Vom Vorhof bis zur Socke

3. November 2008
Teilen

Alle Jahre wieder ist die Medica der große Jahrmarkt der Medizin. In diesem Jahr finden Besucher in Düsseldorf unter anderem eine Lunge für die Kitteltasche, einen Fernseher für Herzpatienten und eine Socke, die aufs Empire State Building läuft. 

Zugegeben, die Vorstellung, dass chronisch kranke Patienten ihre Gesundheit dadurch auf Vordermann bringen, dass sie vor dem Fernseher herumhängen, ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Deutsche Telekom machts möglich: Bei der Medica in Düsseldorf präsentiert die Telekom-Tochter T-Systems (Halle 15, A31) ihre Kommunikationsplattform Motiva, die nach vielen Jahren Prototypendasein seit wenigen Wochen nun endlich auch in einem realen Versorgungsszenario in Deutschland zum Einsatz kommt. Das interaktive Gesundheitsmanagement-Programm – speziell für die langfristige Betreuung von Patienten mit chronischen Erkrankungen konzipiert – vernetzt den Patienten mit seinen Ärzten und Betreuern über das Fernsehgerät. Philips liefert hierfür eine spezielle Set-Top-Box zur TV-Ansteuerung sowie auch alle erforderlichen Messgeräte zur Erfassung der benötigten Werte.Grundlage der Betreuung ist die regelmäßige Erfassung und automatische Übermittlung der Vital-Parameter. Die eingehenden Daten werden von medizinischem Fachpersonal überprüft. Auch am Bodensee begleiten die Kardiologen des Klinikums Friedrichshafen ihre Patienten mit Herzinsuffizienz per Glotze und Fernbedienung nach Hause. Das hat zumindest den Vorteil, dass das Wohnzimmer nicht auch noch durch eine Telemedizinkonsole verschandelt wird.

Der Berg ruft!

T-Systems bringt der Welt auch endlich den Marathonlauf aufs Handy. Mobile Fitness heißt ein Programm, bei dem Sportler ihre Mobiltelefone nutzen, um Vitalparameter aufzuzeichnen. Dank GSM-Funktion können sie dann später im Internet ihre Strecke analysieren und anhand der Herzfrequenzkurven festlegen, welchen Berg sie das nächste Mal vielleicht lieber weglassen sollten. Apropos Berg. Es gibt auch Menschen, die aus Spaß ein Wettrennen aufs Empire State Building machen. Durchs Treppenhaus, nicht mit dem Aufzug. Der aktuelle Sieger dieser doch etwas eigenwilligen Freizeitbetätigung soll einen Thrombosestrumpf von Bauerfeind getragen haben. Behauptet jedenfalls das Unternehmen. Wie auch immer, die sind jedenfalls auch auf der Medica (Halle 4, K50) und präsentieren dort ihren hochhauserprobten Strumpf als eine echte Weltneuheit. Das Produkt heißt VenoTrain und trägt damit die Verbindung von Sport und Thrombose schon im Namen. “Es ist der erste Strumpf für Sportler, der der die RAL-Norm GZ 387 erfüllt”, betont Markus Henkel von Bauerfeind. Für Outsider: Die RAL-Norm GZ 387 besagt, dass das Produkt seine anfangs erzielten Kompressionsdrücke auch dann ein halbes Jahr hält, wenn jemand auf die Idee kommen sollte, damit täglich aufs Empire State Building zu rennen.

Nichts für Cowboys: Herz-Lungen-Maschine to go

Definitiv nicht auf Marathonmessen zu sehen ist dagegen die – wieder nach Herstellerangaben – kleinste Herz-Lungen-Maschine der Welt. Sie kann am Stand des Unternehmens Maquet (Halle 12, D51) besichtigt werden und wiegt sagenhafte 9,8 Kilogramm. Damit passt sie vielleicht noch nicht ganz in die Kitteltasche, aber weit ist es jetzt nicht mehr. Man muss dazu wissen, dass normale Herz-Lungen-Maschinen bisher überwiegend in der Herz- und Thoraxchirurgie zum Einsatz kommen, so viel kosten wie ein Einfamilienhaus auf dem Land und mit über 200 Kilogramm auch nicht viel leichter sind. Die neue Cardiohelp – so heißt der Smart unter den Herz-Lungen-Maschinen – eröffnet der Notfallmedizin damit ganz neue Welten: Sie kann nun wirklich überall hin mitgenommen werden und funktioniert natürlich auch im Akkubetrieb. Nun darf man sich das nicht so vorstellen, dass der Feld-, Wald- und Wiesennotarzt künftig auf seinem NAW neben Defi, Adrenalin, Guedel-Tubus und Co. auch noch eine kleine Cardiohelp stehen hat, falls er mit seiner kardiopulmonalen Rea an Grenzen stößt. Das wäre selbstredend schon deswegen bedenklich, weil der Notarzt oft gar nicht weiß, wie lange ein Toter schon tot ist. “Das System ist eindeutig nichts für Cowboys”, betont dann auch Maquet-Sprecher Markus Felstead.

Grundkenntnisse in Kardiologie helfen

An einen mobilen Einsatz ist aber doch gedacht, beispielsweise bei Transporten von einer medizinischen Einrichtung in eine andere, in der Flugrettung oder auch im Kontext der hoch spezialisierten Rettungsmedizin, beispielsweise in Herzteams. Ganz ohne kardiovaskuläre Vorkenntnisse kann das Gerät ohnehin nicht bedient werden: Die Seldinger-Technik muss der Anwender beherrschen, denn rein und raus geht’s über die Leisten. Die Oxygenierung findet dann in einer 5000 Euro teuren Einmalkassette statt. Das ganze Gerät soll rund 50000 Euro kosten und ist damit trotz vergleichbarem Funktionsumfang eher günstiger als die Limousinen unter den Herz-Lungen-Maschinen.

0 Wertungen (0 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: