Wettlauf um Organspender

5. Januar 2009
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Postmortale Organspenden reichen in Europa nicht aus, um bangem Warten ein Ende zu setzen. Ärzte und Regierungen beschäftigt das Problem gleichermaßen. Dabei taucht wiederholt die Frage auf, welches Transplantationsgesetz effektiver ist: Zustimmungs- oder Widerspruchslösung.

Weil die Zahl der postmortalen Organspender in England stark rückläufig ist, entschied sich vor Kurzem die englische Regierung, mit einer großen Aufklärungs-Kampagne einzugreifen. Ziel ist, die Zahl der Bereitwilligen zu verdoppeln. Dafür stellt das Gesundheitsministerium 3,4 Millionen Pfund zur Verfügung. Das Thema Widerspruchs- contra Zustimmungslösung war damit erst einmal vom Tisch. Zu erneuten kontroversen Diskussionen führte die nachträgliche Warnung von Premierminister Gordon Brown, dass er eine Gesetzesänderung nicht ausschließt, wenn die verabschiedete Kampagne erfolglos bleibt. Das neue Gesetz würde dann auf eine Widerspruchslösung hinauslaufen. In diesem Fall gilt jeder Erwachsene, der stirbt, automatisch als Organspender. Es sei denn, er hat seinen Widerspruch in ein offizielles Register eintragen lassen. Bei der erweiterten Variante sieht das Gesetz vor, dass Angehörige plausible Gründe, die gegen eine Spende sprechen, geltend machen können.

Beste Spenderzahlen mit Widerspruchslösung

In England gilt bisher, wie auch in Deutschland, Dänemark, Niederlande, Schweiz, Jugoslawien etc., die erweiterte Zustimmungslösung für Organspenden. Das heißt, der Spender erklärt zu Lebzeiten seine Einwilligung, beispielsweise in einem Spenderausweis. Liegt eine solche Erklärung im Todesfall nicht vor, können auch die nächsten Familienangehörigen einer Spende zustimmen, wenn sie im Sinne des Toten gewesen wäre. Da die gespendeten Organe nicht ausreichen, wird nicht nur in England nach effektiveren Wegen gesucht. Zur Disposition steht dann immer wieder die Widerspruchslösung. Ihre Protagonisten halten sie für erstrebenswert, weil in den Ländern mit den höchsten postmortalen Spenderzahlen just diese Lösung im Transplantationsgesetz steht. In Europa sind das Spanien, Belgien, Frankreich, Österreich, Italien und Tschechien. Spanien liegt mit rund 34 Organspendern pro einer Million Einwohner an der Spitze der europäischen Statistik. Vergleichsweise rangiert Deutschland mit 16 und Großbritannien mit 13 im unteren Bereich der Tabelle. Korrekterweise muss man allerdings hinzufügen, dass es in diesem Bereich genau so viele Länder mit Widerspruchslösung gibt. Die Zahlen, die DocCheck von der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) zur Verfügung gestellt wurden, stammen aus 2007.

Pro und contra der Widerspruchslösung

Ob die Widerspruchslösung tatsächlich zu mehr Organspendern führt, daran scheiden sich vielfach die Gemüter so wie in England. Ein Teil der Ärzte der British Medical Association befürworten den “presumed consent” mit Einbeziehung der Familienangehörigen. Sie vertreten die Meinung, dass sich die Zahl der Organspender auf diese Weise signifikant verbessern läßt. Ihre Begründung: Die Mehrheit der Bevölkerung will spenden, aber nur 25 Prozent lassen sich registrieren. Die UK Organ Donation Taskforce hingegen kommt in einem 400 Seiten langen Papier zu dem Schluss, dass es kaum Beweise dafür gibt, dass die vorausgesetzte Zustimmung tatsächlich die Spenderzahlen erhöht. Die bisherige Regelung müsse deswegen beibehalten werden, so die Taskforce. Die Arbeitsgruppe sammelte Beweisdaten aus der ganzen Welt. Sie fand u.a. heraus, dass das gute Abschneiden von Spanien nicht auf das Widerspruchsgesetz zurückzuführen ist. Getragen werde der Erfolg von einem parallelen Programm, dass das öffentliche Bewusstsein und das Vertrauen in die Ärzte stärkt. Dazu nutzen die Spanier auch die Unterstützung von Celebrities wie beispielsweise die Spieler des FC Sevilla, heißt es in dem Bericht.

