Ruf den Krankenwagen!

7. Januar 2009
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Für viele Ärzte stellt die Notfallmedizin die Königsdisziplin dar. Der Notarzt muss oft binnen Sekunden zum Teil lebenswichtige Entscheidungen treffen. Lies jetzt ein Logbuch und erlebe einen Tag mit einem Notarzt!

7.30 Dienstbeginn

Schnell hole ich mir bei der Zentrale eine Rettungsdienstjacke und einen Funkmelder. Bewundernd streiche ich über das gelbe Schild, was sich grell von der Jacke abhebt. „Notarzt“ steht darauf. Gut, so ganz stimmt es noch nicht, aber ich werde die Jacke mit stolz geschwellter Brust tragen und wenigstens schon einmal Arzt spielen.

7.35

Das Warten auf den ersten Einsatz beginnt.

8.00 Uhr

Den ersten Kaffee habe ich schon getrunken und ein Brötchen gegessen. So langsam werde ich ungeduldig. Hatte ich mir doch vorgestellt, von einem Einsatz zum anderen zu flitzen, ein Leben nach dem anderen zu retten. Ich schaue noch mal auf den Pieper, aber er scheint wirklich zu funktionieren.

8.17 Endlich – mein Funk piept.

„Bewusstlose Person“ steht auf dem kleinen Display. Schnell laufe ich zum NEF (Notarzteinsatzfahrzeug). Gleichzeitig mit mir kommt auch Dagmara, die wirkliche Notärztin am Wagen an. Schnell prescht Thomas, der Rettungsassistent los.
Mein Puls beginnt vor Aufregung und Anspannung zu rasen.

8.19 Wow, was für ein Gefühl!

Mit bis zu 100 Km/h rasen wir mit Blaulicht und Martinshorn durch die Straßen der Stadt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, in diesem Wagen zu sitzen, wenn alle anderen Autos Platz machen. Am liebsten würde ich vor Freude jauchzen und kann mich nur zurückhalten, weil ich darüber nachdenke, worauf gleich zu achten ist.

8.27

Gleichzeitig mit uns kommt auch der Rettungswagen mit zwei Rettungsassistenten an. Schnell werden die wichtigen Koffer mit Sauerstoff, Medikamenten und anderem Zubehör aus den Wagen gezerrt. Von einem aufgeregten Angehörigen werden wir in ein kleines Schlafzimmer geführt, wo eine ältere Frau auf ihrem Bett liegt. Sie ist weder auf Ansprache noch auf Schmerzreize hin erweckbar. Blutzucker messen, Venenzugang legen, Blutdruck messen… alles schon tausendmal gemacht, aber hier ist es wieder etwas Besonderes. Unter den überkritischen Augen der Assistenten lege ich die Braunüle und stoße ein kleines Dankgebet aus, als direkt beim ersten Stich die grüne Viggo sitzt. Jetzt weiß ich, dass sich die Übung, die ich durch das Legen der vielen Venezugänge im Rahmen der Stationsarbeit habe, gelohnt hat. Obwohl ich dies mehr als einmal verflucht habe…

8.41

Im Augenblick ist nicht zu erkennen, warum die Frau bewusstlos ist. Alle Vitalparameter und auch der Blutzucker sind im normalen Bereich. Jetzt heißt es “load and go”, einpacken und mitnehmen. Sowohl die Notärztin als auch ich fahren im Rettungswagen mit. Die Fahrt ist vor allem eins – ziemlich holprig. Gott sei Dank werde ich nicht seekrank, sonst hätte ich ein Problem und könnte mich neben die Patientin legen.

8.52

Übergabe im Krankenhaus. Hier wird jetzt die weitere Diagnostik veranlasst. Was die Patientin hat? Ich werde es nie erfahren.

9.04

Wieder zurück in der Zentrale beginnt erneut das Warten. Das Rettungsdienstfieber hat mich voll gepackt, ich will wieder mit Blaulicht und Martinshorn durch die Strassen fahren und warte ungeduldig auf den nächsten Notruf.

