Wii läuft die Reha?

2. Februar 2009
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Mal ehrlich, was würden Sie lieber tun? Einen langweiligen Stepper nutzen oder sich mit einer quietschvergnügten Spielekonsole messen? Zwanzig Patienten der Reha-Klinik Lübben gaben jedenfalls eine eindeutige Antwort. Wann gibt’s die Wii endlich auf Rezept?

Sie kennen das Problem: Sie haben ein Abo beim Fitnessstudio, aber Sie gehen so selten hin, dass jeder Besuch im Schnitt auf etwa zwanzig Euro kommt. Trägheit ist einer der Gründe für dieses weit verbreitete Phänomen. Aber wenn man ehrlich ist, macht Studio auch nicht wirklich Spaß. Selbst wenn es einen Fernseher gibt, behält das stoische Treten auf dem Stepper doch immer noch eine gewisse Trostlosigkeit. Es motiviert einfach nur begrenzt.

Die Wii kapieren auch Nicht-Spieler sofort

Zu dieser Erkenntnis kamen auch einige Physiotherapeuten von der Fachklinik für Orthopädie und Onkologie im brandenburgischen Lübben. Zusammen mit Technikern vom Fraunhofer-Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik haben sie deswegen das Therapieprogramm Move@Home entworfen, bei dem ein herkömmlicher Stepper antreten musste gegen die fernsehgebundene Spielkonsole Wii von Nintendo, und zwar in ihrer Wii Fit Balance Board-Version. Das Balance Board ist ein fakultatives Zusatz-Equipment für die kommerziell nicht nur bei jungen Menschen sehr erfolgreiche Wii, eine Art Einmannwippe, die unter anderem für Geschicklichkeitsspiele zum Einsatz kommt. „Wir wollten wissen, ob dieses im Consumer-Bereich etablierte Produkt die Motivation bei Rehabilitationsübungen zu Hause erhöhen kann beziehungsweise was daran gegebenenfalls noch weiterzuentwickeln wäre“, sagte Projektleiter Michael John vom Fraunhofer FIRST.

John stellte die Resultate einer Pilotstudie jetzt beim 2. Ambient Assisted Living-Kongress in Berlin vor. Teilgenommen haben zwanzig Rehabilitanden, die während eines dreiwöchigen Rehaaufenthalts in Lübben parallel zum üblichen Reha-Programm in ihrem Zimmer Zusatzübungen machten und damit ein häusliches Training simulierten. Erste Erkenntnis: Obwohl in der Wii-Gruppe nur einer von zehnen so ein Gerät schon einmal aus der Nähe gesehen hatte und fünf von zehnen keine Erfahrungen mit Computern hatten, kamen die Probanden mit dem Equipment problemlos klar: Alle beurteilten den Umgang mit der Wii als „leicht“ oder „sehr leicht“. Beim Stepper war das im Prinzip genauso, aber das überrascht ja nicht weiter.

Gesamtfazit: Gerät am besten mitnehmen…

Erhebliche Unterschiede gab es dagegen bei der Motivation: „In der Stepper-Gruppe war die Motivation sehr verhalten. Über das vorgeschriebene Übungsprogramm hinaus wurde kaum trainiert“, so John. Ganz anders bei der Wii: „Hier haben sieben Patienten das Gerät sofort ausprobiert, und insgesamt wurden sehr viel eher freiwillige Zusatzübungen gemacht.“ Auch bei der alles entscheidenden Frage, ob die Patienten das Gerät zu Hause weiter nutzen würden, verlief die Abstimmung deutlich: Fünf von zehn Teilnehmern gaben an, den Stepper weiternutzen zu wollen. Neun von zehn waren es bei der Wii. Und der eine, der es nicht wollte, nannte den Preis des Geräts als Grund dafür.

Bei der Auswertung der Trainingseffizienz stößt die Lübbener Studie aufgrund der geringen Teilnehmerzahl an Grenzen. Formal belasteten sich die Patienten, die am Stepper trainierten, nämlich häufiger, und sie setzten häufiger Therapien ein, bei denen eine hohe Muskelkraft in Bauch oder Beinen erforderlich war. Das allerdings führen die Autoren darauf zurück, dass in der Wii-Gruppe, nicht aber in der Stepper-Gruppe, drei von zehn Patienten eine Operation hinter sich hatten und entsprechend anfangs weniger belastbar waren. Auch das Geschlechterverhältnis in den Gruppen war unterschiedlich. Fazit: In den Keller mit den Foltergeräten. Die Zukunft der Reha gehört dem Spiel…

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Medizin

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10 Kommentare:

Herr Simon Schweder
Herr Simon Schweder

@S. Andreano-Braun
es gibt in der Therapie berits soche Geraäte, z.B. Therapiekreisel die über USB mit dem PC verbunden sind und man dann am Bildschirm/Leinwand Geschiklichkeitstraining in Form von gewichtsverlagerung oder auch Spiele ähnlich dem “Moorhuhn – abschießen” spielen kann!

