eGK – ein Gehversuch klemmt

12. Dezember 2008
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In Sachen Gesundheitskarte gibt es jetzt den ersten offiziellen Zwischenbericht der Testphase. Das Ergebnis: Abgesehen vom Auslesen der Versichertendaten funktioniert noch nicht viel. Elektronisches Rezept und Notfalldaten waren bisher Rohrkrepierer.

Wenn in einer der Testregionen für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) bei 25 Ärzten und 10000 Versicherten in einem Jahr nur 21 elektronische Notfalldaten angelegt wurden, dann stimmt was nicht im System. Die Zahl stammt aus der Region Heilbronn, aber in den meisten anderen Regionen sind die Quoten ähnlich. Bei den elektronischen Rezepten sieht es nicht viel besser aus: Zwischen 134 und 915 elektronische Rezepte pro Monat wurden im Jahr 2008 in allen sieben Testregionen zusammen erstellt. Das ist wenig. Und die Zahlen werden noch dadurch relativiert, dass nur jedes zweite bis dritte elektronische Rezept, das Ärzte ausgestellt haben, dann auch als elektronisches Rezept in der Apotheke ankam.

eGK: Was funktioniert…

Die genannten Daten entstammen überwiegend dem ersten Zwischenbericht der gematik zu den Tests der elektronischen Gesundheitskarte. Der Bericht wurde im Internet veröffentlicht und ist dort frei einsehbar. Entgegen vielen Unkenrufen gen Berlin handelt es sich um eine völlig transparente, weitgehend wertfreie Analyse des Ist-Zustands nach rund einem Jahr Testphase. Die guten Nachrichten zuerst: Zum einen funktioniert das Auslesen der Versichertenstammdaten aus der eGK offenbar problemlos. Bis zu 5000 Mal pro Monat wurde dieser Vorgang in den über einhundert Testpraxen in den vergangenen zehn Monaten absolviert. Fehler gab es dabei zuletzt so gut wie gar nicht mehr. Das klappt also.

Was auch funktioniert, ist das gesamte „Konstrukt gematik“ mit seinen in dieser Form im deutschen Gesundheitswesen vorher nicht existierenden Zulassungsverfahren und technischen Entwicklungsprozeduren. Das ist vielleicht sogar die eigentlich bemerkenswerte Nachricht, die der Zwischenbericht eher zwischen den Zeilen rüberbringt: Nach einer gewissen Warmlaufphase haben sich die Abstimmungsprozesse zwischen gematik, Industrie und Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik offenbar so weit etabliert, dass die Produkte, die am Ende in die Testregionen kommen, technisch funktionieren und die geforderten Sicherheitsstandards erfüllen. In der Testphase des so genannten „Release 1“ galt das natürlich in erster Linie für die neuen Kartenlesegeräte und für die Konnektoren. Technische Probleme mit den Geräten gab es hier kaum, wenn man mal davon absieht, dass die Politik mit ständig neuen Wünschen eine ganze Reihe ursprünglich nicht geplanter Updates zu verantworten hatte.

… und was nicht funktioniert.

So weit die guten Nachrichten. Düsterer sieht es aus, wenn man sich die Umsetzung der Kartenanwendungen in der Praxis ansieht. Weder elektronisches Rezept noch elektronische Notfalldaten sind nach einem Jahr Tests in einem Stadium, das man auch nur annähernd als zufrieden stellend bezeichnen könnte. Das hat vor allem mit Prozessen zu tun. So gab und gibt es Praxis-EDV-Hersteller, die verlangen, dass das elektronische Rezept in einem Zug erstellt wird. Die übliche Arbeitsteilung zwischen Praxispersonal und Arzt fällt damit weg. Bei den Notfalldaten gab es bisher keine Möglichkeit, die relevanten Informationen aus der EDV „zu ziehen“. Damit beanspruchte das Anlegen eines solchen Datensatzes im Mittel zwanzig Minuten ärztlicher Zeit. Die PIN-Eingabe machte Probleme – den Patienten, die sie vergaßen, aber auch den vielen Ärzten, denen es genauso ging. Schließlich ist die elektronische Signatur weiter unbefriedigend. Auch hier gibt es Praxis-EDV-Hersteller, die eine Vereinfachung des Verfahrens, die Stapelsignatur, bis zuletzt nicht umgesetzt hatten.

Praxis-EDV macht viele Probleme

Viele der Probleme sind demnach auf die Praxis-EDV zurückzuführen. Dass hier der Schuh drückt, zeigt sich auch an den Fehlerstatistiken im Zwischenbericht, in denen grob sechzig Prozent der Fehler Praxis-EDV-Fehler sind. Das heißt freilich nicht, dass die Praxis-EDV-Hersteller an allem Schuld wären. Zum einen hat die Politik diesen meist kleinen Unternehmen genug andere Baustellen beschert, die sie zu beackern haben. Zum anderen scheint es doch ein gewisses Kommunikationsproblem zwischen gematik und Praxis-EDV-Szene zu geben. Und das muss sicher primär von der gematik angegangen werden.

Auch technisch hat die gematik noch einige Felder zu beackern. Da ist zum einen die Performance der Systeme: Das Anzeigen der Versichertendaten am Empfang dauert in Bayern nur in zwei von drei Fällen weniger als fünf Sekunden. In Rheinland-Pfalz klappt das sogar nur bei der Hälfte der Zugriffe. Und zumindest in Rheinland-Pfalz dauerte jeder zweite Speichervorgang beim E-Rezept über 15 Sekunden. Hier ist sicher (auch) die gematik gefragt. Genauso bei der digitalen Signatur: Die immer wieder versprochene Komfortsignatur, bei der ein gewisses Quantum an Signaturen per Biometrie oder Funkchip ausgelöst werden kann, soll laut Zwischenbericht erst im dritten Quartal 2010 in den Testregionen ankommen. Das ist indiskutabel spät.

Politik fordert und fordert

Ein großer Bremser bei der eGK ist schließlich die Politik, die an die Telematik im Gesundheitswesen im Namen des Datenschutzes Forderungen stellt, die anderswo nur Kopfschütteln verursachen. Die PIN-Eingabe durch die Versicherten ist da das Paradebeispiel. Das nahe liegende Konzept einer auf Patientenwunsch abschaltbaren PIN wird vom Bundesgesundheitsministerium blockiert. Stattdessen hätte man gerne einen Arzt als PIN-Treuhänder, was zwangsläufig Mehrarbeit bedeutet. Wie also geht es weiter? So paradox es klingt, aber durch den Basis-Rollout 2009 werden die Testregionen wohl etwas Zeit gewinnen. Die können sie auch brauchen.

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3 Kommentare:

Naturwissenschaftlerin

Hier scheint es sich ja nicht um objektive Berichterstattung zu handeln, wenn im Nachgang Kommentare geschönt werden!
Sehr schade! Hat irgendwie kein Niveau!

#3 |
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Marco Breuer
Marco Breuer

Wer hat denn die anderen kritischen Artikel, die vor ein paar Tagen hier noch standen, gelöscht ?
Warum bleibt nur die selbstverständlich positive, millionenfach täglich vorkommende Situation und Stellungnahme eines nach eigenen Angaben “Hirnverletzten” ?

#2 |
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Marco Breuer
Marco Breuer

Wer braucht eigentlich die eGK ?
Kein Patient und kein Arzt !
Unsere (Un)Gesundheitsministerin und Ihre Adlaten wollen dieses Projekt durchpeitschen ! Koste es was es wolle ! So einfach ist das.
Abrechnungsdatren dürfen nicht mehr an die PVS weitergegeben werden, aber Gesundheitsdaten an andere Verarbeiter schon. Wer versteht das noch ? Muß erst eine Daten-CD/DVD mit Angaben zu STDs auftauchen ? Am besten von einigen Politikern ! Aber das kann alles nicht passieren… Haben wir doch schon mal gehört: “Niemand hat die Abnsicht eine Mauer zu bauen” und dann kam es doch dazu.
Gute Nacht Deutschland. Patienten, wehrt euch doch endlich ! Bald ist es zu spät !

#1 |
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