Auf die Zähne beißen

17. Dezember 2008
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Schon im siebten Semester studiert der Deutschperser Amir E. an der Uni Mainz Zahnmedizin, ohne je eine gymnasiale Oberstufe besucht zu haben. Jetzt verrät er uns, wie das funktionieren kann.

DC Campus: Amir, wie bist du an der Uni Mainz gelandet?

Amir: Im Grunde habe ich nach der Realschule einfach meinen Onkel, der im Iran Zahnarzt ist, für mich die Entscheidung fällen lassen, es mit einer Ausbildung zum Zahntechniker zu versuchen. Ich absolvierte also ein grundlegendes einjähriges Praktikum in einem Zahntechnikerlabor und begann darauf mit 17 Jahren die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Zahntechniker. Nach zwei Jahren erdrückte mich jedoch die Eintönigkeit der Arbeit in diesem Labor – es war Tag ein, Tag aus das gleiche – so dass ich meine Ausbildungsstelle wechselte und schließlich in einem etwas vielseitigeren Labor die Ausbildung fortsetzte und letztendlich mit der Note 1,9 abschloss. Danach bin ich dem Labor noch drei Jahre als Angestellter erhalten geblieben.

Damals plante ich aber bereits mein Studium und wusste, dass ich nicht den Rest meines Lebens als Zahntechniker arbeiten wollte. Nachdem ich die drei Jahre abgeleistet hatte, bewarb ich mich bei der ZVS für ein Zahnmedizinstudium an der Uni Mainz und wurde – mit etwas Glück – sogar, zunächst als Probestudent, später dann „richtig“ zugelassen. Mitlerweile bin ich im 7. Semester und es läuft soweit ziemlich gut.

DC Campus: Wann und warum kam dein Entschluss, Zahnmedizin zu studieren?

Amir: Es war kurz nach Ende meiner Ausbildung, als ich durch eine enge Freundin – die auch selbst Medizin studierte – in „studentische Kreise“ geriet. Die Leute, allen voran meine Freundin, haben dann ständig auf mich eingeredet, dass doch viel mehr in mir stecke, dass ich es doch viel weiter bringen könne…das hat im Grunde eine riesige Motivation in mir geweckt, wie ich sie vorher noch nie hatte. Wir haben dann gemeinsam überlegt und nachgeforscht, welche Möglichkeiten es für mich geben würde, ein Zahnmedizinstudium zu beginnen. Einerseits hätte ich natürlich den klassischen Weg beschreiten können und etwa am Abendgymnasium mein Abitur nachholen können. Doch jetzt nochmal drei Jahre lang die Schulbank zu drücken, schien mir ja nicht so verlockend. Wir haben dann herausgefunden, dass die Uni Mainz für Zahntechniker mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung, die Möglichkeit eines Probestudiums bietet. Ich habe mich dann entschlossen, diesen Weg zu gehen und habe drei Jahre lang mit diesem Ziel vor Augen meine Berufserfahrung gesammelt. Die Zeit hat sich natürlich gezogen, aber es hat sich ja gelohnt.

DC Campus: Welche Voraussetzungen musstest du erfüllen, um schließlich zugelassen zu werden?

Amir: Grundvoraussetzung waren, wie gesagt, drei Jahre Berufserfahrung im Zahnmedizinischen Bereich, dabei musste die Berufsausbildung mit einer Endnote von 1,8 abgeschlossen worden sein. Hier hatte ich auch noch etwas Glück: Endnoten bis 1,6 wurden nach drei Jahren Berufserfahrung direkt zugelassen. 1,6 bis 1,8 wurden zum ADH geladen und ich mit meinen 1,9 war darauf angewiesen, zum ADH ausgelost zu werden. Hat dann ja zum Glück geklappt. Danach musste ich noch zwei Orientierungsgespräche mit dem Studierendensekretariat und einem beauftragten Professor führen. Dort wurde ich darüber aufgeklärt, wie das Studium verläuft und es wurde sichergestellt, dass ich auch wirklich weiß, worauf ich mich da einlasse. Daraufhin durfte ich mich „Probestudent der Zahnmedizin“ nennen. Um den Sprung zum „echten“ Studenten zu schaffen, musste ich mich verpflichten, innerhalb von vier Semestern sieben Scheine einzufahren. Eine Menge Auflagen.

DC Campus: Hattest du im Vergleich zu Abiturienten deutliche Nachteile im Studium?

Amir: Es war natürlich ein Problem, dass mir das Abiturwissen in Chemie, Physik und Biologie volkommen fremd war. Das hat mir auch schon vor dem Studium einige schlaflose Nächte bereitet. Um mich etwas zu beruhigen, habe ich bereits während meiner Arbeitszeit versucht, mich da etwas einzulesen. Aber so auf eigene Faust ist das sehr schwer, zumal ich keinerlei Grundlagen hatte. Meine Schulzeit war ja auch schon ein Weilchen her. Im Vergleich dazu hatten es meine Komillitonen mit ihren verschiedenen naturwissenschaftlichen LKs deutlich leichter. Mir blieb dann ja nichts anderes übrig, als extrem viel zu lernen. Im ersten Studienjahr habe ich gut und gerne zwölf Stunden am Tag gesessen und solange rumprobiert, bis ich die Aufgaben gelöst hatte. Dann habe ich die Lösungswege eben auswendig gelernt, bis ich ein ganzes Arsenal an Lösungswegen für jeden erdenklichen Aufgabentyp parat hatte. Ich weiß bis heute nicht, was ein Logarithmus eigentlich ist…aber man kann eine Menge damit ausrechen. Für Chemie habe ich mir dann auch Hilfe von einer Komillitonin gesucht, die im Chemie LK war. Sie hat mir schon einiges erklärt, aber in der Klausur hatte ich dann sogar mehr Punkte als sie!

In der Vorklinik habe ich auch nie jemandem erzählt, dass ich kein Abi habe, das war mir schon ziemlich peinlich. Ich wusste nicht, wie die Leute reagieren würden, ob sie mich dann noch ernst nehmen oder sowas. Erst nach dem Physikum – das ich mit der Note 2 bestanden habe – kam das Outing: „Übrigens: Ich habe gar kein Abi“ – Ich werde nie das Gesicht der Leute um mich herum vergessen…

DC Campus: Und Welche Vorteile hattest du?

Amir: In allem was mit Handwerkszeug, Labor und Klinik zu tun hatte, war ich meinen Komillitonen auf jeden Fall weit voraus. Im „Technisch – probädeutischen Kurs“ im ersten Semester mussten wir ein paar Modelle bauen und es hat sich eine richtige Schlange bei mir gebildet, damit ich allen weiterhelfen kann. Es lief dann darauf hinaus, dass ich immer extra langsam gearbeitet habe, damit alle bei mir gucken können. Aber auch jetzt in der Klinik, wo wir nicht mehr am Modell arbeiten, sondern echte Zähne beschleifen, ist mir meine Berufserfahrung ein riesen Hilfe.

DC Campus: Wie sehen deine Zukunftspläne jetzt aus?

Amir: Die Vorklinik war ja naturgemäß sehr hart, aber ich habe alles gut überstanden. Jetzt in der Klinik bin ich eher in meinem Element und ich hoffe, dass es weiterhin so gut laufen wird. Dann würde ich voraussichtlich 2010/2011 das Studium beenden. Ich werde sehr wahrscheinlich die ganze Zeit hier in Mainz bleiben. Hier fühle ich mich sehr wohl, hier sind meine Freunde und hier bin ich auch sicher, dass ich keine Probleme mehr haben werde, wegen der Abiturgeschichte. Langfristig reizt mich die Oralchirurgie sehr – also Implantate, Ästhetik…das wäre mein Ding. Jedenfalls bin ich sehr froh, dass ich bald den Beruf haben kann, der mir wirklich Spaß macht.

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Zahnmedizin

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1 Kommentar:

Linda Schnepf
Linda Schnepf

Wenn ich das so lese, frage ich mich, wozu man heutzutage noch Abitur braucht?
Wenn Zulassungsvoraussetzungen nötig sind, dann müssen diese Hürden auch für alle gleich sein.
Es ist schon schön, wenn man seine Realschule macht (ich denke mal mit weniger Aufwand, als fürn Abi) und dann mit 17 schon Geld in der Ausbildung verdienen kann. Naja schämen braucht sich da wirklich keiner, aber an die große Glocke hängen, wie toll das doch ist, würde ich es auch nicht.Es kann im Gegenteil auch mal gelobt werden, wenn jemand ohne Irr- und Umwege den normalen Bildungsweg durchläuft, das Studium durchzieht, keine 1000 Praktika macht und es auch ohne Hilfe von Mami oder Papi (deren Praxis) schafft. Ich finde darauf kann man auch stolz sein.

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