Schizophrenie: Biomarker für den Wahn

18. Oktober 2012
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Schizophrenie zu diagnostizieren kann selbst Experten Kopfzerbrechen bereiten, denn es gilt, das innere Erleben des Patienten richtig einzuordnen. Auch die Therapie kann sich schwierig gestalten. US-Forscher sind nun auf der Suche nach Biomarkern aus dem Labor.

Die Schizophrenie ist nach wie vor die große mysteriöse Unbekannte in der Medizin, die sich beschreiben lässt, aber nicht immer erkennen. Das Unfassbare macht vielen Menschen Angst und sorgt für Ablehnung. Zwar ist „nur“ rund ein Prozent der Bevölkerung betroffen, unabhängig davon, aus welchem Gebiet dieser Erde, doch kann es jeden treffen.

Es gibt eine klare familiäre Häufung. Verlass darauf ist aber nicht. Betroffene sind fast immer jung, zwischen 20 und 30 Jahre, und stehen nicht selten vor einer steilen Krankheitskarriere, in der mehr oder weniger plötzlich die Krankheit Regie führt. Es bleibt meist nicht bei einer Krankheitsepisode, ohne Therapie ist die Rückfallquote mit 70 Prozent immens, mit neuroleptischer Therapie 30 Prozent, also immer noch hoch.

Behandlung mit Folgen

Nur 20 Prozent der behandelten Patienten erfahren eine vollständige Wiederherstellung. Denn die Behandlung gestaltet sich schwierig. Die Devise: Finde nach der korrekten Diagnose die passenden Medikamente, die richtige Dosis und vor allem motiviere den Patienten, denn 60 Prozent gelten langfristig als non-compliant. Leider sorgt die Behandlung mit Neuroleptika nicht nur für Veränderungen im Kopf, sondern auch im Körper. Ob Non-Responder oder Non-Compliance, die Person und das Leben können sich bis zur Unkenntlichkeit verändern. Kein Partner, keine Arbeit, Stigmatisierung und soziale Isolation. Zehn Prozent setzen ihrem Dasein innerhalb der ersten zehn Jahre ein Ende, die Lebenszeit verkürzt sich durchschnittlich um 25 Jahre.

(K)ein Ass im Ärmel

Hauptproblem in der Psychiatrie ist, dass es keine verlässlichen Labortests gibt, die die Diagnose sicher zulassen, bei der Lenkung der Therapie helfen oder sichere Vorhersagen zur Entwicklung der Erkrankung zulassen. Der Arzt muss aus Verhalten und Angaben des Patienten oder anderer Personen auf das Innenleben des Betroffenen schließen. Angesichts der zur Krankheit passenden oft wirren Phänomenologie tun sich auch erfahrene Psychiater oftmals schwer mit der Diagnose, zumal einige Patienten kognitiv und funktionell beeinträchtigt sind und ihre Gedanken gar nicht klar äußern können.

Endophänotypen analysiert

Die Identifikation von neurobiologischen Biomarkern der Schizophrenie, sogenannte Endophänotypen, ist Thema einer Studie von Gregory Light, Psychiater an der Universität von Kalifornien in San Diego und Mitarbeitern. Endophänotypen sind quantitative laborbasierte Biomarker, die Verbindungen zwischen genetischer Variation und klinischer Krankheitserscheinung darstellen. Ziel war es, unter der ganzen Batterie von neurophysiologischen und neurokognitiven Untersuchungen, die in Diagnostik und Therapie der Schizophrenie angewendet werden, jene Verfahren herauszufiltern, die reliable und genaue Langzeitindikatoren sind, auch wenn offensichtliche Symptome nicht ohne Weiteres erkennbar sind.