9.59

Der zweite Alarm – endlich. “Atemnot” prophezeit das Display. Wieder brausen wir mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt. Am Ort des Geschehens angekommen empfängt uns ein älterer Herr, der aber gar nicht nach Atemnot aussieht. Der Patient könne nicht zum Hausarzt laufen und der wolle keine Hausbesuche machen, erzählt uns der Mann aufgebracht. Dies ist die andere Seite des Rettungsdienstes. Nicht alle Menschen brauchen wirklich dringendst ärztliche Hilfe, oftmals würde schon ein hilfreicher Nachbar oder ein soziales Netzwerk genügen.

11.54

So langsam bekomme ich Hunger. Doch bevor wir uns einigen können, wohin wir zum Essen fahren, klingelt der Funk “Reanimation“. Waren wir gerade schon schnell, fahren wir jetzt wie der Blitz. Vor einem Einkaufsmarkt liegt ein Mann mittleren Alters, ein Passant macht die Herzdruckmassage und mindestens ein Dutzend Leute stehen uns im Weg. “Wie immer” raunzt mir Thomas noch zu. Die jetzigen Abläufe werden in Sekundenschnelle ausgeführt. Jeder weiß, was er zu tun hat. Dagmara intubiert, Thomas schließt das EKG an und ich versuche eine Braunüle zu legen. Mindestens grün! Das EKG zeigt eine Asystolie an. Endlich kommt auch Verstärkung durch den Rettungswagen. Braunüle liegt, der Assistent zieht Adrenalin, Atropin und Vasopressin auf. Thomas übernimmt die Herzdruckmassage. Ich versuche möglichst wenig im Weg herumzustehen.

12.24

Der Mann hat wieder suffiziente Kreislaufverhältnisse. Einladen, mitnehmen. Medikamente werden noch für die Fahrt aufgezogen und sind in meiner Hand, direkt neben mir der Zugang. So kann ich innerhalb weniger Sekunden auf Anweisung der Notärztin reagieren.

12.39

Patientenübergabe in der Notaufnahme. Nun liegt es nicht mehr in unseren Händen. Ob er wohl überlebt?

13.07

Wir alle haben Hunger und essen schweigend in der Krankenhaus-Cafeteria. Diesen Einsatz müssen wir alle erst einmal verdauen – besonders ich.

14.42 Mein nächster Einsatz.

Bewusstlose Person” – schon wieder? Auch als Notarzt scheint es eine gewisse Routine zu geben. Diesmal ist die bewusstlose Person männlich und liegt auf der Couch. Seine Frau hat versucht ihn zu wecken, aber als dies nicht klappte, direkt den Notarzt angerufen. Der Mann ist Diabetiker, hat einen Blutzucker von 34 mg/dl. Nach einer Kurzinfusion mit Glukose schlägt er die Augen auf und fühlt sich prompt gut. Er habe nicht zu Mittag gegessen, aber trotzdem pflichtbewusst nicht auf sein Insulin verzichtet. Das war ein schöner Einsatz.

17.12

So langsam macht sich meine Müdigkeit bemerkbar, doch bevor ich darüber nachdenken kann, tönt endlich auch wieder der Piepser. “ACS” leuchtet mir entgegen. Akutes Coronar Syndrom, das könnte wieder spannend werden. Eine Frau sitzt aufrecht in ihrem Sessel, hat stärkste thorakale Schmerzen, eine graue, kaltschweißige Haut, vier Hub Nitro, dass sie für den Bedarfsfall verschrieben bekommen hat, hätten ihr noch nicht geholfen. Der Klassiker! Noch bevor jemand was sagen kann, schnappe ich mir die Viggo und lege einen Zugang, Blutdruck wird gemessen, Medikamentenanamnese erhoben. Was jetzt kommt kann ich auswendig, so oft hat man das im Studium wiederholt: Morphin, Blutdrucksenker, HeparinBolus, ASS, Plavix, eventuell noch Beta-Blocker und dann ab ins nächste Krankenhaus.

21.28

Das Ende rückt näher, doch bevor auch ich in den Feierabend darf, gibt es noch einen Einsatz. “Schlägerei” informiert mich das Display. Hoffentlich ist die schon vorbei, wenn wir ankommen. Polizeiblaulicht leuchtet uns den Weg zu den Verletzten. Ich finde es beruhigend, dass die schon vor Ort sind und das Geschehen deeskaliert haben. Ein junger Mann hat eine Kopfplatzwunde, der andere scheint sich das Handgelenk gebrochen zu haben. Mein Puls nähert sich schnell dem Normalzustand. Komisch, wie rasch man sich an die Aufregung gewöhnen kann.

