Clevere Klötzchen

26. Januar 2009
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Das posttraumatische Belastungssyndrom kann schweren Traumata folgen und lässt vergangene Gefahren für Betroffene gegenwärtig werden. Jetzt entdeckten britische Forscher, dass das Computerspiel Tetris das Auftreten von Symptomen der Erkrankung verhindern kann.

Kriege, Katastrophen, schwere Unfälle und andere traumatische Ereignisse: Manche Überlebende lassen solche Ereignisse nicht mehr ohne weiteres los. Auch wenn die Gefahr längst der Vergangenheit angehört, ist sie anhaltend spürbar. Erlebtes wird am Tage und in der Nacht wieder und wieder erlebt, die Konzentration am Tage ist dahin und an erholsamen Schlaf wegen Alpträumen nicht zu denken. Angst, Depressionen, Schuldgefühle und Interessenverlust – die psychosozialen Folgen können dramatisch sein.

Trauma schützt vor Traumafolgen

Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) sollten möglichst frühzeitig eine Betreuung und Behandlung erfahren. Ziel ist es, Angst, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und andere Symptome in den Griff zu bekommen, die Erinnerungen und Bilder zu bewältigen und das Trauma in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Die Therapie kann viele Jahre lang dauern.

Über die Entstehung der PTBS ist wenig bekannt. Mittels funktioneller Bildgebung fand man heraus, dass die PTBS mit einer reduzierten Aktivität des ventromedialen präfrontalen Kortex und mit einer verstärkten Aktivität der Amygdala, die bei der Angstverarbeitung eine Rolle spielt, assoziiert ist. Diese Erkenntnisse bestätigte US-Hirnforscher Jordan Grafman vom Nationalen Gesundheitsinstitut in Maryland. Er zeigte anhand von MRT-Untersuchungen, dass bei Kriegveteranen einige Hirnverletzungen vor der Entwicklung eines PTBS schützten (Nature Neuroscience 2007; 11: 232-237). Wiesen Kriegsveteranen Hirnschäden in den genannten Hirnarealen auf, entwickelten sie seltener ein PTBS.

Weniger Flashbacks mit Tetris

Nun leiden aber wahrscheinlich die wenigsten Patienten mit PTBS unter einer Hirnverletzung, die sie vor den Folgen eines Traumas bewahren könnte. Eine Therapiemöglichkeit entdeckte ein US-Forscherteam um Craig Powell der Universität Texas in Austin. Sie fanden im Tierversuch heraus, dass körpereigenes Corticosteron die Entwicklung eines PTBS beeinflussen kann (J. Neurosci. 2006; 26: 9560-9566). Corticosteron beeinflusste das Angstniveau von Mäusen, wenn der Wirkstoff diesen bei der Rückkehr zum Ausgangsort des Traumas injiziert wurde.

Einer Präventionsstrategie ganz anderer Art sind Wissenschaftler um Emily Holmes der Oxford University in Großbritannien auf der Spur (PLoS ONE 4(1): e4153. doi:10.1371/journal.pone.0004153). Sie erzeugten bei 40 Versuchspersonen ein Trauma, indem sie diesen traumatische Bilder bzw. Filme von Verletzungen verschiedener Ursachen zeigten. Nach 30 Minuten ließen die Forscher die Hälfte der Probanden zehn Minuten lang das Computerspiel Tetris spielen, die andere Hälfte nicht. Spielende Versuchteilnehmer wiesen innerhalb der folgenden Woche weniger Flashbacks auf als jene, die Tetris nicht gespielt hatten.

Spiel konkurriert mit Bildern des Schreckens

Das Spiel Tetris ist eine Art Echtzeitpuzzle, bei dem der Spielende farbige Figuren bzw. Formsteine manipulieren soll. Diese fallen von oben nach unten herab und sind möglichst so anzuordnen, dass eine Blockzeile vollständig gefüllt ist und keine Lücken entstehen. Fertig gebildete Blockzeilen verschwinden aus dem Sichtfeld.

Die Wahrnehmung der Formsteine und das Bewegen der Figuren konkurrieren mit den Bildern des Traumas im sensorischen Teil des Gehirns, glauben die Wissenschaftler. Dieser Prozess könnte in irgendeiner Weise mit der Art der Bildung sensorischer Erinnerungen in der Periode nach einem Trauma interferieren und so die Anzahl von später erlebten Flashbacks reduzieren.

„Wir wissen, dass es in einem Zeitraum von bis zu sechs Stunden nach einem Ereignis möglich ist, verschiedene Typen der Erinnerung zu beeinflussen“; so die an der Studie beteiligte Catherine Deeprose. „Wie an Gesunden gezeigt, erlaubt das Spielen von Tetris in diesem Zeitfenster flashback-artige Erinnerungen zu reduzieren, ohne die Fähigkeit zu löschen, dem Ereignis einen Sinn zu geben.“

Praktikable Intervention oder reines Experiment?

Inwieweit es in der Praxis möglich sein wird, Traumatisierte kurz nach dem traumatischen Erlebnis Tetris spielen zu lassen, ist fraglich. Doch tragen die Erkenntnisse der Studie möglicherweise zur Entwicklung neuer Strategien in der Krisenintervention bei, die helfen, der Entwicklung eines PTBS vorzubeugen.

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Medizin

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4 Kommentare:

Susanne Janke
Susanne Janke

Auch völlig unwissenschaftlich und ohne jegliche Kenntnis der Hirntätigkeit, kann ich Ihnen erklären, warum gerade Tetis einen derartigen Effekt hat. Machen Sie einen Selbstversuch, spielen Sie einfach am PC mehrere Stunden Tetris. Ich garantiere Ihnen, egal, was Sie danach machen, Sie werden vor Ihrem inneren Auge Klötzchen fallen sehen. Und wenn Sie abends zu Bett gehen, fallen immer noch Klötzchen vor Ihrem inneren Auge. Für mich heißt das einfach, das Gehirn ist so mit Klötzchen fallen lassen beschäftigt, und wahrscheinlich vor allem damit, diese Klötzchen unterzubringen, dass für andere Dinge einfach kein Raum mehr ist. Sie denken nur noch “Tetris”.
Viele Grüße

#4 |
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Dr. Florian Katzlberger
Dr. Florian Katzlberger

Ich denke dass auch li/re Aktivierung durch Bewegungen wie gehen und laufen den selben Effekt haben kann (wie emdr), zudem aber noch andere positive Effekte (durch Stoffwechselaktivierung, Naturerlebnis etc.); wieso aber ist tetris eine solche activierung?

#3 |
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Psychotherapeut

interessant ist bei dieser intervention, dass sie vor der entwicklung eines ptsd stattgefunden hat. dies entspricht genau den erfahrungen mit techniken der aktivation der rechts-links koordination der hirn-hemisphären. offensichtlich wird diese koordination durch traumata verhindert und durch übende verfahren (hier tetris) wie emdr oder ähnliche psychotherapeutischen techniken wieder re-mobilisiert.

#2 |
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Naturwissenschaftlerin

Gut geschriebener Artikel.

#1 |
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