Nein, meine Pillen nehm’ ich nicht!

20. November 2008
Teilen

Das teuerste Medikament ist jenes, welches verschrieben aber nicht eingenommen wird. Die Verluste im Gesundheitssystem aufgrund mangelnder Compliance sind enorm. Warum folgen so viele Patienten nicht den vereinbarten Therapieempfehlungen?

Mit der Compliance scheinen es die Bundesbürger nicht so genau zu nehmen: In Deutschland werden die direkten und indirekten medizinischen Kosten, die durch mangelnde Compliance bei der Medikamenteneinnahme entstehen, jährlich auf etwa 10 Milliarden Euro geschätzt. Sie liegen damit in der Größenordnung der Ausgaben für große Volkskrankheiten wie etwa die koronare Herzkrankheit.

Souveräne und aufgeklärte Patienten?

Nicht nur mit der korrekten und zwischen Arzt und Patient vereinbarten Medikamenteneinnahme hapert es: Allein in Mecklenburg-Vorpommern brechen jährlich etwa 9.000 Patienten – das sind etwas über zwei Prozent – ihre Klinikbehandlung vorzeitig ab, so eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK) unter ihren Versicherten. „Insgesamt sind Patienten heute souveräner und aufgeklärter. Stationäre und ambulante Behandlungen werden eher hinterfragt. Mittlerweile wollen zwei Drittel der Patienten gemeinsam mir ihrem Arzt über ihre Behandlung entscheiden. Das ausführliche Aufklärungsgespräch ist somit ausschlaggebend für die Beteiligung des Patienten an der Therapie und für seinen Heilungserfolg”, erklärt TK-Krankenhausreferent Mirko Plaul.

Compliance hängt vom Vertrauen zum Arzt ab

Das Problem ist im deutschen Gesundheitswesen hinlänglich bekannt. Die Compliance-Problematik fand nach Ansicht der Gesundheitsministerkonferenz in den letzten Jahren zwar ein wachsendes Forschungsinteresse – allerdings vor allem auf die medikamentöse Therapie fokussiert. Weniger Beachtung fanden Faktoren der Arzt-Patient-Kommunikation, die ausführliche Information des Patienten, die Vermittlung von Bewältigungsstrategien und Selbstmanagement-Kompetenzen. Dieser Faktoren hat sich Prof. Dr. Linus Geisler, Spezialist auf dem Gebiet der Arzt-Patient-Kommunikation zu dem Zeitpunkt schon in mehreren Publikationen angenommen: Er meint, dass eine fachlich fundierte Empfehlung erst akzeptiert werde, wenn ein bestimmtes Vertrauen zwischen Patient und behandelndem Arzt besteht. Ein aus der Sicht des Patienten negatives Arztbild wirke sich somit sich auch auf die Compliance negativ aus.

Bestimmte ärztliche Verhaltensweisen seien nach Prof. Geislers Erfahrungen besonders geeignet, Non-Compliance zu fördern:

  • distanzierte und kühle Behandlung,
  • routinemäßige Gesprächsführung,
  • nicht auf Gegenfragen eingehen,
  • autoritäre Haltung,
  • nicht die Wichtigkeit einer Anordnung betonen.

Je mehr Partnerschaftlichkeit und je weniger Autorität der Arzt an den Tag lege, um so eher sei der Patient gewillt, Empfehlungen zu akzeptieren. Fragebogenuntersuchungen jedoch haben nach Prof. Geislers Erkenntnissen gezeigt, dass fast die Hälfte aller Ärzte eine autoritäre Beziehung bevorzugt.

Kooperative Entscheidungsfindung findet selten statt

Und daran hat sich praktisch nichts geändert: Eine Untersuchung zum Arzt-Patienten-Verhältnis zeigt, wie Ärzte ihre Patienten von der eigenen Therapiewahl überzeugen und – oft aus Zeitmangel – die kooperative Entscheidungsfindung im Keim ersticken. Basis der Arbeit, die Sprachforscher Tim Peters am Lehrstuhl für Germanistische Linguistik der Ruhr-Universität Bochum anfertigte, waren 100 aufgezeichnete Konsultationsgespräche in 52 Düsseldorfer Hausarztpraxen, die für eine Studie der Abteilung für Allgemeinmedizin an der Düsseldorfer Universitätsklinik unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Harald Abholz aufgenommen wurden. Die beteiligten Ärzte hatten sich einige Monate zuvor schriftlich bereit erklärt, sich zu Studienzwecken heimlich aufzeichnen zu lassen. Jeder Arzt bekam zwei fingierte Patientenbesuche, einen von einer ängstlich-drängenden Kopfschmerzpatientin und einen von einer neutral-akzeptierenden.

