Immunzellen bei Krebs: Freund oder Feind?

19. September 2013
Teilen

Neue Ergebnisse einer aktuellen Arbeit belegen den schon lange gehegten Verdacht, dass das Immunsystem manchmal Krebs fördert, anstatt ihn zu bekämpfen. Damit könnten Immuntherapien schlimmstenfalls nicht nur wirkungslos, sondern sogar schädlich sein.

Die Tumorimmunologie gehört zu den am intensivsten beforschten Gebieten der letzten Jahrzehnte – dabei ist im Grunde genommen bis heute noch nicht einmal sicher, ob das Immunsystem außerhalb experimenteller Modelle überhaupt eine entscheidende Rolle für die Tumorwehr spielt. Die extremen Positionen sind auf der einen Seite die „immune surveillance“- Idee (Krebszellen entstehen dauernd und nur dank des Immunsystems erkranken wir meistens nicht) und auf der anderen Seite die Vorstellung eines genetischen Unfalls auf molekularer Ebene, der zur Entartung der einzelnen Zelle und später zum Untergang des Organismus führt, völlig unabhängig vom Immunsystem.

Nichtsdestotrotz hat es – beginnend vielleicht mit den klinischen Versuchen von Wiliam Coley vor etwa 130 Jahren, welcher Krebspatienten mit Streptokokken als Immunstimulans infizierte – unzählige klinische Studien zur Immuntherapie von Krebs gegeben. Am bekanntesten sind die „LAK-Zellen“ (lymphokin-aktivierte Killerzellen) in den 1980ern sowie in neuerer Zeit dendritische Zellen als Immuntherapeutika bei Krebs geworden. Erste Resultate waren manchmal ermutigend. Wirklich etablieren konnten sich die Versuche allerdings nicht.

Schaden anstatt Nutzen?

Vielleicht ist aber das Immunsystem bei Krebserkrankungen manchmal sogar schädlich. Schon seit Jahrzehnten gibt es Wissenschaftler, die darauf hinweisen, dass Immunzellen den Krebs auch fördern könnten, beispielsweise durch Unterstützung bei der Gefäßneubildung oder auch durch Förderung der Gewebsinfiltration. So wurde bereits 1987 in einem provokativen Lancet-Artikel gefragt: „is cancer an … macrophage-mediated disease?“. Die Autoren spekulierten auf der Basis verschiedener Beobachtungen, dass Krebs sich ohne die Hilfe der Makrophagen des Wirtes kaum ausbreiten könne. Neben Makrophagen kommen auch noch viele andere Zellen als Krebshelfer infrage, insbesondere regulatorische T-Zellen und entsprechend programmierte Monozyten.

Sarkomhelfer aus dem Knochenmark

In einer aktuellen Arbeit  aus dem NCI in Bethesda wurden bei an Sarkomen erkrankten Kindern besondere myeloische Zellen gefunden, die es bei gesunden Menschen so nicht gibt. Diese Zellen vereinen Merkmale von Immunzellen und fibroblatischen Zellen. Sie unterdrücken die Aktivität der T-Lymphozyten mittels der Indolamin Oxidase. Dieses Enzym degradiert Tryptophan als eine besonders für T-Zellen essentielle Aminosäure. Dieser Mechanismus gehört zu den klassischen Kunstgriffen des Organismus, mit denen das Immunsystem ruhiggestellt werden kann, um unerwünschte Reaktionen zu verhindern. Weiterhin fördern diese Knochenmarkzellen der erkrankten Kinder die Angiogenese. Somit verhindern die neu entdeckten tumorinfiltrierenden Immunzellen ein wirkungsvolles Eingreifen ihrer T-Zell-“Kollegen“ ins Krebsgeschehen und schaffen gleichzeitig noch durch Angiogenese günstige Voraussetzungen für eine Tumor­ausbreitung.

Insgesamt wird aus dieser und anderen Beobachtungen klar, dass das Vorhandensein von Immunzellen im Tumor oder um den Tumor herum nicht per se gut für den Patienten ist. Damit ist ebenfalls klar, dass Immuntherapien, seien es „Impfungen“, dendritische  Zellen usw. schlimmstenfalls nicht nur wirkungslos, sondern sogar schädlich sein können. Das ist zunächst einmal eine ernüchternde Erkenntnis.

Zielgerichtete Aktivierung des Immunsystems

Allerdings ergeben sich daraus auch neue Perspektiven. Es kann eben nicht allein darum gehen, irgendeine Immunreaktion zu etablieren, sondern um eine Lenkung der Immunreaktion in die gewünschte Richtung. Ein möglicher Ansatzpunkt ist in diesem Zusammenhang das oben erwähnte Enzym Indolamin Oxidase. Es sind aktuell Studien in Gange, welche versuchen, dieses Schlüsselenzym durch einen Antimetaboliten (1-MT) oder andere chemische Wirkstoffe zu blockieren und dadurch das Immunsystem zielgerichtet zu aktivieren.

Auch verschiedene Pflanzen enthalten Hemmstoffe für das Enzym, z.B die Steppenraute, eine blühende Pflanze, welche im Orient sowohl als Rauschdroge als auch in der Medizin Verwendung findet. Und – wie könnte es anders sein – besonders der grüne Tee, die Wunderdroge der letzten Jahre, enthält in Form der Substanz Epigallocatechingallat einen potenten Inihibitor des in Verdacht stehenden Enzyms.

108 Wertungen (4.44 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Kurze Anmerkung des Autors:

Die Kommentatoren haben im Wesentlichen recht: Die Sache ist im Kern nicht neu, und differenziert ist der Artikel auch nur in dem Maß, wie es im gegebenen Rahmen möglich ist.
Allerdings habe ich nie behauptet, das Thema sei grundsätzlich neu. Im Gegenteil, ich habe einen Artikel von 1987 zitiert, der ebenfalls die schädliche Rolle des Immunsystems beleuchtet. Dennoch finde ich das Thema immer wieder spannend, wenn neue Aspekte hinzukommen.
Es ist auch klar, daß der Artikel für jemanden, der aus der Biotech-Branche kommt und sich professionell mit Tumor-Immuntherapie beschäftigt, nicht ausreichend differenziert sein kann. Da aber viele der DocCheck-Leserinnen und -Leser in anderen Bereichen tätig sind, erscheint mit der Artikel durchaus von potentiellem Wert.
Nur in einem Punkt widerspreche ich dem Kommentator: “nichtsdestotrotz” stammt aus dem 19. Jh. und ist von der Gesellschaft für deutsche Sprache schon lange in den Kanon der etablierten Wörter aufgenommen worden (http://www.gfds.de/sprachberatung/fragen-und-antworten/uebersichtsseite/nichtsdestotrotz/).

#7 |
  0
Stephan Scheffer
Stephan Scheffer

Das Problem ist, dass man von außen nicht sieht welche Antigene der Tumorzelle auf Toleranz seitens des Immunsystem geschaltet wurden. Schwächere Antigene als Ersatz zur Immunantwort zu nutzen ist eine Lösung, aber nur eine schwache. Die Immunantwort über MHC Klasse I und II nachzuvollziehen ist ein Grundproblem, es gibt Tierexperimente, die zeigen können, dass die Idee gut ist, aber im natürlichen Verlauf weiß man halt nicht welche Krebszelle entsteht. Grundlagenexperimete finden sich zuhauf, zB unter T.Greten et al. …. Ein Test für die Immunzelle wäre was feines, was hat Sie gesehen und welche Aufgabe wurde der Zelle zugeteilt.

#6 |
  0

Lieber Autor,
es lebe der Verfall der deutschen Sprache! Ihr schönes “nichtsdestotrotz” ist in einer seriösen Arbeit selbstverfreilich einem korrekten Deutsch vorzuziehen! Siehe dazu mein Blog auf http://WWW.der-fachuebersetzer.de!
Schankedön für die Bereicherung des Journalismus!
Dr. Bernd Walter

#5 |
  1
Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrter Herr Dr. Agricola,

vielen Dank für den Hinweis. Die Studie wurde nachträglich im Artikel verlinkt und kann unter folgender URL abgerufen werden:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23757729

Mit besten Grüßen

Ihr DocCheck News-Team

#4 |
  0
Dr. Eva-Maria Weiss
Dr. Eva-Maria Weiss

Ich finde den Artikel wenig differenziert. Er liest sich als wäre das Immunsystem etwas “Böses”!! In Wahrheit geht es um ein hoch komplexes System mit den unterschiedlichsten Zellen und Wirkmechanismen. Dementsprechend gibt es Vorgänge die das Tumorwachstum fördern, und es gibt auf der anderen Seite Immunreaktionen die zur Eliminierung von Tumorzellen beitragen. Und genau das ist die Herausforderung in der Tumorimmunologie, die Stärkung einer Anti-Tumor Antwort im Vergleich zu chronischen Inflammationsprozessen, die ein Wachstum des Tumors begünstigen (der letze Abschnitt deutet es ja zumindest an). Therapieansätze die auf eine blanke Aktivierung des Immunsystems zielen, entsprechen doch wirklich nicht dem aktuellen Stand der Forschung und die Argumente des Artikels, die auf eine schädliche Wirkung von Immuntherapien hinführen sollen, sind haltlos (denn hier wird nur mit der Tatsache argumentiert, dass es tumorwachstumsfördernde immunologische Prozesse gibt, und wie bereits geschrieben wurde, sind das außerdem keine neuen Erkenntnisse).

#3 |
  0

Neu ist die Erkenntniss nicht, dass das Immunsystem, massgeblich auch am Tumorzellwachtum beteiligt ist. Insbesondere sind die Typ II Macrophagen hierfür verantwortlich, die oft laborrchemisch das Bild einer bakteriellen Erkrankung vorgibt.
Trotz fehlerhaftem Zitat, ist doch klar was Herr Kollege Frohn darstellt ! Oder ?!

#2 |
  0
PD Dr. Hans-Jürgen Agricola
PD Dr. Hans-Jürgen Agricola

Was ist denn das für eine Quellenangabe: “In einer aktuellen Arbeit aus dem NCI in Bethesda”. Ich bitte um ein ordentliches Zitat.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: