Do you remember… Julius Hackethal?

25. November 2008
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Dr. Julius Hackethal: Grenzgänger zwischen Schulmedizin, komplementären Behandlungsformen und Scharlatanerie. Ein Versuch, die widersprüchliche Persönlichkeit und Vita des vor elf Jahren verstorbenen, ersten Kritikers der Ärzteschaft zu erfassen.

Unangepasst – das ist wohl mit der erste Begriff, der einem in den Sinn kommt, wenn man den Namen Julius Hackethal hört. Nicht zu Unrecht, denn schon mit dem von ihm selbst ausgelösten Ende seiner medizinisch-akademischen Laufbahn zeigte Hackethal, dass er bereit war, für seine Überzeugung teuer zu bezahlen und für seine Ideen einzustehen. Damals, 1963, in einer Zeit, als noch niemand den Muff unter den Talaren anzuprangern wagte und Klinikleiter mindestens als Halbgötter in Weiß galten, warf er seinem Chef an der Chirurgischen Klinik der Universität Erlangen-Nürnberg 138 Kunstfehler vor und stellte gar Anzeige wegen Mordes – der „Erlanger Professorenstreit“ ging in die deutsche Medizingeschichte ein. Doch alle Vorwürfe wurden entkräftet; Hackethal musste die renommierte Klinik verlassen und wurde zunächst Assistenz-, dann Chefarzt an einem städtischen Krankenhaus in der schleswig-holsteinischen Provinz, danach leitete er verschiedene Sanatorien und Rehabilitationskliniken. Mit dem Buch „Auf Messers Schneide“, das sich zum Bestseller entwickelte, veröffentlichte er eine Abrechnung mit seinem Berufsstand.

„Jeden Patienten wie den besten Freund behandeln“

Hackethal interessierte sich nicht primär für die Erkrankung, sondern für den Menschen mit seiner Krankheitslast. Er wusste früh, was Krebspatienten bewegt und ängstigt, was sie sich in ihrem von der Krankheit gezeichneten Leben wünschen: Vor allem weniger Angst und weniger Schmerzen – und so richtete er seine „Therapien“ an eben diesen Bedürfnissen aus. Er wollte, so Hackethal in seinen eigenen Worten, „jeden Patienten wie seinen besten Freund behandeln“. Mit diesen Ansichten sprach er vielen Krebskranken aus der Seele, welche die in den Kliniken praktizierte Schulmedizin und ihre Anwender als kalt und seelenlos empfanden. So legte er in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Person den Grundstein für das ihm entgegen gebrachte Vertrauen – und für seine revolutionären Thesen.

Vom Haustierkrebs zum Raubtierkrebs

Eine humanere Medizin, wie sie Hackethal vorschwebte, sollte „mitfühlen, und nicht bloß reparieren“ – und an dieser Stelle beginnt Hackethal den Weg der Vernunft zu verlassen. Das „bloße Reparieren“ rückte in Hackethals medizinischem Weltbild im Verlauf der späten 70er Jahre immer mehr in den Hintergrund. 1981 kehrte er nach einem Besuch der Cleveland-Klinik in Ohio mit der These nach Deutschland zurück, dass man bestimmte Krebsarten gar nicht nach schulmedizinischen Erkenntnissen therapieren sollte: Der Krebs, zumal derjenige der männlichen Vorsteherdrüse, sei von Natur aus ein friedlicher „Haustierkrebs“. Erst wenn man ihn mit Skalpell, Chemotherapie oder Strahlung attackiere, werde er zum tödlichen „Raubtierkrebs“. In der Folge warfen Kritiker Hackethal Geltungssucht vor, doch in der Person des streitbaren Mediziners hatten sie es mit einem echten Überzeugungstäter zu tun: Den eigenen Prostatakrebs ließ Hackethal unbehandelt – mit allen Konsequenzen…

Publizistischer Auftrieb für die Sterbehilfe

Zu Beginn des Jahres 1984 rückte ein weiterer Streitpunkt ins Visier des kämpferischen Hackethal: Die Sterbehilfe. Er drehte einen Film, in dem gezeigt wurde, wie er einer Patientin Zyankali gab, nach dessen Einnahme die an Gesichtskrebs erkrankte Frau starb. Verurteilt wurde Hackethal jedoch nicht, da die Patientin das Gift selbstständig eingenommen hatte. Das Gericht wertet den Fall als eine Beihilfe zum Suizid, die straflos ist. Das Urteil gibt der deutschen Sterbehilfe-Bewegung publizistischen Auftrieb. Hackethal wird zum lautstarken Verfechter einer Legalisierung der aktiven Sterbehilfe sowie ärztlicher Beihilfe zum Suizid. Später bekannte Hackethal öffentlich, auch seiner Mutter eine tödliche Spritze gesetzt zu haben.

„Ich habe keinem einzigen Patienten geschadet, nur mir.“

Doch gegen Ende des Jahres 1986 nahm Hackethal den Mund zu voll, als er behauptete, in seiner Klinik im Chiemgau 90 % aller Krebserkrankungen erfolgreich behandeln zu können. An diesem Punkt – aber auch erst hier – kippt Hackethals Bild vom streitbaren, unangepassten Menschenfreund in Richtung geschäftstüchtiger, verantwortungsloser Scharlatan, der mit den Hoffnungen seiner todkranken Patienten spielt. Später distanzierte er sich mit Hackethalscher Eloquenz von seinen Versprechungen: „Ich habe keinem einzigen Patienten geschadet, nur mir.“ Die Konsequenz der Nichtbehandlung seiner Krebserkrankung kostete ihm letztendlich das Leben: Julius Hackethal verstarb am 17. Oktober 1997 im Alter von 75 Jahren an den in die Lunge gewanderten Metastasen seines „Haustierkrebses“.

8 Wertungen (4.75 ø)
Allgemein

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12 Kommentare:

Sicherlich starb Prof.Hachethal an einer Krebserkrankunmg.
Waren es wirklich in der Lunge die Metastasen eines Prostatakrebses ?
Oder passte diese Diagnose so gut in das Konzept der Urologen, damit diese iheren nichts aussagendxen PSA-Test weiter verkaufen koennen ¿

#12 |
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Nicole Normann
Nicole Normann

Hallo Ranate,
mein tiefstes Mitgefühl für das, was Sie erlebt haben. Und meinen hochachtungsvollsten Respekt für die Hilfe, die Sie geleistet haben.
LG, NIcole, HP

#11 |
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Dr. Rainer Tast
Dr. Rainer Tast

Hackethal mit all seinen kleinen Fehlern war eine tolle Persönlichkeit die mich positiv beeinflußt hat.Als alternativer Mediziner läßt es sich schwer arbeiten zwischen Scharlatanen und Ultraschulmedizinern. Wenn von einem Meter Wahrheit, 2 cm falsch oder nicht beweisbar sind,so wird die Schulmedizin nur über die zwei Zentimeter reden.
Nie ließe ich z.B.eine Chemotherapie mit Ausnahme vom Blutkrebs durchführen, auch wenn ich mit 75 sterben sollte.

#10 |
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Gut sich an Ihn zu erinnern.

aber 1. “ersten Kritikers der Ärzteschaft” — Gelächter.

2. mit 75 Jahre verstorben: dürfte knapp über dem Durchschnitt der Lebenserwatung seines Jahrgangs sein. Und neben der Lebenserwartung spielt auch dei lebensqualität eine Rolle.

#9 |
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Daniela  Jentzsch
Daniela Jentzsch

Zweifellos war J.Hackethal keiner, der sein Fähnchen in den Wind drehte. Und solche Leute sind v.a. in der Ärzteschaft nicht gern gesehen. Als Hackethal-Patientin seit 1994 kann ich nur sagen, dass ich dort bis heute äussert erfolgreich therapiert wurde. Über die Jahre habe ich sehr viele Patienten kennengelernt, welche seit inzwischen 25 Jahren mit den verschiedensten Krebserkrankungen gut leben. Natürlich gibt es Fälle, in denen Hilfe nicht möglich ist, wobei man nicht vergessen sollte, dass zahlreiche Patienten erst nach erfolgloser schulmediz. Behandlung als austherapierte Fälle zu Hackethal, bzw. seinem Nachfolger kommen. Warum kann sich eigentlich der Autor dieses Artikels nicht aktuell an Ort und Stelle informieren?

#8 |
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Florian Hinz
Florian Hinz

Kritiker des Status Quo der Schulmedizin wurden von jeher diskreditiert und verunglimpft. Sie kratzen an der Hybris des Berufstandes einer um sich selbst drehenden Berufsgruppe.
Selbst nachdem einige der Hackethalschen Provokationen übernommen wurden wird post Mortem mit Schmutz geworfen.
75 ist ein stolzes Alter für einen unbehandelten Krebskranken, zweifelhaft ob er mit Behandlung länger gelebt hätte. So hat er wenigstens selbstbestimmt gelebt und keiner konnte an ihm Geld verdienen.

#7 |
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Agnes Gniezinski
Agnes Gniezinski

Tatsächlich ist der Prostatakrebs beim alten Mann meistens harmlos und wird lediglich antihormonell behandelt. Eine Therapie, die übrigens Hackethal als einer der ersten propagierte und weswegen er von Schulmedizinern zunächst scharf kritisiert wurde. Heute eine Standardtherapie, auch beim Mammakarzinom…

Insofern, mit vielen seiner Ideen lag Hackethal gar nicht so falsch und hat die Schulmedizin sicher auch zum Positiven beeinflusst.

#6 |
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Heilpraktikerin Renate Merz
Heilpraktikerin Renate Merz

Habe miterleben müssen, wie fünf, mir nahestehende, an unterschiedlichen Krebsarten erkrankte Menschen, die alles gemacht und mitgemacht haben was die Schulmedizin zu bieten hatte, elendig gestorben sind.

Sie sollten mal über die immer noch sehr hohe Todesrate bei Krebspatienten berichten.
Was macht eigentlich die sogenannte “Krebsforschung” mit den riesigen Spendensummen und Forschungsgeldern seit zig Jahrzehnten ???
Ist die Medizin überhaupt daran interessiert Krebs zu heilen? Man verdient doch sehr gut an den kranken Menschen.
Anstatt Außenseiter und Naturheilkundler zu bekämpfen, sollte man mit ihnen zusammen arbeiten. Warum haben Sie Dr.Issels und Dr. Weber nicht genannt ???
Sehr geehrter Herr Müller, besorgen Sie sich doch mal
Buch und Kasette “Der Krebsbankrott” von Dr. Weber.
Er hat bei seinen Forschungen festgestellt, dass Viren hinter den meisten Krebserkrankungen stecken. Er wurde wegen dieser Behauptung bekämpft bis aufs Messer.

Und heute bekommt ein Mediziner den Nobel-Preis dafür.
Aber, auch hier wird Dr. Weber nicht erwähnt.

Es waren und sind alles studierte Mediziner.

Hut ab bei den Medizinern in der Unfallchirugie, aber bei chronisch Kranken ?

Renate

#5 |
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Kommentar zum RG,bin vollkommen Ihrer Meinung.MfG

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Gesundheits- und Krankenpfleger

Sicher war Hackethal eine schillernde Gestalt in der Medizin, die gerade in der Schulmedizin nicht gerne gesehen wurde und auch heute noch nicht gern gesehen wird. Dies waren aber auch z.B. Sauerbruch & Co. Gerade diese Gestalten haben in der Medizin Geschichte geschrieben und sind immer mal wieder notwendig, sie werden aber auch durch die Selbstherrlichkeit mancher “Lehrmeister” geradezu produziert.
Doch in manchen Punkten hatte er recht, dazu stand er und das sollten wir respektieren. Nicht seine spätere Verbohrtheit, sondern den Patienten wie seinen besten Freund zu behandeln. Wer schreibt sich das heute noch auf seine Fahnen, dies wird nur noch in so mancher Webseite von Medizinern vorgegaukelt…

#3 |
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Herr Schmehl, ich bitte Sie,
warum bitte Mitgefühl mit jemand, der die gesamte Ärzteschaft mit Schmutz bewirft.
Ich wüsste nicht, was man von ihm lernen könnte,
ausser Privatpatienten auszunehmen.

#2 |
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Reinhard Schmehl
Reinhard Schmehl

” Julius Hackethal verstarb am 17. Oktober 1997 im Alter von 75 Jahren an den in die Lunge gewanderten Metastasen seines ¿Haustierkrebses¿.

Anstatt eine andere Meinung/ anderes Vorgehen kritisch zu würdigen und/ oder einfach objektiv darzustellen bzw. zu informieren, zeigt der letzte Satz, wie voreingenommen unsere Medizinerwelt eigentlich wirklich ist. Anstatt Mitgefühl mit einem mutigen Menschen zu haben und zumindest seine Kritik am – wie ich finde – zu Recht kritisierten, oft kaltem, Arzt-Patient-Verhältnis zu würdigen, wird die von Julius Hackethal vertretene Alternativmedizin wieder nur negativ konnotiert. Schade eigentlich um einen anfangs sehr gelungenen Artikel.

#1 |
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