Make-up für klinische Studien

28. November 2008
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Wer sich auf Ergebnisse veröffentlichter Studien verlässt, kennt nur die halbe Wahrheit. Ein Viertel der Studien von bereits zugelassenen Medikamenten ist auch nach fünf Jahren nicht publiziert. Berichtete Ergebnisse weisen verdächtige Diskrepanzen zum Original auf.

Wird in den USA die Zulassung eines Medikaments begehrt, erfordert dies die Beantragung bei der Food and Drug Administration (FDA) durch so genannte New Drug Applications (NDAs). Diese enthalten u.a. entsprechende Wirksamkeitsstudien. Ein Viertel der darin enthaltenen Studien bekommt jedoch kein Mediziner je zu Gesicht, ergab eine Untersuchung von Wissenschaftlern um Lisa Bero der Universität von Kalifornien in San Francisco (PLoS Medicine 2008; 5: e217; doi 10.1371/journal.pmed.0050217). Offenbar sind deren Ergebnisse häufig nicht gut genug, um veröffentlichungswürdig zu sein. In renommierten Fachjournalen veröffentlichte Studienergebnisse sind dafür verändert und geschönt.

Glaube keiner Studie…

Die Forscher hatten den Publikationsstatus von insgesamt 164 Wirksamkeitsstudien, die Inhalt von 33 freigegebenen NDAs waren, untersucht. Nur 78 Prozent dieser Studien waren innerhalb von fünf Jahren nach Einreichung bei der FDA publiziert worden. Der Vergleich von Studienergebnissen, statistischer Signifikanz und Schlussfolgerungen der Publikationen mit den Originalstudien der NDAs ergab allerdings interessante Diskrepanzen. Von 43 in den NDAs berichteten primären Endpunkten, die keinen signifikanten Nutzen einer Arznei nachweisen konnten, fand sich nur knapp die Hälfte in Veröffentlichungen wieder. Von den verbleibenden 23 Endpunkten unterschied sich bei fünf die statistische Signifikanz von NDA und Veröffentlichung mit positiverer Darstellung des Medikaments in der Veröffentlichung. Neun von 99 Schlussfolgerungen klangen in veröffentlichten Studien anders und irgendwie schöner als im Original.

…die du nicht selbst gefälscht hast

Publikationsbias, so das wissenschaftliche Wort für einen eigentlich nichtwissenschaftlichen Sachverhalt, und selektive Berichterstattung bedeuten, dass auf die zugängliche Fachliteratur kein Verlass ist, da sie häufig unvollständig und fehlerhaft ist. Unterschlagung von Studien und eine selektive Veröffentlichung von Ergebnissen wurden bereits bei vielen Wirkstoffen bemängelt und z.B. unlängst für die Antidepressiva Prozac und Paxil aufgedeckt (NEJM 2008; 358: 252-260). Der Sachverhalt ist ähnlich: Ein Drittel von 74 FDA-registrierten Studien zum Erlangen der Zulassung wurde nicht veröffentlicht. Die Veröffentlichung richtete sich dabei offenbar nach dem Ergebnis. In den Publikationen hatten 60 Prozent der Patienten mit antidepressiver Therapie eine Verbesserung der Symptome erfahren, während dies nur 40 Prozent der Studienteilnehmer mit Plazebobehandlung waren. Unter Berücksichtigung der weniger positiven nicht veröffentlichten Studien indes sank der Nutzen der Antidepressiva.

Rosarote Brille auf Verordnung?

Kein Wunder: Bereits frühere Metaanalysen mit veröffentlichten Studien zu Antidepressiva belegten keinen großen Nutzen. Eine realistischere Darstellung von Ergebnissen gelang Irving Kirsch der Universität Hull in England. Der Forscher bezog auch nicht veröffentlichte Zulassungsdaten der FDA von vier Antidepressiva in eine Metaanalyse ein (PLoS Med 2008; 5: e45). Dies waren die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Fluoxetin und Paroxetin und die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin. Die Analyse von 35 zugrunde gelegten klinischen Studien mit über 5.000 Patienten ergab, dass eine sechswöchige Therapie nur wenig wirksamer als eine Plazebobehandlung war. Die beste Wirkung wurde bei Patienten mit schwerer Depression erzielt, weshalb die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) vor dem Verzicht auf diese Medikamente warnte.

