Zwischen Intensivstation und Jeepsafari

12. November 2008
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Warum nicht mal richtig ins Ausland? Manuel Großgasteiger, Medizinstudent im 3. Semester an der Uni Heidelberg, hat sein Krankenpflegepraktikum in Malawi absolviert und berichtet uns jetzt von seinen Eindrücken aus Südostafrika.

MS: Manuel, auf welchem Weg hat es dich nach Malawi verschlagen?

Manuel: Letzten Sommer hatte ich noch einen von drei Monaten Pflegepraktikum abzuleisten. Da ich mir von Anfang an vorgenommen hatte, mindestens einen Teil des Pflegepraktikums im Ausland zu absolvieren, musste ich spätestens jetzt diesbezüglich tätig werden. Dabei reizte es mich, wenn schon im Ausland, dann auch so richtig eine andere Welt kennenzulernen.

Als ich über Bekannte von einer deutschen Anästhesistin erfuhr, die im Kamuzu Central Hospital Lelongwe, Malawi die Intensivstation leitet, zögerte ich nicht lange und schrieb ihr eine Email. Es dauerte zwar drei Wochen bis ich eine Antwort aus Malawi erhielt. Dafür bekam ich eine direkte, unbürokratische Zusage – mein Pflegepraktikum auf der Intensivstation des Kamuzu Hospitals zu verrichten.

MS: Welche Vorbereitungen musstest du vor Abreise treffen?

Manuel: Zwei Monate vor Reiseantritt habe ich ich einen Reisemediziner aufgesucht und alle nötigen Impfungen eingeholt: Gelbfieber, Tollwut, Typhus und Auffrischung aller Standardimpfungen, dazu eine Malariaprophylaxe. Ein Einreisevisum braucht man als deutscher Staatsbürger nicht, hier reicht ein aktueller Reisepass für einen 30-tägigen Aufenthalt. Da ich aber 35 Tage blieb, musste ich 5000 Kwatscha, das sind etwa 20 €, dazuzahlen.

Auf Grund des recht hohen Flugpreises habe ich eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen, eine Auslandskrankenversicherung hatte ich bereits. Für das Krankenhaus habe ich keine weitere Versicherung gebraucht.

MS: Wie hast du den Aufenthalt finanziert?

Manuel: Da mein Entschluss, nach Malawi aufzubrechen, sehr spontan kam, konnte ich mich von keinerlei Organisation unterstützen lassen, ich habe alles privat organisiert und finanziert. Dafür habe ich eben meine Ersparnisse aufgebraucht. Vor allem der Flug mit Ethiopian Airlines hat mit rund 1000 € mächtig Geld gekostet. Hierbei hat mich meine Mutter etwas unterstützt.

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Impressionen von Malawi

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12.11.2008

MS: In Malawi angekommen, wie war dein erster Eindruck?

Manuel: Als ich in Lilongwe gelandet bin, war ich erstmal ziemlich fassungslos. Schon beim Blick aus dem Flugzeugfenster sah ich nur die geteerte Landebahn, ein paar trockene Bäume und dann unendlich viel Nichts. Beim Aussteigen erkannte ich schließlich mitten in der staubtrockenen Steppe das Flughafengebäude. Dort wurden wir von einer Traube Kinder empfangen, die recht eindringlich gegen irgendwelche Dienste wie Koffertragen ein Trinkgeld wollten. Bettelnde Menschen habe ich in dieser Form sonst selten erlebt, eben hauptsächlich an Orten, wo sich häufig Touristen aufhalten. Am Flughafen hat mich dann auch gleich ein Krankenhausangestellter mit dem Bus abgeholt und zum Hospital gefahren.

MS: Wie hast du dich weiterhin durchgeschlagen?

Manuel: Im Hospital angekommen, habe ich mich dann erstmal der besagten deutschen Anästhesistin vorgestellt. Sie war zwar nicht unnett, aber irgendwie hat es zwischen uns beiden nicht gleich gefunkt, ich glaube sie war einfach zu gestresst, um sich richtig meiner anzunehmen. Jedenfalls musste ich mir erstmal eine Unterkunft organisieren. Glücklicherweise traf ich im Krankenhaus auf zwei Famulanten aus Leipzig, die mir ein günstiges Youthhostel empfehlen konnten. Ich bin auch gleich dahin aufgebrochen, um mein Gepäck abzulegen und mich etwas auszuruhen. Dieses Hostel war ein echter Glücksgriff: ein schöner, sauberer Bau mit fließendem, heißem Wasser – keine Selbstverständlichkeit in Lilongwe – mit Küche und Frühstück für 11 $ die Nacht.

MS: Wo lag das Krankenhaus und wie groß war es?

Manuel: Das Kamuzu Central Hospital liegt zwischen der Altstadt und dem Regierungsviertel Lilongwes und ist das zweitgrößte Krankenhaus in Malawi, dementsprechend geschäftig ist es. Man findet eine Notaufnahme, eine Zahnklinik, eine Augenklinik mit zwei Augen-OPs, eine Innere, eine Chirurgie mit vier OPs, eine Pädiatrie, eine Gynäkologie, eine Intensivstation und ein „Light House“ – eine AIDS-Hilfestation. AIDS ist leider ein ganz großes Thema in Südostafrika: statistisch gesehen ist jeder fünfte Krankenhauspatient HIV positiv und AIDS ist neben Malaria mit Abstand die häufigste Todesursache.

MS: Welche Aufgaben hattest du inne?

Manuel: Als Pflegepraktikant auf der Intensivstation war ich vor allem in der Hand der Krankenschwestern. Die Station fasste fünf Betten mit voll überwachten, beatmeten Patienten. Mein Job war es nun, von 8:00 bis 16:00 Uhr alle zwei Stunden umher zu gehen, alle Parameter zu messen und in die Patientenkurve einzutragen. Außerdem habe ich Patienten gewaschen, gebettet und so gut wie möglich assistiert, wenn ein „Medical Officer“ – das Arztäquivalent mit drei Jahren sehr praxisbezogener Ausbildung – sich an einem Patienten zu schaffen machte. Um 11:00 Uhr fand eine „Round“ statt, eine Art Visite, bei der die Schwestern einem Geschwader von Medical Officers und Studenten von den aktuellen Ereignissen berichteten. Im Grunde herrschte ganz gewohnte Stationsarbeit, so wie man es auch in Deutschland kennt.

Mein persönliches Highlight war mein eigener SHT – Patient, den ich eine Woche lang komplett selbstständig betreuen durfte. Die deutsche Anästhesistin hat versucht, mir dazu einiges an Informationen zu geben und mich auf die Aufgabe vorzubereiten. Leider hat sie, zumindest anfänglich, meine Fähigkeiten nicht wirklich realistisch eingeschätzt. Mal traute sie mir viel zu wenig zu, mal erwartete sie zu viel. Die Problematik hat sich aber mit der Zeit verbessert, ich erlangte schließlich auch mehr Routine und Erfahrung – zum Schluss musste sie fast nicht mehr meckern…

MS: Gab es sprachliche Barrieren zu bewältigen?

Manuel: Wenn ich mit der Anästhesistin alleine war, haben wir natürlich Deutsch gesprochen. Ansonsten ist die Amtssprache Malawis Englisch. Die Krankenschwestern und die Medical Officers sprechen dementsprechend einwandfrei Englisch. Bei den Patienten kam es allerdings häufig vor, dass sie zwar Englisch verstanden aber nicht aktiv beherrschten. Da brauchte ich also schon mal einen Dolmetscher. Chechewa verstehe ich schließlich auch nicht besonders gut… Ein paar Worte habe ich allerdings gelernt: „muli bwanji“, „Wie geht’s“ kann ich auf Chechewa sagen und „pulmani guambiri“, „tief einatmen“.

Was mein medical English angeht, habe ich mich im Vorfeld gar nicht vorbereitet. Während ich meinen eigenen Patienten betreute, hielt ich ja auch die „Round“ und musste bei Schichtwechsel eine „Übergabe“ machen. Da habe ich natürlich schon häufiger gestottert oder einen Fachbegriff nicht gewusst. Aber da habe ich mich durch Abgucken, Nachfragen und Umschreiben eigentlich sehr gut zurechtgefunden.

MS: Was hat dich in der Klinik besonders beeindruckt?

Manuel: Besonders beeindruckt hat mich auf jeden Fall, wie viel mit wie wenig gehen kann. Die Kliniker in Malawi sind meisterliche Improvisateure und Bastler und zaubern aus dem, was eben gerade da ist, eine super Diagnostik und Therapie. Dabei war die Intensivstation, auf der ich gearbeitet habe, was Hygiene, Komfort und Ausrüstung angeht, noch absolut Spitze. Bei einer Klinikführung habe ich auch mal einen Blick auf die anderen Stationen geworfen und war echt ziemlich schockiert. Schlechte Hygiene, vollkommen überfüllte Krankenzimmer (meist neun Betten in einem Sechserzimmer, dazu die jeweiligen Angehörigen, die die Pflege hauptsächlich selbst übernehmen) und recht verwahrloste Patienten. Ich fürchte, das ist eigentlich das wahre Gesicht des Malawischen Gesundheitsystems.

MS: Was hast du außerhalb der Klinik noch von Malawi gesehen?

Manuel: An zwei Wochenenden habe ich gearbeitet, an den anderen zwei hatte ich frei. Da habe ich mit den beiden Leipziger Famulanten den Bus zum Malawi Lake genommen, der drittgrößte See Afrikas und eine wahre Touristenattraktion. Er ist tatsächlich enorm groß – eigentlich wie ein Meer. So haben wir die beiden Wochenenden „am Strand“ verbracht. Als mein Praktikum vorbei war, sind wir dann noch vier Tage über die Grenze nach Sambia gefahren und haben den South Luanga National Park besucht. Wir haben in einem Touristenzeltcamp am Rande des Parks gewohnt und haben dann eine Jeepsafari durch den National Park gemacht. Das war großartig! Nach vier Tagen musste ich aber schon wieder zurück nach Lilongwe um den Rückflug zu nehmen, während die Leipziger noch zwei Wochen länger Urlaub gemacht haben.

MS: Was war dein stärkster Eindruck von dem Trip?

Manuel: Natürlich haben mich die ganzen Tiere in freier Wildbahn sehr fasziniert. Affen, Elefanten, Giraffen, Antilopen, Hyänen, Büffel,…und alle zum Greifen nah! Andererseits sind wir auf dem Weg zum Nationalpark durch die ärmsten Gegenden Sambias gefahren. Es haben sich Menschentrauben um den Bus gebildet, Kinder sind noch lange hinterhergelaufen um etwas Geld oder Lebensmittel zu ergattern. Und beim Touristencamp angekommen, gab es Chicken & Chips und Cocktails so viel man wollte. Diese Ungerechtigkeit hat mich doch sehr bedrückt und verärgert.

MS: Als kleines Fazit: würdest du nochmal nach Malawi aufbrechen wollen?

Manuel: Auf jeden Fall. Land und Leute sind wirklich beeindruckend. Ich würde sogar noch weitaus länger bleiben wollen als einen Monat. Allerdings möchte ich beim nächsten Mal mehr medizinische Kenntnisse mitbringen wollen, um erstens mehr von dem zu verstehen, was vor sich geht, aber auch, um selbst mehr anpacken zu können. Außerdem würde ich nicht mehr alleine aufbrechen, sondern mir ein oder zwei Freunde mitnehmen – dann ist man auch sicher, dass man zusammen einiges unternehmen kann. Dass ich die beiden Leipziger getroffen habe, war ja eigentlich nur ein glücklicher Zufall.

MS: Und was kannst du denen raten, die dir dein Abenteuer nachmachen wollen?

Manuel: Vor allem kann ich dazu raten, sich zu trauen! Es lohnt sich! Außerdem ist es wichtig, ohne Vorurteile, ohne Scheu und mit viel Verständnis für die Kultur nach Südostafrika zu reisen. Es ist einfach so, dass die Welt dort anders funktioniert, dass die Menschen anders denken und anders handeln, was für uns Mitteleuropäer nicht immer nachzuvollziehen ist. Hier sollte man auf keinen Fall versuchen, seinen Kopf durchzusetzen und alles umzuwälzen. Die Leute dort wissen genau, was sie tun. Deshalb nicht fragen und zweifeln – einfach mitmachen!

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