Das Anti-Botox

2. Februar 2009
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Botulinumtoxin ist das giftigste unter allen Toxinen. Theoretisch würde ein Gramm der Substanz ausreichen, um eine Million Menschen zu töten. Gegen diese potentielle Biowaffe entwickelten US-Forscher nun eine Impfung mit einfacher Anwendung.

Botulinumtoxin (kurz Botox) ist ein hochwirksames Gift. Es legt Nerven und Muskulatur lahm und führt im schlimmsten Fall über eine Atemlähmung zum Tod. Früher war das hochwirksame Nervengift vor allem durch gefürchtete Lebensmittelvergiftungen bekannt. Ursache war häufig Fleisch aus Konserven. Heute ist das Gift in therapeutischen Dosen eine Behandlungsoption bei vielen verschiedenen Erkrankungen, bei der man sich die muskellähmende Wirkung zunutze macht. Auch als Faltenglätter für Best-Ager hat sich Botox einen Namen gemacht.

Erzeuger des Gifts ist das Bakterium Clostridium botulinum, dessen natürlicher Lebensraum der Boden ist. Dort führt es in Sporenform ein ruhiges Dasein. Ohne Luft jedoch, etwa in ungenügend konservierten Lebensmitteln oder Tierkadavern, kann es zur Vermehrung des Bakteriums mit Bildung des tödlichen Gifts kommen.

Biowaffe der höchsten Kategorie

Jährlich erkranken in den USA durchschnittlich 145 Personen an Botulismus, so die U.S. Centers for Disease Control and Prevention. Ein Großteil davon sind Kinder, die besonders empfindlich auf sporenhaltigen Staub reagieren. Der Rest sind Wundinfektionen und Lebensmittelvergiftungen. Daneben ist Botulinum-Neurotoxin eine Biowaffe der Kategorie A, der auch Bacillus anthracis angehört. Das bedeutet: Höchstes bioterroristisches Risiko für die Bevölkerung und die nationale Sicherheit. Denn das Gift ist nicht nur tödlich, sondern auch leicht herzustellen und wirkt über die Inhalation.

Ein schützendes Vakzin hat also nicht nur medizinische, sondern auch militärische Bedeutung. Ein Forscherteam um Mingtao Zeng vom Department of Microbiology and Immunology des University of Rochester Medical Center gelang es nun, einen Impfstoff zu entwickeln, der Versuchstiere vor tödlichen Dosen des Toxins schützte (Gene Therapy 2009; doi: 10.1038 gt.2008.181). Der Clou: Der Impfstoff wird nur einmalig per Nasenspray verabreicht und wirkt bereits auf den Schleimhautzellen der Nase, die dem Gift meist als erstes ausgesetzt ist.

Impfstoffherstellung ohne Toxin

Bisherige Schutzimpfungen gegen Botulinumtoxin basieren auf Toxoiden. Das sind unschädlich gemachte Toxine, deren Herstellung allerdings mit hohen Risiken verbunden ist. Man braucht sehr große Mengen an Toxin, und der Umgang damit ist gefährlich. Ein weiterer Nachteil gegenwärtiger Impfstoffe ist, dass die intravenöse Applikation erst im Blut zu einer Immunreaktion führt.

Der jetzt entwickelte Impfstoff ist ein sogenanntes Subunit-Vakzin und basiert auf nichttoxischen Proteinen, die den Eiweißen ähnlich sind, die das Bakterium produziert. Das Fragment Hc50 wurde als entscheidend für den Mechanismus des Eindringens in die Blutbahn identifiziert, über das das Toxin dann an Nervenendigungen des Gehirns und der Extremitäten gelangt. Bereits 1995 hatte John Middlebrook des U.S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases (USAMRIID) entdeckt, dass das Fragment im Gegensatz zum kompletten Toxin ungiftig ist. Auf eine gefährliche Massenproduktion von Toxinen kann also verzichtet werden.

