Laufen bis der Arzt kommt

28. November 2008
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Schweizer Sportmediziner analysieren die Folgen des 1.200 km langen Deutschlandlaufs für die Teilnehmer. Nicht nur Muskel- und Fettmasse der Läufer nehmen erheblich ab - auch ist eine massive Wassereinlagerung im Körper der Sportler zu verzeichnen.

Für die Ostschweizer Metropole St. Gallen zählt Laufssport zu den eher liebevoll gehaltenen Aktivitäten: Seit 25 Jahren messen sich Sportler beim Altstadtlauf, mitmachen kann dabei jeder, ob Kind, ob Greis. Doch im Vergleich dazu hat das, was Mediziner des Gesundheitszentrums St. Gallen gemeinsam mit Wissenschaftlern am Biozentrum Basel und der Universität Zürich unter die Lupe nahmen, vollkommen andere Dimensionen – und könnte Extremsportveranstaltungen nachhaltig verändern.
Tatsächlich deckt eine im Fachblatt Journal of Sports Science and Medicine (JSSM) veröffentlichte Studie der Schweizer erstmals im Detail auf, wie massiv die gesundheitlichen Auswirkungen während des Deutschlandlaufs sind. Zweifelsohne, das Rennen gilt als eins der härtesten der Welt. 1.200 Kilometer in 17 Etappen müssen die Sportler bewältigen, allein die Teilnahme zählt als Erfolgt. Wer zudem in Kap Arkona auf Rügen startet und irgendwann in Lörrach das finale Ziel erreicht, kann stolz auf sich und seine Leistungen sein – und sicher, seinen Körper in enormen Risiken ausgesetzt zu haben.

Reduktion der skelettalen Muskelmasse

Die Befunde der Schweizer nämlich sprechen für sich. Zwar nahm bei den Aktiven des Deutschlandlaufs erwartungsgemäß die Körperfettmasse beachtlich ab. 3,9 Kilogramm weniger Fett brachten die Sportler am Ende auf die Waage. Doch auch die skelettale Muskelmasse reduzierte sich um zwei Kilogramm und damit erheblich. Was die Sportmediziner zusätzlich überraschte war ein weiterer Aspekt. Die enorme Anstrengung der Läufer führte zu einer Anreicherung von Wasser im Gewebe – exorbitante 6,1 Prozent mehr an Flüssigkeit ließen sich nach den absolvierten 1.200 Kilometern im Körper der Sportler nachweisen. Dass die während des Laufs aufgenommene Flüssigkeitmenge nicht wie erwartet wieder ganz ausgeschieden wird, ergaben Messungen mit Hilfe der Bioelektrischen Impedanzanalyse (BIA), einem Verfahren also, das auf die unterschiedliche Leitfähigkeit von Gewebe für Wechselstrom basiert. Der Kuriositäten damit nicht genug. Denn entgegen der landläufigen Meinung verloren die beobachteten Extremläufer so gut wie keine Körpermasse – nur: die innere „Umschichtung“ des Organismus, bei der vitale skelettale Muskelmasse ebenso wie Fettgewebe abgebaut und in der Gesamtbilanz schlichtweg durch Wassereinlagerungen ersetzt wird, dürfte Mediziner und Veranstalter erschaudern lassen.

Nierenschäden nicht auszuschließen

Das „Auftreten von Rhabdomyolysen und damit verbunden von Nierenversagen“ sei zu befürchten, schreiben die Schweizer Autoren. Ihre Überlegungen und die Angst vor derartigen Komplikationen ist durchaus begründet, wie ein allgemeiner Blick auf die biochemischen Abläufe der Rhabdomyolyse zeigt. Das bei der Auflösung der Muskelfasern freiwerdende Myoglobin vermag nämlich die Niere zu schädigen, weil die im Myoglobin enthaltene Häm-Moleküle die Nierentubuli durch Pigmentzylinder verstopfen. Auch kann frei werdendes Eisen die Tubuluszellen in Mitleidenschaft ziehen. Als besonders pikant für die Läufer entpuppt sich an dieser Stelle die Zunahme des Wassers im Körper: Die damit verbundene Verschiebung der Flüssigkeit in den geschädigten Muskel führt womöglich zu einem Volumenmangel in den Gefäßen, was wiederum eine Minderdurchblutung der Nieren auslösen kann.

Anstieg des Plasmavolumens

Warum aber nimmt die eingelagerte Wassermenge überhaupt zu? Nach Ansicht der Sportmediziner aus St. Gallen kommt es infolge der enormen Belastung während des Rennens zu einer höheren Proteinproduktion des Körpers. Vor allem Albumin erhöht offensichtlich die Plasma-Protein Konzentration, und führt auf diese Weise zu einem höheren Plasmavolumen. Womöglich spielt aber auch die erhöhte Aldosteron-Aktivität der geschundenen Organismen eine wichtige Rolle. Das Hormon löst über komplizierte Mechanismen eine höhere Natriumionen-Retention aus, was letztendlich ebenfalls zum Plasmavolumen-Anstieg führen kann. Endstation auch dieser Kettenreaktion ist über Umwege der Nieren-GAU. Über solche Erkenntnisse der aktuellen Publikation werden sich Veranstalter von Extremsportevents in Zukunft Gedanken machen müssen, denn das Fazit der Sportmediziner ist deutlich: Für Extremläufer besteht eine ernstzunehmende Gefährdung der Gesundheit. Eine Tatsache, über die sich Teilnehmer des St. Gallener Altstadtlaufs hingegen auch in Zukunft keine Sorgen machen müssen: Ein 330 Meter Parcours für die Dreijährigen sowie die 8.800 Meter-Strecke der Erwachsenen reichen den Schweizern aus.

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Apothekerin Heidi Matter
Apothekerin Heidi Matter

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