Tiefenhyperthermie: Dem Krebs einheizen

22. Oktober 2012
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Patienten mit Hochrisiko-Weichteilsarkomen haben trotz Chirurgie und Chemotherapie schlechte Prognosen. Hier bietet die regionale Tiefenhyperthermie eine Ergänzung. Auch bei anderen Krebsformen wurden mittlerweile Erfahrungen gesammelt.

Vor mehr als 125 Jahren fanden Chirurgen erste Anhaltspunkte, dass hohes Fieber bösartige Neoplasien zurückdrängen kann. Der Durchbruch blieb jedoch aus. Manfred von Ardenne (1907 bis 1997) arbeitete mit Ganzkörperhyperthermien und verabreichte zusätzlich Glucose beziehungsweise Sauerstoff. „Die Ardenne-Methode ist heute verlassen worden“, erklärt Professor Dr. Rolf Sauer, ehemaliger Direktor der Strahlenklinik, Uni Erlangen, im Gespräch mit DocCheck. Außerdem sei sie „unglaublich toxisch“, gerade Patienten mit zahlreichen Metastasen würden zusätzlich geschwächt. Im Gegensatz dazu hat die regionale Tiefenhyperthermie längst einen großen Sprung in Richtung Klinik gemacht.

Heilsame Hitze

„Die regionale Tiefenhypertherapie wird generell zusammen mit Chemo– oder Strahlentherapien eingesetzt“, so Sauer. „Hier geht es um eine örtliche Überwärmung um mindestens vier bis sechs Grad.“ Nach genauer Lokalisation via Bildgebung erwärmen Onkologen den Tumor gezielt mit hochfrequenten, elektromagnetischen Wellen auf 41,5 bis 44 Grad Celsius über so genannte Applikatoren, also Antennensysteme. Das Protokoll sieht eine halbstündige Aufwärmphase vor, dann wird die Temperatur 60 Minuten lang gehalten. Je nach Krebserkrankung bekommen Patienten bis zu 16 Behandlungen.

Etwas Physik

Im Körper regen elektromagnetische Wellen Wasserdipole an. Eine schnellere Schwingung entspricht physikalisch höheren Temperaturen. Je nach Gewebe und Tiefe einer Geschwulst sind dabei verschiedene Schwingungszahlen erforderlich. Radiowellen hoher Frequenz haben viel Energie, dringen aber nicht sehr tief ein. Niedrigere Frequenzen erreichen auch tiefere Schichten, sind aber schwerer fokussierbar. Heute findet der Bereich zwischen 70 und 220 Megahertz Anwendung. Neben der Frequenz ist auch die Phase entscheidend, um Energie zu bündeln. Damit lassen sich etliche Krebsarten behandeln.

Gute Datenlage

Strahlenmediziner und Onkologen setzen bei Tumoren im kleinen Becken auf eine Tiefenhyperthermie. Hinzu kommen fortgeschrittene gynäkologische Karzinome wie Gebärmutterhalskrebs, aber auch Mammakarzinome, Blasenkarzinome, Weichteilsarkome, Tumoren im Kopf-Hals-Bereich sowie maligne Melanome. Bei Weichteilsarkomen bewies eine randomisierte Phase-III-Studie mit 340 Patienten den Mehrwert. Davon wurden 169 mit Chemotherapie plus Hyperthermie behandelt, und 172 erhielten ausschließlich Zytostatika. Patienten profitierten hinsichtlich des lokal progressionsfreien beziehungsweise krankheitsfreien Überlebens und sprachen besser auf Therapien an. „Regionale Hyperthermie mit Chemotherapie ist eine neue, effektive Behandlung für Hochrisiko-Weichteilsarkome“, resümieren die Autoren. Momentan läuft unter anderem eine randomisierte, zweiarmige, offene Studie, um den Benefit bei resezierten Pankreaskarzinomen zu untersuchen. Was steckt dahinter?

Molekulares Massaker

Bei hohen Temperaturen werden Tumoren empfindlicher für die Strahlen- und Chemotherapie. Ansonsten kommt es zu einer besseren Perfusion des Gewebes, und Zytostatika – allen voran Alkylantien – wirken stärker. Tumorgewebe führt Wärme nur schlecht ab, schuld sind Anomalien im Stoffwechsel und in der Gefäßversorgung. Ein Hitzestau hemmt wichtige Enzyme, die ansonsten Reparaturaufgaben übernehmen. Molekularbiologen fanden Hinweise, dass speziell homologe Rekombinationen unterbunden wird. Bei chemotherapieresistenten Krebszellen kommt es auch zur Inaktivierung molekularer Pumpen, welche normalerweise Zytostatika nach außen befördern. Sauer: „Außerdem werden Hitzschockproteine (HSP) freigesetzt, die im gesamten Körper zu immunologischen Reaktionen führen.“ HSP70 gibt als molekulares Signal Krebszellen zum Abschuss durch natürliche Killerzellen frei. Nicht nur der lokale Befund bessert sich – es überleben mehr Patienten.

Hitze mit Qualität

Um einen guten Behandlungserfolg zu gewährleisten, hat Rolf Sauer zusammen mit Kollegen der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DGRO) eine Leitlinie veröffentlicht. Mit dem Papier werde grundsätzlich definiert, was unter Hyperthermie zu verstehen sei. Das beginnt bei der technischen Ausrüstung, sprich dem Applikator. Hinzu kommen Möglichkeiten zur Temperaturmessung. Sauer: „Wenn ich ein Enddarmkarzinom therapiere, muss nachgewiesen werden, dass tatsächlich am Tumor die Temperaturerhöhung erreicht wird.“ Das geht mittlerweile unblutig über Hybridsysteme.

Viel Personal benötigt

Ärzte kombinierten dazu Applikatoren mit offenen MRT-Systemen. Während der Therapie müssen immer ein Arzt und ein Physiker anwesend sein, gegebenenfalls unterstützt von Pflegekräften, heißt es in dem Dokument. Alle Behandlungen sind zu protokollieren, und für Hyperthermiezentren kommt ein externer Audit mit hinzu. Von den klar formulierten Eckpunkten profitieren auch Krankenkassen. Sauer: „Mit der Leitlinie geben wir Kostenträgern etwas in die Hand, damit klar wird, ob überhaupt eine effektive Hyperthermie gemacht wurde oder eben nicht.“

Heißes Eisen Finanzierung

Ohnehin ein kritisches Thema: Bereits vor Jahren hat der Gemeinsame Bundesausschuss Hyperthermien als „Methoden, die nicht als vertragsärztliche Leistungen zu Lasten der Krankenkassen erbracht werden dürfen“, eingestuft. Im Bereich der klinischen Versorgung übernehmen laut Sauer mittlerweile Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und bald auch Berlin entsprechende Kosten. „Das ist jeweils eine harte Verhandlung“, sagt der Kollege. „Es braucht etwas Überzeugungsarbeit bei den Kassen.“ Holländische Leistungsträger haben die Methode in ihren Katalog aufgenommen, etwa beim fortgeschrittenen Mammakarzinom oder Zervixkarzinom. Auch das US-amerikanische National Comprehensive Cancer Network (NCCN) und die European Society for Medical Oncology (ESMO) empfehlen Hyperthermie als Ergänzung zur Chemo- und Strahlentherapie. Neue Impulse kommen aus der Wissenschaft.

Nanofähren im Körper

Um regionale Tiefenhyperthermien noch selektiver zu machen, entwickelten Physiker magnetische Nanopartikel aus Eisenoxid. Aufgrund spezieller Beschichtungen reichern sich die Teilchen im Tumor an. Durch elektromagnetische Felder angeregt, heizen sie Tumoren auf. Eine andere Strategie setzt auf hoch toxische Zytostatika, verpackt in thermosensitive Liposomen. Diese setzen ihre giftige Fracht erst bei höheren Temperaturen, sprich direkt am erhitzten Tumor, frei.

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114 Wertungen (4.59 ø)
Forschung, Medizin, Onkologie

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9 Kommentare:

Die Hperthermie bei der Krebsrherapie ist seit langem bekannt.

#9 |
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Dr. med. Hans-Georg Aberle
Dr. med. Hans-Georg Aberle

Die Hyperthermie in der Tumorbehandlung ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Betätigungsfeld “sog.onkologisch tätiger Experten jeglicher Art”. Dadurch wurde und wird auch in Zukunft der Scharlatanerie Tor und Tür geöffnet. Hier helfen wirklich nur internationale radomisierte Studien und keine Leitlinien. Nur Überlebenszahlen und nicht irgendwelche Teil-oder Toalremissionen sind sinvoll, ganz zu schweigen von nicht kontrolierbaren Eizelbeobachtungen. Nur sinnvolle und abwägbare Therapien sind für die Patienten annehmbar!

#8 |
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Dr. rer. nat. Alexander von Ardenne
Dr. rer. nat. Alexander von Ardenne

¿systemische Krebs-Mehrschritt-Therapie¿ (sKMT/sCMT)) nach Prof. von Ardenne: Die Aussage von Prof. Sauer, ¿Die Ardenne-Methode ist heute verlassen worden¿ und diese sei ¿unglaublich toxisch¿ entspricht nicht dem aktuellen Wissensstand. Eine klinische Methode, die von der konventionellen Medizin nicht umfänglich evaluiert wurde, kann nicht verlassen werden! Die einzige unabhängige kontrollierte Phase-I/II-Studie zur sKMT wurde im Virchow-Klinikum/Berlin auf universitärem Niveau durchgeführt: Nach drei Zyklen Chemotherapie (ChT) erhielten die Responder 3 weitere Zyklen ChT (Kontrollgruppe), die Nonresponder erhielten 3 weitere Zyklen ChT plus 3 sKMT (Prüfgruppe). Ergebnis ¿The present data demonstrate the feasibility of IRATHERM-induced sCMT. In addition they might give some clues about the potential efficacy of the present approach. All patients treated with additional sCMT were previously not responsive to the same (ChT-) regimen. Therefore it is remarkable that the addition of sCMT induced a PR in 3 of 10 cases, and it also prevented disease progression in another 6 of 10 patients. Moreover a quite similar course of progression-free survival was observed in both treatment groups.¿ (IJH 2004). Nach Abschluß der Phase-I-Studie steht die Mitteilung des 8-köpfigen Teams: ¿sCMT ¿ does not lead to any serious or sustained organ dysfunction and can therefore be regarded as a safe therapy.¿ (Intensive Care Med 1999). Andere universitäre Ganzkörperhyperthermiker haben sich weder an das Procedere der sKMT gehalten noch das spezielle Hyperthermiesystem IRATHERM2000 mit hautvertraglicher wassergefilterter Infrarot-A-Wärmestrahlung verwendet. Ggf. resultieren die Fehlaussagen von Prof. Sauer aus diesem Unterschied. Seit etwa 15 Jahren gibt es drei außeruniversitäre Anwender die auf dem Niveau der in Dresden entwickelten sKMT procedural und instrumentell kontinuierlich arbeiten.

#7 |
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Dr. med.univ. Arno Galler
Dr. med.univ. Arno Galler

Die (körpereigene) Hyperthermie bei Infektionen hat ja auch seinen Grund.- Nur glaube ich,daß durch künstl.Überwärmung des Körpers nicht der gleichwertige Effekt erzielt werden kann…

#6 |
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Günter Mill
Günter Mill

Endlich wird auch der Hyperthermie ein Platz in der Krebstherapie eingereumt.
Noch vor vier Jahren wurde ich beim Therapievorschlag bei PankreasCA müde belächelt.

Mehr solche Beiträge bitte !

#5 |
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Dr.med Johannes Naumann
Dr.med Johannes Naumann

So undifferenziert von Hyperthermie zu reden finde ich sehr problemnatisch.
Die hier beschriebene radiative Hyperthermie, bei der der Tumor wirklich erwärmt wird, wird ja nur in speziellen Zentren angeboten. sie ist leicht mit der viel weiter verbreiteten in Praxen angebotenen kapazitiven lokoregionalen Hyperthermie (z.B. Onkotherm, Celsius) zu verwechseln, die den Tumor nicht erwärmt, fast keinen Aufwand für den Therapeuten bedeutet, den sich dieser aber gernen ebenso teuer wie bei der aufwändigen Methoden bezahlen lässt. Darum auch das Problem mit den Kassen.
Wirken kann die kapazitive Methode durchaus auch, aber die hier vorgestellten Daten gelten nur für die radiative Hyperthermie.

#4 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

richtig: Hyperthermie ist eine optimale Ergänzungstherapie u. auch allein recht effektiv . Es wird aber zu selten beachtet , daß die Wirkung auf das Mikroenvirement des Tumor oft wichtiger ist als auf die Zellen selber , inbs . der Tu- Stammellen .

#3 |
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Der Artikel ist extrem wichtig! Die Erklärung von Prof. Sauer ist zwar etwas dürftig. Hyperthermie wirkt für sich selbst, nicht nur als Träger der Chemotherapie. Es wäre wünschenswert, wenn diese und andere Formen “alterntiver” Medizin in die Standards der Krebstherapie aufgenommen würden. Die Erfolge sind sehenswert!

#2 |
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Sonstige

Guter Ansatz! Endlich! Die Tiefenhyperthermie ist Leitlinien Bestandteil und BSD steht im Focus der Hyperthermie.
Wie aber steht es mit den Ergebnissen weiterer Anbieter der Elektro-Hyperthermie(z.B. Syncrotherm, Oncotherm oder Celsius)?
Auch die Ganzkörper-Hyperthermie (von Ardenne, Heckel)sollte in diesem Zusammenhang nochmals thematisiert werden. Bitte mehr zu diesem Themenkreis.

#1 |
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