Der letzte Strohhalm

25. November 2008
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Oft sind es die eingeschränkten Wahlmöglichkeiten in der schulmedizinischen Krebstherapie, die Kranke zur Suche nach alternativen Behandlungsformen treiben. Wie in diesem Fallbeispiel, wenden sich Patienten aus dem Gefühl des Ausgeliefertseins von der herkömmlichen Medizin ab.

Ingrid S. (Name geändert) wuchs in den Wirren der Nachkriegszeit auf. Die heute 67-jährige Rentnerin musste in ihrer Kindheit 1945 mit ihrer Mutter aus dem ehemaligen Pommern nach Deutschland flüchten. Dort wuchs sie in Berlin auf, brachte drei Kinder zu Welt und arbeitete als Schneiderin im Familienbetrieb mit ihrem Mann. Ingrid S. erkrankte 1993 an Brustkrebs. Die behandelnden Ärzte eines großen Berliner Klinikums nahmen eine Amputation vor, ohne Frau S. in irgendeiner Form alternative Möglichkeiten in Aussicht zu stellen. Nach dieser für sie traumatischen Erfahrung wandte sich Ingrid S. radikal von der Schulmedizin ab und begab sich auf eine lange Suche nach alternativer Heilung.

Frau S., was folgte damals auf die Diagnose Brustkrebs?

Es folgte eine Behandlung, die mein weiteres Leben drastisch geprägt hat. Nach der Diagnose fand ich mich in einem großen Berliner Klinikum wieder, wo man mich gleich vor vollendete Tatsachen stellte. Das heißt: Amputation einer Brust. Niemand hielt es für nötig, mich im Detail über die Ursachen aufzuklären, ganz zu schweigen von möglichen Alternativen.

Und daraufhin haben Sie sich um alternative Behandlungsformen gekümmert?

Nein, ich habe mich operieren und mir eine Brust amputieren lassen. Ich will gar nicht davon reden, was der Krebs für einen Menschen und was insbesondere die Brustamputation für eine Frau bedeutet. Aber das Schlimmste war für mich nach der Operation, dass ich mich so abgefertigt und überfahren gefühlt habe in dieser riesigen Fabrik von Krankenhaus. Und dass ich mich überhaupt darauf eingelassen habe. Da habe ich mich sehr über mich selbst geärgert. Das heißt, ärgern kann man das gar nicht nennen, ich war fassungslos. Und es war nicht mehr rückgängig zu machen.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Man hat mir psychologische Hilfe angeboten, aber die habe ich abgelehnt. Ich wollte nur noch nach Hause und meine Ruhe haben. Und ich musste ja weiter funktionieren. Ich habe drei Kinder, der Jüngste wohnte damals noch zuhause. Außerdem konnte ich meinen Mann und unsere gemeinsame Firma nicht im Stich lassen. Ich war halt Zeit meines Lebens auf Durchhalten ohne Rücksicht auf mich selbst getrimmt. In der ersten Woche nach der Operation gönnte ich mir nachmittags ein paar Stunden Schlaf auf der Wohnzimmercouch, aber im Prinzip habe ich mir kaum eine Schonfrist gestattet.

Was war dann der Auslöser, sich um alternative Behandlungsformen zu kümmern?

Ich war und bin heute immer noch der Meinung, dass eine sofortige Amputation nicht notwendig war. Da wurde wie auf dem Fließband im Schlachthof einfach das Messer gezückt, so hat sich das angefühlt für mich. Ich habe mich dann langsam näher mit dem Thema Krebs beschäftigt. Ich musste mich ja regelmäßig auf Metastasen untersuchen lassen. Ich wollte also mein Leben umstellen, so dass der Krebs nicht wiederkommen würde. Ich habe dann angefangen, Bücher zu lesen, habe verschiedene Heilpraktiker besucht, mich mit Ernährung beschäftigt und vor allem alles hinterfragt.

Welche alternativen Methoden haben Sie dabei kennen gelernt?

Ich habe mich inzwischen mit so ziemlich allem möglichen beschäftigt. Es hat sich eine ganze Bibliothek von Büchern angesammelt. Meine Kinder und mein Mann waren da nicht immer begeistert, wenn ich Bücher mit dem Titel „Erdwesen und Christuskraft“ gelesen habe. Aber ich behaupte, dass ich das Asthma meines jüngsten Sohnes vor etwa zehn Jahren mit richtiger Ernährung und der Hilfe von Homöopathie in den Griff bekommen habe. Seitdem habe ich zahlreiche spirituelle Heilkundler aus ganz verschiedenen Disziplinen besucht. Heute gehe ich zum Beispiel regelmäßig zu einer Vitalistin.

Können Sie denn sagen, was Ihnen geholfen hat?

Ja. Aber es hat mir nicht genau eine alternative oder spirituelle Therapie geholfen, sondern meine lange Suche, die zum wichtigsten Teil meines Lebens geworden ist. Vor allem seitdem ich nicht mehr berufstätig bin, stehe ich morgens etwa um fünf Uhr auf und lese stundenlang, bevor die Welt um mich herum wach wird. Außerdem achte ich nach wie vor sehr akribisch auf meine Ernährung. Ich kann heute mit 67 Jahren sagen, dass ich immer noch genügend Kraft habe, um viel im Garten zu arbeiten. Wenn ich heute irgendwelche Beschwerden habe, gehe ich im Prinzip nicht mehr zum Arzt; abgesehen von einer leichten Schwerhörigkeit, bei der ich auch kein Hörgerät verweigere. Aber ansonsten kuriere ich mich selbst mit ganz bestimmten Diäten. Natürlich spielt die Seele eine ebenso große Rolle. Ich habe mich auch viel mit Religion beschäftigt, mit meiner Herkunft und der Familie, in der ich aufgewachsen bin. Vor dem Krebs bestand mein Leben ja nur aus Funktionieren, also Kinder und Arbeit. Mein Mann und ich hatten damals wie gesagt eine Firma, für die wir alles gegeben haben. Nicht einmal ins Kino sind wir früher gegangen. Das ist ja kein Wunder, dass man krank wird bei so einem Leben. Und seit dem Krebs sorge ich selbst für meine Gesundheit, seelisch wie körperlich.

Frau S., vielen Dank für dieses Gespräch.

2 Wertungen (3 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

Nicole Normann
Nicole Normann

@cohen
Das diese Phrasen von Ihnen kommen, war ja klar. erst mal alles, wovon man keine Ahnung hat, als Quatsch abtun, gelle…. Schlimmer gehts nimmer….

#10 |
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Nicole Normann
Nicole Normann

Herr Dr. Kratofiel,
ich wünschte, es würde mehr Mediziner geben, wie Sie einer sind. Offen für den Lauf der Natur.
Hochachtungsvoll
Nicole

#9 |
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Die Zivilisationskost ist die größte Fehlleistung der Evolution.80% aller Erkrankungen sind zivilisationskostbedingt. Auch Krebs. Auch Brustkrebs. Das Patentrezept heißt Naturkost. Naturkost ist die geniaslte Therapie gegen alle Zivilisationskrankheiten auch gegen Brustkrebs.

Naturköstliche Grüße

Matthias-Georg
Kratofiel
Dr.
Ernährungsmediziner
Hattingen

#8 |
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Boris Bündig
Boris Bündig

Guten Tag.
Das Thema “Alternativmedizin” ist leider so etwas wie ein rotes Tuch für viele Ärzte, insbesondere Chirurgen. Lustigerweise wird vom “Schulmediziner” eine Art Heilungsgarantie erwartet, während die Alternativen mehr oder weniger machen können, was sie wollen, da sich dort die Patienten freiwillig hin begeben. Ich kann nur ausdrücklich vor zuviel Vertrauen in die Alternativmedizin warnen. Die Basis einer jeden Therapie sollte eine durch gründliche Untersuchung und diagnostische Verfahren gestellte Diagnose sein. Darauf aufbauend kann eine alternativmedizinische Therapie als Ergänzung dienen.
Und an die Interviewte gerichtet: Ich hoffe, das Ihr Sohn weiterhin durch einen erfahrenen Internisten bezüglich des Asthma mitbehandelt wird – die Spätfolgen werden Sie nämlich nicht mehr erleben, aber grade die frühzeitige, langfrisitge, niedrig dosierte Cortikoid-Inhalation (JA! Das böse böse Cortision) kann ein Fortschreiten der Erkrankung deutlich verzögern – bitte nehmen sie Ihrem Kind diese Chance nicht. Grade das Halbwissen des “Selbsttherapeuten” birgt grosse Risiken. Allein aus Büchern wird man nämlich leider nicht zum Arzt, dafür braucht es auch die jahrelange praktische Erfahrung.

#7 |
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Gabriele Halsband
Gabriele Halsband

Manche Menschen verschließen sich leider immer noch den wunderbaren Möglichkeiten der “alternativen” Medizin. Wer noch nie die Wirkung der Homöopathie erlebt hat, möge doch bitte schweigen und nicht verurteilen. Jeder Mensch, besonders der kranke hat das Recht, ja sogar die Pflicht alles auszuschöpfen, was ihm guttut. In der Schulmedizin ereignen sich durch Zeitmangel so viele Fehler, dass es kaum zu glauben ist. Der arme niedergelassene Arzt arbeitet nach seinem Buget.Wer ganzheitlich arbeitet erfaßt den Menschen mit Körper, Geist und Seele. Das ist das Wichtigste!
Es geht auch miteinander.
Mit freundlichen Grüßen
Gabriele Halsband/Heilpraktikerin/MTA

#6 |
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Offenbar ist die Patientin psychisch schwer traumatisiert und ordnet seit der OP ihr komplettes Leben dem Krebs unter. Aus den Antworten geht deutlich hervor, welche finanziellen und zeitlichen Ressourcen verbraucht werden und wie das ganze Umfeld der Patientin damit belastet wird.

An dieser Stelle hat die Schulmedizin versagt, indem sie sich 1994 nicht um die Psyche kümmerte. Körperlich geheilt hat die Schulmedizin Frau S ganz sicher.

Die Ärzte haben zu wenig Zeit für die Patienten. Nicht, weil sie sich diese nicht nehmen wollen, sondern weil die Bürokratie zunehmend drückt und der Tag eben nur 24 Stunden hat.

Alternativ”mediziner” leiden wesentlich weniger unter Bürokratie: Sie schreiben Rechnungen, das war’s.

Ralf Müller

#5 |
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Dr. Ulrich Vierl
Dr. Ulrich Vierl

Wenn ich das richtig sehe, hat es wohl eher an der psychologischen Vorbereitung/Nachsorge gefehlt, Frau S. ist ja offensichtlich durch die Schulmedizin geheilt worden. Nur mit “Tränklein” und ähnlichem behandelt wäre Frau S. wohl nicht mehr am Leben.

Also: als Ergänzung / psychologische Unterstützung mag ja Alternativmedizin in Ordnung sein, als Ersatz kann sie jedoch keinesfalls dienen.

#4 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Wir müssen lernen zu respektieren, daß ein zum Tode geweihter nach jeder Möglichkeit greift. Auch diese Menschen müssen wir als mündige Patienten achten.
Was ihnen geholfen hat ? das mag dahin gestellt sei !
Für diese schwerstkranke Menschen ist es nur wichtig, daß sie Hilfe bekommen, sie von sich sagen können daß sie nichts unversuch gelassen haben und sie nehmen doch wirklich viel Leid und Elend auf sich. Denn dieses Leid und Elend sind sowohl die Operationen, Strahlen- und Chemotherapie, als auch die Auseinandersetzung und Verarbeitung mit ihrer Erkrankung.
Hier einen Stab zu brechen oder in eine Kerbe zu hauen steht uns nicht zu, denn so wirklich können wir uns nicht in ihre Situation versetzen

#3 |
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Frau Silke Borowski
Frau Silke Borowski

Bitte verzeiht mir, dass ich fest der Annahme bin, diese Diagnose will uns etwas sagen…
Nichts ist schlimmer und rüttelt an den Fundamenten als Krebs…Gott beschütze alle auf diesem Weg…
Zellen wollen nicht einfach nur so unsterblich sein, daliegt leider eine bittere Wahrheit drin.
Lernt Euch zu spüren, Euch und die Liebsten zu lieben und sagt nein!!!!
Und laßt Euch nie durch Pharma verarschen, die wollen Geld und Euer Leben..Alles Kraft der Welt für diesen einsamen Weg!! HG Sbo

#2 |
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Dagmar Hoffmann
Dagmar Hoffmann

Herzlichen Dank an Herrn B. für die Fragen und Frau S. für die Antworten.
Ich hatte den Eindruck meine eigene Geschichte zu lesen, zumindest was den Umgang mit einer Frau und der gestellten Diagnose Brustkrebs betraf. 1994 hatte ich Brustkrebs und als ich, noch ziemlich schockiert von der Diagnose – damals war ich 38 Jahre und hatte einen kleinen Sohn – im Krankenhaus nach alternativen Möglichkeiten fragte, schlug der Chefarzt mir die Tür vor der Nase zu und meinte: Besprechen Sie das mit meinem Assistenten. Ich hatte den Eindruck, dass ich überhaupt nicht ernst genommen wurde. Ich habe mich von der Schulmedizin in vielen Bereichen abgewendet und mich ab diesem Zeitpunkt auf die Suche nach alternativen Heilmethoden gemacht. Die wenigen ganzheitlichen Schulmediziner sind für Krankenkassenpatienten ein Segen, leider gibt es zu wenige davon.
Viele Ärzte halten sich immer noch für “Götter in weiß”, die glauben, dass SIE den Patientinnen helfen können. Kaum einer spricht die Selbstheilungskräfte an und macht den Menschen Mut. Die meisten wedeln mit STatistiken und das ist oft noch erschreckender, als die gestellte Diagnose.
Ich würde mir mehr Menschlichkeit und Offenheit für die Alternativmedizin wünschen.
Dass ich seit vielen Jahren gesund geblieben bin ist kein Erfolg der Schulmedizin.

Mit freundlichen Grüßen

Dagmar Hoffmann

#1 |
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