Das unsichtbare Schlaganfällchen

3. November 2008
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Alzheimer und Altersdemenz – möglicherweise verursachen in vielen Fällen kleine Schlaganfälle den Gedächtnisverlust. Auf dem sechsten Welt-Schlaganfall-Kongress in Wien diskutierten die Teilnehmer über subklinische Attacken und neue Ergebnisse bei Erstversorgung und Therapie.

Das Leitthema des diesjährigen Welt-Schlaganfall-Kongresses lautet “Little Strokes, big Trouble”. Fünfmal häufiger als der offensichtliche schwere Schlaganfall ist der “stille Schlaganfall”, der oft unbemerkt Teile des Gehirns außer Betrieb setzt. Anstatt “still” sollte es besser “subklinisch” heißen, denn die Konsequenzen werden nicht nur in Gehirnaufnahmen, sondern auch in neuropsychologischen Tests deutlich. Vladimir Hachinski von der kanadischen Universität von Western Ontario und Chefredakteur des Fachjournals “Stroke” meint: “Praktisch sieht es so aus, dass manche Alterserscheinungen wie Wahrnehmungsstörungen, kognitive Defekte und Veränderungen der Persönlichkeit und vielleicht sogar Depressionen eng mit subklinischen Schlaganfällen und Veränderungen der Weißen Substanz verknüpft sind.”

Der Fünf-Minuten-Test zeigt die unbemerkte Attacke

Der “Stille Schlaganfall” war auch eines der Hauptthemen beim sechsten “World Stroke Congress”, der vor einem Monat in Wien stattfand. Hachinski präsentierte dabei den rund 3.000 Teilnehmern Daten, nach denen jeder Vierte im Alter zwischen siebzig und fünfundsiebzig ein Kandidat für ein solches Ereignis ist. Zu den Schäden im Gehirn kommt beim der subklinischen Form das Risiko für einen zweiten großen Anfall, der dann zu großen Ausfällen im Nervensystem führt. Manche Studien haben dafür einen Faktor von 20 errechnet. Aus der Framingham Heart Study errechneten Wissenschaftler, dass die Kombination von subklinischen Alzheimer und einem subklinischen Schlaganfall in einem von drei Fällen zu Demenz oder einem großen Schlaganfall führt.

Nicht immer ist aufwändige Hirnscan-Technik notwendig, um einen stillen Schlaganfall aufzudecken. Ein 5-Minuten-Kurztest zu den kognitiven Fähigkeiten des Patienten liefert erste Hinweise, die sich durch eine ausführliche Überprüfung von Gedächtnisfähigkeiten oder Reaktions- und Assoziationstests überprüfen lassen. Erst dann soll die teure Bildgebung den Schaden im Gehirn lokalisieren. Und danach? Sarah Vermeer und ihre Kollegen vom Erasmus Medizinzentrum in Rotterdam betonen in einem Überblicksartikel in Lancet Neurology: “Nach einem stillen Infarkt in Patienten ohne Schlaganfall-Vorgeschichte oder einer transienten Ischämie ist die Suche nach kardiovaskulären Risikofaktoren wichtig, vor allem was Regulation des Blutdrucks angeht.” Die Erfahrung zeigt allerdings, dass es nur ganz selten reicht, den Patienten auf eine Änderung seines Lebensstils hinzuweisen. Ein Projekt von Hachinski in Kanada ist daher die regelmäßige Unterstützung durch medizinisches Personal oder ausgebildete Laien. Erste Ergebnisse zeigen, dass damit beispielsweise die Gewichtsreduktion leichter fällt: Während die Kontrollgruppe im Untersuchungszeitraum etwa 4,5 Kilogramm zunahm, schafften es die Pflegekräfte, ihre Patienten zum Abspecken von 2 Kilogramm zu bringen.

Größeres Zeitfenster bei der Thrombolyse

Ermutigende neue Ergebnisse gab es in Wien aber auch bei der Versorgung und Therapie von schweren Attacken: Galt früher eine Grenze von drei Stunden, innerhalb der eine Thrombolyse zur Auflösung eines Gerinnsels sinnvoll war, so zeigen nun neue zwei neue Studien im Lancet und New England Journal of Medicine, dass diese Zeitspanne länger ist. Bis viereinhalb Stunden nach dem Anfall ist die Behandlung mit dem gewebespezifischen Plasminogenaktivator Alteplase wirksam. Im Vergleich zur Kontrollgruppe steigen im Zeitfenster von drei bis viereinhalb Stunden die Chancen für Patienten um ein Drittel, ohne dauerhafte Schäden davonzukommen.

