Therapie auf der Web-Couch

5. Dezember 2008
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Ob Schlaflosigkeit, Depression oder Phobien – Interaktive Therapieprogramme via Internet  sind genauso erfolgreich wie die Sitzung beim Therapeuten. Aber sie erreichen mehr Patienten und sparen Kosten.

E-Therapie heilt nicht nur Patienten. Die Heilmittel vom National eTherapy Centre an der australischen Swinburn University könnten auch leidenden Gesundheitssystemen wieder auf die Beine helfen. Denn virtuelle Therapeuten erreichen den Patienten über das Netz ohne aufwändige Kosten für Praxis und Sprechstundenhilfen.

Virtuelle statt reale Therapiezentren

“Entzugskliniken für Raucher schließen” forderte bereits der Lancet 1985. Denn die individuelle Therapie für jeden einzelnen Patienten mag zwar zu besseren Erfolgsraten führen, hilft aber nur relativ wenigen Leute. Die Kosten für die Folgen des Tabakqualms verringern sich dabei nicht wesentlich. Programme, die den Entschlossenen bei seinem Vorhaben unterstützen, erreichen bei moderaten Kosten ein größeres Publikum. Das weiß beispielsweise auch Pfizer, der seinen Entwöhnungswirkstoff Vareniclin mit einem zugehörigen Online-Programm unterstützt. Über drei Monate hinweg informiert und ermutigt es den frischgebackenen Ex-Raucher und dokumentiert seinen Fortschritt. Mit entsprechenden Foren für Gleichgesinnte hilft es auch über Motivationstiefs und Rückfälle hinweg. Ähnliche Programme bieten inzwischen auch Krankenkassen und private Organisationen wie der Gesundheitsservice-Dienst xx-well an. Denn Studien zeigen, dass die Programme zumindest ebenso wirksam sind wie eine Gruppentherapie von aufhörwilligen Rauchern. 

Aber nicht nur Nikotinabhängigen kann inzwischen mit Entzugsprogrammen aus dem Monitor geholfen werden. Für psychische Störungen gibt es insbesondere auf dem englischsprachigen Markt erfolgreiche Angebote. “MoodGym“, das bekannteste, wurde inzwischen von 250.000 Benutzern in 203 Ländern regelmäßig angeklickt. Eine Spezialausgabe des Programms soll Angehörigen der Luftwaffe im Kampf gegen den Psychostress helfen. Wie andere Programme bei mentalen Problemen beruht MoodGym auf kognitiver Verhaltenstherapie und zeigt durch Diagramme und Online-Übungen den Zusammenhang zwischen Aktion und Stimmung. Durch Änderung ihrer Denkgewohnheiten ändert sich dann auch das Verhalten.

“Eine Therapie, die bisher beim Psychotherapeuten rund 500 Dollar kostete, ist im Netz nun für 35 Cent zu haben – im Wissen, das wir damit Millionen erreichen können.”, sagt Victor Stecher von der University Michigan und Gründer von HealthMedia. Die Firma hat sich auf die Entwicklung verhaltensbasierter Gesundheitsprogramme spezialisiert. Voraussetzung ist bei solchen Programmen lediglich ein Breitband-Anschluss ans Netz. Ein Eingangs-Fragebogen sortiert zuerst sämtliche Probanden aus, die vom betreffenden Programm nicht profitieren, entweder weil sie nicht in die Zielgruppe der Online-Therapie fallen oder so ernsthaft erkrankt sind, dass sie sofortiger persönlicher Hilfe bedürfen.

Kostenfaktor persönliche Betreuung

Nicht nur psychische Störungen sind das Ziel von Online-Therapieprogrammen. An der Universität von Virginia wurden spezielle Programme für Schlafstörungen (Shuti – Sleep Healthy Using The Internet) und ein Programm zur Schulung von Typ-1 Diabetikern (BGAThome – Blood Glucose – Awareness – Training at Home) entwickelt, die in nächster Zeit auch öffentlich zugänglich sein sollen – allerdings mit Unterstützung und Empfehlung des behandelnden Arztes. Beide Programme gehen weit über das Vermitteln von Informationen hinaus und enthalten Übungen, Selbst-Tests oder verlangen zum Beispiel das Führen eines Tagebuchs zu Schlafgewohnheiten oder Glukosespiegel. Je mehr Automatismus im Programm, desto preisgünstiger wird es für die Betroffenen. Programme des australischen eTherapy-Centers sind im automatischen Modus kostenlos. Mit Unterstützung eines Therapeuten kostet ein Kurs 120 australische Dollar (rund 60 Euro). Die Entwickler hoffen dennoch auf eine weite Verbreitung der assistierten Version. In Studien zeigte sich, dass sie ebenso wirksam ist wie die persönliche Behandlung beim Therapeuten. Bei 96 Phobie-Patienten ergaben sich in einer Studie vergleichbare Erfolgsraten.

Deutschland: Telefon statt Computer

In Deutschland ist e-Therapie noch weitgehend unbekannt. Telemedizin kommt zum Patienten eher noch über das Telefon. So bietet ArztPartner almeda Schulung und Betreuung von Patienten mit COPD, Diabetes, Herzkreislauferkrankungen oder Rücken an. Die Mitarbeiter rufen ihre Schützlinge in regelmäßigen Abständen an und geben zusätzlich zu schriftlichen Unterlagen Tipps und Anleitungen zum richtigen Umgang mit der Krankheit. Im Gegenzug dokumentiert des Telemedizin-Zentrum wichtige Daten wie Blutdruck und -zucker oder Peak-Flow-Messwerte. Besonders für mentale Störungen sehen die Entwickler von Web-basierten Therapieprogrammen große Vorteile. So erreichen die australischen virtuellen Therapeuten nicht nur Patienten weitab vom nächsten Arzt, sondern senken auch die Schwelle für Betroffene. Männer, die ansonsten schwer zu einer Therapie zu gewinnen sind, finden damit eher den Zugang zu wirksamer Hilfe, aber auch beispielsweise Strafgefangene, bei denen psychische Störungen überdurchschnittlich häufig sind. Die Therapieprogramme – besonders jene zur Behandlung psychischer Störungen – sollen nicht unabhängig von den behandelnden Ärzten laufen. Nach den Vorstellungen der Entwickler “verschreibt” der Hausarzt den Besuch beim Online-Therapeuten und begleitet den Patienten, wenn nötig. Nachdem Studien erstaunlich gute Ergebnisse zeigten, sollen weitere klinische Probeläufe folgen. Rund 500 Teilnehmer haben inzwischen e-Therapie in Australien erprobt. Der Erfolg verblüffte viele Experten wie Gavin Andrews von der St. Vincent Klinik in Sydney: “Im Netz erzielen den gleichen Erfolg wie in in unserer Klinik – mit nur einem viertel Zeitaufwand der Betreuer. Wir heilen Leute, die wir niemals zu Gesicht bekommen.”

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5 Kommentare:

Dr. med. Peter Jünger
Dr. med. Peter Jünger

Die Substitution des Menschen durch die Maschine im Bereich des Broterwerbes und wohl auch im Privaten (PET-Roboter) schreitet fort. Eine bedenkliche Entwickluhng.

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Wer, bitte, ist ” ek ” ??? Wieder ein Hobby-Negativ-und-überhaupt und sowieso-Miesmacher-Kritiker, der sich sicherlich nicht nur hier mit dämlichen Kommentaren hervortut. Diese Gattung gibt es leider in jedem Forum. Nichts in der Birne aber eine große Klappe. Gehört der ” ek ” überhaupt hier herein, ist ” ek ” Arzt?
CME für Patienten, eine ungeheure Chance für den modernen Patienten… Alternative für Patientenschulungen in Zirkeln mit unterschiedlich motivierten und strukturierten Teilnehmern. Ich begrüße diese Entwicklung. Eigenverantwortliche Schulung, welche Chancen tun sich hier auf!
Danke für den Artikel.

#4 |
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Dr. Rainer Wallerius
Dr. Rainer Wallerius

Erfreulich, dass darüber berichtet wird; ebenso die Links.
Als jemand vom Fach kann ich bestätigen, dass der Internetboom nun tatsächlch auch beim Therapiebereich angekommen ist. Ehe die Entwicklung rein kommerziell pervertiert, sollte man sich über Qualitätsnetzwerke Gedsnken machen. Und zwar bald!

#3 |
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Frank Silzle
Frank Silzle

Etwas zu populistisch, undifferenziert mit einem “abstract”, das der Artikel nicht zu stützen vermag. Tatsächlich sollten solche Studien von Fachleuten wiedergegeben werden, die erkennen wann e-therapy Erfolg versprechen mag und wann eher nicht. Routineprogramme können allenfalls bei reinen singulären Störungen Erleichterung verschaffen, leider ist dies in der Praxis die Ausnahme.

#2 |
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Medizininformatiker

Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Ärzten die größenwahnsinnig sind. Schuster bleib bei deinen Leisten kann man da nur sagen. Der Autor sollte bei seiner Immunologie bleiben. Vielleicht schreibt er dort nicht ganz so unkritisch. Typisch Mediziner. Unterirdisch.

#1 |
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