Weniger Verkehrstote reduzieren Zahl der Spenderorgane

In Österreich gilt die Widerspruchslösung seit 1991. Sie wird übrigens auch bei tödlich verunglückten Touristen bzw. generell bei Ausländern angewendet. Die anfänglichen Erfolge waren allerdings eher ein Strohfeuer, denn in den letzten Jahren ist die Anzahl der Organspenden im Alpenland um zehn Prozent gesunken. Die Österreicher führen das insbesondere auf die abnehmende Zahl von Verkehrstoten zurück. Vielleicht könnte das auch ein Denkanstoß für die Engländer sein, denn immerhin haben sich 25 Prozent für die Organspende registrieren lassen. Auch in Deutschland reicht die Zahl postmortaler Organspender bei weitem nicht aus, um die rund 12.000 Patienten, die auf der Warteliste stehen, mit den lebensrettenden Nieren, Herzen, Lebern, Lungen und Därmen zu versorgen. Im letzten Jahr registrierte die DSO 4.251 Transplantationen ohne Lebendspende. Im gleichen Zeitraum wurden 2.074 Organe von Hirntoten in Deutschland gespendet. Die Differenz wurde durch die Stiftung Eurotransplant in den Niederlanden ausgeglichen. In dieser Organisation, die die Verteilung von Spenderorganen mit Hilfe einer Datenbank koordiniert, haben sich Belgien, Holland, Luxemburg, Deutschland, Slowenien, Kroatien und Österreich zusammengeschlossen, um Wartezeiten zu verkürzen. Trotzdem klafft eine große Lücke, wie die Zahlen belegen. Der Deutsche Ethikrat schlägt daher ein Stufenmodell vor, “das Elemente einer Erklärungsregelung mit Elementen einer Widerspruchsregelung verbindet.” Gesundheitsministerin Ulla Schmidt lehnt jedoch eine Gesetzesreform ab. “Ich glaube, dass der von uns gewählte Weg der erweiterten Zustimmungslösung das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen besser würdigt”, so die Ministerin. Sie fordert mehr und bessere Aufklärung und Werbekampagnen, um die Anzahl der Spendebereiten zu erhöhen.

Papst pro Organtransplantation

Das Thema Organspende ist für alle – Ärzte, Spenderbereite, Angehörige – kein einfaches Thema, auch wenn laut Umfragen 80 Prozent der Menschen in Deutschland sich vorstellen können, ein Organ zu spenden. Tatsächlich besitzen nur zwölf Prozent einen Organspendeausweis. Ethische, religiöse, kulturelle aber auch rechtliche Bedenken machen die Entscheidung schwer. Berichte über den illegalen Organhandel, aber auch Zweifel an dem Hirntodkonzept verstärken das Misstrauen. Die bestehende Definition des Hirntods wird u.a. von der Kritischen Aufklärung über Organtransplantation e.V. (KAV) kritisiert. Um ihren Bedenken Nachdruck zu verleihen, setzt der Verein auch auf Hilfestellung von der Kirche. Aber die ist bisher ausgeblieben. Auch Papst Benedikt hält sich in dieser Frage bedeckt. Sein Credo in puncto Organtransplantation: “Tatsächlich gibt es eine Verantwortung der Liebe und der Barmherzigkeit, die dazu verpflichtet, das eigene Leben zu einem Geschenk für die anderen zu machen, wenn man sich wirklich selbst verwirklichen will.”

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7 Kommentare:

Vor 5 Jahren bekam ich – dem Tode näher als dem Leben – eine neue Leber implantiert und damit ein neues Leben von einem mir völlig unbekannten Spender. Trotz anfänglichen Komplikationen und laufender Immunsuppression führe ich ein fast normales Leben mit sehr hoher Lebensqualitaet.
Auf Grund meiner Erfahrung bitte ich alle Mitmenschen zur Organspende bereit zu sein und einen Spenderausweis bei sich zu tragen. Es ist der unmittelbarste Schritt der Menschlichkeit und der Nächstenliebe.
Es sollten nicht noch mehr Verzweifelte auf der Warteliste versterben .
Dr.H.Jungnickel

#7 |
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Stefan Schneider
Stefan Schneider

Wie kurz gedacht sind diese Kommentare, ich bin entsetzt.
Eine neue Niere bedeutet einen Zuwachs an Lebensqualität, ja. Die Blutbildung, und der Knochenstoffwechsel sind auch von der Niere abhängig. Durch die Krankheit entstehen zahlreiche Folgeerkrankungen. Wie kaltherzig und egoistisch muss man sein um dieses Thema mit dem Hinweis es seien schließlich genügend Dialyseplätze da abzutun. Solche zynischen Aussagen erklären sich wohl nur mit der Arroganz eines Gesunden, der 10 Jahre Leben ohne Dialyse nicht für ein ausreichendes Argument hält.
Zur Organvergabe: Wie im Artikel erwähnt werden die Organe in Deutschland über Eurotransplant vergeben. Dort wird nach festgelegten Kriterien eine Rangliste der Wartenden geführt. Der Kontostand der Patienten gehört nicht zu den Kriterien. Nach dieser Warteliste werden die Organe vergeben. Voraussetzung für die Spende ist der von zwei unabhängigen Ärzten bescheinigte Hirntod des Spenders.
Leider ist es nicht möglich sich eigene Organe zu züchten. Wer lebensbedrohlich krank ist, ist auf die Spendenbereitschaft seiner Mitmenschen angewiesen. Ein neues Herz bedeutet ein neues Leben und für schwer kranke Kinder wird so erst ein Leben möglich.
Ein ernsthaftes Problem in Deutschland ist sicherlich, dass viele Menschen sich erst mit dem Thema auseinandersetzen wenn sie selbst oder ein enges Familienmitglied ein neues Organ brauchen. Dann ändert sich ganz plötzlich die Meinung zu dem Thema.
Organspende nie wieder? Ich sehe täglich Patienten die unendlich dankbar sind für ihr neues Leben. Das ärztliche Kollegen auch noch in der eigenen Praxis gegen Organspende arbeiten finde ich unmöglich und im Gegensatz zu meinen Vorrednern absolut unethisch und verantwortungslos.
Eine Widerspruchslösung ist auch in Deutschland notwendig. Viel zu viele Patienten sterben auf der Warteliste.

#6 |
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Frau Dagmar Baeumler
Frau Dagmar Baeumler

