Trotz aller Hürden

26. November 2008
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Vorlesung Gynäkologie um acht, danach Chirurgiepraktikum und zum Abschluß noch das Seminar Allgemeinmedizin bis um sechs Uhr abends! Und dazwischen Windeln wechseln, Babyfläschchen wärmen und aufgeschürfte Knie versorgen. Geht das überhaupt?

„Ja, es geht…“ – behauptet Annalena Zimmermann, selbst alleinerziehende Mutter eines zwei Jahre alten Sohnes – „…aber nur mit viel Organisationstalent und etwas Hilfe von außen.“ Das Medizinstudium hat den Ruf, eines der kinderunfreundlichsten Studiengänge zu sein. Vermutlich nicht ganz zu unrecht. Auch nach der Vorklinik geht es oftmals straff verschult in den klinischen Fächern weiter: feste Kurszeiten, unflexible Professoren und anwesenheitspflichtige Vorlesungen.

Sollte dies etwa der perfekte Zeitpunkt für die Familiengründung sein? Diesen Zeitpunkt gibt es im Leben leider (fast) nie. Aber immerhin jede vierzehnte Studentin und jeder sechzehnte Student hat ein Kind. Viele entscheiden sich auch ganz bewußt, die Familiengründung schon während des Studiums zu beginnen. „Ich habe während des Studiums mehr Zeit für Moritz als wenn ich im Praktischen Jahr bin oder während ich als Ärztin arbeite. Ich möchte die ersten Jahre viel Zeit mit meinem Kind verbringen, das geht jetzt am besten.“ berichtet Annalena Zimmermann. Damit spricht die Alleinerziehende ein Problem an, dass für viele Mütter und Väter eine große Hürde darstellt: das Praktische Jahr.

Im PJ wird eine tägliche Anwesenheit auf der Station oder im OP erwartet. Der Tag beginnt früh und endet nicht selten erst am sehr späten Nachmittag. Wer keine ständige Betreuung seiner Kinder garantieren kann, für den bieten viele Universitäten ein „Teilzeit-PJ“ an. Mit weniger Wochenstunden, die der PJler sich eventuell sogar frei einteilen kann, ist die Versorgung der Kinder häufig besser zu realisieren. Dafür muß der PJler allerdings sein Praktikum um ein halbes Jahr verlängern.

Wichtig sowohl für Alleinerziehende aber auch für junge Familien ist es, ein großes soziales Netzwerk zu haben und auch zu pflegen. Denn wenn das Kind erkrankt oder die vorhergesehene Betreuung ausfällt, muß man ein Umfeld haben, auf das man sich verlassen kann und das in Notsituationen der rettende Anker ist. “Besonders schwer ist es zu der Zeit der Prüfungen. Lernen kann ich erst am Abend, wenn Moritz in seinem Bettchen schlummert. Da bin ich froh um jede Minute, die er mal bei seinem kleinen Freund spielen kann oder ein Kommilitone auf ihn aufpasst.“

Nicht nur die Anwesenheitspflicht des Studiums stellt die jungen Eltern vor große Herausforderungen, auch finanziell sind einige Hürden zu bewältigen. Monetäre Hilfe gibt es zum Beispiel in Form des Elterngeldes. Mindestens 300 Euro stehen der jungen Familie zwölf Monate lang zu. Ein Nebenjob von maximal dreißig Wochenstunden kann ohne Kürzung des Elterngeldes ausgeübt werden. Auch Bafög wird nicht mit dem Elterngeld verrechnet, allerdings entfällt der Baföganspruch, sollte man das Studium länger als drei Monate unterbrechen.

Eine weitere finanzielle Hilfe stellt das Kindergeld dar, das man bei der örtlichen Familienkasse beantragen muß. Für sozial schwache Eltern gibt es darüber hinaus noch die Möglichkeit, einen Kindergeldzuschlag zu beantragen. Hier wird einkommensabhängig noch bis zu 140 € monatlich mehr ausgezahlt.

Eine Besonderheit gibt es in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen. Hier können Eltern nach Beendigung der Zahlung des Elterngeldes auf ein Landeserziehungsgeld zurückgreifen.

„Trotz aller Hürden“ sagt Annalena Zimmermann und schaut zufrieden auf ihren friedlich spielenden Sohn „Ich würde es immer wieder so machen.“

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