Mais: Gute Kolben, schlechte Kolben

26. Oktober 2012
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Die Getreidenutzpflanze Mais ist Nahrungsmittel, Tierfutter und Brennstoff. Inhaltsstoffe verschiedener Sorten beeinflussen offenbar den Stoffwechsel. Während eine Sorte nephroprotektiv wirkt, wurde einer anderen unlängst eine krebsfördernde Ursache nachgesagt.

Die diabetische Nephropathie ist häufige Ursache einer Niereninsuffizienz. Verschiedene Therapien wie eine optimale Blutzuckereinstellung, Blutdrucksenkung, Flüssigkeitszufuhr und Proteinrestriktion sollen helfen, diese Komplikation zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern. Unterstützung könnten Patienten laut koreanischen Forschern möglicherweise zusätzlich durch eine bestimmte Sorte Mais erfahren, die gleich über mehrere verschiedene Stoffwechselwege nephroprotektiv wirkt.

Mais ist Quelle von Flavonoiden

Blauer Mais wächst ausschließlich in Südamerika mit seinem komplexen Klima. Der Mais ist reich an Anthocyanen (PCA), die zu den Flavonoiden gehören. Diesen wird eine antidiabetische Wirksamkeit nachgesagt. In einer zweiteiligen Studie untersuchten Min-Kyung Kang und Mitarbeiter der Hallym Universität die zelluläre und molekulare Aktivität der PCA. In einer in Vitro-Untersuchung wiesen sie die Wirkung der PCA zunächst auf humane endotheliale Zellen nach, die unter hyperglykämischen Bedingungen kultiviert wurden. Die Zellen wurden sechs Stunden lang 1 bis 20 µg/ml PCA exponiert und mit Kontrollzellen ohne Exposition verglichen.

Wirkung am Nierengewebe zeigen

In einer in vivo-Studie an diabetischen Mäusen konnten die Forscher die Wirkung dann direkt am Nierengewebe zeigen. Diabetische Mäuse und Kontrollmäuse erhielten acht Wochen lang 10 mg/kg PCA. Die Wissenschaftler bestimmten die anschließenden Veränderungen des Nierengewebes und führten immunhistochemische Analysen durch. Unter anderem bestimmten sie die Menge inflammatorischer Chemokine, die für die Entwicklung der diabetischen Nephropathie bedeutsam sind.

Schutz vor entzündlichen Gewebeveränderungen

Die in Vitro-Studie ergab, dass PCA die Induktion endothelialer Adhäsionsmoleküle und damit die Zell-zu-Zell-Adhäsion in den Glomeruli dosisabhängig herabsetzten sowie zelluläre Signalwege beeinflussen. Daneben zeigten sich Veränderungen der Leukozyten-Rekrutierung und der Adhäsion an glomeruläre endotheliale Zellen. Bei den diabetischen Mäusen verlangsamte die PCA-Exposition die mesangiale Expansion und unterbrach zelluläre Signalwege, die für die Glomerulosklerose verantwortlich sind. Im Nierengewebe waren Entzündungsproteine reduziert.

Den blauen Mais vermarkten

Die Forscher vermuten, dass PCA vor einer mesangialen Aktivierung von Monozyten und der Infiltration von Makrophagen in die Glomeruli schützen. Beide sind Hauptverantwortliche für die diabetische Nephropathie. Eine Behandlung mit PCA könnte eine spezifische Therapie für Patienten mit Diabetes Typ 2 darstellen und der Entstehung der Nephropathie vorbeugen. Der südamerikanische Mais wird auch hierzulande bereits für die Lebensmittelindustrie vermarktet. Die Firma Tropextrakt etwa wirbt mit dem lila Strunk als Farbstoff für die Getränkeindustrie. Sie bietet Konzentrat, Pulver und ein Extrakt an.

Genmais unter Krebsverdacht

Einer ganz anderen Wirkung von Mais sind französisch-italienische Forscher auf der Spur. Der in Europa für die Lebensmittelherstellung, jedoch nicht für den Anbau zugelassene Genmais der Sorte NK 603 soll bei Ratten Tumore und Organschäden ausgelöst haben (Food and Chemical Toxicology 2012). Gilles Eric Sértalini und Kollegen hatten zehn Gruppen von Ratten mit je fünf männlichen und weiblichen Tieren mit dem Genmais mit oder ohne ein Herbizid (Roundup, Glyphosat) oder normal gefüttert. 50 Prozent der männlichen und 70 Prozent der weiblichen der mit Genmais und Herbizid gefütterten Tiere starben frühzeitig. Der frühe Tod ereilte aber nur 30 bzw. 20 Prozent der normal ernährten Tiere. Zwei-bis dreimal häufiger erkrankten Tiere mit Genmais- oder Herbizidfütterung.

Kritik an der Studie

Der Veröffentlichung der Ergebnisse im September folgte großes mediales Interesse. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bezog deshalb Stellung zu der Studie. Demnach sieht das Institut weder einen Anlass zur Neubewertung der Maissorte noch des Herbizids. Die Studie zeige Schwächen im Design und in der statistischen Analyse der Daten. So wäre etwa die Anzahl der Versuchstiere zu gering gewesen, um eine Langzeitwirkung zu untersuchen. Zudem betrage die Lebenserwartung der Tiere kaum länger als die Untersuchungsperiode. Die Schlussfolgerungen der Autoren der Studie zweifelt das Institut deshalb an. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kritisiert die Studie in ähnlicher Weise.

Dagegen hält Greenpeace, dass die methodologischen Mängel nicht ausreichen, um die Ergebnisse zu widerlegen. Es läge an der Industrie, Beweise für die Unbedenklichkeit gentechnisch veränderter Pflanzen zu erbringen. Mögliche Langzeitfolgen für Umwelt und Gesundheit würden bislang ignoriert.

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9 Kommentare:

Altenpfleger

Ich stelle mir hier die Frage, warum man Ratten erst quälen muss, um dann bestätigt zu finden, was einen eigentlich der gesunde Menschenverstand sagen müsste. Wobei man letzterem wie die Stecknadel im Heuheufen suchen muss. Auch bzw. insbesondere in Akademikerkreisen. Verrückte Welt!

#9 |
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Dr. Klaus Richter
Dr. Klaus Richter

Wer die Stellungnahme des BfR liest, sieht sofort, wo der Hase im Pfeffer liegt. Wenn ich eine Untersuchung zur Langzeitwirkung von Genmais mache und dann ein Studiendesign für 90 Tage wähle, dann können die Ergebnisse leider! nicht sehr aussagekräftig sein. Es wäre sehr interessant gewesen, aber die Untersucher haben es verbockt! Das BfR drückt das nur etwas wissenschaftlicher aus, aber das ist die Quintessenz.

#8 |
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Michael Pude
Michael Pude

– die eigentliche Schwierigkeit liegt hier im hohen zeitlichen und finanziellen Druck für die Entwickler neuer
Produkte. Und gerade bei Gen-Veränderten Agrarprodukten ist das Risiko nach dem Ausbringen nahezu unbeherrschbar.
Das, was für uns eine hervorragende Weiterentwicklung bedeuten kann, kann für den Erfinder nur teuer und manchmal unzureichend rechtlich geschützt werden. Die Notwendigkeit alles schnellstmöglich auf den Markt zu bringen bevor sich Konkurrenz das Wissen aneignet und die Rendite (auf die sehr hohen Investitionen) eingefordert wird birgt Risiken wie nie zuvor in der Menschheit.
Die einzige Chance für uns wäre ein Grenz-übergreifender politischer Konsens, wie er auch über Rüstungsgüter erfolgt,- denn die möglichen Folgen sind nicht geringer.