Ich persönlich möchte NICHT spenden und mich nicht ausschlachten lassen, Auch möchte ich keine fremden Organe erhalten. Es ist seltsam – war es doch in der Vergangenheit so, dass Leute mit Geld z. B. damals ein Fürst in Deutschland sehr sehr schnell ein neues Herz bekam (komisch was, na ja mit Geld geht eben alles), andere müssen lange darauf warten. Soll heissen: Wenn mir was passiert, ich KÖNNTE gerettet werden, (soll aber nicht gerettet werden, weil jemand der Geld hat, mein Organ brauchen kann) so jemand wie o. g. braucht aber ein Ersatzteil, meines würde passen, die würden mich glatt sterben lassen. Ich traue der DEUTSCHEN und den DEUTSCHEN nicht über den Weg. Es ist bei denen alles Auslegungssache – kann einer sagen was er will. Mit ihrer sog. Ethik, einer ist “gescheiter” als der “andere”. Aber: Ich lasse mich NICHT zwingen, nur weil Ersatzteile fehlen. Wieso erlauben Sie nicht, dass sich jeder seine eigenen Teile quasi züchtet ? Käme die Krankenkassen etc. auch billiger und es gäbe keinen Mangel. Aber nein, sie denken ja wieder an ihre Ethik. Was soll falsch sein, wenn ich meine eigenen Teile habe ? Das wird jedenfalls nicht abgestossen vom Körper und man muss keine Medikamente nehmen …… Ich sehe auch eine Missbrauchsgefahr: Soll heissen: Es werden mir, wenn mein Organ gebraucht wird, einfach eines bei Unfall entnommen, (siehe wie schon erwähnt), auch was jemand anders dazu schon geschrieben hat, ist auch meine Meinung. Die Deutschen sind korrupt, was das angeht und unmögliche Egoisten. Wenn das jetzt Zwang wird, z. B. dass man “ausgeschlachtet werden kann”: Leute, die was im Kopf haben, hauen ab in Staaten, in denen es noch normal zugeht. PS an Deutschland: Bitte ändern sie dann auch ihr Grundgesetz entsprechend.

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Dr. Burkhard Klein
Dr. Burkhard Klein

Ich halte die geltende Lösung für akzeptabel. Ich bin der Meinung, dass hier schon an die Grenzen der Ethik gegangen wurde. Auch muss ich feststellen, dass in den wenigsten Fällen eine Nierentransplantation als lebensrettend angesehen werden kann. Wir haben in Deutschland mittlerweile ausreichend Dialyseplätze, die Qualität dieser Behandlung bessert sich fortlaufend und ist mit den Anfangsbedingungen vor 30 Jahren nicht mehr vergleichbar. Mithin bedeutet eine gelungene Nierentransplantation sicher einen deutlichen Zuwachs an Lebensqualität für den Spender. Man vergißt dabei aber, dass das durchschnittliche “Überleben” einer Transplantatniere bei etwa 10 Jahren liegt. Auch ist eine Transplantation mit einer notwendigen Immunsuppression verbunden, die eine erhebliche Steigerung der Tumorrate sowie eine Steigerung schwerer Infektionen wie CMC etc. mit sich bringt. Zuletzt ist es für mich auch immer wieder bedrückend mitzuerleben, dass Patienten dringend auf den Tod eines anderen warten, um von dessen Organen zu profitieren.

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Ingrid Faninger
Ingrid Faninger

Ich führe einen von der Gesellschaft für Gesundheitsberatung herausgegeben Ausweis bei mir, daß ich kein Organspender bin und auch keine Fremdorgane haben möchte. Diese Ausweise liegen in meiner Praxis zusammen mit dem Bericht einer betroffenen Mutter: Renate Greinert, ORGANSPENDE NIE WIEDER” aus.Dieses Heft ist über die Dr. Max Bruckerstiftung in Lahnstein zu erhalten. Auch ich wurde auf diesen Ausweis und das Heft im Wartezimmer eines verantwortungsbewußten ethisch denkenen Arztes aufmerksam.

#3 |
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Christine Burghardt
Christine Burghardt

Die Widerspruchslösung ist eindeutig die effektivere Variante. Wenn msn sich der Organspende verweigern möchte MUSS man handeln. Alle diejenigen, denen das egal ist bzw. die die Problematik verdrängen, stehen dann als Spender zur Verfügung.
Ich sehe nur eine Mißbrauchsgefahr – der Widerspruch wird nicht oder zu spät “gefunden” ….

#2 |
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Dr. Simone Stüwe
Dr. Simone Stüwe

Widerspruchslösung ist ganz klar besser für die breite Masse, die sich damit nicht auseinandersetzen will. Literaturempfehlung: Gigerenzer “Bauchentscheidungen”, da kann auch Frau Schmidt nachlesen, warum sie das Geld für Aufklärungs- und Werbekampagnen sparen kann. Ich habe einen Organspendeausweis.

#1 |
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