Gefunden: Das Placebo-Gen

8. Januar 2009
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Zwei neue Arbeiten zu Placebos erweitern das Wissen um die Nix-drin-Pille. Eine zeugt von der Liebe zwischen Arzt und Placebo. Die zweite postuliert genetische Grundlagen des Placeboeffekts – was möglicherweise Konsequenzen für klinische Studien hat.

Aus Sicht des Fundamentalphysiologen gehört es zu den eher deprimierenden Erkenntnissen der medizinischen Forschung, dass sich das menschliche Gehirn von Placebos täuschen lässt. Positiv betrachtet allerdings besteht daraus ein wesentlicher Teil der Faszination, die die Medizin ausübt. Wie dem auch sei, Ärzte lieben Placebos, und das sicher mit gutem Grund.

Placebo? Aber sicher!

Wie intensiv diese Liebe ist, zeigen aktuelle Daten aus den USA. Bioethiker der National Institutes of Health in Bethesda haben die Ergebnisse einer Umfrage unter 1.200 praktizierenden Internisten und Rheumatologen veröffentlicht. 679 der Ärzte antworteten, also 57 Prozent der Angeschriebenen. Und davon wiederum gab, man höre und staune, die Hälfte an, regelmäßig Placebos zu verschreiben. Interessanterweise geht immerhin jeder fünfte damit auch ganz offen um und sagt seinen Patienten, wenn sie ein Placebo bekommen. Die Mehrheit allerdings „verkauft“ die Placebos (letztlich wahrheitsgemäß) als eine Art Therapieversuch, mit dem der Verschreiber schon früher gute Erfahrungen gemacht habe. Das Spektrum eingesetzter Placebos war dabei relativ breit. Es reichte von Kochsalzlösungen über Zucker- und Vitaminpillen bis hin zu echten Medikamenten, meist niedrig dosierte Schmerzmittel aus dem OTC-Bereich. Zwei von drei Ärzten gaben an, die gezielte Verordnung von Placebos für ethisch unproblematisch zu halten.

Forscher finden ein Placebo-Gen

Fast zeitgleich mit dieser Publikation haben sich Grundlagenforscher im Journal of Neuroscience zu Wort gemeldet. Sie behaupten, ein Gen gefunden zu haben, das zumindest eine Variante des Placeboeffekts erklären könnte. Die Wissenschaftler kommen aus der Neuropsychiatrie und haben ihre Untersuchungen deswegen bei Patienten sozialer Phobie gemacht. 108 dieser Patienten wurden in einer randomisierten, kontrollierten Studie entweder mit einem neuen Medikament behandelt, das in den Serotonin-Stoffwechsel des Gehirn eingreift oder aber mit Placebo. Der Effekt der Therapie wurde dabei unter anderem per PET untersucht. Bei Patienten mit sozialer Phobie ist die Amygdala häufig überaktiv, was sich in der Bildgebung schön farbig darstellen lässt. Um sie in eine Phobie-beladene Situation zu bringen, mussten die Patienten am Anfang und am Ende der Studie vor einer Gruppe von Zuhörern eine kurze Rede halten, während die PET-Aufzeichnungen gemacht wurden. Für die anschließende Auswertung interessierte die Wissenschaftler um den Psychologen Tomas Furmark von der schwedischen Universität Uppsala in diesem Fall nur die Placebogruppe. Es zeigte sich, dass zehn von 25 Patienten, die mit Placebo therapiert wurden, über eine Abnahme der Angstproblematik berichteten. Im PET-Scan konnte das als Abnahme der Amygdala-Aktivität nachgewiesen werden.

Placebostudien ade?

So weit, so typisch. Die schwedischen Wissenschaftler haben sich daraufhin allerdings auch noch die Gene der Patienten angeschaut. Sie wollten wissen, ob es bei den für den Serotoninhaushalt im Gehirn „zuständigen“ Genen Unterschiede zwischen jenen Probanden mit ausgeprägtem Placeboeffekt und jenen ohne Placeboeffekt gab. Und in der Tat hatten acht der zehn Patienten mit ausgeprägtem Placeboeffekt eine spezifische Variante des Tryptophan Hydroxylase 2-Promotors, der in die Serotoninproduktion involviert ist. Es handelte sich um eine Variante, die auch bei gesunden Menschen bekannt ist, die im PET mit einer überaktiven Amygdala auffallen.

Nun gibt es also ein Gen, das für den Placeboeffekt zumindest mitverantwortlich sein könnte. Das ist an sich schon interessant. Es könnte aber vor allem zu Problemen bei placebokontrollierten klinischen Studien führen. „Es könnte zumindest verführerisch sein, alle Individuen zu screenen und jene mit dem nicht-responsiven Phänotyp für die Studie auszuwählen“, spekuliert Furmark. Die Intention ist klar: Wer jene Patienten aussortiert, die voraussichtlich einen ausgeprägten Placeboeffekt haben, bekommt am Ende eine im Vergleich zur Kontrollgruppe relativ größere Wirksamkeit der Verumsubstanz. Das hat ethische, vor allem aber statistische Implikationen, über die bisher vermutlich noch niemand intensiver nachgedacht hat, weil sich das Problem nicht gestellt hat. In Zukunft könnte, ja vielleicht muss das dann anders werden…

1 Wertungen (5 ø)
Medizin, Pharmazie

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10 Kommentare:

Dr. Stefan Gesell
Dr. Stefan Gesell

Vielen Dank, Herr Aller, für Ihre Beiträge. Ganz wichtig der Satz, “dass subjektive Erfahrungen, so beeindruckend sie für einen persönlich auch sein mögen, keineswegs als objektiver Beleg für die Wirksamkeit taugen”…
Wichtig für Homöopathen, Heiler… Patienten und v.a. auch für viele Ärzte und Tierärzte. Doktorarbeiten, in denen mit Statistiken gearbeitet werden muss, sind immens wichtig und sollten letztendlich die Schule für den jungen (Tier)Arzt sein, seine späteren Behandlungserfolge/-misserfolge kritisch beurteilen zu können. Diese kritische Beurteilung wird insgesamt zu selten vorgenommen.

#10 |
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Tierärztin

@19 – sehr schöne trial and error meldung :)

@18 – auf “diverse Fernsehbeiträge” gebe ich gar nichts – dennoch will ich nicht ausschließen, dass schon vor Hahnemann potenziert wurde (keine Ahnung ehrlich gesagt). Er hat ja auch viele grundsätzliche Ideen von Paraclesus übernommen – natürlich hat er nicht alles das erste mal erfunden. Dennoch hat er die Homöopathie als solche entwickelt – oder habe ich (Unwissende) da jahrelang was falsch verstanden.

Ich finde es oft schade, wie meiner Ansicht nach gute Alternativ- und Komplementärverfahren durch eben solche esoterischen Bemerkungen in ein falsches Licht gestellt werden und natürlich wird damit den massiven Kritikern (da gibt es hier wohl einige) Futter geliefert. Ich hege den Verdacht, dass hier getarnte Kritiker mit unlauteren Methoden am Werk sind ;)

@ 20: “Was genau meinen Sie mit “vernünftiger Ansatz”? Den Versuch eines wissenschaftlichen Nachweises der Wirksamkeit einer Verdünnung unterhalb der Avogadro-Grenze? Das passt nicht so ganz zu dem Attribut “vernünftig”….”
Ja genau das… wieso bitte ist das unvernünftig? Also wenn ich das jetzt richtig verstehe, wird da einerseits behauptet, dass eine Lösung deren Wirksubstanzmenge unterhalb der Avogadrokonstante liegt nicht wirken kann. Andererseits wird der Versuch diese Wirkung zu zeigen (oder eben nicht – je nach Ergebnis) als unvernünftig betrachtet? Ich schlage also ein hohes N an Proben und außerdem eine invitro-Verblindung vor (der Untersucher weiß nicht welche Lösungen er untersucht).
Ich kenne das Ergebnis nicht, aber was ist bei Einhaltung dieser Bedingungen am Ansatz unvernünftig?

#9 |
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Naturwissenschaftler

Da die Wirkungsweise von Placebos zumindest bisher nicht wirklich verstanden wurde, möglicherweise ist das ja nach den oben zitierten Ergebnissen in Zukunft anders, ist es müßig, darüber zu diskutieren, ob Homöopathie Placebo-Medizin ist, oder nicht.