Geimpfte Versuchstiere überlebten

Das Fragment Hc50 koppelten die Forscher an ein Adenovirus, dass eine Vehikelfunktion besitzt und das Fragment in die Zellen transportiert. Adenoviren lassen sich über die Schleimhaut zuführen. Acht geimpfte Mäuse überlebten, nachdem sie eine tödliche Dosis des Gifts erhalten hatten. Sie wiesen keinerlei Symptome des Botulismus auf. Ungeimpfte Tiere dagegen starben. Der Impfschutz war auch sieben Monate nach der Impfung nachweisbar. Bislang schützt die Impfung nur vor einem von insgesamt sieben Toxinen. Die Forscher sind jedoch zuversichtlich, einen Multi-Komponenten-Impfstoff entwickeln zu können, der auch gegen die anderen sechs Toxine wirksam ist.

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Medizin

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7 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpflegerin

Wenn es Eure Familienmitglieder/ Kinder betreffen würde, dann wäre es Euch sowas von egal wieviel die Forschung gekostet hat!! Pharisäer alle miteinander die immer nur schreien “ah….wie viel das kostet mit der Forschung!”

Ich habe ein “neues” witziges Wort in dem Artikel gefunden, was mich sehr belustigt hat: Best-Ager. :-)))

#7 |
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Maximilian Micka
Maximilian Micka

Grundsätzlich gehört für jede Krankheit ein Therapieansatz entwickelt. Impfungen sind geeignet um schwerwiegende Krankheiten in die Bedeutungslosigkeit zu schieben. Solange der Impfstoff dann auch weltweit verfügbar ist und gut wirkt, ist der Forschung nichts entgegenzusetzen. Auch die Vorstellung eine weitere (potentielle) Waffe aus dieser Welt zu verbannen gefällt mir. Meine Vorkommentatoren haben natürlich recht, wenn ihrer Meinung nach andere Krankheiten zuerst bekämpft werden sollten, allerdings darf ich einwenden, daß die Frage nach der Finanzierung dieser Forschung wirklich nicht unser Problem ist (hab ich das überlesen oder wo steht bitte daß das einen Haufen Geld kostet?) und Erkenntnisse aus dieser Forschung auch weniger “luxusbehafteten” medizinischen Möglichkeiten zu Gute kommen können.

MFG

#6 |
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Naturwissenschaftler

Wirkt die Impfung auch nachträglich?
Ich würde gerne mal die Gesichtsveränderung eines 80-jährigen Filmsternchens sehen, die das Nasenspray (versehentlich?) benutzt …

#5 |
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Ursula Wahl
Ursula Wahl

Den Artikel finde ich absolut interessant. Was ich nicht verstehe – wieso impfen? Gegen die Eventualität, dass ich im ALDI kontaminierte Ware kaufe? oder für den Fall, dass Bin Laden Anhänger mir Botulinumtoxine ins Gesicht pusten? Ich finde solche Studien superinteressant, finanziell bleiben sie ein Ausdruck von Luxus und fördern sie nicht eine gewisse Volksparanoia? oder schlimmer noch – entspringen sie auch einer?

#4 |
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Andreas Moll
Andreas Moll

Ich bin schockiert, für was für einen Wahnsinn Unsummen von Geldern ausgegeben werden.

Aber so ist es nun mal noch (!) in der Welt… da regiert das Geld.

Ich freue mich schon auf den Zeitpunkt, wenn Vernunft das Zepter übernimmt.

#3 |
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Naturwissenschaftlerin

Ich finde auch, es gibt Wichtigeres, wofür Geld ausgegeben werden sollte. Wie schon von meinem Vorredner angesprochen. Für Polio und Tetanus gibt es Impfstoffe, die leider nur nicht überall zum Einsatz kommen. Da ist Investition gefragt!

#2 |
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Ich höre schon die tränenreichen Vorwürfe 16 jähriger Teenager an ihre Eltern: Wie konntest Du mich gegen Botox impfen lassen! Alle anderen werden fantastisch aussehen und ich werde ein schrumpliger Apfel. Ich hasse Dich….

Also Pflichtimpfung für Wehrpflichtige (für Berufssoldaten sowieso) und absolute Kontraindikation für Frauem vor dem 100. Lebensjahr?!?
Eine pervertierte Welt: wir haben kein Geld jedes Kind der dritten Welt gegen Tetanus zu impfen, von angemessener Schulbildunng garnicht zu reden…

#1 |
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