Deutschland rüstigt ab

8. Januar 2009
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Die Lebenserwartung der Europäer steigt von Jahr zu Jahr. Neue Untersuchungen zeigen, dass die Chancen, gesund ins 9. und 10. Lebensjahrzehnt zu gehen, stetig zunehmen – allerdings sollte man dazu nicht unbedingt in Deutschland wohnen.

Ein Kind, das jetzt geboren wird, hat eine 1:1-Chance, im Jahr 2108 seinen hundertsten Geburtstag zu feiern.”, schreibt der Wiener Humangenetik-Professor Markus Hengstschläger in seinem kürzlich erschienen Buch “Endlich unendlich – und wie alt wollen Sie werden?” Die Lebenserwartung der Menschheit ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen. Auch erfahrene Altersforscher wagen keine Voraussagen, wann diese Kurve einen Knick bekommt. Wie Hengstschläger fragen sich dennoch viele Demografen, Politiker und Versicherungsmathematiker: Immer älter werden – aber zu welchem Preis? Ist Selbständigkeit und Gesundheit jenseits der 90 dann so normal wie für die Siebziger der heutigen Generation? Oder wird die Pflege von multimorbiden und dementen Greisen bald den größten Teil unseres Staatshaushalts verschlingen?

HLY: Wann kommen die Altersleiden?

Dass die Lebenserwartung nicht mehr allein der Standard für den Wohlstand ist, symbolisiert die neue Messgröße „HLY“ der in der Demographie: Sie steht für “Healthy Life Years”. So bedeutet der Wert 30 für “HLY at 50” beispielsweise, dass sich der Durchschnittsbürger mit 50 noch auf rund 30 Jahre krankheitsfreies Leben freuen darf.

Eine Studie im Lancet zeigt auf der europäischen Alters-Landkarte große Unterschiede. Nicht nur bezüglich der Lebenserwartung, sondern auch für die Gesundheitserwartungen derjenigen, die kurz vor der Rente stehen. Eine andere Untersuchung von Kaare Christensen aus Kopenhagen und James Vaupel, dem Leiter des Rostocker Max-Planck-Instituts für Demographie, erlaubt einen optimistischen Blick in die Zukunft. Denn bei dänischen Männern und Frauen jenseits der Neunzig finden sich nicht mehr Kranke als bei jüngeren Senioren.

Entsprechend den EU-Daten im Lancet haben 50-jährige Männer noch rund 29 Jahre vor sich, Frauen vier Jahre mehr. Das baltische Lettland liegt dabei mit 21 und 29 Jahren am Schluss der Tabelle, während Italien und Frankreich mit 30 beziehungsweise 35 Jahren die Liste anführen. Bei den Lebensjahren in guter Gesundheit liegt dagegen Dänemark an der Spitze. Rund vierundzwanzig Jahre bleiben Süd-Skandinavier mit 50 noch rüstig und selbständig, während einem Esten nur noch rund zehn Jahre gesundes Leben bleiben. Mit vierzehn Jahren krankheitsfreien Lebens liegen die Deutschen auf einem der hinteren Rängen der HLY-Statistik.

Vorsorge und Bildung – Schlüssel für krankheitsfreies Altern

Vor allem in den neuen östlichen EU-Mitgliedern ist die Spanne zwischen den Werten für ein krankheitsfreies Alter groß. Für die Differenz zwischen Ost und West machen Carol Jagger und ihre Kollegen vom European Health Expectancy Monitoring Unit (EHEMU) das geringere Budget für die Altersversorgung, aber auch das allgemeine Bildungsniveau verantwortlich. Sie veranschaulichen ihre Vermutung durch folgenden Vergleich: Eine Steigerung der Ausgaben für die Altersversorgung um ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts würde den HLY-Wert in den 15 “alten” EU-Staaten um etwas mehr als ein Jahr verlängern, in den 10 “neuen” EU-Mitgliedsländern jedoch um 13 Jahre.

Leider, so schreiben Errol Crook und Terry Hundley von der amerikanischen Universität von South Alabama im zugehörigen Lancet-Kommentar, geben die Daten keine Auskunft über Entwicklungen für Vergangenheit und Zukunft wider. Zum zweiten, so die Anmerkungen der Amerikaner, gäben die Daten keine Auskunft über die Lebensqualität verschiedener sozialer Gruppen innerhalb eines Landes. In den USA, so Crook und Hundley, liegen bis 21 Jahre zwischen den Lebenserwartungen unterschiedlicher ethnischer Gruppen. Das sei viel mehr als beispielsweise die Differenz zwischen Entwicklungs- und Industrieländern.

Rüstig auf die Hundert zu

Dass eine Altersversorgung auf hohem Standard nicht mit ungeheuren finanziellen Investitionen verbunden ist, zeigt das Beispiel Dänemark. Kaare Christensen von der Universität in Odense veröffentlichte im September in der Fachzeitschrift PNAS eine Longitudinal-Studie, die rund zwei Drittel aller 1905 geborenen Dänen erfasste, die 1998 noch lebten. Vier Untersuchungen zwischen 1998 und 2005 gaben Auskunft über den Gesundheitsstatus, kognitive Leistungen und Selbständigkeit. So waren etwa 39 Prozent der rund 2300 Senioren im Alter von 92 noch nicht pflegebedürftig. Im Jahr 2005 galt die gleiche Aussage immerhin noch für 33 Prozent derjenigen, die ihren 100. Geburtstag erleben durften.

Was gute Nachrichten für die Gesellschaft sind, verheißt aber für den Einzelnen jedoch nicht unbedingt ein krankheitsfreies Leben über die Hundert hinaus. Denn die Zahl der Überlebenden betrug nur mehr ein Zehntel der 92-jährigen im Jahr 1998. Mit anderen Worten: Die Hundert zu erreichen, ist genauso schwierig, wie die 92. Die Daten bedeuten aber auch, dass Zeiten von Krankheit und Abhängigkeit im 10. Lebensjahrzehnt nur kurz sind. Der Tod kommt bald nach kurzen Leiden.

Immerhin: Die Wahrscheinlichkeit, mit hundert gebrechlich und pflegebedürftig zu sein, ist nicht sehr viel höher als 10 Jahre zuvor. Die Studie bestätigt frühere Untersuchungen, dass die größten Kosten bei der Fürsorge alter Menschen erst während der letzten Monate ihres Lebens entstehen. Dieser Zeitpunkt liegt später als noch vor einigen Jahrzehnten, ist aber dennoch nicht altersgebunden. Damit räumen Christensen und Vaupel mit Vorurteilen auf und resümieren: “Es ist ein weit verbreitetes aber grobes Missverständnis, dass eine alternde Bevölkerung für immer weiter steigende Gesundheitskosten verantwortlich ist.”

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Allgemein

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6 Kommentare:

Naturwissenschaftlerin

Was hat die Überschrift mit dem Artikel zu tun? Sind wir hier jetzt schon bei der Bild-Zeitung?
Journalistisch sehr enttäuschend!

#6 |
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hallo MihaKisy,
natürlich war der Rollator etwas provozierend, aber man sollte den Wahrheitsgehalt daraus erkennen. Alter und Gebrechlichkeit wird nicht selten als Statussymbol “zelebriert”, wie der objektiv überflüssige Altersbuckel. Es ist aber eine Einstellungsfrage, ob man einen Altersbuckel bekommt oder nicht, das sollte auch der Arzt wissen.
Ich kann das ständige Gejammere von der Überalterung und den drohenden Pflegekosten nicht hören. Es gibt hier, mit Verlaub, auch Geschlechtsunterschiede! Bei Männern haben die Pflegekosten abgenommen, nicht zugenommen.
Wir Ärzte sollten durch Behandlung und Beratung dafür sorgen, dass dieser aufrechte Gang bis zum Lebensende möglich bleibt.

#5 |
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Paul hat Recht bezüglich der übergewichtigen Kinder und Unrecht wegen des Rollators.Wer sicher am Rollator geht, trotz seines Alters, seiner Handicaps wie Gleichgewichtsstörung, Arthrose oder Hemiparese, der bewegt sich!!! Un der fällt nicht so schnell, bekommt keine Fraktur, keine Lungenembolie… Übrigens, sterben müssen wir alle.
Im Süden hat der alte Mensch mehr Sonne, mehr Vit.D, seltener Osteoporose, seltener Frakturen usw…weniger Komplikationen, ergo haben eine Chance längerzu leben.

#4 |
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ich denke, wenn die Welle der übergewichtigen (Kinder ) in die Jahre kommt, wird die Altersstatistik einen Knick bekommen.

#3 |
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es war schon immer falsch anzunehmen, wer früher stirbt, ist gesünder. Ältere Menschen sind eine Selektion von gesünderen Menschen.
Männer sollten jedoch nicht ins Altersheim gehen, hier sterben sie (statistisch) ganz schnell.
Wer am Rollator geht, will sterben. Die Antischwerkraftmuskeln (Beine) sind stark genug, sie auch zu benutzen.:-)

#2 |
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Dr. Thomas Blanke
Dr. Thomas Blanke

es ist niergens erklärt, warum man nicht in Deutschland wohnen sollte. Ich finde den Vorspann irreführend.

#1 |
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