Viele klassisch-schulmedizinische Ärzte setzen Placebos erfolgreich ein; ein wesentlicher Anteil von schulmedizinischen “Behandlungen” beruht ebenfalls auf dem “Placeboeffekt”.

Homöopathie ist jedenfalls wirksam, das reicht.

Es wäre wünschenswert, wenn die Wirkmechanismen der Homöopathe einmal wirklich verstanden werden. Aber das ist gar nicht das Wichtigste.

Der missionarische Eifer mancher, die Homöopathie als Placebo-Medizin bezeichnen ist nicht verständlich.

#8 |
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Peter VonRüsten
Peter VonRüsten

Nur mal so nebenbei an die Unwissenden…

in diversen Fernsehbeirägen wird hin und wieder

von Schamanen (vor allen in den Urwäldern )

berichtet , die ihre Heilmittel

verschütteln bzw. Potenzieren…

dieses fand auch bereits zu den Zeiten der

Eroberung Mittel-Südamerikas statt…

Damals so wie auch heutzutage clevere

Personen , schrieben sich das dann alles auf..

Diese Berichte kamen dann nach Europa..

wo sie dann von den Herren Bach und Hahnemann

getestet und angewendet wurden….

so wie das heutzutage durch die

Pharmaindustrie auch noch praktiziert wird..

wissen schützt vor unwissenheit und unnötigen

kommentaren….oder ?

#7 |
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Tierärztin

danke für die Hinweise. Tja der Skandal ging wohl tatsächlich an mir vorbei. Ich konnte mich nur erinnern damals einiges zur Preisverleihung etc und eine Zusammenfassung gelesen zu haben.

stellt sich aber doch die Frage, wieso der prinzipiell simple und daher meines Erachtens vernünftige Ansatz (auch wenn damit natürlich nicht das Wesen der Homöopathie wiederspiegelt wird) keine Nachahmer findet.

#6 |
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Horst Gehrmann
Horst Gehrmann

DerPlacebo-Effekt bei Tieren geht nicht vom Placebo aus, sondern vom Verabreicher, dem die Tiere absolut vertrauen.

Das gleiche trifft auch auf die heilende Wirkung von Naturmitteln zu, die beispielsweise indianischen Schamanen an Patienten angewandt wurden. Als Besitzer einige Mohawk-Gene habe ich damit befaßt und den, dass das die Erklärung ist.

#5 |
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Rettungsassistent

@ 3 und 4:
Der Placeboeffekt tritt sowohl bei kleinen Kindern als auch bei Tieren auf und ist auch in vielen Arbeiten hinreichend beschrieben. Bitte mal ausführlich und vor allem sachlich zum Thema informieren und nicht mit Indianern und Schamanen argumentieren, die im Übrigen mit Bachblüten und Homöopathie nicht das geringste zu tun haben.

#4 |
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Dr. med. Werner Hessel
Dr. med. Werner Hessel

Ich finde es unwissenschaftlich, dass hier unterstellt wirt, die Homöopathie wirke bei Tieren…
vielmehr wirkt der Placeboeffekt da doch wohl bei demjenigen, der a) weiß, dass er ein in seinen Augen “wirksames” Präparat (Placebo) verabreicht und so nach dem Prinzip “TLC (Tender loving care)” andere Wirkungsmechanismen in Gang setzt, oder b) der an Homöopathie glaubt, nicht doppelverblindet arbeitet und so auch nicht unvoreingenommen den Therapieerfolg beurteilt.

#3 |
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Rettungsassistent

Grundsätzlich rufen alle Behandlungsmethoden einen gewissen Anteil Placeboeffekt hervor. Interessanterweise haben manche Behandlungsmethoden einen Anteil von 100%, dazu gehören bestimmte Arten von Knieoperationen genauso wie die Homöopathie…

#2 |
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Peter VonRüsten
Peter VonRüsten

Wenn die Homöopathie auf Placeboeffekt beruhen sollte ?

dann finde ich es doch seltsam ….das

unwissende Tiere wie zb. Hund und Katze….

doch sehr gut auf Homöopathische Mittel reagieren….

bzw. es zu einer Heilung kommt…

nur mal so nebenbei..die Basis der Homöopathie und Bachblüten stammt von den
sogenannten Indianern und Schamanen dieser Welt…

#1 |
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