Viele Untersuchungen erscheinen als geeignete Biomarker

Insgesamt 545 Studienteilnehmer, 341 mit einer Schizophrenie und 205 ohne psychiatrische Erkrankung, nahmen an 15 Untersuchungen der Kognition und Erinnerung sowie einer Reihe von neurophysiolgischen Tests teil. Ein Jahr später wurden 220 Personen nachuntersucht, davon 163 mit Schizophrenie. Die meisten neurophysiologischen und neurokognitiven Messungen ergaben mittelgeradige bis große Defizite bei Schizophreniepatienten. Diese Ergebnisse blieben über die Zeit relativ stabil, ergab die Nachuntersuchung. Zudem erwiesen sie sich als unabhängig vom klinischen Status. Doch auch klinische Symptome und funktionelle Messungen erwiesen sich als stabil.

Die Stabilität der Ergebnisse und die Unabhängigkeit vom klinischen Status deuten bei der Mehrzahl der Untersuchungen darauf hin, dass sie geeignete Endophänotypen, also geeignete Biomarker der Schizophrenie sind. Sie sind für Genomstudien und klinische Studien geeignet. Dass auch bei klinisch unauffälligen Verwandten von Schizophreniepatienten Defizite in Tests nachweisbar sind, wie Studien belegen, deutet auf Erbkomponenten hin. Biomarker könnten die Lücke zwischen Erbkomponenten und Erscheinung der Schizophrenie füllen.

Weitere Forschungsarbeiten sollten klären, ob sich mithilfe der Endophänotypen auch andere psychiatrische Erkrankungen unterscheiden lassen, so die Autoren der Studie. Die Validierung laborbasierter Biomarker ist für zukünftige Genomstudien und klinische Studien der Schizophrenie bedeutsam.

Interessant wären Biomarker auch im Zusammenhang mit der Vorhersage einer Konversion in eine Psychose, mit der Reaktion auf medikamentöse und nicht medikamentöse Therapien und zur Beobachtung der Krankheitsprogression.

79 Wertungen (3.51 ø)
Medizin

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9 Kommentare:

Thomas Keller
Thomas Keller

Wie die Arbeiten von Andreasen und Mitarbeitern zeigen, führen Neuroleptika im Dauergebrauch zu Hirnschäden, sie sind daher mit Zurückhaltung einzusetzen. Geeignete Psychotherapie (z. B. “Open Dialogue”, J. Seikkula/Finnland) ist hingegen sehr wirksam.

Beng-Choon Ho, MRCPsych; Nancy C. Andreasen, MD, PhD; Steven Ziebell, BS; Ronald Pierson, MS; Vincent Magnotta, PhD: Long-term Antipsychotic Treatment
and Brain Volumes – A Longitudinal Study of First-Episode Schizophrenia. Arch Gen Psychiatry. 2011;68(2):128-137
“Viewed together with data from animal
studies, our study suggests that antipsychotics have a
subtle but measurable influence on brain tissue loss over
time, suggesting the importance of careful risk-benefit
review of dosage and duration of treatment as well as their
off-label use.”

#9 |
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Die Aussagen in diesem Arikel sind nur schwer verständlich.

#8 |
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@Walter Schnyder

Das ist wohl das Neuroleptikum dafür verantwortlich mit denen man die als “Schizophren” Diagnostizierte abfüllt.
Mit dem Dreckzeug im Blut wären Sie auch nicht zu einer sinnvollen Tätigkeit in der Lage

#7 |
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@ Prof.Klieser
Vielleicht können sie das, mal Ihren Kollegen in der DGPPN beibringen.

#6 |
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die ehemalige CIBA hatte in einer ihrer Miteilungen einen interessanten Artikel veröffentlicht: Der Netzbau von Spinnen folgt offensichtlich einem strengen Bauplan. Füttert man Spinnen das Serum von an Schizophrenie Erkrankten gerät der Netzbau ausser Rand und Band.Ein humoraler Faktor muss also vorhanden sein

