Influenza – Notfallmediziner sehen schwarz

8. Dezember 2008
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Panik gehört nicht zu den Eigenschaften der meisten Notfallmediziner. Dennoch klangen die Signale des 9. DIVI-Kongresses alarmierend: Auf eine Influenzapandemie wären Deutschlands Kliniken nicht ausreichend vorbereitet. Spezialpläne sollen Abhilfe schaffen.

Tatsächlich warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO seit Jahren vor der drohenden Ausbreitung neuer Infektionskrankheiten sowie vor der Wiederausbreitung bereits besiegt geglaubter Erkrankungen – Influenza inklusive. Wie rasant sich Erreger zu ernsthaften Epidemiewellen verwandeln können, zeigt der Blick auf einen anderen Bekannten der Notfallmediziner: Allein die Anzahl der Erkrankungen mit Noroviren ist von 2001 – 2007 um satte 210 Prozent gestiegen. Noch dramatischer liest sich die Attacke der Noro-Zwerge im direkten Jahresvergleich. Von 2006 auf 2007 verzeichnen Epidemiologen einen Anstieg auf nahezu das Dreifache (75.800 – 201.133 Erkrankungen). Was die Noroviren nicht können, schaffen Influenzaerreger allemal – Notfallmediziner vor ernsthafte Probleme zu stellen. Denn laut WHO würde bei einem Ausbruch im günstigsten Fall 15 Prozent, bei einer mittleren Erkrankungsrate 30 Prozent und im ungünstigsten Fall 50 Prozent der Bevölkerung betroffen sein. Was allein in Hamburg für den Ernstfall bedeutet: 470.000 Erkrankte, von denen 10.500 Patienten stationär aufgenommen werden müssten, 1.575 die intensivpflichtig wären und rund 2.100 Todesfälle. “Darauf sind weder die ambulanten und die stationären Behandlungskapazitäten noch der Rettungsdienst eingerichtet” lassen die Notärzte wissen.

Leider nicht nur Panikmache

„Darauf sind weder die ambulanten und die stationären Behandlungskapazitäten noch der Rettungsdienst eingerichtet“, teilten die Veranstalter des DIVI-Kongresses in Hamburg (3. bis 6. Dezember) daher unverblümt mit, und: „Neben den Krankenhausbetten fehlen intensivmedizinische Kapazitäten und die erforderliche Schutzausrüstung sowie die notwendigen Medikamente“. Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM), der Würzburger Professor Peter Sefrin, forderte auf dem DIVI-Kongress ein verbessertes Katastrophenmanagement und entsprechende Vorbereitungen vor allem im Krankenhausbereich. Panikmache? Trickreiche Arzneimittel-PR? Mitnichten, wie eine Umfrage der bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) unlängst attestierte. Danach hatten im vergangenen Jahr 41 Prozent der Krankenhäuser für einen Massenanfall von Infektionskranken (MANI) keinen Alarmplan. Zudem ist die Anzahl der maximal zu betreuenden Influenzapatienten derzeit in nur 38 Prozent der Krankenhäuser bekannt. Aus ärztlicher Sicht weitaus beunruhigender ist die Tatsache, dass lediglich 52 Prozent der Krankenhäuser über ausreichende Mengen an antiviralen Medikamenten zur Prophylaxe des eigenen Personals verfügen. „Unter diesen Bedingungen ist vorhersehbar, dass es zu einem Defizit der Versorgungskapazitäten kommen wird, insbesondere im Intensivbereich“, hieß es dazu anlässlich des Hamburger DIVI-Kongresses seitens der Veranstalter.

Notfallpläne als letzte Rettung

Doch trotz der Akzeptanzkrise gibt es Anzeichen eines Umdenkens. Die Bundeshauptstadt etwa bereitet sich seit Mai dieses Jahres intensiv auf eine kommende und schwere Grippe-Pandemie vor: Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz aktualisierte den seit 2006 bestehenden Rahmenplan Influenza Pandemie. “Es gilt als wahrscheinlich, dass es in absehbarer Zeit zu einer erneuten weltweiten Influenza-Epidemie (Pandemie) kommen wird”, ließen die Berliner wissen – und liefern seitdem gerade Ärzten wertvolle Praxistipps zum Download an. Mit Hilfe des Rahmenplans wollen die Berliner Gesundheitsbehörden die Anzahl an Erkrankungen und an Sterbefällen während einer möglichen Influenza-Pandemie begrenzen – und die medizinische Versorgung gewährleisten.

Erhaltung des öffentlichen Lebens

Eile scheint geboten. Als besonders besorgniserregend gilt nämlich die Tatsache, dass die derzeitigen Grippeimpfstoffe in den USA gegen Influenza zunehmend wirkungslos sind, und als Co-Infektionen bereits erste Fälle von MRSA auftraten. Darauf hat die US-amerikanische Seuchenbekämpfungsbehörde CDC bereits am 8. Februar 2008 in einem entsprechenden Meeting hingewiesen, noch heute zeigen sich Fachleute über die Widerstandskraft der Viren erstaunt. Eine derartige Erreger-Resistenzwelle beobachtete man zum letzten Mal vor 30 Jahren – 2 der 3 amerikanischen Vakzinkomponenten gegen Influenzaviren sind laut CDC „off-target“, also wirkungslos. Denn 93 Prozent der zirkulierenden Influenza B-Viren gehörten zur so genannten Yamagata-Linie, wie Joe Bresee, Chef der CDC Influenza Division unlängst erklärte. Brisantes Detail: Dieser Erregerstamm erweist sich gegenüber der B-Komponente des Impfstoffs womöglich als resistent. Warum demnach Mediziner – auch am vergangenen Wochenende in Hamburg – derart wachsam agieren müssen erklärte die Berliner Senatsverwaltung in Vorahnung der kommenden Viren-Krise ungewohnt deutlich: „Das öffentliche Leben soll in seinen notwendigen Strukturen aufrechterhalten und der wirtschaftliche Schaden begrenzt werden“.

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Allgemein

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3 Kommentare:

Ana Tomsic
Ana Tomsic

natürlich weil jedem chefarzt geht es nur um geld!!!keiner will leere betten haben.

#3 |
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Dr. Simone Stüwe
Dr. Simone Stüwe

..naja,sehen wir ihm mal die fehlende 1 (126,5 %) nach

#2 |
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Studentin der Humanmedizin

Anstieg von 26,5 Prozent (75.800 ¿ 201.133 Erkrankungen)
Statistik für Mediziner?!?

#1 |
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