Arzt und seiner Frau in den Kanadischen Nationalpark gefahren, wo wir eine Hütte gemietet hatten und ein Wochenende lang die großartige Natur genossen haben. Das war wirklich super!

Nach den vier Wochen in der Klinik, habe ich meinen Kanadaaufenthalt noch um zwei Wochen verlängert und mir einen Urlaub im Québec genehmigt. Montréal habe ich so auch besucht…

MS: Wie steht es um Essen und Trinken in Kanada?

Juliane: Im Allgemeinen ist es recht schwierig, an gesundes Essen zu kommen. Meistens findet man sehr fettiges Fast Food vor – nicht umsonst sind gerade die Neufundländer unvorstellbar fettleibig! Im Restaurant war das Essen dagegen ganz in Ordnung: viel frischer Fisch und ein sehr leckerer Elcheintopf!

MS: Wie teuer ist das Leben in Kanada?

Juliane: Ich habe ja in einem sehr kleinen Ort gewohnt, da waren vor allem die Nahrungsmittel etwas teurer als in der Großstadt. Im Allgemeinen ist Kanada nicht ganz günstig. Unerschwinglich waren die Preise aber keineswegs: im Cafe des Ortes kostete ein Cafelatte 3,30$, das sind etwa 2,50€, also vergleichbar mit französischen Preisen.

MS: Als kleines Fazit: würdest du dich noch einmal zur Famulatur nach Neufundland aufmachen?

Juliane: Auf jeden Fall! Es hat mir einfach prima gefallen! Der Klinikalltag war jetzt zwar vielleicht nicht übermäßig spektakulär, dafür die intensive Betreuung der Ärzte unglaublich wertvoll. Ich hatte das Klinikteam schon so lieb gewonnen, dass der Abschied richtig traurig war.

MS: Was kannst du denen empfehlen, die es dir nachmachen wollen?

Juliane: Ganz wichtig ist es, sich vorher angemessen vorzubereiten, also sich mit dem jeweiligen Fachgebiet zu befassen und auch schon eine gewisse Klinikroutine mitzubringen. Manche Grundlagen werden ganz einfach vorausgesetzt, von daher empfiehlt es sich, erst in den späteren Semestern so eine Famulatur anzutreten. Außerdem sollte man unbedingt ein gutes Sprachniveau mitbringen und sich vor allem mit medical English befasst haben. Selbst mit besten Englischkenntnissen wird einem die medizinische Fachsprache noch immer Probleme bereiten. Ansonsten einfach immer offen, freundlich und interessiert sein, dann kann eigentlich nichts schief gehen!

3 Wertungen (5 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: