DART-Spiele mit Antibiotika

19. November 2008
Teilen

Die Bundesregierung hat eine Antibiotika-Resistenzstrategie verabschiedet. Sie hört auf den hübschen Namen DART. Doch trifft sie ins Ziel? DocCheck fragte im Robert Koch Institut nach und erfuhr von einem Resistenzportal, das demnächst an den Start geht.

Wenn sich in der Bundespolitik mehrere Ministerien zusammensetzen, um ein gemeinsames Dokument zu entwerfen, dann verheißt das oft wenig Konkretes. Jetzt gibt es wieder so einen Fall: Das Bundeskabinett hat die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie vorgelegt, einfach und prägnant DART genannt. Beteiligt waren die Ministerien für Gesundheit, für Verbraucherschutz und für Bildung und Forschung. “Mit der Antibiotika-Resistenzstrategie will die Bundesregierung verhindern, dass neue und resistente Erreger entstehen oder sich weiter ausbreiten”, heiflt es in der offiziellen Verlautbarung so lapidar wie anspruchsvoll.

Eine konzertierte Aktion des deutschen Gesundheitswesens

Klingt erstmal gut. Doch wird DART – ein immerhin 100seitiges Dokument – diesem Anspruch gerecht? Die eingangs erwähnte Befürchtung jedenfalls bestätigt sich nicht: In vier Handlungsfeldern definiert DART zehn politische Ziele und benennt insgesamt 42 überwiegend recht konkrete Aktionen, mit deren Hilfe diese Ziele erreicht werden sollen. So geht es beispielsweise darum, Empfehlungen für den Einsatz von Antibiotika zu formulieren: “Wissenschaftlich basierte Empfehlungen zur Antibiotikatherapie und Diagnostik zu erstellen, ist in letzter Konsequenz Aufgabe der Fachgesellschaften”, betont Dr. Tim Eckmanns vom Robert Koch Institut (RKI) im Gespräch mit DocCheck. Doch das RKI kann und soll moderierend mitwirken: Bis Mitte 2009 wird am Robert Koch Institut zu diesem Zwecke wohl eine Kommission für Antibiotikatherapie eingerichtet werden, so zumindest der in der Strategie formulierte Zeitrahmen.

Eine weitere Maßnahme ist ein zertifiziertes Fortbildungsprogramm, das unter der Leitung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie und der Deutschen Hygienegesellschaft (DGHM) etabliert werden soll. Es erschafft einen neuen Klinikposten in Anlehnung an den Hygienebeauftragten, nämlich den des NIP/ABS-Beauftragten. NIP dabei steht für “nosokomiale Infektionsprävention”, ABS für “antibiotic stewardship”, eine Art Antibiotikabeauftragter also, der sich speziell mit dem Einsatz von Antibiotika und mit nosokomialen Infektionen auskennt. Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG soll sein Quäntchen zur nationalen Strategie beitragen: Ihm obliegt die Entwicklung eines Merkblatts zur sicheren Anwendung von Antibiotika für Bürgerinnen und Bürger sowie die Formulierung von Empfehlungen zu häufigen Erkrankungen in der kalten Jahreszeit, bei denen Antibiotika eingesetzt beziehungsweise nicht eingesetzt werden sollten.

Surveillance der Antibiotikaresistenz: Deutschland will aufholen

Das alles sind Einzelmaßnahmen, die jede für sich nur begrenzt effektiv sind. Am vielleicht wichtigsten ist das erste der vier Handlungsfelder der DART-Strategie, nämlich der Aufbau eines nationalen Surveillance-Systems. Dazu muss man wissen, dass Deutschland sich hier bisher ziemlich blamiert hat. Während andere europäische Länder, etwa der Nachbar Österreich, längst nationale Surveillance-Systeme etabliert haben, mit denen das Auftreten von antibiotikaresistenten Keimen bei etwa einem Fünftel der Gesamtbevölkerung überwacht werden kann, dümpelt Deutschland seit Jahren bei einer Abdeckung von einem bis zwei Prozent herum. Das steht so natürlich nicht in der Strategie. Zwei nationale Surveillance-Programme gibt es in Deutschland. Da ist zum einen das German Network for Antimicrobial Resistance (GENARS), dem acht Universitätskliniken angehören, von denen aber nur die Hälfte laufend Daten liefert. Das zweite ist der deutsche Arm des europäischen Netzwerks EARSS, das sieben Erreger umfasst. Hier arbeiten nur sehr wenige deutsche Kliniken überhaupt mit.

Wenig ruhmreich das Ganze also. Wie auch immer, die Sache soll sich ändern. Die beiden Programme sollen zusammengeführt und die Surveillance insgesamt deutlich vertieft werden. Unter dem Projektnamen “ARS – Antibiotikaresistenz-Surveillance Deutschland” arbeitet das RKI daran bereits seit 2007. Mit Hilfe von DART soll jetzt dafür gesorgt werden, dass ARS auch wirklich einigermaßen in der Mitte der Zielscheibe ankommt. “Im Moment haben wir drei Labors mit an Bord, die 87 Kliniken und über 1500 Praxen versorgen. Noch in diesem Jahr sollen fünf weitere Labors dazu kommen”, so Eckmanns. Damit wäre man zwar noch lange nicht bei jenen zwanzig Prozent Abdeckung der gesamten Bevölkerung, die andere erreichen. “Wir kommen aber näher ran.”

Transparenz statt Resistenz!

Wenn ARS läuft, werden die Labors ihre Resistenzdaten täglich an das RKI melden. Und das Berliner Institut will sie dann auch prompt veröffentlichen, angemessen anonymisiert versteht sich. Die zugrunde liegende Datenbank wird nämlich über den Internetauftritt des ARS zugänglich gemacht. Dort soll die Fachöffentlichkeit aktuelle Resistenzraten und Sterblichkeitsdaten erregerspezifisch und aufgeschlüsselt nach Fachdisziplinen tagesaktuell abrufen können. “Wir gehen davon aus, dass wir dieses Portal Anfang 2009 freischalten können”, so Eckmanns zu DocCheck. Ob es dazu jetzt drei Ministerien, ein Dutzend Referenten und eine(n) DART gebraucht hätte, darüber lässt sich diskutieren. In jedem Falle: Es tut sich was. Gut so.

0 Wertungen (0 ø)
Pharmazie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: