Ist Vielseitigkeit gleich Arzt?

10. Dezember 2008
Teilen

Könnte ein Augenarzt notfalls einen Blinddarm entfernen? Kann der Psychiater auch einen Gipsverband anlegen? Dr. Rolf Uhlmann, ungewöhnlicher Vertreter seines Faches, gleich drei Doktortitel, erzählt uns, wie man das alles zusammen hinkriegt.

DC Campus: Lieber Herr Dr. Uhlmann, Sie haben sage und schreibe drei Doktortitel… Wie macht man so etwas?

RU: (lacht!) Nun ja…ich habe zunächst Physik studiert und meinen ersten Doktortitel als Naturwissenschaftler geholt. Nach dem Physikstudium hatte ich die Idee, Zahnmedizin zu studieren – und an dieses Studium konnte ich glücklicherweise noch ein verkürztes Humanmedizinstudium hängen, so dass ich quasi drei relativ verschiedene Studiengänge abgeschlossen habe und auch in allen dreien promoviert habe.

DC Campus: Eine ungewöhnliche Karriere! Sind Sie mit ihrer breiten Aufstellung nun Ihrer Meinung nach ein besserer Arzt als Ihre Kollegen?

RU: Ich weiß schon, auf was Sie hinaus möchten. Unter dem Arzt im klassischen Sinne stellt man sich den Universalheiler vor, der sowohl den Star stechen, als auch den Blinddarm entfernen oder den gebrochenen Arm schienen kann. Die vorangeschrittenen Anforderungen diesbezüglich haben jedoch eine Spezialisierung erfordert, die im Laufe der letzten Jahrzehnte immer ausgeprägter stattgefunden hat. Nehmen Sie einen ganz gängigen Facharzt-Bereich zum Beispiel: die Orthopädie. Es gibt derart viele Unterbereiche in dieser Fachrichtung, dass ein Orthopäde kaum noch hinterherkommt, sich adäquat zu spezialisieren oder fortzubilden. Gleiches gilt für den Psychiater. Die einzelnen Nuancen und Nebenbereiche, die mit abgedeckt werden müssen, werden von Jahr zu Jahr immer mehr. Einen Allgemeinmediziner im eigentlichen Sinne des Wortes (nämlich einen, der „allgemein“ alle Bereiche abdecken kann) gibt es in diesem Sinne nicht mehr. Vielleicht hat es ihn auch nie gegeben.

DC Campus: Wenn Sie im Zug auf Reisen sind und erleiden zum Beispiel einen akuten Herzinfarkt oder eine Appendizitis – auf welchen Facharzt würden Sie am liebsten treffen?

RU: (lacht!) Das lässt sich eigentlich recht einfach beantworten! In Deutschland genießen die Mediziner immer noch eine hervorragende Grundausbildung, die sich durchaus im internationalen Wettbewerb behaupten kann. Vergessen Sie nicht das Praktische Jahr oder die vielen Famulaturen während des klinischen Abschnitts des Studiums. Ich denke, dass jeder gewissenhafte Augen- oder HNO-Arzt eine Herzmassage beherrscht oder auch in einem sonstigen Notfall helfend eingreifen könnte. Diesbezüglich kann ich also guten Gewissens Entwarnung geben!

DC Campus: Das klingt beruhigend! Sie sehen also keine qualitativen Unterschiede oder Gefälle zwischen den einzelnen Facharztrichtungen?

RU: Keinesfalls! Natürlich würde ich mir den Kehlkopf lieber vom HNO-Arzt spiegeln lassen, als vom Dermatologen. Aber das sind ja alles Fragen für Spezialgebiete, die in der Realität so eigentlich nicht gestellt werden. Ich habe zum Beispiel viele Kollegen kennen gelernt, die während ihrer Tätigkeit ein halbes oder sogar ganzes Jahr in Afrika für Hilfsorganisationen gearbeitet haben. Dort waren die Anforderungen auch mannigfaltig und hatten nicht immer zwingend etwas mit dem jeweiligen Fachbereich des jeweiligen Kollegen zu tun. Und trotzdem konnten sie den Menschen dort Hilfe zukommen lassen und es immer wieder schaffen, Leid und Not zu lindern. Insofern halte ich also große Stücke auf die Medizinerausbildung!

0 Wertungen (0 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: