Schmerzen weggelacht

6. Februar 2009
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Wie dosiere ich Schmerzmittel für Kinder richtig? Zuwenig erzeugt ein Schmerz-Gedächtnis und Angst, zuviel sorgt für unerwünschte Nebenwirkungen. Mit einem Lachgas-Gemisch und selbst-kontrollierter Inhalation lässt sich das Problem lösen.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Wer hat diesen Spruch noch nicht aus dem Mund der Eltern oder eines Arztes gehört? Mit dem Zähne-zusammenbeißen tun sich Kinder aber besonders schwer. Gerade Kleinere können weder abschätzen, warum die Behandlung weh tun muss, noch wie lange das “Au” dauert. Kinder- und Jugendärzte kennen meist etliche Patienten, bei denen bereits der Anblick einer Spritze Geschrei auslöst. Die Mutter schafft es nicht mehr, ihren Sprößling zu beruhigen und schlimmstenfalls agiert der Arzt am festgehaltenen Kind. “Eine unzureichende Ausschaltung von Schmerzen und Stressfaktoren bei schmerzhaften medizinischen Eingriffen im Kindesalter kann sich langfristig negativ auf die spätere Schmerztoleranz und den Umgang mit Schmerzen auswirken”, sagt Sergio Stocker, leitender Kinderarzt am Kantonsspital im schweizerischen Schaffhausen. Umso wichtiger ist es, schon früh im Leben eines Kindes unnötigen Schmerz zu vermeiden.

Gas gegen das Schmerzgedächtnis

Weil sich aber aber gerade im Schmerzmittelsektor viele Ärzte über die Dosierung unsicher sind, geben sie im Zweifelsfall eher zuwenig davon. Aus Furcht vor Nebenwirkungen müssen die kleinen Patienten halt etwas mehr Schmerzen aushalten. Für die Psyche dieser Klienten dürfte eine neue – alte – Möglichkeit der Analgesie bei Schmerzen im unteren und mittleren Bereich gerade recht kommen. Seit Sommer letzten Jahres ist auch für Kinder ein Gasgemisch zugelassen, das je zur Hälfte aus Lachgas (N2O) und Sauerstoff besteht und von Linde unter dem Handelsnamen “Livopan” vertrieben wird. Neue Technik erlaubt es dem Kind, selber über das Ausmaß seiner Betäubung zu entscheiden.

Lachgas in der Medizin ist Geschichte: Bereits 1844 zog der Zahnarzt Horace Wells mit seiner Hilfe seinen Patienten ohne Schmerzen kranke Zähne. Rund 120 Jahre später, 1965, setzten Ärzte bei Entbindungen, aber auch bei schmerzhaften Verbandswechseln “Entonox” ein, das Pendant zu Livopan im englischsprachigen Raum. Seine Vorteile: Die Patienten blieben durchgehend wach und konnten den Zufluss des Gases bei Bedarf selbst regeln. Die Angst vor Nebenwirkungen schränkte den Gebrauch jedoch wieder ein: In höheren Konzentrationen beeinflusst Lachgas den Folsäure-Stoffwechsel und verändert das Blutbild. “Manch ein junger, dynamischer Chefarzt hat die Leitungen für Lachgas in seinem Haus daher in den vergangenen Jahren einfach komplett herausreißen oder abdrehen lassen.” berichtet Martin Jöhr, Anästhesist im Luzerner Kantonsspital.

Neue Inhalationsmasken für mehr Kontrolle

Inzwischen hat das Gasgemisch aber eine Renaissance erlebt. Neu entwickelte Atemmasken und Mundstücke lassen das Gas nur dann ausströmen, wenn der Patient aktiv einatmet. Das Analgetikum ist damit für Kinder ab vier Jahren geeignet, sobald sie Belehrungen verstehen und darauf reagieren können. Sie können die Behandlung stoppen, sobald sie ihnen unangenehm wird. Die Masken verringern auch die Belastung der Schwestern mit ausströmendem Lachgas. Mobile Absaugsysteme fangen im ambulanten Bereich das ausgeatmete Gas ein und spalten N2O mittels Katalysatortechnik in seine ungefährlichen Bestandteile.

Wichtigster Vorteil der neuen Methode zur Schmerzbehandlung ist die schnelle Wirkung. Nach sechs bis acht Atemzügen gelangt das Gas über die Lunge ins Gehirn. Dort sorgt es für Entspannung und Schläfrigkeit, lässt aber das Kind nicht einschlafen. “Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht vollständig bekannt, aber wahrscheinlich wirkt das Gas an den Opioid-Rezeptoren.”, meint Emily Harrop vom Great Ormond Street-Kinderkrankenhaus in London. Denn dort wirkt auch Naloxon als partieller Antagonist.