Vorgespiegelte Beweglichkeit

Bei der Rehabilitation kann der Neurologe mit einfachen Mitteln das Gehirn überlisten und motorische Bahnen wieder anregen. Die Hemiplegie, also die halbseitige Lähmung, ist eine der häufigsten Folgen nach einem Schlaganfall. Ein Spiegel in der Mitte des Körpers gaukelt dem Patienten vor, dass sich sein gelähmtes Bein ebenso wie das gesunde bewegen lasse. Zwingt man das Gehirn, solche symmetrischen Bewegungsmuster zu verarbeiten, so stimuliert das die Reparatur der betroffenen Zentren besser als Übungen, die sich auf das unbewegliche Körperteil konzentrieren. Kazu Amimoto of Tokyo Metropolitan University verglich bei 14 Patienten mit chronischer Hemiplegie die konventionelle Therapie mit der Spiegelmethode bei der Beugung des gelähmten Fußgelenks. Die erprobten Methoden verbesserten zwar geringfügig den Beugungswinkel, hatten jedoch keinen Effekt auf die Geschwindigkeit, mit der der Patient die Übung ausführte. Die Spiegeltherapie brachte dabei immerhin zwölf Prozent schnellere Bewegungen zustande. “Wenn ein solcher Fortschritt nur durch visuelle Reize von Bewegungen der gesunden Körperhälfte erzielt wird”, meint Amimoto, “so sollte man den mentalen Aspekt bei der Rehabilitation viel mehr beachten.”

Den mentalen Aspekt sollten aber Patient und Arzt schon bei den ersten Warnsignalen im Auge behalten. Denn die Rehabilitation danach kostet sehr viel mehr als die Anstrengung, Körpergewicht und Bewegungsmangel unter Kontrolle zu halten und so einen stillen Schlaganfall zu vermeiden.

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Neurologie

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5 Kommentare:

Dr.med Friedrich Schuster
Dr.med Friedrich Schuster

Aus der “Framingham Heart Study” kann man neue Erkenntnisse bezüglich subklinischer Schlagnfälle n i ch t erziehlen -Hier irrt der Author. Die Studie war ursprunglich völlig auf ander Ziele gerichtet. Eine Erfassung neurologischer Symptome weder geplant noch vorhanden. Anscheined hat man jetzt vor den Altbestand an Daten neu zu bewerten um nicht zu sagen statistisch neu auszuschlachten. Aber wenn man bedenkt was sich seit 1948 (Studienbegin) an Normwerten,Untersuchungs- methoden,Ernährungs und Livestilegewohnheiten geändert hat, ist es statistisch gesehen ein Unsinn das Studienziel jetz nach 60 Jahren “umubiegen” in Richtung Schlaganfallforschung.Überigens wurde keiner der og Faktoren in der Studie erfasst.

#5 |
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Medizinjournalist

Der Link ist schon richtig, denn in dieser Veröffentlichung (Stroke 2006;37:2220-2241) werden die einzelnen Tests aufgeführt. Der Fünf-Minuten-Test ist aber auch unter http://www.mocatest.org einzusehen/herunterzuladen.

#4 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Also ich hätte diesen in der Zwischenüberschrift fett genannten 5-Minuten-Test interessant gefunden! Der angegeben Link dazu führt leider ganz wo anders hin!

#3 |
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Vor 30 Jahren hieß das Cerebralsklerose und
ein Jeder nach dem pathg.-anat.Kurs wusste, dass das im Regelfall die Kombination aus Gefäßsklerosetrophie und Atrophie ist.
Passte halt nicht in das Vertriebskonzept der
Antidementiva.

#2 |
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prof.dr. med. Klaus gerhard Alexander
prof.dr. med. Klaus gerhard Alexander

Das war vor 10Jahren auch schon bekannt

#1 |
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