Gedächtnistraining: Wenn Opi daddelt

17. September 2013
Teilen

Alt werden: Gerne, aber bitte nur dann, wenn körperliche Fitness und vor allem die geistigen Kräfte nicht nachlassen. Das tägliche Kreuzworträtsel hilft nur begrenzt gegen Gedächtnisstörungen. Amerikanische Wissenschaftler haben nun in „Nature“ ein spezielles Videospiel angepriesen.

Sieht so das Fitnessprogramm im Seniorenheim der Zukunft aus? Vormittags etwas Sport mit der Wii-Konsole. Der virtuelle Partner beim Tennis erscheint auf dem großen Monitor, ebenso wie beim Nachbarn der Golfplatz nach Wunsch. Die Spielsteuerung besorgt der nachgebaute Schläger, der drahtlos mit dem Rechner kommuniziert. Am Nachmittag dann etwas fürs Gehirn: Während der virtuellen Fahrt im Sportwagen erscheinen zusätzlich noch ein paar Rechenaufgaben, plötzliche Reaktionstests und fremdsprachige Vokabeln. So präpariert steuern die fitten Senioren ihre Geburtstage jenseits der 100 an.

Nutzloses Gehirnjogging

Gehirnjogging – das Durcharbeiten vieler Rätselzeitschriften – bringt aber für die geistige Fitness ebenso wenig wie das Abspulen verschiedenster Computerspiele. Diese Erkenntnis einer Studie mit über 11.500 Teilnehmern veröffentlichte Adrian Owen im Jahr 2010 in „Nature“. Grundsätzlich fördern zwar Spiele und Denksportaufgaben das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten. Aber leider nur für das speziell trainierte Aufgabengebiet. Die Verbesserung bei den Ergebnissen im Spiel lassen sich nicht auf den Alltag übertragen – sehr zum Leidwesen der Spielindustrie, die sich mit dem Gedächtnistraining für Senioren einen millionenschweren Zugang zu einem bisher weitgehend unerschlossenen Markt erhofft hatte. Bei jüngeren Spieler sind die beobachteten Effekte zwar nicht ganz so klar, meist profitieren aber auch sie mit kommerziellen Videospielen nur in einem Spezialgebiet, das die geforderten Fähigkeiten ganz speziell anspricht.

Multitasking-Trainingsprogramm

Umso erstaunlicher war letzte Woche die Meldung einer Wissenschaftlergruppe in San Francisco, die ebenfalls in „Nature“ von erstaunlichen Verbesserungen der kognitiven Leistungen von Senioren berichtete, wenn diese mit „Neuroracer“ ihre nachlassenden geistigen Fähigkeiten wieder auf Trab gebracht hatten. Das Videospiel war nach den Anforderungen von Adam Gazzaley und seinen Kollegen speziell für seine Zielgruppe entwickelt worden, um deren Fähigkeit zum Multitasking auf die Probe zu stellen und mit geduldigem Training wieder auf den Stand von früher zu bringen.

Dabei galt es, ein Auto auf einem anspruchsvollen Kurs einer geschlängelten Landstraße mit zahlreichen Kuppen auf Kurs und bei Tempo zu halten. Gleichzeitig sollte der Fahrer aber auch noch auf scheinbar zufällig eingeblendete geometrische Figuren achten und auf diese mit Knopfdruck reagieren.

Linearer Verlust an geistiger Leistungsfähigkeit

Nicht erstaunlich war das Ergebnis, dass diese Fähigkeit zum Multitasking im Lauf der Jahre von den Zwanzigern bis ins achte Lebensjahrzehnt hinein beinahe linear abnimmt. Wer gleichzeitig zwei Aufgaben zu erfüllen hat, ist fast zwangsläufig langsamer als beim Prinzip „Eins nach dem anderen“, wenn er oder sie nur eine Einzelaufgabe zu erfüllen hat.

Im zweiten Teil ging es aber nun darum, ob auch Menschen jenseits der Sechzig noch einmal etwas an diesem schleichenden Verlust ändern können. Daher trainierten die Teilnehmer zwischen 60 und 79 Jahren regelmäßig ihre Fähigkeiten, zwei völlig unterschiedliche Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen. Je nach ihren persönlichen Fähigkeiten, passte sich dabei die Schwierigkeit des Spiels bei beiden Aufgaben automatisch an, sodass sie jeweils bei einer rund zwanzigprozentigen Fehlerquote blieb, ohne jedoch den spiellustigen älteren Herrschaften den Ehrgeiz zu nehmen. Nach vier Wochen, in denen die Teilnehmer am Laptop dreimal pro Woche eine Stunde am Tag zu Hause spielen konnten, hatte sich tatsächlich die Fähigkeit zum Multitasking deutlich verbessert.

Trainingseffekt auch bei Arbeitsgedächtnis und Konzentrationsfähigkeit

Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die abwechselnd entweder Auto fahren oder auf die Muster reagieren sollte, waren die Ergebnisse bei der Aufgabenkombination deutlich besser als am Beginn des Trainings. Die Geübten schlugen dabei nicht nur die Single-Task-Probanden, sondern auch eine Vergleichsgruppe von 20-jährigen, die sich zum ersten mal an „Neuroracer“ versuchte.

Möglicherweise taugen solche speziell konzipierten Trainingseinheiten für den Geist auch für eine dauerhafte Verbesserung der kognitive Fähigkeiten. Denn ein halbes Jahr später hatten sich die Multitasking-Fähigkeiten auch ohne weiteres Üben kaum verschlechtert. Im Gegensatz zu anderen Untersuchungen mit kommerziellen Videospielen nahm mit den Intensiv-Multitasking-Einheiten auch das Arbeitsgedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit in unabhängigen anderen Tests zu. Die Kontrollgruppe mit den getrennten Übungseinheiten für die beiden Aufgabenfelder blieb dagegen weitgehend auf ihrem Stand vor Studienbeginn und hatte nur Fortschritte bei der eingeübten Einzelaufgabe gemacht.

EEG: Theta-Wellen als Trainings-Marker

Lassen sich solche Fortschritte auch im zentralen Nervensystem erkennen? Dazu verkabelten die Forscher den Kopf einiger Teilnehmer und maßen per EEG  Theta-Wellen im vorderen Gehirnteil („frontal midline“) und die Kohärenz dieser Wellen im frontalen und posterioren Gehirnregionen. Theta Wellen gelten als eine Art Marker für die kognitive Kontrolle, also willensgesteuerter Aufmerksamkeit und zielführender Aktionen. Hier stieg nach dem einmonatigen Training die Stärke der Theta-Wellen an. Auch die Kohärenz zwischen den verschiedenen Gehirnregionen verbesserte sich. Diese Messergebnisse deuten die Forscher als Zeichen einer besseren Verknüpfung verschiedenen Gehirnteilen und einer Zunahme der Neuroplastizität. Wahrscheinlich zeigen Theta-Wellen auch an, dass das Gehirn bei anspruchsvollen Aufgaben den präfrontalen Kortex  deaktiviert. Damit haben Eindrücke, die von der eigentlichen Aufgabe ablenken und die Konzentration stören, weniger Chancen, ins Bewusstsein vorzudringen.

Transfer in den Alltag?

Unabhängige Experten wie Alexandra Trelle von der englischen Cambridge University würden gerne sehen, ob sich der Transfer der erworbenen Multitasking-Fähigkeiten auch noch auf andere kognitive Bereiche des täglichen Lebens ausdehnen lässt. Wie sieht es etwa mit der Kommunikation im Gespräch mit mehreren Partnern oder anderen anspruchsvollen geistigen Herausforderungen aus, die mit dem Alter immer schwerer zu bewältigen sind? Signifikante Verbesserungen beziehen sich entsprechend den Ergebnissen aus Kalifornien vorerst auf Fähigkeiten, die im Videospiel oder verwandten Aufgaben gefragt waren. Dennoch beweist die Studie, dass das Gehirn bis weit in die zweite Lebenshälfte hinein noch plastisch und somit lernfähig ist.

Neuroracer gegen Aufmerksamkeitsstörungen

Taugt eine solche Software auch als Therapie gegen mentale Störungen wie ADHD bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, bei Depressionen oder gar fortschreitender Demenz? In einer Pressekonferenz betonte Gazzaley, dass er bei diesem Spiel weniger an eine kommerzielle Ausbeutung seiner Spielentwicklung denke, sondern vielmehr an ein Forschungsinstrument für seine und andere Arbeitsgruppen. Mit einer Weiterentwicklung von „Neuroracer“ könne man sowohl nachlassende kognitive Fähigkeiten beurteilen, als ihnen auch wieder auf die Sprünge helfen, möglicherweise auch bei pathologischen Prozessen.

Alternative: Fremdsprache oder Musikinstrument

In früheren Tierversuchen erzielten auch ältere Tiere bessere kognitive Leistungen, wenn sie in einer abwechslungsreichen Umgebung mit zahlreichen Herausforderungen ihrer Umwelt und Artgenossen lebten. Auf diese Erkenntnisse bezieht sich wohl auch Alexandra Trelle, wenn sie sagt: „Ich glaube es gibt viele verschiedene Wege, um kognitive Funktionen zu verbessern. Etliche davon sind wohl sozialer und machen mehr Spaß als ein Computerspiel für eine Person. Da wäre das Erlernen einer neuen Sprache, eines Musikinstruments, oder auch anspruchsvolle Strategiespiele.“ Möglicherweise brächte eine solche Beschäftigung, die näher am Alltag liege, so Trelle, sogar größeren Nutzen als ein gezieltes Computer-Trainingsprogramm.

Möglicherweise ist das „Wie“ aber auch gar nicht so wichtig. Die wichtige Botschaft von „Nature“ lautet wohl: Für eine mentales Fitnesstraining ist es auch mit 80 nicht zu spät. Das Sprichwort von „Was Hänschen nicht lernt…“ hat ausgedient.

158 Wertungen (4.79 ø)
Medizin, Neurologie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

günter schrezenmeier
medizinjournalist
wo gibt es die Software oder einen download ,ggfs. in englisch des videospiels neuroracer.mir scheint dies aufgrund des neuartigen Multitaskings revolutionär zu sein.zumindest sollten in memorykliniken-ambulanzen auch in Deutschland Erfahrungen gesammelt werden.

g.schrezenmeier@t-online.de

#9 |
  0
Medizinjournalist

Naja. Bis 2010 galt “Gehirnjogging” – also verschiedene Rätselaufgaben oder “Gedächtnistraining” als wirksame Prävention vor der (Gehirn-)vergreisung. Eine Studie mit mehr als 11.000 Teilnehmern zeigte dann, dass das wohl nicht ganz zutrifft, sondern nur die Fähigkeiten auf dem Spezialgebiet fördert.
Die Autoren erzählten in der Pressekonferenz, dass sie und Spieleentwickler “Neuroracer” ganz speziell für den Transfer auf schwierige Situationen im Seniorenalltag hin in mehr als einem Jahr Arbeit entwickelt hätten. In ersten Versuchen scheint es tatsächlich so, dass sich die erworbenen Fähigkeiten auch auf andere Gebiete übertragen lassen – anders als bei Leuten, die sich jeweils nur einer Aufgabe hingaben.
Das scheint so neu zu sein, dass sich “Nature”, eine der renommiertesten Fachzeitschriften überhaupt, entschlossen hat, diese Geschichte ganz groß mit Titelbild auf dem Cover aufzumachen.

#8 |
  0
Angelika Pohl
Angelika Pohl

Hallo Herr Dr. Lederer,
vielen Dank für Ihre direkte Antwort.
Dennoch: brauchte es für DIESE Erkenntnis der Trainierbarkeit spezifischer Gehirnfunktionen eine neue/diese Studie?
Nichts für ungut, aber das ist doch evident.

#7 |
  0
Medizinjournalist

Liebe Frau Pohl,
Ganz strikt gesehen, haben Sie natürlich recht. Zwei Aufgaben absolut gleichzeitig zu erfüllen, geht nicht.
Deswegen haben die Forscher ja ihr “Ergebnis” für das Multitasking so berechnet, wieviel länger die Person brauchte, um etwa den Knopf nach dem Auftauchen von Freieck, Viereck etc zu drücken, wenn sie gleichzeitig noch Autofahren mussten – im Vergleich zu der Situation, wenn sie sich vollkommen auf die eine Reaktionsaufgabe konzentrieren konnten. Die “besten Multitasker” waren dann diejenigen, bei denen die Differenz am geringsten war. (Ein “echter” Multitasker, den es aber nicht geben kann, käme wohl auf ein Ergebnis von “0”)
Was will uns die Untersuchung sagen? Auch im täglichen Leben sind wir oft gefordert, uns auf etwas zu konzentrieren, ohne aber eine andere Aufgabe gleich ganz links liegen zu lassen (Bsp Autofahren mit Blick auf Straße und Gefühl für Schaltung, Bremsen etc oder etwa beim Kochen mehrere Töpfe gleichzeitig im Auge behalten, beidhändiges Klavierspielen, …) Dieses “mehrere Dinge gleichzeitig im Auge behalten” lässt sich trainieren, auch ohne dass das Gehirn mehrere Aktionen absolut gleichzeitig ablaufen ablassen muss.

#6 |
  0
Dr. Ute Strehl
Dr. Ute Strehl

Was soll diese Überschrift? Auch der Einleitung entnehme ich einen herablassenden Tonfall gegenüber dem alten Menschen. Bitte etwas weniger flapsig! Auch jenseits der Beschäftigungsgrenze gelten die Menschenrechte und der Anspruch auf Respekt! Das gilt auch für den Kommentar von Herrn Vaith.

#5 |
  0
Angelika Pohl
Angelika Pohl

Die moderne Hirnforschung hat die Mär des Multitasking m.E. eindeutig widerlegt. Was also will uns diese Untersuchung wirklich sagen?

#4 |
  0

Ein sehr interessanter Artikel, insbesondere der letzte Absatz mit den sozial besseren Alternativen! Letztlich aber ist das Thema und der Erfolg solcher Computerspiele doch nur Ausdruck alter Volksweisheiten (“Wer rastet, der rostet!”), also die Wiedererfindung des Rades auf dem elektronischen Animationsniveau, zu dem man nicht die richtige Welt sondern Bepixelung benötigt. Welche sozial angemessenen Antworten und für die Masse der Rentner/Pensionäre bezahlbaren Alternativen zum “Daddeln” hat die Gesellschaft denn hier?

#3 |
  0
Journalist

Wie wäre es denn mit einem Ehrenamt Im Pensionierungsalter ?
Da bleibt man auch fit !
z.b. Deutsche Herzstiftung, Deutsche Schlaganfallhilfe ?

#2 |
  0

Das ist für Ärzte ja einfach: im Beruf tätig bleiben bis man 80 Jahre alt ist!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: