Delir-Prävention: Narkose überwachen

19. September 2013
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Orientierungslosigkeit, Angst und Halluzinationen sind Anzeichen von Delir, die auch nach einer größeren OP vorkommen können. Von dem postoperativen Delir sind besonders ältere Menschen betroffen. Forscher präsentieren nun aktuelle Ergebnisse zur Prävention.

In einer großen randomisierten kontrollierten Studie mit 1.155 über 60-jährigen Patienten konnte gezeigt werden, dass eine Elektroenzephalografie bei der Narkoseüberwachung die Delir-Häufigkeit signifikant um 22,9 Prozent senken kann. „Da nur wenige therapeutische Maßnahmen für das postoperative Delir verfügbar sind, ist eine derartige Prävention die beste Option“, kommentiert Professor Dr. med. Christian Werner, Präsident der DGAI, den Stellenwert der Forschungsarbeit.

Verwirrtheitszustände nach Operationen treten in bis zu 70 Prozent der Fälle auf. Der Krankheitszustand und das Alter des Patienten sowie die Art des Eingriffes sind beeinflussende Faktoren. Die betroffenen Patienten haben ein erhöhtes Risiko, längerfristig kognitive Einschränkungen davon zu tragen. Häufig ist damit ein erhöhter Pflegebedarf verbunden. Die Sterblichkeitsrate ist ebenfalls erhöht.

Delir-Häufigkeit kann deutlich reduzieren

In einer randomisierten kontrollierten Studie hat Prof. Spies von der Charité – Universitätsmedizin Berlin zusammen mit ihren Kollegen gezeigt, dass die postoperative Delir-Häufigkeit durch ein EEG-gestütztes Neuromonitoring der Narkosetiefe signifikant gesenkt werden kann. Dabei wird die elektrische Aktivität des Gehirns gemessen, indem Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche aufgezeichnet werden. Insgesamt 1.155 Patienten, die älter als 60 Jahre waren, wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Bei der Interventionsgruppe (n=575) haben die Anästhesisten während der Operation die Narkosetiefe mittels EEG überwacht. Bei der Kontrollgruppe (n=580) wurde das Monitoring verblendet. „Das EEG zeigt die Auswirkung der Narkose auf das Gehirn. Dies gibt uns die Möglichkeit, die Anästhesie präziser zu führen, Zustandsänderungen des Patienten während der Narkose zu erfassen und darauf zu reagieren”, führt Spies aus. In der Gruppe mit EEG-Monitoring wurden bei 16,7 Prozent der Patienten nach dem Eingriff Verwirrtheitszustände festgestellt. Der Anteil der Kontrollgruppe betrug dagegen 21,4 Prozent. „Aus der Studie geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit für ein postoperatives Delir mit einem entsprechenden Monitoring um 22,9 Prozent niedriger ausfiel“, ergänzt Priv.-Doz. Dr. Finn M. Radtke, Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Die Studienergebnisse wurden in der internationalen Fachzeitschrift British Journal of Anasthesia veröffentlicht.

Bedeutender Stellenwert der Prävention

Angesichts der Tatsache, dass das postoperative Delir mit einem erhöhten Risiko für kognitive Störungen und Sterblichkeit einhergeht und die Therapieoptionen nicht zufriedenstellend sind, steht die Krankheitsprävention im Vordergrund. „Die Forschungsarbeit liefert daher wertvolle Hinweise, wie die Anwendung anästhesiologischer Überwachungsmethoden die Krankheitsentstehung beeinflussen kann“, sagt Werner und führt weiter aus: „Für den Patienten kann dies ein Plus an Lebensqualität, wenn nicht sogar eine höhere Überlebenschance bedeuten.“

Originalpublikation:

Monitoring depth of anaesthesia in a randomized trial decreases the rate of postoperative delirium but not postoperative cognitive dysfunction
F. M. Radtke et al.; British Journal of Anasthesia, doi:10.1093/bja/aet055; 2013

39 Wertungen (4.33 ø)

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4 Kommentare:

Lieber Herr Rieth, Ihr herablassender Tenor gegenüber der Kollegin Canz schmälert Ihren inhaltlich klugen Beitrag.

Aber zum Thema:
Es ist sicher die Kunst unserer Anästhesiekollegen, die richtige Narkosetiefe – nach Bedarf – abzuschätzen und letztlich auch nicht nur situativ an die OP-Phase angepasst, sondern auch individuell an den Narkosemittel-Bedarf des Patienten angepaßt zu erzielen.

Beim Lesen des Artikels fiel mir ein anderer Vorteil des Abschätzens der narkosetiefe ein: Ein Monitoring würde Awareness verhindern können, – nun, zumindest evident werden lassen.
Lange hielt ich diese bewußte Wahrnehmung während vermeintlicher Anästhesie und Bewußtseinsausschaltung für ein sekundäres Problem, – verniedlichend eine “kleine Unannehmlichkeit in der Aufwachphase ???
Bis mir ein besonders krasser Fall zur Begutachtung geschickt wurde:

Pat, Z.n. diversen OPs, unterzog sich neuerlichem Eingriff (WS-Problematik) in i.v. Narkose, vollständig relaxiert aber Narkosemittel und Analgetikum waren (bei schlechten Venenverhältnissen) para gelaufen. Sie war glockenwach und relaxiert restlos unfähig, diesen Horror mitzuteilen. Sie erlebte alle Schmerzen des Eingriffs, alle Gespräche im OP, alle Furcht. Es dauerte sehr (!) lange, bis das Verrutschen der Braunüle bemerkt wurde (die Anästesie erkannte die Tachykardie) und ihr ein neuer Zugang im Fussrücken gelegt wurde.
Sie war später in tiefstem PTBS für sehr lange Zeit.

Awareness exists. Öfter als angenommen. Wäre durch ein entsprechendes Monitoring vermeidbar.

Lieben Gruß

#4 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

nun liebe frau canz, da sollten sie sich mal ein bisschen schlau machen, nicht ?
als chirurgin sind sie schließlich mit verantwortlich, wie ihre patienten aus der narkose erwachen. wenn sie ein paar worte mehr gelegentlich mit ihren patienten wechseln, werden ihnen bei einem teil ihres klientels, und nicht nur bei älteren patienten die unterschiede präoperativ versus postoperativ mit sicherheit auffallen.
falls ihre aussage sich auf eine eventuelle degeneration, prädisposition oder prädestination beziehen, ändert dies am ergebnis des postoperativen delirs leider nichts

#3 |
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Brigitte Canz, Chirurgin
Brigitte Canz, Chirurgin

Ich frage mich, ob die postoperative Verwirrtheit nicht viel mehr Zeichen einer bereits vorbestehenden Einschraenkung der geistigen Faehigkeiten ist. Das wuerde sowohl die zunehmende Haeufikeit mit steigendem Alter das Patienten, als auch die Haeufung laengerfristiger kognitiver Defizite nach einem Delir erklaeren. Was ist Ursache und was Wirkung?

#2 |
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Sehr interessanter Artikel. In der Originalpublikation wird zusätzlich berichtet, dass die Häufigkeit sehr tiefer Narkosephasen mit der Häufigkeit von postoperativen Verwirrtheitszuständen korreliert.

#1 |
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