23.54 Dienstende

Müde und erschöpft gebe ich die Jacke und den Funk wieder an der Zentrale ab. Dagmara bleibt noch bis morgen früh. Erst dann ist auch für sie der Arbeitstag vorbei.

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Allgemein

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6 Kommentare:

Steffi Klimm
Steffi Klimm

Oje habt ihr alle nichts besseres zu tun als unsere motivierten Nachfolger zu demotivieren??? Kein Wunder herrscht in Deutschland unter den Ärzten so eine schlechte Stimmung. Wie wäre es mal mit etwas mehr positiver Energie ????!!!!!!!

#6 |
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Stefan Strauch
Stefan Strauch

Du solltest zur Presse gehen oder ein Buch schreiben. Als Ärztin wird das in diesem Leben wohl nichts mehr – tut mir leid. Und sag mal … schon nach den paar Stunden sooo geschafft Mäuschen? Dann warte mal auf den Klinikalltag – da sind nach wie vor 24 Std. die Regel (ohne gemeinsames Mittagessen in der Kantine und Fernsehen zwischendurch.
Oh Gott – wo nimmst Du die Illusionen her?

#5 |
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Studentin der Humanmedizin

Aus meiner Sicht wird dieser doch ganz offensichtlich rein subjektive Erlebnisbericht etwas zu kritisch kommentiert.
Es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele junge Menschen, die das erste mal in einem NEF sitzen ähnliche Gefühle haben.

#4 |
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Rebecca Nordt
Rebecca Nordt

also ich finde hier sind einige echt gemeine kommentare von leuten, die immer alles besser wissen und jedem motivierten echt alle motivation zunichte machen müssen! ist ja mal wieder typisch deutsch.

#3 |
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Student

Wenn ich mir diesen Bericht so durchlese, bekomme ich ein kribbeln auf dem Ruecken, leider nicht vor Freude, sondern vor erschrecken.
Da ich selber seit sieben Jahren im Rettungsdient taetig bin und mit dem Studium bald durch bin, behaupte ich beide Seiten zu kennen, die des RA, sowie die des Studenten, der begierig neues lernen und probieren moechte, jedoch wird hier ein vollkommen falscher Eindruck aus den Augen der Studentin vermittelt, es ist meines erachtens NIE toll, mit Wegerechten durch die Stadt zu rasen, denn wie es die Realitaet so oft zeigt verbergen sich dahinter Menschenschicksale, denen man verzweifelt versucht zu helfen, es aber nicht immer kann. Es wird hier ein Stueck von Rettungsdienstromantik vermittelt, jedoch vollkommen vergessen um was es dabei wirklich geht, besonders, wenn dieser Artikel geschrieben wurde, damit es anderen ueber dieses Informationsportal naeher gebracht wird.
Diese Geschichte und dieser Erzaehlungsstil gehoert nicht hier hin.
Unterhalten Sie sich vieleicht mal etwas laenger und ernsthafter mit dem Rettungsassistenten/innen oder den Notaerzten/innen, dann wird Ihnen vielleicht klar was ich meine.
Fuer Ihren weiteren beruflichen Weg wuensche ich Ihnen alles Gute.

#2 |
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Norbert Pawelczyk
Norbert Pawelczyk

Mit bis zu 100km/h in der Stadt. Nun da hat der Rettungsassistent eins gemacht, etwas falsch. Die Stadt, in der man alarmmässig mit 100km/h unterwegs sein kann, ohne sich und andere zu gefährden, die muss wohl noch geplant werden.
Nun, die Reanimation ist ebenfalls nicht beschrieben wie sie sein sollte, nach den ERC Richtlinien von 2005, die vor allem eins tun: Die Zusammenarbeit auch unbekannter Teams vollkommen erleichtern. Sie sind zwar nich verpflichtend, aber wohl dringend zu empfehlen.
Interessant ist übrigens die Gabe von Vasopressin als Notfallmedikament, rein logisch freilich nachvollziehbar, allerdings meines Wissens nicht der Goldstandart, gefühlt gar nicht verwendet.
Vielleicht schwingt sehr die Begeisterung mit, aber sehr realistisch erscheint mir ihr Artikel nicht.

Viele Grüsse
Norbert Pawelczyk

#1 |
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