Oxford Handbook of Clinical Medicine: Cheesiges Standardwerk?

25. September 2013
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Wer Medizin studiert, der muss viel Geld für Fachliteratur ausgeben, doch die Auswahl ist breit gefächert. Wir haben uns ein kleines Buch mit großem Namen einmal etwas näher angesehen - „das Oxford Handbook of Clinical Medicine“.

„A guiding star for 25 years“, „the definitive pocket-guide to today’s clinical medicine“, mit diesen überschwänglichen Worten bewirbt der Verlag, die Oxford University Press, sein Werk. Online wird behauptet, es sei sogar das meistverkaufte medizinische Lehrbuch der Welt – ohne jedoch genaue Zahlen oder eine Quelle zu nennen. Behauptung oder Tatsache? Es ist wohl schwer beweis- als auch widerlegbar, eine genaue Statistik gibt es nicht.

Was also möchte dieses Buch sein? Ein smarter, kleiner Ratgeber, der einem aus der Manteltasche heraus die main points der Medizin zuzwitschert. Das macht er auf sehr prägnante Art und Weise und mit Fokus auf die Klinik. Die Fächerauswahl ist dominiert von der Inneren Medizin (Kardiologie, Pulmonologie, Gastroenterologie etc.), ergänzt um klinisch relevante Punkte der Labormedizin, Epidemiologie, und Radiologie. Dass auch die Chirurgie und die Neurologie in das Buch hineingepresst wurden, ist etwas erstaunlich, so ganz passen sie nicht in das Gefüge. Fächer wie Psychiatrie, Ophthalmologie oder HNO-Heilkunde sucht man vergebens, dafür ist das „Oxford Handbook of Clinical Specialities“ die richtige Wahl.

Bevor man sich das Buch kauft, muss man sich dessen bewusst sein, dass es in Bezugnahme auf das britische Gesundheitssystem verfasst wurde. Einige Informationen beziehen sich also  auf das dortige Verständnis der Medizin, wo vor allem klinische Fertigkeiten wichtig sind. Begeisternd ist der Schreibstil des gesamten Buches – es ist pfiffig geschrieben, komplizierte Zusammenhänge werden, auch mit Hilfe der vielen, großteils farbigen Abbildungen, einfach erklärt. Der Aufbau einer Doppelseite ist zumeist gleich – immer links ein Text, und rechts die dazu passenden Illustrationen bzw. Textboxen. Das Lesezeichen mutiert zu einem EKG-Lineal mit aufgedruckten Umrechnungstabellen der SI-Einheiten. Der Umschlag fungiert vorne als Index zu den Notfall-Kapiteln, hinten als Algorithmus für den Advanced Life Support.

Cheese and Onion

Jedes Kapitel ist zudem gespickt mit Referenzen, die allesamt online nachlesbar sind, das Büchlein strotzt nur so vor Nützlichkeit. Was die Gestaltung des Buches angeht, wurde vieles richtig gemacht, die einzelnen Abschnitte sind farblich unterschiedlich getagged, was gemeinsam mit dem sehr runden Design ein angenehmes Lesen ermöglicht. Seid Euch jedoch vor dem Kauf bewusst, dass das Niveau des Englischen durchaus als fortgeschritten einzustufen ist. Ein guter Lesefluss stellt sich zwar sehr schnell ein, (Fach-)Vokabular muss man jedoch immer wieder im Wörterbuch nachschlagen, das kann man als tollen zusätzlichen Lerneffekt betrachten, oder es als äußerst mühsam empfinden – Einstellungssache. Eine deutsche Übersetzung soll es zwar laut Einband geben, de facto findet sie jedoch nicht einmal das Internet. Wie auch immer – im deutschsprachigen Raum hat sich die englischsprachige Version durchgesetzt.

Jeder von Euch hat bestimmt schon während eines Seminars oder auf einer Station einen Komillitonen/eine Komillitonin in das kleine, Steatorrhö-gelbe, gallig-grüne Büchlein (man nennt es auch „cheese and onion“) hineinlugen sehen. Was hebt es also von anderen hervor? Astrid, eine 23-jährige Medizinstudentin, sitzt mit mir am Wohzimmertisch, vor ihr liegt das besagte Werk. Es wirkt beinahe lebendig, die Abnutzungserscheinungen sind unübersehbar – der Rand ist schon leicht vergilbt, der Umschlag zerkratzt, die Lesezeichen-Bänder zerfranst. Sie erklärt es mir so: „Das Buch ist einfach von vorne bis hinten sehr gut durchdacht. Es passt in die Kitteltasche, ist einfach zu lesen und deckt eigentlich aus fast allen großen Fachrichtungen die Basics ab, und die Autoren streuen sogar hin und wieder Witze ein.“ Beispiel gefällig?

Hier ein kurzer Auszug aus dem Buch, der das Prinzip der zirkulären Logik veranschaulicht:

“Examiner: ‘What is ITP?’ ‘You: „ITP is idiopathic thrombocytopenic purpura.’ (you have scored 50% already). ‘And what is idiopathict hrombocytopenic purpura?’ ‘It’s when a cryptogenic cause of a low platelet count leads to purpura.’ For this münchhausen circularity you may be awarded 100 % – unless your examiner is a philosopher, when the right answer would be ‘What is ITP? I don’t know – and nor do you but don’t try this too often.'” –  Herrlich.

Wer aber steckt hinter dem Ganzen? Nun ja, begonnen hat’s vor 25 Jahren, als ein paar Jungärzte aus Oxford beschlossen haben, ihre ganzen Spickzettel ordentlich zusammenzufügen und in der Folge gleich ein Buch daraus zu machen. Natürlich waren und sind sehr gescheite Köpfe am Werk – an der 2010 erschienen 8. Auflage beteiligten sich insgesamt 15 Autoren. Eine Neuauflage erscheint übrigens meist im 3-Jahres-Intervall, Denker warten also lieber noch mit einer Neuanschaffung. Was das Pekuniäre betrifft, gibt’s auch überhaupt nichts zu meckern, für gerade einmal 31 Euro bekommt man ein Exemplar. Auch digital in allen gängigen Formaten verfügbar. Es handelt sich hierbei aber „nur“ um eine 1:1 Digitalisierung, ohne zusätzliche (interaktive) Features, auch die Navigation innerhalb des eBooks sei laut online-Rezensionen etwas holprig – da hätte man sich wohl mehr erwarten können.

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Das Buch selbst ist mit seinen 920 Seiten größenmäßig absolut Manteltaschen-tauglich. Eine kleine Ausbuchtung macht es dort schon, optimalerweise tariert man das Ungleichgewicht in den Kitteltaschen aus, indem man Stauschlauch und Reflexhammer auf der anderen Seite unterbringt. Übrigens gibt es auch eine Mini-Version des Handbooks of Clinical Medicine, diese ist 6 cm kleiner und im Alltagsgebrauch vom ästhetischen Aspekt her sicherlich ansprechender

 Zuverlässiger Begleiter

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, der kann sich hier das komplette erste Kapitel durchlesen. Es handelt sich um eine philosophische Abhandlung über das Berufsbild des Mediziners, die gut veranschaulicht, dass dieses Buch etwas anders als der Grossteil der medizinischen Lehrbücher ist – sehr realitätsbewusst, sehr sympathisch irgendwie. Ähnlich sieht es ein Kommilitone. “Es ist super, vor allem weil es so irrsinnig concise ist. Ich finds auch gut, dass es gleich drei Lesebänder hat, auf der Station schlägt man ja oft nur kurz mehrere Dinge nach, da kann man dann zu Hause gleich weiterlesen. Und ganz ehrlich: bei dem Preis kann man nicht viel falsch machen. “

Für Medizinstudenten und Jungärzte ist das Oxford Handbook of Clinical Medicine also ein smarter, zuverlässiger Begleiter, den man vor allem im ersten Nachtdienst mal um Rat fragen kann – allerdings nur, wenn man des Englischen auch wirklich mächtig ist.

22 Wertungen (4.14 ø)
Humanmedizin, Studium

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2 Kommentare:

Fariba Hatami
Fariba Hatami

Es hört sich gut an.
Ich werde mir die neueste Ausgabe besorgen.

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Ana Maria Gherman Abacioaie
Ana Maria Gherman Abacioaie

Hab ich mir zum PJ zugelegt und muss sagen, dass es eins der tollsten Bücher ist, die ich während des gesamten Studiums gekauft habe. Alles drin und voller britischem Humor, es macht richtig Spaß zu lernen! Kann es jedem weiter empfehlen.

#1 |
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