Peters analysierte den Redeanteil der Beteiligten, das Sprechtempo, die Intonation, die benutzten Begriffe, Ziel und Struktur des Gesprächs. Dabei stellte er bestimmte sprachliche Abläufe innerhalb der Kommunikation fest, mit denen der Arzt den Patienten beeinflussen kann – und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Die oft geforderte kooperative Entscheidungsfindung finde beim Arzt nur selten statt. Das liege aber zumeist nicht an kommunikativem Unvermögen seitens der Ärzte. Peters vermutet vor allem Zeitmangel hinter dem ärztlichen Einsatz sprachlicher Machtmittel. Mit Blick auf die zunehmende Bürokratisierung des Arbeitsalltags scheint so bald keine Besserung des Arzt-Patienten-Verhältnisses in Sicht zu kommen – und damit einhergehend auch keine Verbesserung der Compliance. Dabei wird das Problem immer drängender: Die Krankheitslast der chronischen Erkrankungen wird in Deutschland durch den demographischen Wandel bis 2020 weiter steigen. Durch diesen Umstand wird sicherlich auch die Non-Compliance-Problematik zunehmen – und noch mehr Geld für nicht eingenommene Medikamente und abgebrochene stationäre Behandlungen den Bach runter gehen.

0 Wertungen (0 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

4 Kommentare:

Studentin der Pharmazie

wäre ein zusammenspiel zwischen, krankenkassen, arzt, apotheker und patient für alle vom vorteil? JA

#4 |
  0
Beatrix Startt
Beatrix Startt

Ich arbeite nicht nur im medizinischen Bereich, ich informiere mich auch vor jedem Arztbesuch im Internet ausführlich – aus gutem Grund, denn bei fast jedem Arzt wird man im Minutentakt behandelt (ob die Praxis voll ist oder nicht) und ist schon wieder draußen, bevor man noch richtig drinnen war. Meistens komme ich mit verschiedenen Diagnosemöglichkeiten, um es dem guten Mann bzw der Frau zu erleichtern. Und seltsamerweise hat sich noch niemand beschwert. Entweder glauben mir diese Ärzte alles und sind dankbar für die “Arbeitserleichterung” – oder es interessiert sie einfach nicht, welche gesundheitlichen Störungen ich tatsächlich habe. Ich als Chronikerin werde entweder sehr ernst genommen oder besser gleich zum Kollegen überwiesen – soll der sich doch kümmern , wird eh zu teuer bei mir. Es ist schon frustrierend, wenn der Arzt von den 3,5 Minuten, die er einen “sieht”, in Wirklichkeit 3 Minuten NUR auf seinen Bildschirm starrt und nicht einmal bemerkt, wenn man lila Flecken im Gesicht hat! Ich frage mich ernsthaft, wohin diese Gesundheitspolitik noch führen soll! Mit Wehmut denke ich an meinen alten Hausarzt, der noch interessiert fragte, ob denn dies und das nun besser geworden sei und ob sonst alles okay sei…

#3 |
  0
Heilpraktiker

Der Patient ist in einigen Stunden genausowenig informiert, wie seine Erkrankung in 2 min. sauber diagnostiziert ist. Grundsätzlich hat erst mal jeder eine Grippe oder Erkältung. Ist die in 4 Wochen nicht ausgeheilt, dann wird vielleicht weitergesucht oder es ist gleich etwas Psychosomatisches und muss zum Psychologen.

#2 |
  0
Anette Minarzyk
Anette Minarzyk

Meine private Erfahrung ist, dass Ärzte oft pikiert reagieren, wenn der Patient sich erdreistet nachzufragen, was er ihm denn da verschrieben hat, sei es, dass er sich in seiner Autorität hinterfragt fühlt oder schlicht keine Lust/Zeit hat, sich länger als unbedingt nötig mit dem Patienten zu befassen. Hinterfragen muß der Patient aber, wenn er weiß, dass er bestimmte Substanzen nicht verträgt. Der Weg des geringsten Widerstandes ist es dann oft, die Klappe zu halten, das Medikament zu aktzeptieren und dann einfach nicht nehmen. Da könnte durch bloßes Zuhören in der Tat einiges gespart werden.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: