Migräne: Analgesie mit Elektroschöckchen

18. September 2013
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Der Leidensdruck ist enorm: Patienten mit chronischer Migräne müssen zehn bis fünfzehn Kopfschmerz-Attacken pro Monat ertragen. Ein Forscherteam berichtet nun, dass die Stimulation mit Elektroden Anfallshäufigkeit und Schmerzintensität deutlich vermindern könnte.

Rund acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an Migräne. Bei fünf Prozent der Betroffenen treten die stundenlangen Schmerzattacken an mehr als 15 Tagen im Monat über mehrere Monate hinweg auf. Diese chronische Form der Migräne lässt sich nur schwer behandeln: Medikamente helfen zwar vielen Patienten, oft jedoch mit gravierenden Nebenwirkungen. In schweren Fällen setzen Mediziner manchmal auch auf eine Behandlung mit dem Nervengift Botox. Schlagen all diesen Therapien nicht oder nicht mehr an, kommt seit wenigen Jahren die so genannte periphere Nervenfeldstimulation zum Einsatz. Bei diesem Verfahren lässt sich der Patient am Übergang zwischen Kopf und Nacken zwei dünne Elektroden unter die Haut einpflanzen, die permanent elektrische Impulse abgeben und so dem Schmerz prophylaktisch entgegenwirken. Die Kontakte der Elektroden werden im Unterhautgewebe in die Nähe der Okzipitalnerven eingebracht und mit einem batteriebetriebenen Impulsgeber verbunden. Dieser wird vorher im Gesäßbereich implantiert und kann mit Hilfe einer Fernbedienung reguliert werden.

Nervenfeldstimulation senkt Schmerzintensität

Neue Untersuchungen einer Forschergruppe des Universitätsklinikums Düsseldorf haben nun ergeben, dass die elektrische Stimulation der Hinterkopf-Nervenareale rund zwei Dritteln aller Patienten mit chronischer Migräne helfen könnte. Wie die Wissenschaftler um Professor Jan Vesper kürzlich auf dem Kongress der International Neuromodulation Society in Berlin bekannt gaben, senkt das Verfahren sowohl die Anzahl der Kopfschmerz-Attacken als auch die Intensität der Schmerzen um 70 Prozent. An der klinischen Studie der Düsseldorfer Forscher nahmen 40 Patienten mit chronischer Migräne teil, bei denen die periphere Nervenfeldstimulation nach drei Monaten offenbar zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität geführt hatte. „Frisch operierte Patienten haben wir nicht in die Studie aufgenommen, da es normalerweise immer einige Wochen dauert, bis der positive Effekt der Nervenfeldstimulation überhaupt einsetzt“, sagt Vesper, der Leiter des Zentrums für Neuromodulation an der Klinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Düsseldorf ist.

Kein Placeboeffekt

Um herauszufinden, ob tatsächlich das Verfahren und nicht ein Placeboeffekt die Beschwerden der Studienteilnehmer gelindert hatte, stellten der Neurochirurg und seine Mitarbeiter zu Beginn des Versuchs bei allen Probanden die Stimulation aus. „Das war sehr unangenehm für die Teilnehmer, weil wir sie quasi wieder in den Urzustand versetzten“, sagt Vesper. Dann schaltete sein Team die Nervenstimulation wieder an, bei einem Teil der Probanden jedoch mit einer verringerten Intensität, so dass diese nicht mehr spürten, ob ihre Nerven elektrisch erregt wurden oder nicht. Nach einer weiteren Woche folgte wieder eine Änderung der Behandlung. Während des Versuchs, der sich über mehrere Wochen hinzog, erfuhren die Studienteilnehmer nicht, ob sie gerade effektiv, unterschwellig oder gar nicht stimuliert wurden. Vesper: „Der Clou an unserer Versuchsanordnung war die unterschwellige Stimulation, die der Objektivierung diente und half, einen Placeboeffekt auszuschließen.“ Denn, so der Neurochirurg, auch die weniger intensive Stimulation der Hinterhauptnerven habe zu einer signifikanten Abnahme der Beschwerden bei den Probanden geführt. Allerdings sei sie nicht ganz so hoch ausgefallen wie bei der überschwelligen Stimulation, die die Patienten als angenehmes Kribbeln im Hinterkopf empfunden hätten.

Kaum Nebenwirkungen

Neurologische oder toxische Nebenwirkungen, wie sie bei einer medikamentösen Therapie auftreten können, sahen die Forscher bei den mit der Nervenfeldstimulation behandelten Patienten bislang nicht. Allerdings besteht wie bei anderen Operationen auch das geringe Risiko einer Wundentzündung. Etwas größere Probleme können entstehen, wenn die Elektroden aufgrund der mechanischen Beanspruchung verrutschen: „Bei 10 bis 15 Prozent unserer Patienten sind solche Komplikationen aufgetreten und es mussten Nachbesserungen erfolgen“, berichtet Vesper. Er ist dennoch überzeugt, dass sich die periphere Nervenfeldstimulation in den kommenden Jahren als fester Therapiebestandteil bei chronischer Migräne etablieren wird. „Es gibt sehr viele Patienten, denen wir mit dieser Methode helfen können – bei sehr überschaubaren Risiken, die der Eingriff mit sich bringt“, sagt Vesper.

Weitere Optimierung erforderlich

Auch andere Experten überzeugt die periphere Nervenfeldstimulation: „Das Schöne daran ist, dass man individuell die Parameter der Stimulation wählen und feststellen kann, ob eine Wirkung eintritt oder nicht“, sagt Professor Hartmut Göbel, ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel. „Patienten mit chronischer Migräne befinden sich oft in einer extremen Notsituation.“ Jedes funktionierende Verfahren außerhalb des medikamentösen Maßnahmenkatalogs sei daher eine willkommene Alternative. Doch Göbel warnt vor einem vorschnellen Einsatz bei Migräne-Patienten, die ihre Schmerzattacken schon auf andere Weise in den Griff bekommen haben: „Wir befinden uns zurzeit in der Lernphase und müssen noch ermitteln, an welcher Stelle wir die Elektroden genau platzieren und mit welcher Frequenz und Intensität die elektrischen Impulse am Besten erfolgen sollten.“ Die Beantwortung dieser Fragen könne dann im zukünftigen Routineeinsatz zu einer weiteren Optimierung der Wirksamkeit und einfacheren Handhabung führen.

55 Wertungen (4.18 ø)

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10 Kommentare:

Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths
Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths

Frau Tordoir hat offensichtlich irgend was das Hirn vernebelt. Das kommt davon, wenn in so einem Portal jeder schreiben darf, was immer er / sie will.

#10 |
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Dr. med. Edith Schneider
Dr. med. Edith Schneider

Biofeedback und Neurofeedback werden kaum einmal erwähnt. Wie Frau Noetzel richtig bemerkt, sind das nicht-invasive Methoden, die erstens in vielen Fällen schnell wirken und dem Patienten die Möglichkeit geben sich selbst zu helfen. Dazu muss man sich nichts implantieren lassen.

#9 |
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Rettungsassistent

@ petra Heiermann

Eine Erfahrung ist halt keine Studie.
Wenn es Ihnen geholfen hat, super.
Es wird mit Sciherheit auch mehr Personen geben, denen es helfen könnte.
Aber wie Sie hier mal gerade eben erklären, was die Ursache für Migräne ist (nicht sein könnte), ist ein Stück weit anmaßend.
Wahrscheinlich wird es ein Dutzend Ursachen für Migräne geben und bei einigen Subtypen hilft eine Ernährungsumstellung.
Die von Ihnen beschriebene Ernährungsumstellung hilft ja auch bei anderen Krankheitsbildern, aber auch dort nicht immer und grundsätzlich.
Und solange man die Ursache nicht kennt, muss man eben Symptome behandeln.

#8 |
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Angelika Sitter-Linnemann
Angelika Sitter-Linnemann

@Angelika Tordoir
Und mich erstaunt immer wieder die ideologische Verblendung (oder Erblindung?) einiger Menschen.

Frau Tordoir, ganz offensichtlich leiden Sie nicht unter einer Schmerzerkrankung. Elektrosmog ist für Schmerzpatienten Peanuts, mit so etwas beschäftigt man sich zu allerletzt, wenn man dauernd Schmerzen hat.

Zudem wird die Elektrode “nicht ins Gehirn hineinimplantiert”.

#7 |
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Heilpraktikerin

Ich bin immer wieder erstaunt, was sich Menschen alles antun lassen,
Elektrosmog direkt ins Gehirn hineinimplantieren lassen. Denken solche Leute
auch über die Folgen noch, wenn sie schon nicht an die Ursachen denken.
Derartige Methoden sind in der Psychatrie doch schon lange ad acta gelegt,
dachte ich.Aber offentsichtlich wird nur gesucht wo die rote Lampe abzumontieren ist.

#6 |
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Petra Heiermann
Petra Heiermann

Ich finde es schade, dass fast immer nur an einzelnen Symptomen bei Migräne geforscht wird und im Vordergrund die Schmerzbehandlung steht. Das Gesamtsystem Mensch wird leider zu wenig berücksichtigt, da der Mensch in der heutigen Medizin in einzelne Fachbereiche zerteilt wird. Migräne ist eine Erkrankung, die das gesamte System Mensch betrifft, nicht nur den Kopf. Symptombehandlung ist zwar gut, die Ursache wird aber leider nicht behoben. Dabei könnte es recht simpel sein Migräne zu behandeln, die Ketolysefähigkeit des Gehirns müsste wieder hergestellt werden. Das hieße dem Gehirn wieder beizubringen sich von Ketonen zu ernähren, wie es dies auch im Säuglingsalter schon tut, sich wieder schnell von einem Kohlenhydrat- auf einen Fettstoffwechsel umzustellen. Die Ernährung bei Migränikern sollte also fettreich und kohlenhydratarm sein. Hierbei wird der Blutzuckerspiegel relativ konstant gehalten, der Energielevel schwankt nicht so extrem wie bei kohlenhydratreicher Ernährung. Viele Migräniker verfügen über eine schlechtere Glucose-Tolereanz bzw. verringerte Insulin-Sensitivität. Da ich selber fast 30 Jahre unter Migräne gelitten habe und keine Therapie sowie Medikamente dauerhaft geholfen haben, kann ich sagen, dass eine Ernährungsumstellung eine sehr einfache und kostengünstige Variante ist dieser Erkrankung zu begegnen. Aber mit dieser Methode ist in der Medizin und in der Pharmaindustrie natürlich kein Geld zu verdienen.

#5 |
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Monika Maiwieden
Monika Maiwieden

Weiß man denn inzwischen überhaupt den tatsächlichen Grund für Migräne? Oder tappt man da weiter im Dunkel und probiert immer mal was aus.

#4 |
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Dr. med. Silvia Noetzel
Dr. med. Silvia Noetzel

Dr. Silvia Noetzel
FA Allgemeinmedizin,Psychotherapeutin, Biofeedbacktherapeutin

erstens möchte ich mich der Frage von Frau Schnerch nach den Placebo-Zahlen anschließen und zweitens der vollständigkeitshalber Biofeedback als nachgewiesen wirksame Methode bei Migräne erwähnen. Desweiteren gibt es noch den therapeutische Ansatz über den erholsamen Schlaf (Melatoninstudie) und damit auch die Modifikation des Alltages bei chronischer Migräne.
Bevor ich mir etwas in den Körper implantieren lasse, wäre das zumindest ein Versuch wert!

#3 |
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Heilpraktikerin

…”senkt Anzahl der Attacken als auch die Intensität um 70%”. Mich würden die Zahlen bei der geringeren Stimulation, mehr aber noch die Placebo-Zahlen dieser Studie interessieren. Können Sie diese noch nachreichen?

#2 |
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Zahnarzt

Liebe Kollegen,
es ist doch mekwürdig, dass wir allen Fortschritten der Diagnostik zum Trotz in der Frage der unterschiedlichen Schmerzattacken im Kopfbereich nicht wirklich weiter gekommen sind. In Wirklichkeit sind wir auf dem Stand des Theophrast von Hohenheim stehen geblieben. Der bezeichnete diese merkwürdige Krankheit bekanntlich treffend als Hysterie.
Angesichts der enormen und völlig resultatlosen Forschungsleistung für diese KrankheitK, könnte da nicht der Gedanke kommen, dass vielleicht irgend eine in Stein gemeisselte Lehrmeinung einen Denkfehler enthält?
Hier ist weder der Ort noch der Platz, um alle Probleme um die migränösen Schmerzattacken zu erörtern. Ich möchte nur ein Beispiel zum Denkanstoß geben: Sehen Sie sich einmal ein normales Muskellateralbild des Schädels an. Beachten Sie den Verlauf der Fasern des m.masseter. Da gibt es nur zwei Interpretationen: Entweder hat sich die Natur geirrt, oder die Lehrmeinung der Funktion des Kiefergelenkes ist falsch.
Wenn die Kollegen meinen, die Natur hat sich geirrt, dann nur weiter so. Dann werden wir auch in 50 Jahren nicht weiter sein.
Wenn aber an der Lehrmeinung gezweifelt werden kann, dann kann das der Ansatz sein, um zu einem völlig neuen Funktionsbild des TMJ zu kommen.
Beste Grüße

#1 |
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