Alzheimer? Tief durchatmen

5. Dezember 2008
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Cholinesterasehemmer, Memantine, Ginkgo? Schnee von gestern. US-Ärzte haben jetzt Patienten mit Morbus Alzheimer mit CPAP behandelt. Und siehe an: Es könnte die kognitiven Leistungen verbessern.

Die Diskussionen wurden oft geführt: Die medikamentöse Alzheimertherapie mit Cholinesterasehemmern und Memantine gilt zwar als wirksam. Zu dramatischen Verbesserungen mit relevanter Verzögerung der Krankheitsprogression aber führt sie eher nicht. An anderen Ansätzen wird reichlich geforscht, leider bisher mit nur mäßigem Erfolg. Der größte Hoffnungsträger, die Impfung gegen Amyloid beta, war in ihrer wirksamsten Variante zu gefährlich für die Patienten. Bei den Nachfolgeimpfungen ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, aber von Euphorie ist keine Rede mehr. Passivimpfungen mit Antikörpern gegen Beta-Amyloid sowie die Hemmung der Sekretase, die Beta-Amyloid aus Vorläuferproteinen erzeugt, werden ebenfalls in Studien untersucht. Auch hier gilt: Wohl wirksam, aber keine Revolution.

Auch bei Demenz: CPAP ist gut fürs Gehirn!

Kein Wunder also, dass andere weitersuchen – mitunter auch an ganz anderen Orten. Ärzte der Universität Kalifornien in San Diego wurden dabei im Schlaflabor fündig: Sie behaupten, dass sich die kognitiven Leistungen bei Alzheimer-Patienten durch CPAP verbessern lassen. CPAP (continuous positive airway pressure) ist bekanntlich eine Form der kontinuierlichen, nicht-invasiven Beatmung, die unter anderem bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe (OSA) zum Einsatz kommt. Die Kalifornier haben jetzt bei 52 Männern und Frauen mit mildem bis moderatem Morbus Alzheimer und OSA eine randomisiert-kontrollierte Studie gemacht, über die sie in der Zeitschrift Journal of the American Geriatrics Society berichten. Die Studie war so aufgebaut, dass zunächst die Hälfte der Patienten für drei Wochen mit CPAP behandelt wurde, die andere Hälfte nicht. Nach drei Wochen machten dann auch die ursprünglichen Placebopatienten CPAP, und zwar für weitere drei Wochen. Diverse Parameter zur Kognition zeigten am Ende der placebokontrollierten Phase einen Trend zugunsten der Beatmung. Wurde dann am Studienende die gesamte Gruppe im Vergleich zum Studienbeginn ausgewertet, erreichte die Verbesserung der kognitiven Parameter statistisch das Signifikanzniveau. Dass nach drei Wochen die Signifikanz bei positivem Trend noch verfehlt wurde, erklärt Studienleiterin Sonia Ancoli-Israel mit einer zu kleinen Gruppengröße. „Die Testergebnisse zeigen, dass wir eine Verbesserung beim verbalen Lernen und beim Gedächtnis, aber auch bei Exekutivfunktionen wie kognitiver Flexibilität und mentaler Verarbeitung haben“, so Anconi-Israel.

CPAP ist kein Antidementivum

CPAP scheint also zu wirken. Die Frage ist, warum. Zunächst einmal ist die Rolle der obstruktiven Schlafapnoe in dem Zusammenhang zu klären. Anconi-Israel schätzt die OSA-Quoten bei Demenzpatienten auf 70 bis 80 Prozent. CPAP wäre also keine Exotentherapie für eine wenig relevante Minderheit. „Dass OSA die Demenz verursacht, ist unwahrscheinlich“, so die Expertin. Eher glaubt sie, dass die mit der OSA einhergehenden, niedrigeren Sauerstofflevel und die Schlafstörungen die ohnehin schon begrenzten kognitive Funktion zusätzlich beeinträchtigen: „Die Studie legt zumindest nahe, bei Patienten, die gleichzeitig Demenz und obstruktive Schlafapnoe haben, einen Therapieversuch mit CPAP zu erwägen.“

Weniger Tagesschläfrigkeit

Dafür, dass es nicht um kausale Zusammenhänge, sondern um Co-Symptomatik geht, spricht auch eine andere Beobachtung. „Die Studie hat auch gezeigt, dass CPAP die Tagesschläfrigkeit verbessert“, sagt Professor Jody Corey-Bloom von der Abteilung für Neurowissenschaften an der UCSD. Tagesschläfrigkeit aber ist häufig bei Alzheimer-Patienten. Es ist aber auch ein typisches Symptom der obstruktiven Schlafapnoe. Die Wissenschaftler weisen noch darauf hin, dass bei Gesunden schon länger bekannt ist, dass CPAP-Beatmung auch Effekte auf die kognitiven Fähigkeiten hat. Vor allem aber warnen sie vor dem Reflex, sich bei Patienten mit Alzheimer gar nicht erst um eine mögliche Schlafapnoe zu kümmern, weil die nicht-invasive Beatmung bei diesen Patienten eh nicht in Frage komme. In einer früheren Untersuchung zumindest konnten Anconi-Israel und Corey-Bloom zeigen, dass ambulant versorgte Alzheimer-Patienten eine dauerhafte CPAP-Therapie in der großen Mehrheit sehr wohl tolerieren.

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Allgemein

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6 Kommentare:

Dirk Guenther
Dirk Guenther

Und wie fest muss man die Maske auf das Gesicht drücken, um einen CPAP zu erreichen?

#6 |
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Prof. Dr.  Alfred  Maelicke
Prof. Dr. Alfred Maelicke

Typische Journalistenstory! Erst werden die Mittel schlecht gemacht, bei denen Wirksamkeit nachgewiesen ist, und dann wird ein Verfahren gelobt, das noch weniger kann!
Es ist eher trivial, dass eine gute Sauerstoffversorgung – wie auch körperliche Betüchtigung, gute Durchblutung usw. – die Hirnaktivität fördern. Gut atmen, ja, ja.

#5 |
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Altenpflegerin

Ich finde das eine gute Idee, die man auf jeden Fall ohne großen Aufwand und vor allem ohne das negative Folgen zu erwarten sind, anwenden sollte.

#4 |
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Altenpflegerin

finde ich eine gute Sache, glaube dass es noch lange dauert bis es in Deutschland so weit ist und anerkannt wird

#3 |
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Sascha Kedor
Sascha Kedor

Die Untersuchung ist interessant.Was zuzufügen wäre, dass die Zellen für die ATP-Produktion nicht nur Sauerstoff brauchen sondern auch Glukose. Die Glukoseverwertungsstörung ist aber bei M.Alzheimer und anderen neurodegenerativen Erkrankungen offenbar ein Problem. Zu diesem Thema dringend nachzulesen wäre unter www. galaktose.de, wen eine einfache Therapieoption ohne Nebenwirkungen und ein anderer Kausalitätszusammenhang interessiert.

#2 |
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Dietmar LUCK
Dietmar LUCK

Interessanter Artikel, aber könnten Sie mal etwas näher erläutern, wie das mit der CPAP-Behandlung vor sich geht?

#1 |
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