#10 |
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Physiotherapeutin

Hallo,
der Ansatz in dieser Studie ist gar nicht so dumm.
Ein Gerät das so konzipiert ist wie die Wii wäre in jeder Praxis oder Klinik eine Bereicherung. Da es viele Einsatzmöglichkeiten gibt z.B. Körperschwerpunkt visuell und taktil wahrnehmen lernen nach Hüfttep oder Schlaganfall.
Propriozeptives Training nach Verletzungen der unteren Extremität oder Wirbelsäulenproblemen.
Dieses wäre wenigstens an eine konkrete Bewegungsintuition geknüpft und damit wesentlich effektiver.
Man sollte sich Gedanken über eine medizinische Version dieser Spielekonsole machen.
Also los liebes Frauenhofer-Institut legt los,ihr wart schon öfter Initiator revolutionärer Technik.
Mit lieben Grüßen

#9 |
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Dipl.-Soz.Arb. Rüdiger Knäpper
Dipl.-Soz.Arb. Rüdiger Knäpper

als bisheriger Sportmuffel, der erst seit dem 5o. Lj. die Notwendigkeit aus reiner Vernunft für sich erkannt hat, dass er Sport machen muss,
ist alles zu begrüßen, was die Motivation und Freude am Sport und an der Bewegung fördert.
Vielen Dank für solche Innovation !

#8 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Auch ier scheind die Überzeugungsarbeit der Werbestrategen von Nintendo auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein:

“Daddeln” min einem Minimum an Bewegung vor dem heimishen TV wird als Sport verkauft

Der Trend in der Gesellschaft ist lieder wohl nicht mehr auszuhalten: Gesundheit ja, aber mam besten nichts (langweiliges, sprich Training , Ernährung) dazu beitragen müssen – und schon gar nicht anstrengen.. hauptsache fun

#7 |
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Nach einer komplizierten Weber C Sprunggelenksfraktur im März 2008 wurde habe ich die Reha u.a.mithilfe der Wii Konsole durchgeführt. Mein Gleichgewicht hat sich fast normalisiert und die Muskulatur hat sich sehr schnell wieder aufgebaut. Zusätzlich habe ich kaum zugenommen trotz mehrwöchiger Immobilisierung, da durch die Übungen die Fettverbrennung gefördert und Muskulatur aufgebaut wird. Inzwischen führe ich das Training ohne Physiotehrapeutin durch. In der Anfangsphase war sie zur Korrektur der Bewegungen unerlässlich.Die Wii Konsole kann ich nur empfehlen.

#6 |
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Physiotherapeutin Britta Kositz
Physiotherapeutin Britta Kositz

der spaßfaktor steht hier an erster stelle, aber wo ist die korrektur oder frische luft? genauso schwachsinnig wie rehasport (gerätetraining) z.b. für skoliosepatienten.

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Zufälligerweise hat eine Verwandte erst vor ein paar Wochen nach einer Versteifung der LWS in ihrer ambulanten Reha auch die Wii kennengelernt. Und auch sie war wirklich begeistert davon und konnte auch bestätigen, dass es nicht nur ein “Herumspielen”, sondern durchaus eine anstrengende Betätigung war.

#4 |
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Dr. Stefan Lang
Dr. Stefan Lang

Nette Idee, aber die Aussagekraft einer gerade 3-wöchigen Studie ist bescheiden. Jeder, der schon einmal geglaubt hat, mit seinem Heimtrainer ganz wunderbar Sport und Fernsehen kombinieren zu können, wird das bestätigen. In den ersten drei Wochen läuft es ganz phantastisch, aber dann…

#3 |
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Naturwissenschaftlerin

Hallo Herr Hammer,
der Artikel ist einwandfrei geschrieben, auch mit Erklärung der “Fremdwörter”, siehe Textzitat:”fernsehgebundene Spielkonsole Wii von Nintendo”

#2 |
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Dr. Martin Hammer
Dr. Martin Hammer

Hallo,
nun weiß ich immer noch nicht, was so eine Wii ist bzw. was sie macht, wie sie funktioniert.
Den Artikel über den neuen Ansatz bei der Alzheimer- Therapie habe ich aber eben gut verstanden, weshalb ich denke, es liegt nicht am Mittwoch…
Zu viel vorausgesetzt?
Ahnungslose aber freundliche Grüße!

#1 |
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