Heroin auf Rezept – wer hat`s erfunden?

23. Januar 2009
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Während die großen Drogenkonsumnationen das Problem kaum in den Griff bekommen, etablierte sich in der Schweiz ein wirkungsvolles System: Für Schwerstabhängige gibt es schon seit Jahren und unter ärztlicher Aufsicht Heroin auf Rezept. Jetzt will auch Deutschland nachziehen – und den Einsatz von Diamorphin erlauben.

Die Mitteilung des Deutschen Bundestags in Berlin erfolgte zwischen Finanzkrise und Weltrezession. „Die kontrollierte Behandlung schwerstkranker Opiatabhängiger mit synthetisch hergestelltem Heroin – so genanntes Diamorphin – soll nach dem Willen einer fraktionsübergreifenden Parlamentariergruppe künftig in das Regelsystem der gesundheitlichen Versorgung eingefügt werden“. Immerhin 250 Abgeordnete von SPD, FDP, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen legten am 14. Januar dieses Jahres den Gesetzentwurf (16/11515) vor, wonach Diamorphin nach Bundestagsaussagen „als verschreibungsfähiges Betäubungsmittel eingestuft werden soll, um so eine Behandlung mit dem Mittel zu ermöglichen“. Zudem dürfte, sofern der Wille der bundesdeutschen Parlamentarier greift, die Diamorphinbehandlung nur bei schwerstabhängigen Opiatsüchtigen angewendet werden, „die nach herkömmlichen Methoden wie etwa mit einer Methadon-Substitution nicht erfolgreich therapierbar sind“. Die Idee, eine Übernahme der Diamorphinbehandlung ins Regelangebot des medizinischen Hilfesystems zu ermöglichen, ist für Deutschland mehr als innovativ – und stammt aus der Schweiz.

Schweiz als globaler Vorreiter

Bereits am 21. Oktober 1992 kam es im Alpenland nämlich zur „Verordnung für die Durchführung eines wissenschaftlich begleiteten klinischen Versuchs zur kontrollierten Heroinabgabe“, wie die kürzlich erschienene Monografie “Heroin – von der Droge zum Medikament” resümiert. Als nicht minder legendär gilt der 1. November 1994, jener Tag also, an dem die Heroinausgabestelle Janus in Basel das Licht der Welt erblickte. Damit avancierte die Stadt – nahezu unbemerkt von der Weltöffentlichkeit- zur Vorzeigeregion. Denn während der 90er Jahre setzte der Baseler Professor Dieter Ladewig die Therapie in Basel konsequent durch. Heute sieht er sich bestätigt, wie er den Autoren der aktuellen Monografie, Otto Schmid und Thomas Müller, im Werk erklärt: “Ist ein Patient noch nicht extrem abhängig, scheint eine Behandlung mit Methadon oder Buprenorphin angezeigt. Bei einer stärker ausgeprägten Abhängigkeit und wenn jemand den psychotropen Effekt einer Substanz sucht, meine ich, dass das Heroin eher geeignet ist.” Als einen wesentlichen Grund für den wesentlichsten Erfolg der heroingestützten Behandlung aller relevanten Zentren der Schweiz macht Ladewig die psychosoziale Stabilisierung der Patienten aus. Allerdings räumt der Psychiater ein, dass für viele Patienten eine Abstinenz, trotz allen Bemühungen, illusorisch bleibt. Andererseits würden auch schwere Fälle wirklich clean – was schon aus ärztlicher Sicht für das Konzept spricht. Doch auch in Punkto Kriminalitätsbekämpfung geht es voran: Die offene Drogenszene in der Schweiz ist praktisch gänzlich verschwunden. Zudem sind sowohl der Neueinstieg in den Drogenkonsum, als auch die Beschaffungskriminalität und die Zahl der Drogentoten seit rückläufig.

Einen Hauptgrund für diese Entwicklung sieht auch Professor Gerhard Wiesbeck vom Universitätsklinikum Basel in der “heroingestützten Behandlung”. Der Mix aus der Verabreichung pharmazeutisch hergestellten Heroins (Diacetylmorphin) unter kontrollierten Bedingungen und einer eingehenden psychosozialer Begleitung bereiten der Schweiz weniger Drogentote. Die Erfolge des Schweizer Modells ließen sich global übertragen – wenn andere Länder genauso vehement vorgingen. Schätzungsweise zehn Millionen Menschen sind weltweit heroinabhängig , die negativen gesundheitlichen, sozialen und volkswirtschaftlichen Folgen sind verheerend. Dass die im Jahr 1897 von der damaligen Aktiengesellschaft Farbenfabriken unter der Patentnummer 31650 F 2456 geschützte Substanz wieder das Licht der Pharmawelt erlebt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie des Schicksals: Noch bis in den 1930er Jahren gab es Heroin als Schmerz- und Hustenmedikament. In Deutschland aber, wo Heroin als geschützter Markenname seinen unsäglichen Siegeszug rund um den Globus begann, tut man sich mit der Übernahme des Schweizer Modells nach wie vor schwer: Obwohl der Deutsche Bundesrat ebenfalls einen Gesetzentwurf zur diamorphingestützten Behandlung Schwerstabhängiger vorlegte konnten sich die regierenden Koalitionsfraktionen „bislang nicht auf ein einheitliches Vorgehen in dieser Frage verständigen“, wie es dazu aus Berlin heißt.

1 Wertungen (5 ø)
Allgemein

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5 Kommentare:

ich habe selbst eine Allgemeinarztpraxis, betreibe Substitution und habe viele sehr empfindsame Menschen in meiner Substitutionsbehandlung. Leider wird im Bereich Sucht immer viel zu emotional reagiert. Ich denke einige Fakten sind wichtig:

1. Sucht ist eine Krankheit, besonders der Kollege stevenk sollte da mal nachlesen.
2. Wenn man alle Süchte, auch die nicht substanzbezogenen zusammenzählt, dann sind sicher weit über 50% unserer Bevölkerung in irgendeiner Form süchtig. Wir sitzen zumindest zum großen Teil im selben Boot.
3.Das größte Problem der Opiatsucht ist die Kriminalisierung. Dadurch landen die Süchtigen im sozialen Abseits, begehen Beschaffungskriminalität, werden krank und finanzieren die Mafia.
4. Die Toxizität der Opiate ist nicht hoch, im Gegensatz zu Alkohol und Nikotin.
5. Jeder Euro, der für die Substitution ausgegeben wird, spart 4 Euro an Kosten ein
6. Dadurch, dass Heroin zur Subtitution nur in sehr wenigen Stellen angeboten wird, konzentrieren sich die sozialen Probleme an diesen Stellen.

Was spricht also dagegen den Menschen, die an einer medizinisch anerkannten Krankheit leiden, die notwendigen Medikamente wohnortnah zu geben?
Sie binden sich wieder sozial, gehen Arbeiten, verbreiten keine Krankheiten mehr und als Nebeneffekt geht der organisierten Krininalität das Geld aus.

Dankt mal darüber nach!

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Erst Mal an den Naturschutzfreak John:
Arbeitslosengeld….dass ich nicht lache! Solltest Dich erstmal mit dem geltenden Sozialrecht befassen!!

An alle weiteren “Arbeit-macht-gesund-Klugscheißer” (eben auch MEIN Altruismus hat Grenzen *g*): Schon mal in der Szene gelebt oder gearbeitet?? Und: Sind Diabetiker auch selber Schuld an ihrer Erkrankung? Oder Krebskranke? Oder Alkoholiker? Am besten alle ab ins Arbeitslager , oder was??

Dann noch allgemein als Denkanstoß:
1.) Ich hatte bisher die Info dass die Zahl der Drogenabhängigen in der Schweiz seit Einführung dieses Programmes NICHT gesunken ist. Ein Grund weshalb ich gegen dieses Schweizer Model bin. Außerdem: Wer entscheidet welcher Junki schwerst abhängig ist? Wie lauten dazu die Kriterien? Da dieses Klientel eh zu Übertreibung neigt um auch ja genug Ersatzstoffe zu bekommen, so kann die Selbsteinschätzung in diesem Punkt wohl nicht ausschlaggebend sein.

