Als die Aortenstenose online ging

12. Februar 2009
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Das universitäre Lehre nicht nur aus Frontunterricht bestehen muss, ist nicht neu. Immer mehr Fakultäten setzen auf interaktive Lernformen und möglichst frühen praktischen Einsatz am Klinikbett. Einen weiteren Weg zeigt das Universitätsklinikum Aachen: hier lernen die Studenten seit einem Jahr mit Hilfe von iPod, iTunes und virtuellem Mikroskop.

Alberto Perez-Bouza kennt beide Seiten: Er hat selbst in Aachen studiert und schon während des Studiums Lehraufgaben am Institut übernommen. Mittlerweile ist er Oberarzt am Pathologischen Institut in Aachen. Seine Mission: Die Pathologie nicht nur verständlich, sondern auch attraktiv und spannend zu vermitteln.

Von einer Schnittsammlung zur Mediathek

Was in einem „Scanning-Marathon“ der wichtigsten histopathologischen Schnitte im Jahre 2006 begann, ist mittlerweile zum größten Online-Angebot der Medizinischen Lehre in Aachen geworden. Hinter den Projektnamen „PathoCast“ und „VorlesungLive“ verstecken sich umfangreiche Bibliotheken von Videodateien, in denen die Studenten ihren Lernstoff zu Hause ansehen, wiederholen und lernen können.

„Am Anfang hatten die Kollegen Angst, dass keiner mehr in die Vorlesung kommt“, schmunzelt Perez-Bouza, „aber durch die interaktive Form der Vorlesung sind es nicht weniger Hörer geworden“. Ganz im Gegenteil: Die Mitschnitte, die man sich mit iTunes und iPod überall ansehen kann, helfen die Inhalte zu verstehen und zu wiederholen, und sollen nicht das Selbststudium mit dem Buch ersetzen.

„Die Aortenstenose ging als erste ins Netz“, berichtet Perez-Bouza stolz und zeigt, wie man mit den kurzen PathoCast-Filmen die wesentlichen Aspekte eines pathologischen Bildes in 5-8 minütigen Videos rekapitulieren kann. „Eigentlich war das zur Vorbereitung auf die Basisprüfung“, so Perez-Bouza. Mittlerweile nutzen alle Studenten das Angebot, vor allem natürlich kurz vor den Prüfungen, in denen die Download-Raten drastisch ansteigen.

Mikroskopieren im Bett oder im Park

Eine weitere große Säule von der Online-Lehre ist die virtuelle Mikroskopie. Perez-Bouza: „Man lernt durch Wiederholung und Nachbearbeitung, aber kein Student hat ein Mikroskop und eine histopathologische Sammlung zu Hause im Schrank“. Die Aachener Studenten können mit der virtuellen Mikroskopie nicht nur alle relevanten pathologischen Präparate betrachten, sondern auch direkt die eingebetteten Bemerkungen studieren – interaktives Mikroskopieren – notfalls auch zu Hause mit dem Notebook im Bett. Voraussetzung: ein internetfähiger Rechner oder ein Notebook mit Zugang zum Netz. Alle Angebote der Aachener Pathologen sind frei zugänglich. „Bisher gab es keine Nachahmer“, freut sich Perez-Bouza.

Das Angebot wächst

Insbesondere die Studenten des dritten Semesters, die im Aachener Modellstudiengang den Herz-Kreislauf-Block geniessen durften, profitierten von PathoCast und VorlesungLive. Erstmals wurden alle Vorlesungen aufgezeichnet, sogar ein freiwilliges Histophathologie-Seminar findet man in iTunes. „Wir wachsen weiter“, sagt Perez-Bouza stolz, „auch in anderen Systemblöcken werden die Kollegen neugierig“. In der Tat, auch die Beiträge der Kardiologie sind zu sehen.

Aber es geht nur Schritt für Schritt, denn den größten Teil der Arbeit erledigt Bouza nach der Arbeit, in seiner Freizeit. Dank der finanziellen Unterstützung des Dekanats der medizinischen Fakultät hat er mittlerweile einen kleinen Stab von Hiwis um sich, die als Kameramann, Cutter und Sprecher das Angebot stetig erweitern.

Nicht nur PAULA steht für den Erfolg

Das Engagement lohnt sich. Der Preis für ausgezeichnete universitäre Lehre Aachen – PAULA – der jährlich durch die Studierendenschaft verliehen wird, konnte im Jahr 2008 zusammen mit Prof. Kühl aus der Inneren Medizin für die „Tandemvorlesung“ gewonnen werden. Beim Podcastwettbewerb in Deutschland gewann Perez-Bouza den 2. Platz. Und der mit 6.000 EUR dotierte Lehrpreis der eigenen Hochschule, ist ebenfalls ein Beleg dafür, dass Perez-Bouza und sein Team den richtigen Weg gehen.

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