Widerstand zwecklos!

10. November 2008
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Wissenschaftler machen im Kampf gegen resistente Bakterien Boden gut: Am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung entdeckte antibiotische Naturstoffe zeigen einen neuen Wirkmechanismus. Kein Einzelfall: Forscher haben den Erregern den Kampf angesagt.

Tatsächlich verhindern die jetzt am HZI aus Myxobakterien isolierten Substanzen, dass Enzyme der Krankheitserreger deren Erbmaterial ablesen können. Nützlicher Nebeneffekt: Auch die Vermehrung der Tuberkulose-Bazillen wird auf diese Weise gestoppt. Denn die Novizen unter den Wirkstoffen wirken in den TB-Bakterien an einer ganz anderen Stelle als alle bisher bekannten Antibiotika – etwa das Rifamycin, ein Standardmedikament gegen Tuberkulose. Als für Ärzte besonders interessant erweist sich vor allem ein Aspekt: Die neuen HZI-Substanzen machen auch anderen Antibiotika-resistenten Bakterienstämmen den Garaus. Über den Anfang der neuen Offensive am HZI gerät der promovierte Biologe Herbert Irschik noch heute ins Schwärmen. Drei Stoffe – Myxopyronin, Corallopyronin und Ripostatin – isolierte das Braunschweiger Team und charakterisierte die antibiotische Wirkung der Substanzen bereits vor Jahren. „Diese richtet sich auf ungewöhnliche Weise gegen die bakterielle RNA-Polymerase, also das Enzym, das die DNA der Krankheitserreger abliest“, erklärt heute Irschik, und liefert die Erklärung für die Power der Wirkstoffe gleich mit: “In eukaryontischen Zellen, zu denen auch die des Menschen gehören, greifen die Substanzen die RNA-Polymerase nicht an.”

Wirkt auch gegen resistente Bakterien

Eine US-amerikanischen Forschergruppe an der Rutgers-Universität bestätigte schließlich die Hinweise, dass die isolierten Naturstoffe sehr punktgenau die bakterielle RNA-Polymerase blockieren. Die aktuelle, ungewohnt optimistische Bewertung durch das HZI: “Dieser neue Mechanismus wirkt auch bei Bakterien, die gegen herkömmliche Antibiotika bereits resistent sind.“ Allein das wäre spannend, mehr aber auch nicht. Denn wirksame Substanzen in den Laboren der Großforschungseinrichtungen haben einen langen Weg vor sich, bevor sie als Präparat die Praxis oder Klinik erreichen. Myxopyronin, Corallopyronin und Ripostatin werden demnach noch einige Jahre brauchen, um als Marktpräparat das Licht der Welt zu erblicken – trotzdem gilt ihre Entdeckung als Erfolg.

S. Aureus überlebt Tygacil nicht

Denn neue Zulassungen basieren auf solchen Forschungsergebnissen. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA sorgte beispielsweise im Juni 2005 für Aufsehen, als sie das von Wyeth Pharmaceuticals entwickelte Tygacil für den US-Markt freigab. Das Mittel gehört zur Klasse der Glycylcycline an und ist somit mit den Tetrazyklinen verwandt – lässt sich aber in Krankenhäusern bei schweren Magen- und Hautinfektionen einsetzen, deren Erreger gegen Tetrazyklin-Präparate bereits resistent sind. Auch der Angsterreger eines jeden Krankenhausarztes, der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, überlebt den Einsatz der neuartigen intravenösen Verabreichung mit Tygacil nicht, wie die FDA betont. Was für Außenbetrachter wie schlichte Werbung für ein neues Medikament aussehen mag, feierte selbst die als frei von Pharmainteressen geltende “Washington Post“ als sensationellen Erfolg – zu Recht. Denn die Zahl der tatsächlich als wirksam eingestuften Neuzulassungen von Antibiotika gegen resistente Erreger ging allein in den USA innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte um 56 Prozent zurück, seit 2005 aber verspüren Forscher und Kliniker ein Comeback der Bakterienkiller.

Bakteriophagen gegen E.Coli

Erfolge wie Tygazil sind kein Einzelfall. So überraschte Anfang dieses Jahres der 27-jährige MIT-Student Timothy Lu die alten Hasen der Bakterienforschung. Lu setzte nämlich – recht unkonventionell – auf die Wirkung von Bakteriophagen als Erregerkiller, und entwickelte einen Wirkstoff, der selbst Biofilme zur Strecke bringt. Infektionen mit Escherichia coli, die auch in den USA immer wieder zu Todesfällen führen, lassen sich mit Hilfe der Bakteriophagen ebenfalls in den Griff bekommen. Die Effektivität der kleinen Trojaner hatte zuvor auch die FDA überzeugt, seit 2006 dürfen in den USA Listerien-Kontaminationen im Lebensmittelbereich mit Bakteriophagen bekämpft werden.

Platensimycin als Hoffnungsträger?

Dem Ideenreichtum der Arzneimittelforscher scheinen keine Grenzen gesetzt. Der in Südafrika vorkommende Mikrorganismus Streptomyces platensis etwa liefert das Molekül Platensimycin. Die Substanz gilt derzeit ebenfalls als Hoffnungsträger, wie der Verband der forschenden Arzneimittelunternehmen (VFA) verkündete: “Durch diesen innovativen Wirkmechanismus könnte Platensimycin der erste Vertreter einer völlig neuen Klasse von Antibiotika werden.“ Tatsächlich wirkt Platensimycin gegen Staphylokokken, die gegen Methicillin resistent sind, ebenso gut wie gegen Vancomycin-resistente Enterokokken. Besonders erfreulich: Selbst Staphylococcus aureus überlebte im Tierversuch die neue Substanz nicht.

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2 Kommentare:

Bin höchsterfreut über diese Forschungsaktivitäten, nachdem sich ja auch im Pharmageburtsland Deutschland in diese Richtung leider fast schon Jahrzehnte lang nichts Wegweisendes mehr ereignet hatte! Man hatte als Mediziner schon fast den Eindruck, die Wissenschaft hätte vor den MRSA- Infektionen geradezu kapituliert…
Dringend erforderlich wäre es jetzt, das Wissen um die Behandelbarkeit mit schon zugelassenen Mittlen auch entsprechend zu verbreiten!

#2 |
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Heilpraktiker

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Als Heilpraktiker sind mir zwar bei schweren Infektionen rechtlich und fachdisziplinär die Hände gebunden, aber von Seiten der Naturheilkunde könnte auch hier einiges bewirkt werden.
Es gibt eine Reihe von antibakteriell hoch wirksamen Pflanzen und Pflanzenauszügen, die leider viel zu selten ins Rampenlicht geraten.
Herr Dr. Erwin Häringer aus München, mein persönlicher Professor für Phytotherapie und Aromatherpie hat diesbezüglich eine Reihe von hoch interessanten Vorschägen, die zugleich Millionenbeträge einsparen lassen könnten.
Mit freundlichen Grüßen

#1 |
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