#7 |
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Dr. Norbert Beier
Dr. Norbert Beier

Bezüglich der von Ihnen zitierten französischen Studie möchte ich auf eine kürzlich veröffentlichte Stellungnahme von 6 französischen akademischen Instituten verweisen, die sich eindeutig von den Ergebnissen bzw. der Studiendurchführung distanzieren: “Six French Science Academies Dismiss Study Finding GM Corn Harmed Rats” (http://dotearth.blogs.nytimes.com/2012/10/19/six-french-science-academies-dismiss-study-finding-gm-corn-harmed-rats/)

#6 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

“soll bei Ratten Tumore und Organschäden ausgelöst haben”, im text der journalistin !!!
“Nicht ein einzige Schlussfolgerung über der achtseitigen sehr gut begründeten Bewertung des BfR, erwähnte die medizinische Journalistin.” viel schlimmer, man kann die gesamte stellungnahme lesen!!!
und die orginalpublikation!!!
wenn man nicht alles selber macht, tststs, hätte das BfR mal so gründlich die anderen studien bewertet!!!!
sehr eigenartig, was denen theoretisch alles auffallen kann, wenn es nicht in den kram passt, weiter so BfR im interesse eurer mitmenschen und deren gesundheit

#5 |
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Prof. Dr. med. Christian Albrecht May
Prof. Dr. med. Christian Albrecht May

Die Kommentare des BfR sind sehr gut und substantiell.
ad 2: man kann nicht für jede schlecht designte Studie sofort eine Gegenstudie fordern. Wenn Sie die Argumentation des BfR genau lesen, sind die abgeleiteten Hypothesen der Arbeitsgruppe nicht durch die Ergebnisse gestützt sondern Spekulation.
ad 3: wie wäre es mit einer substantiierung der Aussagen? Polemik alleine führt nicht weiter.

In wieweit die genetische Veränderung von Maissorten tatsächlich die Qualität des Mais verändert wurde bisher nicht ordentlich untersucht; neben der quantitativen Bestimmung (Zusammensetzung) müssten auch qualitative Studien durchgeführt werden; solche sind mir bsher nicht bekannt. Insofern ist ein Großteil der Argumentation gegen diese Pflanzen aufgrund von (evtl. zweifelhaften) Analogien oder subjektiven Stimmungen (Meinungslobby).

PS. Ich selber möchte auch keine gentechnischen Produkte zu mir nehmen; meine Argumente sind jedoch nicht naturwissenschaftlich.

#4 |
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Nicht ein einzige Schlussfolgerung über der achtseitigen sehr gut begründeten Bewertung des BfR, erwähnte die medizinische Journalistin.

Schon auf der aufmerksamen Lektüre dieser Stellungnahme könnte man erfahren was, mit der Studie von Serralini et al. los war.
Das ist nicht erstmal dass diese Gruppe mit einer unüberlegten Schlussfolgerung an die Presse kommt.

#3 |
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Dr. Christoph Truckenbrodt
Dr. Christoph Truckenbrodt

Wer die Einstellungsvoraussetzungen des BfR kennt, weiß, daß dort nur die größten Nuschen und Nullen unterkommen.
Wen wundert es da, daß die die meiste Zeit schlafen und wichtige Dinge meist von anderen aufgedeckt werden.

#2 |
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natürlih bewertet das BfR die franz Studie als nicht aussagekräfrtig, weil die Herrschaften bisher geschlafen haben und ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Oder sollte etwa Lobbyismus eine Rolle spielen ?
Es genügt eignetlich schon, dass der Verdacht vorliegt und bei solchen, insbesondere beim weibl Tier excessiven Tumoren der Mamma nicht sofort auch an die zunehmenden Zahlen von Brustkrebserkrankungen in der heutigen Zeit denkt, um aktiv zu werden und zumindt gemodifizierten Mais verbietet und auch nicht importiert.

#1 |
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