Lehrpraxis – das Heidelberger Modell

26. November 2008
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Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass angehende Mediziner nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch in ausreichendem Maße praktische Erfahrungen sammeln sollten. Und das haben auch die meisten Universitäten glücklicherweise begriffen.

So werden sowohl in der Vorklinik, als auch im klinischen Abschnitt des Studiums an vielen Unis die Studierenden in akkreditierten (Hausarzt)Praxen ausgebildet. Eine herausragende Position nimmt bei dieser Aufgabe (mal wieder) die Universität Heidelberg ein. Seit vielen Jahren bietet sie Studierenden der Humanmedizin in der Vorklinik die Möglichkeit, bei niedergelassenen Hausärzten zu hospitieren.

Doch was müssen die Hausarztpraxen eigentlich für Voraussetzungen erfüllen, um überhaupt in den Stand einer „Lehrpraxis“ erhoben zu werden? Und eignen sich denn auch alle Studierenden schon in jungen Semestern zu „Helfern“ in der Praxis? Diese und andere interessante Fragen haben wir für euch mit Herrn Dr. med. Rainer David geklärt. Herr Dr. David arbeitet seit Jahren in einer eigenen Hausarztpraxis (Allgemeinmedizin) in Söllingen bei Karlsruhe und stand uns dankbarerweise für ein kleines Interview zur Verfügung.

DC Campus: Lieber Herr Dr. David, seit einiger Zeit darf sich Ihre Praxis für Allgemeinmedizin in Söllingen bei Karlsruhe “Lehrpraxis der Universität Heidelberg” nennen. Welche Kriterien muss man denn erfüllen, um solch einen Titel verliehen zu bekommen?

Dr. Rainer David: Den Titel “Lehrpraxis der Universität Heidelberg” bekommt man auf Antrag und nach einem Prüfverfahren, welches sich in zwei Teile gliedert. Zuerst muss durch einen Fragebogen die notwendige “Infrastruktur” nachgewiesen werden. Dabei wird nach Praxisgröße und -ausstattung, personeller Besetzung, Leistungsspektrum und auch nach der Patientenstruktur gefragt. Erfüllt man die Kriterien, wird die Praxis von einem der verantwortlichen Lehrärzte (in meinem Fall Dr. Engeser) besucht, der sich vor Ort noch einmal die Praxis anschaut, und sich in einem persönlichen Gespräch von der Eignung, Motivation und Bereitschaft des zukünftigen Lehrarztes überzeugt. Sind diese Kriterien erfüllt, wird man für drei Jahre als Lehrpraxis ernannt. In dieser Zeit sind regelmäßige Fortbildungen in einem speziellen Qualitätszirkel und natürlich die Teilnahme am Tag der Allgemeinmedizin in Heidelberg nicht nur gefordert, sondern für mich persönlich auch selbstverständlich. Nach drei Jahren wird dann die Ernennung überprüft und rezertifiziert.

DC Campus: Bringt denn der Titel Ihrer Meinung nach auch einen wirtschaftlichen Nutzen mit sich, oder dient er letztendlich nur als Qualitätsmerkmal und “Schmuck”?

Dr. Rainer David: Natürlich bekommen wir eine Aufwandsentschädigung, aber einen wirtschaftlichen Nutzen sehe ich darin nicht. Für mich ist dies auch gar nicht wichtig. Für mich steht es im Vordergrund, angehenden Kollegen von Beginn ihrer Ausbildung an neben der Freude und der Schönheit des Berufes auch die Vielfalt der Patienten “draußen auf der grünen Wiese” vorzustellen.

DC Campus: Die Universität Heidelberg bemüht sich seit vielen Jahren, gerade Studierende im vorklinischen Abschnitt des Medizinstudiums schon mit der Materie „(Hausarzt)Praxis“ hautnah in Berührung zu bringen und kleine Hospitationen diesbezüglich anzubieten. Eine vernünftige Sache in Ihren Augen?

Dr. Rainer David: Ich habe, um dies vorweg zu nehmen, in Witten/Herdecke studiert und dort eine sehr enge Ausbildung durch Ärzte, sowohl im Krankenhaus, als auch in der Praxis, bekommen. Für mich ist dies eine absolut vernünftige Sache. In den Krankenhäusern und Universitäten bekommt der Student und natürlich auch der Arzt ein sehr selektiertes Patientengut zu sehen. In der Allgemeinmedizin sehen wir sehr viele Patienten, die nicht unbedingt im Facharzt-, Klinik- und Universitärenbereich zu sehen sind. Diese machen jedoch den Hauptteil der Patienten aus, und deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass an der Universität frühzeitig auch dieser Bereich der Medizin vorgestellt wird. Zusätzlich können Studierende in keinem anderen Bereich so intensiv und ausführlich den normalen Patienten beobachten, einschätzen und kennen lernen und dabei von erfahrenen Praktikern begleitet werden.

DC Campus: Wie viel Verantwortung übertragen Sie denn selbst jungen Studierenden, die in Ihrer Praxis hospitieren? Kann man über das Auskultieren oder beispielsweise das Verbandwechseln hinaus überhaupt schon kleine Tätigkeiten anbieten?

Dr. Rainer David: Selbstverständlich ist dies möglich. Wir müssen jedoch unterscheiden, wie weit der Studierende im Studium vorangeschritten ist. Ich halte nicht viel davon, Studierenden bereits im ersten Semester irgendwelche Aufgaben zu übertragen. Es geht für mich am Anfang viel mehr um die Beobachtung des Patienten, der Arzt- und Patienteninteraktion, sowie die Einschätzung des Patienten zu erfahren. In den späteren Semestern, wenn der Studierende auch mehrere Tage in der Praxis ist, werden ihm nach Einverständnis des Patienten Aufgaben übertragen, wie Blut abnehmen, EKG schreiben, ebenso wie die selbständige Befragung des Patienten, der Entwicklung eines Diagnostik- und Therapieplans. Diese Tätigkeiten werden selbstverständlich von mir überwacht. Ich möchte von Anfang an die Selbstständigkeit und Verantwortung des Studierenden fördern, ebenso wie sein Wissen und die Freude am Beruf.

DC Campus: Das klingt ja wirklich vorbildlich! Sehen Sie denn aber deutliche Unterschiede im souveränen Umgang der Studierenden mit Ihren Patienten? Würden Sie notfalls auch mal ganz ehrlich sagen: „Also…bitte sei mir nicht böse, aber ich glaube nicht, dass du für diesen Beruf wirklich geeignet bist!“?

Dr. Rainer David: Es gibt deutliche Unterschiede der Studierenden im Umgang mit den Patienten. Das resultiert aus der persönlichen Entwicklung des Einzelnen, der Lebenserfahrung, ebenso wie dem Wissen des Studierenden. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Zu Beginn des Studiums, also in den ersten Semestern, würde ich sehr vorsichtig sein mit der Beurteilung der Studenten. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, die Eignung des Berufes zu beurteilen. Ich möchte vielmehr dem Studierenden die Vielfalt des Berufes, die Aufgaben, Schwierigkeiten, Probleme und auch die schönen Dinge des Berufes nahe bringen. Im persönlichen Gespräch kommt es dann auch zu einer Diskussion über die Auswahl des Studiums, des Berufes und der späteren Tätigkeit. Die Beurteilung, ob der Studierende geeignet ist, möchte ich gerade am Anfang ungern vornehmen – vor allem, da der Beruf des Arztes so vielfältig ist.

In den späteren Semestern geht es dann natürlich auch um eine Beurteilung des Wissens, des Könnens und der Fähigkeiten des Studierenden. Dort kann man dann im Gespräch darauf eingehen, ob der Beruf – oder welcher Bereich des Berufes – für den Studierenden geeignet ist.

DC Campus: Ganz zum Schluss: Wie schätzen Sie persönlich den Beruf des “Hausarztes” (Allgemeinmediziners) ein? Ist dies immer noch eine interessante und “lohnenswerte” Facharztrichtung?

Dr. Rainer David: Für mich ist der Beruf des Hausarztes (m)ein Traumjob. Auch wenn viel Negatives zu hören ist, der Beruf ist äußerst vielfältig, interessant und hat sehr viele schöne Seiten. Die Dankbarkeit eines Patienten oder sogar einer ganzen Familie, die man ein Leben lang betreut, ist zwar kein Gehalt in Euro und Cent, aber lohnend und erfüllend ist diese Arbeit aus meiner Sicht auf jeden Fall. Wie es mit dem Verdienst und der Arbeitsbelastung aussieht, das wird sich in den nächsten Jahren entscheiden. Aber ich persönlich sehe die Dinge positiv und kann zu dem wunderschönen, spannenden Beruf des Allgemeinarztes nur raten. Ich empfehle jedem, sich mit diesem Beruf intensiv zu beschäftigen, bevor er als unrentabel abgetan wird.

Kontakt:

Dr. med. Rainer David, Rittnertstraße 1, 76327 Pfinztal, Tel.: 07240 / 1459

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