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Wenn ein Psychiater diese Diagnose stellt, dann müßte man eigentlich davon ausgehen, daß dies ganze auch ein “Fundament” hat. Jetzt geht es natürlich auch darum, daß bei der “Diagnoseerstellung” keine besonderen Blutuntersuchungen etc.wie auch in dem o.g. Artikel stattfinden.Natürlich gibt es viele Test`s bez. der Feststellung von Persönlichkeitsdefiziten, oder Erkrankungen und ich denke schon, daß aus den vielfältigen Möglichkeiten der verschiedenen schriftl. Testverfahren und auch das persönliche Gespräch mit dem Betroffenen, weitere ärztl.Befunde usw. zu einer “guten Erkenntnis” führen kann. Nichts des so trotz bin ich der Meinung, daß ein traumatisierender Lebensumstand und schwere Schicksalschläge der Patienten, nicht zu vergessen die ganze Anamnese, bis zurück zur Kindheit, schon auch vielleicht manchmal “schizophrene Züge ” zeigen kann. Natürlich muß man bei klassischen “Stimmenhören” oder sonstigen vielseitigen “abnormen” Gedanken, oder auch Taten, diese Diagnose tatsächlich stellen,dafür gibt es auch Menschen, die den Beruf des Psychiaters erlernt haben und speziell sich mit neurologischen Kranksheitsbilder auseinandersetzen und ich bin überzeugt, daß viele “Ihre Arbeit”, auch Aufgrund vieler Erfahrungen, gut machen. Jedoch glaube ich auch, daß viele Menschen, so “zwischendrin” stecken und daß dies oft eine fließende Geschichte darstellt, wo ist es klassich und wo ist es tatsächlich nur “eine vorrübergehende” Ausnahmesituation des einzelnen. Keine leichte Beurteilung,ähnlich auch wie bei ADHS. Die Verhaltenstheraphie die Frau Schmid anspricht wäre sicher absolut sinnvoll, nur gibt es auch da wiedr Grenzen bei den einzelnen Fällen, wie auch überall in der Medizin.Was diese Menschen aber auf jdenen Fall brauchen, unabhängig ob die “klassiche Diagnose” steht, ist nicht nur medikamentöse Versorgung, sondern vor allem emotionale Unterstützung, Verständniss und Menschen die Ihren Beruf leben und dadurch auch lieben…da ist immer ein Herz dabei und Menschen, die in so einer Situation leben(Psychatrie z.B), brauchen, unabhängig von Ihrer Diagnose, die Wärme die Nähe und die Liebe von uns Menschen. Dafür arbeite ich seit Jahren in meinem Beruf als Krankenschwester., die Menschen nicht nur medizinisch, oder pflegerisch zu versorgen, sondern auch die menschliche Nähe und das Verständniss zu geben, daß sie mit, oder in Ihrer schweren Erkrankung so dringend brauchen.Es gibt viele Fachleute in unserem Beruf, die das auch umsetzen können, aber wir brauchen noch mehr davon!

#4 |
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Dr. Andreas Wissner
Dr. Andreas Wissner

Hilft der Test wirklich weiter? Die Variabilität der Krankheitsbilder um fasst ja nicht nur das, was als allgemein als Schizophrenie beichnet wird, auch die sogenannten schizoaffektiven Störungen wie auch bipolare Erkrankungen zeigen hier phänomenologische Überschneidungen. Wird ein Labortest hier wirklich Klarheit bringen oder zählt nicht doch der ärztliche Sachverstand?

#3 |
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Prof. Dr. med. Eckhard Klieser
Prof. Dr. med. Eckhard Klieser

es gibt ja keine schizophrenie, unter dem begriff, wir heißen es schizophrenie wie k schneider gesagt hat, verbirgt sich wahrscheinlich eine vielzahl von erkrankungen, wir suchen ja auch keine diagnostisch relevaten biomarker für eine krankheit herzinsuffiziens, oder eiweissauscheideung im urin, um weiter zu kommen müssen wir uns von unseren durch koventionen festgelegten psychiatrischen diagnosen trennen, sonst sind wir in hundert jahren auch noch nicht weiter

#2 |
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Was waren denn diese relevanten Biomarker genau? Welche psychologischen Tests wurden angewandt? Es sit seit langem bekannt, dass Schizophrene kognitive Defizite aufweisen, darum hilft gezielte Verhaltenstherapie.

#1 |
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