Neurostimulation bei Dyskinesien

18. Dezember 2008
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Die tiefe Hirnstimulation wurde in letzter Zeit immer öfter in der Behandlung von Bewegungsstörungen eingesetzt. Mit einem extern aufladbaren Neurostimulator gewinnt die Therapie auch für Dystonie-Patienten an Bedeutung. Eines der weltweit ersten Geräte wurde nun in Wien implantiert.

Muskelverkrampfungen, unkontrollierte Bewegungen, abnorme Körperhaltung: Dystonien zählen zu den neurologischen Bewegungsstörungen. Sie sind durch unwillkürliche Muskelanspannungen gekennzeichnet. Die Dystonie kann als eigenständige Krankheit auftreten oder auch als Symptom einer anderen Erkrankung des Gehirns auftreten. Die häufigste Form der Dystonie ist die Schiefhals-Erkrankung, auch Torticollis genannt. Genaue Zahlen über die Häufigkeit von Dystonien liegen nicht vor, Erfahrungen verschiedener Länder lassen den Schluss zu, dass in der Bevölkerung mit 1-2 Promille an Betroffenen gerechnet werden muss. Es ist eine Erkrankung des mittleren Lebensalters, wobei Frauen etwas häufiger betroffen sind, als Männer. Eine Dystonie ist nicht lebensbedrohlich, sie beeinträchtigt aber die Lebensqualität der Betroffenen deutlich. Die Erkrankung ist nicht heilbar, aber ihre Symptome sind linderbar. Die meisten Patienten mit umschriebenen, auf einen Körperabschnitt begrenzten Dystonien sprechen auf gut auf Injektionen mit Botulinumtoxin an, für Patienten mit ausgedehnten Dystonien stehen dagegen bisher nur mäßig wirksame Medikamente zur Verfügung.

Elektrische Impulse helfen

Die chirurgische Behandlung neurologischer Bewegungsstörungen ist nicht neu: Ursprünglich wurde die Methode zur Behandlung von starken Schmerzen entwickelt. In den letzten Jahren wurde die Wirkung der tiefen Hirnstimulation bei verschiedenen anderen Krankheitsbildern, wie bei der Parkinsonerkrankungen, untersucht. So hat sich das Verfahren heute als Behandlung von motorischen Komplikationen etabliert. Das Prinzip ist einfach: Mit Hilfe der stereotaktischen Technik können Eingriffe in der Tiefe des Gehirns ohne große Schädeloperationen durchgeführt werden. Durch ein kleines Bohrloch werden Spezialsonden in die Schaltzentralen des Gehirn vorgeschoben, elektrische Impulse an das Nervengewebe abgegeben und damit ihre Aktivität reduziert. Die Stimulation des Nucleus subthalamicus beeinflusst die motorischen Kardinalsymptome Rigor, Akinese und Tremor, aber auch Tagesschwankungen der Motorik und abnorme Überbewegungen, so genannte Dyskinesien. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Stimulation des Globus pallidus auch zu einer deutlichen Besserung generalisierter, aber auch fokaler Dystonien führt. Der Wirkungsmechanismus der tiefen Hirnstimulation ist noch nicht eindeutig geklärt und Gegenstand diverser aktueller wissenschaftlicher Untersuchungen. Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass durch die tiefe Hirnstimulation überaktive Nervenzellgebiete normalisiert werden.

Erster extern aufladbarer Neurostimulator implantiert

Den Strom für die tiefe Hirnstimulation liefert ein Impulsgenerator, der unter die Haut transplantiert wird. Eine wesentliche technische Innovation dieser Therapie ist ein extern aufladbarer Neurostimulator. Mitte November wurde das Gerät erstmals an der Medizin Universität Wien erfolgreich implantiert: Die Universitätsklinik für Neurochirurgie behandelt damit einen Dystonie-Patienten. In Wien wurde zwischen den Universitätskliniken für Neurologie und Neurochirurgie in den letzten Jahren eine enge Kooperation zur Betreuung von Bewegungsstörungs-Patienten, für die eine chirurgische Behandlung in Frage kommt, etabliert. Die Patienten werden von der Universitätsklinik für Neurologie präoperativ eingehend abgeklärt, während der Operation begleitet und postoperativ weiter betreut. Langzeitstudien zeigen, dass die tiefe Hirnstimulation in ihrer Wirkung konstant bleibt: Patienten, die vor Jahren operiert worden sind, haben auch nach langer Zeit noch einen Benefit von der Therapie. Durch die technische Innovation des aufladbaren Neurostimulators wird der Eingriff auch für Dystonie-Patienten zu einer wichtigen Therapie-Option.

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3 Kommentare:

Dr.  Robert Wilke
Dr. Robert Wilke

Sehr geehrter Herr Subat,

Sie haben eine sehr interessante Frage gestellt! In der Tat gibt es erste Untersuchungen zur Reha bei Schlaganfall-Patienten mit Neurostimulation, die gewisse Hoffnung wecken.
An der Universität in Tübingen gibt es ein neues strakes Zentrum für Neurowissenschaften, das sich auch mit der Neuroprothetik und Neurostimulation beschäftigt. Hier werden u.a. eine Sehprothese (www.retina-implant.de) und Innenohrprothese entwickelt, Ansätze für Brain-Computer Interfaces verfolgt, und eine erste Humanstudie zur Rehabilitation von Schlaganfallpatienten mit Neurostimulation vorbereitet. Diese Studie wird von der Klinik für Neurochirurgie geleitet.

Robert.wilke@med.uni-tuebingen.de

#3 |
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Heinz Subat
Heinz Subat

Ist es denkbar, daß hiermit sich auch neue Wege bei der Reha von Patienten mit Schlaganfall-Patientn ergeben können? Ich bin nach einem solchen Schlag am 07.06.2008 rechtsseitig gelähmt und habe bei Gehübungen mit Spasmen des rechten Beines zu kämpfen.

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Prof. Dr. med. Maximilian Mehdorn
Prof. Dr. med. Maximilian Mehdorn

Sehr geehrte Frau Lerch,

so sehr ich den Kollegen in Wien Ihren schönen Artikel gönne, so möchte ich doch intern für Sie darauf hinweisen, daß die Kollegen bei uns in Kiel waren, um die Technik der THS/DBS zu lernen; der Vorteil des extern aufladbaren Stimulators bezieht sich nur auf eine etwas längere Laufzeit der Batterie, die dann nicht so schnell ermüden soll – laut Fa. Medtronic hält sie 9 Jahre, verglichen mit 4-6 Jahren im sonstigen Normalfall bei M. Parkinson und 3 Jahren bei Dystonie, je nach Stärke der Stimulation. Wir setzen die Activa RC ab Krankenkassenzustimmung ab 2009 auch ein – wie viele Kliniken.
Sie können gern einmal zum Hospitieren zu uns kommen
Frohe Weihnachten

Prof. Dr. M. Mehdorn
mehdorn@nch.uni-kiel.de

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