Angst essen Herz auf

23. Januar 2009
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Junge Menschen, die an Panikattacken leiden, weisen im Vergleich zu Gesunden ein deutlich höheres Infarktrisiko auf. Zu diesem Ergebnis gelangt die bislang weltweit größte Studie – und stellt Ärzte nicht nur in UK vor neue Aufgaben.

Erstmals attestieren Medizinforscher vom University College London das, was viele Ärzte irgendwie ahnten, aber bislang noch nicht anhand harter Statistiken belegen konnten: Angststörungen und Panikattacken gehen mit massiven kardiologischen Spätfolgen einher. Zwar gelten Zusammenhänge zwischen Depressionen und dem verstärkten Auftreten von Myokardinfarkten als gesichert und sind weitgehend untersucht. Doch erst der vor kurzem von Kate Walters im Fachblatt European Heart Journal veröffentlichte Artikel zeigt in ungewohnter Deutlichkeit, wie die Psyche das Herz des Menschen ernsthaft in Gefahr bringt.

650 Arztpraxen aus der General Practice Research Database dienten dabei als Datenquelle, 57.615 Patienten mit diagnostizierten Angststörungen oder Panikattacken bildeten die Grundlage der Studie. Hinzu kam eine aus 347.039 als unauffällig diagnostizierten Menschen bestehende Kontrollgruppe. Damit zählt die Kohortenstudie mit insgesamt 404.654 Patienten nicht nur für Großbritannien zu den wichtigsten Untersuchungen dieser Art. „Die Ergebnisse lassen sich auf alle anderen Länder mit einer ähnlichen soziodemographischen Struktur übertragen“, kommentiert Emma Mason, Sprecherin des EHJ, die Publikation. Die Auswertungsergebnisse der Untersuchung jedenfalls lassen aufhorchen. Wer nämlich bis zu einem Alter von 50 Jahren eine Panikattacke erlitt, wies im weiteren Verlauf seines Lebens eine um 38 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit auf, einen Herzanfall zu erleiden, als Patienten ohne vorausgehende Panikanfälle. Das Risiko einer Herz-Kreislauferkrankung liegt sogar um 44 Prozent höher als bei jenen, die in dieser Altersgruppe frei von Panik und Angst sind.

Interessanterweise nähert sich mit zunehmendem Alter das Herz-Erkrankungsrisiko beider Gruppen an. Menschen, die erst nach dem 50. Lebensjahr an Angststörungen leiden, weisen mit 11 Prozent nur noch ein deutlich geringeres kardiologisches Risiko auf. Wie komplex Psyche und Herz miteinander verschaltet sind, demonstriert höchst eindrucksvoll die Sterblichkeit der Patienten mit Panikattacken – im Vergleich zu „gesunden“ Pendants sinkt sie bei einer Herzattacke um fulminante 24 Prozent. Warum Angst und Panik zunächst das Herz in die Bredouille bringen, dann aber zu signifikant höheren Überlebensraten führen, ist noch ein Rätsel. „Womöglich suchen Menschen auf Grund ihrer psychischen Probleme den behandelnden Arzt öfter auf, was potenzielle Herzfehler rechtzeitig erkennen hilft“, mutmaßt Walters. Hinzu komme jedoch vermutlich ein weiterer Aspekt, schreibt die Londoner Forscherin. Danach führt die Panikattacke zunächst zu einer Aktivierung des sympathischen Nervensystems, was wiederum die Arterien belastet und letztendlich die Herzrate verändert. Warum die Herzprobleme erst nach Jahren zu Tage treten, vermag freilich auch diese These nicht zu erklären.

Fehldiagnose als Risikofaktor

Fest scheint aus Sicht der Londoner Mediziner nur eins zu stehen: Viele Ärzte stellen auf Grund einer ähnlichen Symptomatik die falsche Diagnose. So kann ein diffuser Schmerz in der Brust zwar ein Indiz auf einen drohenden Infarkt sein – wohl aber auch die Form einer Panikattacke. Weil den meisten Medizinern das bekannt ist, kommt es laut Walters zu einer erhöhten Fehldiagnoserate. Vor allem Menschen unter 50 haben der Studie zufolge gute Chancen, bei einem Herzfehler als Angstpatienten identifiziert zu werden – was die höhere Sterblichkeit erklären könnte. Eine bessere Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen Kardiologen, Allgemeinmedizinern und Psychiatern sei daher angebracht, fordern die Studienautoren. Weil die Forscher ausgerechnet Daten des britischen GPRD auswerteten, lassen sich die Aussagen zumindest für Großbritannien verallgemeinern – die angeschlossenen Kliniken und Praxen gelten als repräsentativ. Darauf zu hoffen, dass es sich bei den Ergebnissen lediglich um eine Momentaufnahme handelt, wäre unangebracht: Die Studie nahm den Zeitraum 1992 – 2002 unter die Lupe.

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Medizin

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9 Kommentare:

Hallo thalamus,
hab mich sehr über den Kommentar unter dem Aspekt “Chlamydieinfektion in Betracht ziehen” gefreut.
Beschäftigen Sie sich näher mit chron. Chlamydieninfektionen? Wenn ja, würde ich mich über eine Email an segebrecht@gmx.de freuen. Bin seit längerem auf der Suche nach Austausch zu diesem Thema, bislang ist die Resonanz und auch das Interesse aber eher dürftig. Es gibt so viele Hinweise auf diese Problematik, aber niemand scheint sich ernsthaft damit zu befassen!

#9 |
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Dr. med. Elena Müller
Dr. med. Elena Müller

Dass Panikstörungen das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen steigern, kann ich aus meiner Erfahrung bestätitigen. Ich behandle derzeit und seit 5 Jahren ca. 40 Pat. mit einer Panikstörung. Von diesen 40 hatten in den letzten 2 Jahren sieben einen Herzinfarkt bzw. Angina-pectoris-Anfall. Klar, einige hatten auch andere Risikofaktoren, so dass man das nicht gut korrelieren kann, baer trotzdem, das ist im Durchschnitt wesentlich mehr als bei Psychosepatienten z.B.
Eine Studie wie die oben beschriebene war meiner Meinung nach längst überfällig

#8 |
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Monika Müller-Richter
Monika Müller-Richter

Ein sehr interessanter Artikel der meine Beobachtungen teil. Ich arbeite auch mit Essstörungen, wie z.B. Anorexie, Eine regelmässige Kontrolle auch des EKGs zeigten höhere Abweichungen als bei Gleichaltrigen. Bei den meisten liegt ein Trauma – Vergaewaltigung -zugrunde, folgedessen eher Angst-, oder Panikattacken? dann Herzerkrankungen? Wäre eigentlich logisch.

#7 |
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Heilpraktikerin

Hallo, thalamus und Dr. Debusmann,
an Ihren Thesen ist auf jeden Fall etwas dran, trotzdem kenne ich Fälle, in denen sich – über die Jahre – aus einer “psychosomatischen” Herzrhythmusstörung eine manifestierte Herzinsuffizienz entwickelt hat. Die psychische bzw. Stresskomponente kann man hier nicht wegleugnen.

#6 |
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Anja Koppehele
Anja Koppehele

Hallo,
hatte jetzt eine Op im Unfallkrankenhaus.Ich würde angebrüllt, das sie eine somatische Station sind. Also ich mit meiner Psyche kam (posttraumat.Belstungsstörung). 1Tag wollte ich dableiben, aber da Betten fehlen, ist der körperliche und vor allem der seelische ZUstand völlig egal. Wurde rausgeworfen! Ich leide auch an Angstzuständen und Panikatacken, dehnen war es vollkommen egel. Sie liessen mich stehen.
Dehnen dort war die Verbindung:
Angst,Panick – Herzinfarktrisiko nicht ersichtlich!
Schade!

#5 |
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Dr. med. Gabriele Stengel
Dr. med. Gabriele Stengel

wie wäre es damit:
Dauerstress erhöht Sympathikus, dadurch Vasokontriktion , ergo Minderdurchblutung der Arterien incl. Koronarkranzgefäße , somit anfälliger für Mikroorganismen (Z.B. Chlamydien), 20J. Später erhöhte Cholesterinwerte als Ausdruck der Infektion (Reparaturvorgänge der Gefäßwände), dann 30 J. später Myokardinfarlt?

#4 |
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Dr. med. Anette Wuelker
Dr. med. Anette Wuelker

Vielleicht lässt sich die verminderte Sterblichkeit auch mit einem gewissen Trainingseffekt bzw. einer besseren Anpassung des Herzens an erhöhte RR-Werte eines unter Angststörung leidenden jungen Patienten erklären.
Fakt ist, dass Angstpatienten viel häufiger an erhöhtem (offensichtlich vor allem diastolischen)Blutdruck leiden. Der Bericht sensibilisiert, denn ich gehe davon aus, dass die Zahl der Angstpatienten bedingt durch die Entwicklungen in der Gesellschaft in Zukunft zunehmen wird.

#3 |
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Michael Serr
Michael Serr

Hallo,
ich leide seit etwa 10 Jahren an einer Angststörung mit Panikattacken. Mich wundert das Ergebnis nicht! Wer fast täglich mit solchen Symptomen umgehen muss, weiß was Stress auslösen kann. Verwunderlicher ist eher wie viele Ärzte mit Ihren Patienten umgehen! Hoffe, daß durch solche Studien, dieses Krankheitsbild mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und das Bewusstsein der behandelden Ärzte gerät und das Leiden ernst genommen wird!

#2 |
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Heilpraktikerin Arina Kröger
Heilpraktikerin Arina Kröger

Ein sehr aktuelles Thema; zu wenig ist darüber bekannt, aber die Patienten sind da und plötzlich Todesfälle auch; verständlich und trotzdem informativ bereichernd geschrieben

#1 |
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