2.) Alle Heroinkonsumenten die ich bisher traf (seit 1995 arbeite ich im Suchtbereich) tun sich am Schwersten damit EBEN auf dieses Wohlgefühl durch das Heroin verzichten zu müssen – ein extremes Geborgenheitsgefühl was diesen Menschen ansonstem abging, – geht.

3.) Ich kenne durch meine Arbeit echt VIELE schwerst Alkoholabhängige, die – wenn man mal von “zur Last fallen” sprechen mag, alle Kassen viel mehr belasten. Was ist mit denen? Da reicht das Harz IV auch nicht für Wohnung und Suchtmittel!!! Kann man mal drüber nachdenken…*fg*

#4 |
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Gast
Gast

Bin selbst Arzt in Basel und kann die Ausführungen von insider nur bestätigen. So etwas habe ich in meiner bisherigen Laufbahn nicht gesehen. Dass eine Drogenszene so offen etabliert und geduldet wird erfüllt mich manchmal mit Sorge. Möchte mit dieser Klientel nichts zu tun haben, sie haben sich selbst in diese Lage gebracht, und die allermeisten von ihnen wollen auch drin bleiben, nein, vielmehr schwärmen sie förmlich von ihrem Konsum wenn man sie fragt was sie so alles konsumieren. Ich habe bis jetzt keinen einzigen aus dem Methadonprogramm getroffen, der keinen Beikonsum hat. Ich frage mich wofür wir unsere Steuergelder verschwenden. Basel wird in einigen Jahren abends eine tote Stadt sein, da sich keiner mehr hinaus traut. Entweder wird man von ausländischen Jungendlichen angepöbelt oder von Junkies belästigt. Na dann, viel Spass mit euerem Heroin auf Rezept und übrigem Mist….Was soll das. Wer seid ihr, dass ihr so mit unserem Geld umspringen könnt und es an irgendwelche Gestalten austeilen könnt. Was heisst hier die Szene ist nur 1/4 so gross wie damals. Diese Szene darf es gar nicht geben… Wie wärs mal mit einen organisierten Tagesablauf herstellen und erstmal arbeiten lassen… Ich weiss, jetzt kommt wieder dieser Klugscheisser von weiter oben und erzählt uns, dass schon im dritten Reich Arbeit für gewisse Zwecke eingesetzt wurde. Das ist mir wurscht, wenn´s Dir nicht passt, dann nimm Dir diese Junkies doch mit nach Hause und lasse bei Dir wohnen. Wenn Du schon so besorgtum diese Gestalten bist, dann mach´s doch richtig. Altruismus hat seine Grenzen. Gruss.

#3 |
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Gast
Gast

Hallo,
lebe in Basel. Hier ist ein Zentrum des Heroinkonsums. Das Konzept ist leider nicht aufgegangen. Ist man Heroinist wird man zwar gut krankenversichert und berentet, die Zahl der Abhängigen steigt aber ständig ebenso die Kriminalität. Praktisch alle konsumieren weiter auf der Strasse. Viele junge Leute trauen sich nachts nicht mehr auf die Strasse weil es von diesen Horrorgestalten wimmelt, die betteln und ihre Spritzen überall liegen lasse. Es gibt wohl neben Basel keine Stadt in der so viele Kleinkinder mit akzidentiellen Nadelstichverletzungen behandelt werden. Praktisch alle Junkies sind Hepatitis B, C oder HIV positiv. Davon werden geschätzt jeden Tag 50 im Universitätsspital behandelt. Tendenz steigend.
Erfolgreiches Programm???
Hast Du recherchiert oder den Artikel so zugestellt bekommen?
Sorry, aber solche Aussagen sind sehr gefährlich. Schau einmal in Basel vorbei und besuch eine dieser Drogenstellen. z.B. die auf dem Fussweg zum Zoo.

#2 |
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längst überfällig für die Behandlung schwerstabhängiger, die nicht ausreichend mit Buprenorphin oder DL-Methadon/Levomethadon substituiert werden können.Erfordert aber viel Personaleinsatz in der PSB und den Praxen.Ohne ausreichende Finanzierung nicht realisierbar.

#1 |
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