Forderung: Mehr Transparenz

Wie sollen sich angesichts dieser Praktiken selbst die fortbildungswilligsten Ärzte ein realistisches Bild über Arzneimittel machen und Patienten mit dem wirksamsten Mittel behandeln? Wer kauft ein Produkt, geschweige denn ein Medikament, dessen Nützlichkeit am Ende gar nicht belegt ist? Mehr Transparenz fordert deshalb nicht nur der Editorialist An-Wen Chan der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, in derselben Ausgabe der Zeitschrift. Der nicht gerechtfertigte Einsatz von Medikamenten verursache unnötige Kosten. Nachzudenken wäre vielleicht auch einmal über das Thema Verantwortung – gegenüber Ärzten, Patienten und Studienteilnehmern.

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13 Kommentare:

Julia Heidelberg
Julia Heidelberg

Tja, es wundert mich nicht, dass Studien geschönt werden. Was mich wundert, ist, dass die SSRIs und der SNRI so wirkungslos sein sollen. Als Patientin, die Venlafaxin einnimmt und auch einige andere kennt, die eines der genannten Medikamente nehmen, kann ich die Wirksamkeit der Antidepressiva nur betonen. Meine Lebensqualität wäre ohne Venlafaxin deutlich herabgesetzt.

#13 |
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@Wintzer: Leider beantwortet das meine FRage nicht. Sie gehören offensichtlich noch zur aussterbenden Spezies der Staatsgläubigen. Wie gut unser Staat mit Geld umgehen kann, können Sie sich ja zur Zeit bei der Bayerischen Landesbank (und den anderen 7 Landesbanken) ansehen. Staatlich kontrollierte Medikamentenforschung als Alternative? Da muss ich wirklich lachen… Danke für den guten Witz.

#12 |
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Dr. Anna Silke Limpert
Dr. Anna Silke Limpert

MRSA-Behandlung ohne Antibiotika? Klingt spannend, und so weit ich weiß, ist da auch nichts drüber veröffentlicht. Als Mikrobiologin würde mich sehr interessieren, wie das funktioniert, insbesondere bei immungeschwächten Patienten. Bitte mehr dazu posten!
Grüße, A. Limpert

#11 |
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Anette Minarzyk
Anette Minarzyk

Was wird denn hier als Publikation gezählt? Fachartikel in nationalen/internationalen Journals,oder auch Vorstellung von Daten auf Kongressen (mit entprechendem Abstract in den jeweiligen Proceedings), Online-Publikation etc.? Soweit mir bekannt ist, müssen die Ergebnisse von Zulassungsstudien innerhalb eines Jahres (Kinder und Jugendliche halbes Jahr) nachdem der letzte Patient die Studie abgeschossen hat, auf den öffentlich zugänglichen Seiten der FDA gepostet werden. Hat man die mit einbezogen? Und was man dazu vielleicht auch wissen sollte, ist dass, wenn diese Daten einmal gepostet sind, sich viele Journals weigern, noch entsprechende Paper zu akzeptieren, mit dem Argument, dass die Daten ja schon publiziert sind.

#10 |
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Florian Hinz
Florian Hinz

In unserem Gesundheitssystem verkündet die Pharmaindustrie kontinuierlich bessere Betriebsergebnisse.
Ärzte sind bei diesem Thema sicher nicht die unschuldigen Lämmer. Wer mit Wölfen heult wird ggf. gefressen.
Auch Ärzte erwecken den Eindruck, sie seien primär an einer Verbesserung ihrer persönlichen Betriebsergebnisse interessiert. So wird Mensch ein (williger) Erfüllungsgehilfe.

#9 |
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Habe mich vertippt . Jeder dieser Studien bzgl. psychopharmaka fand an patienten statt, die NIEMALS zwangseingewiesen werde. Ich hatte noch nie Psychiatriepatienten, die ich guten Gewissens ohne Medikation hätte laufen lassen wollen. Meine waren immer krank und SEHR behandlungsbedürftig.