Mehrere Studien haben den Wert einer solchen Alternative zu klassischen Schmerzmitteln bestätigt. Eine französische multizentrische Untersuchung mit über 1000 Kindern fand im Jahr 2000 eine durchwegs gute Wirkung, die nur in wenigen Fällen versagte. Die Ärzte konnten damit Lumbalpunktionen, Knochenmarkaspirationen, Frakturen oder endoskopische Untersuchungen weitgehend schmerzfrei durchführen. Auch Untersuchungen in London bestätigten bei 81 Prozent der Kinder eine “exzellente” Analgesie bei Kindern zwischen vier und fünfzehn.

Kein Allzweckmittel

Wiebke Simmerling vom Schwabinger Krankenhaus in München rät bei stärkeren Schmerzbelastungen allerdings zu zusätzlichen Analgetika. Und Colette Bourgeois und Henri Kuchler von der Klinik im Schweizer Sion weisen in Ihrem Beitrag in “Pediatrica” auch auf die Kontraindikationen wie Gesichtsverletzungen, Schädeltraumata oder etwa einen Pneumothorax hin. Bei mehr als 15minütiger Inhalation kommt es dann zunehmend zu Nebenwirkungen wie Euphorie oder Träumen.

Wer selber kontrollieren kann, wie stark er seine Schmerzen ausschaltet, begegnet dem Arzt meist auch bei anderen Eingriffen mit mehr Verständnis. Vielleicht trägt der Indianer, der keinen Schmerz kennt, in Zukunft immer öfter eine Maske.

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Medizin, Zahnmedizin

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8 Kommentare:

Naturwissenschaftlerin

Das ist ja wissenschaftsjournalistisch recht flach. Einen Artikel auch vorrangig auf gelesener Literatur aufzubauen, ist auch nicht gerade eine Meisterleistung. Sehr einseitige Argumentation. Auch bin ich nicht der Meinung, das 4jährige genau abschätzen können, wieviel sie sich selber vom Lachgas zuführen können ohne sich überzudosieren. Diese Anwendungsmöglichkeit ist unverantwortlich.
Bin sehr entsetzt!

#8 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Vielen Dank Drs.Blattmann und XX!
Das wars dann schon mit meinem Interesse;
da erscheint mir die Entgegnung von Herrn Dr. Lederer doch “recht dünn” …

#7 |
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Dr. med. Undine Blattmann
Dr. med. Undine Blattmann

Bei dieser löst Lachgas eine Druckerhöhung im Innenohr aus,mit den entsprechenden Schäden. Eine große Kinderklinik ist meist mit einer operativen Abteilung vergesellschaftet und es gibt immer versierte Kinderanaesthesisten, die eine suffiziente Analgesie, bzw. Sedierung durchführen können.

#6 |
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Dr. med. Undine Blattmann
Dr. med. Undine Blattmann

Eigentlich standen mir beim Lesen des Artikels die Haare zu Berge. Als Standardmonitoring sollte bei einer solchen Sedierung mindestens eine Pulsoxymetrie und eine Kontrolle der Atmung vorhanden sein, bei gesunden Kindern, versteht sich. Eine RR-Messung und Kapnometrie wären nicht schlecht. Es muss reanimationsgeschuletes Personal und Equipment vorhanden sein, denn zwischen den einzelnen Sedierungstiefen besteht ein fließender Übergang und mit einem “Abrutschen” muss jederzeit gerechnet werden. Ansonsten ist das Risiko von Zwischenfällen erhöht, denn die Sedierungstiefe ist, wie oben bereits erwähnt, nicht gut steuerbar. An Nebenwirkungen sind nicht nur die neurotoxischen Effekte wichtig, sondern auch im Alltau die häufige Mittelohrentzündung.

#5 |
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Karin Gundlach-Goertz
Karin Gundlach-Goertz

Mich interessiert die gleiche Frage wie Dr. Kauer ->s.o.Welches sind die Voraussetzungen um Livopan ambulant in der ZA-Praxis einsetzen zu können?

#4 |
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Tierärztin

Die erwähnten Blutbildveränderungen durch Folsäure-Stoffwechselstörung sind nicht die einzigen Nebenwirkungen von Lachgas. Bei VitB12-Mangel kann es bereits bei einmaliger Anwendung zu bleibenden neurotoxischen Schäden kommen. Deshalb ist zu empfehlen, im Vorfeld ein B12/Folsäurepräparat zu verabreichen

#3 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Verlangt der Gesetzgeber eine Zertifizierung für den ambulanten Einsatz in einer Zahnarztpraxis? Wo finde ich qualifizierte Fortbildungsmöglichkeiten, die solche Zertifizierungen anbieten??

#2 |
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1945,direkt nach dem krieg,wurde ich von einem tollwütigen hund angefallen und merfach gebissen im krankenhaus wurde mir gesagt,sie hätten keine anästethika, ich müßte eben “tapfer” sein. während des nähens zählte ich die stiche laut mit:1x zwtetschge 2x zwetschge…ich war damals ich war damals knapp jahre, nachher fragten mich die ärzte:na,was willst du malwerden? ich sagte:ärztin und alle lachten und ich war wütend

#1 |
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