#8 |
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Ich habe 5 jahre lang wie ein Sklave für meinen Chef, der die üppige kohle kassiert hat, an einer Atorvastatin-Studie zur prophylaktischen Wirkung bei Schlaganfällen gearbeitet. Die Studienarbeit war extrem aufwändig, das Design superkompliziert. als mein Chef die klinik verließ, die Studie dann wegen fehlender “serious adverse advents” um ein Jahr verlängert werden sollte und ich immer noch kein Geld gesehen hatte, habe ich die Patienten überredet, der Verlängerung nicht zuzustimmen. Als Psychologiestudentin habe ich an einer ebenfalls gefälschten Studie teilgenommen. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß all diese pharmagesponsorten Studien Mist sind, ich war mal mit einem Studienleiter liiert. Die Pharmariesen halten uns angestellte und selbständige Ärzte für idioten ! Keine dieser vielen Studien speziell in der psychiatrie finden an differenzierten und kooperativen patienten statt, die so gesund sind, daß man sie trotz ethischer Bedenken ohne medikation laufen lassen kann. Das hat rein gar nichts mit meiner Realität auf einer geschlossenen Psychiatrischen Aufnahmestation auf dem land zu tun. Seroquel ist toll – 100 mg bei Depressiven zum Schlafen wirkt. Bei Psychosen: Fehlanzeige!! Abilify bei gereizten Manikern : das sollte ich mir mal montags morgens spritzen lassen, wenn ich die 10 Aufnahmen vom Wochenende “verarbeite”. Ich fahre seit 21 jahren gut damit, eigene Erfahrungen mit medikamenten zu machen und ich halte alle Pharmareferenten für arme Schweine, die oft wider besseres Wissen Mist unters Ärztevolk streuen müssen. Zornige Grüße Astrid

#7 |
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Heilpraktiker Sonja Langer
Heilpraktiker Sonja Langer

Hallo Herr Dr. Müller,

bin HPA, hatte 10 Revisionen wegen MRSA, mich interessiert es sehr wie Sie ohne Antibiotika behandeln. Bitte um Kontaktaufnahme. Danke, Sonja Langer

#6 |
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Harry Plewa
Harry Plewa

Nun Ja zur Ehrenrettung der Wissenschaftler sollte dann aber auch erwähnt werden, dass einige Journals eingereichte Studien einfach nicht Veröffentlichen, wenn die Ergebnisse nicht gut genug sind….
Von daher ist der Fehler meiner Meinung nach nicht unbedingt auf Seiten der Wissenschaftler zu suchen, sondern bei den Medien, diese haben viel mehr Macht Ergebnissen Raum zu geben, in Kenntnis dieser Verhältnisse werden viele Studien gar nicht mehr eingereicht wenn der Benefit des getesteten Arzneimittels zu klein ist.
Wenn dies wie hier richtig bemängelt wird, dann sollte eine Möglichkeit geschaffen werden solche Ergenisse auch angemessen zu Publizieren. Also eine Art Jounal of Mistakes and Errors.
Wenn dann diese Ergebnisse nicht veröffendlicht werden dann kann man immer noch auf die Wissenschaftler einhauen. Die Teams die wir kennen sind darauf angewiesen zu publizieren und würden sich sicher freuen wenn eine Möglichkeit vorhanden wäre.

Thema richtig aber auf die falschen eingeprügelt.

#5 |
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Ärztin

Dr. Rolf Müller;
bin Heilpraktikerin und Medizinstudentin. MRSA-ohne Antibiotika – das ist sehr interessant und überaus spannend und beschäftigt mich. Bitte nehmen Sie Kontakt zu mir auf!
danke R. Häckel

#4 |
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Florian Herrle
Florian Herrle

sehr erfreulich, daß dieses Thema auch einmal auf einem breiten Forum wie doccheck dargestellt wird.
das problem des selektiven berichtens(selective reporting) von ergebnissen stellt z.B. auch beim erstellen von übersichtsarbeiten einen wichtigen faktor dar, zu entscheiden, wie vertrauenswürdig/valide ergebnisse einer studie sind.
Was tun?: gesunder skeptizismus und sich ein schema aneignen, mit dem man zuverlässig die validität von studien beurteilen lernt: (“critical appraisal”). Z.b. in einem workshop zum thema Evidence-Based-medicine (Infos hierzu z.B. unter http://www.dnebm.de, http://www.cochrane.de)

#3 |
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rolf müller
rolf müller

“Wer hat bereits zu diesem Thema wissenschaftliche Forschungen veröffentlicht?” – das war die Standardaussage unseres Chefarztes am Krankenhaus, wenn wir junge Assistenten mal neue,alternative Wege beschreiten wollten…
Die gleiche Mischung aus Ignoranz, Überheblichkeit und Blauäugigkeit den pharmakologischen “Forschungen” gegenüber – ist auch heute noch an vielen Häusern üblich …und so ist es nicht verwunderlich, daß solche Meilensteine wie die erfolgreiche Behandlung von MRSA-Patienten – ohne Antibiotika – einfach nicht zur Kenntnis genommen werden. Hippokrates ade!

#2 |
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Simon Schmitt
Simon Schmitt

Na wen wunder das ? Nur was tun ?

#1 |
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