Proteindiagnostik – Ich hab es im Urin

13. Februar 2009
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Es war ein weiter Weg: Im Mittelalter führten Ärzte Urintests notfalls auch mal mit der Zunge durch. Heute können Hannoveraner Biochemiker mittels Kapillarelektrophorese und Massenspektrometer ein Proteinprofil aus dem gelben Strahl erstellen. Und das zeigt nicht nur Krankheiten an, sondern gibt auch Hinweise auf das biologische Alter.

Seit Urzeiten stand Urin im Verdacht, Auslöser oder Indikator einer Erkrankung zu sein. Hippokratische Ärzte diagnostizierten eine Harnruhr (Diabetes mellitus) notfalls mit der Zunge. Der mittelalterliche Harnbeschauer unterschied mithilfe von Harnglasscheiben über 20 verschiedene Farbnuancen des Urins, die er verschiedenen Erkrankungen zuordnete. Erst um das Jahr 1850 kamen Urin-Teststreifen auf. Die Schafwoll-Teststreifen mussten unter einer Flamme erhitzt werden und färbten sich schwarz, wenn der darauf aufgebrachte Urin Zucker enthielt. Im Jahr 1883 folgte das „Urin-Testpapier“, auf das die Farbumschlag-Reagenzien appliziert wurden. Die heutigen Urin-Testreifen mit ihren zehn Parametern kamen in den 1950er Jahren auf: Blut im Urin deutet auf Harnblasen- oder Nierentumore, Nierensteine oder -zysten hin, der pH-Wert auf Harnwegsinfekte, Azidose, Hunger oder Durchfall, Leukozyten können Urethritis, Glomerulonephritis, Zystitis oder bakterielle Infektionen ankündigen.

Biomarker für frühzeitige Zellalterung gefunden

Unter traditionsbewussten Heilpraktikern gilt die Harnschau heute noch als Standard-Untersuchungsmethode. Das neue Zauberwort in der Medizin heißt jedoch Proteomics: Protein-Analyse. Proteine kommen als verschieden langkettige Eiweiße in Zellen aller Lebewesen vor. Sie bestimmen ihren Aufbau und Funktion, z.B. die Bildung von Haaren, katalytische Prozesse oder Muskelkontraktionen. Proteine können aber auch Krankheitsprozesse abbilden. Die Entdeckung aus den USA ist inzwischen in Deutschland angekommen. Durch die Analyse von Proteinen aus Patientenurin mittels CE (Kapillarelektrophorese) und MS (Massenspektrometrie) kann das Hannoveraner Unternehmen DiaPat eine Vielzahl von Erkrankungen diagnostizieren. Sie werden als Grafik von einer speziellen Software auf dem PC dargestellt. Aus jeder Urinprobe werden bis zu 6.000 Proteine/Peptide mit einem Datenvolumen von 1GB isoliert. Dieses Schaubild stellt den aktuellen Gesundheitszustand des Patienten dar. Jede Krankheit bildet typische Protein-Muster. Mit dem „diagnostischen Pattern“ (=DiaPat) können bislang sieben Erkrankungen nicht-invasiv erkannt werden, so Blasen- und Prostatakrebs, diabetische oder chronische Nierenerkrankungen. Die DiaPat GmbH, 2002 von zwei Professoren der MHH als spin-off gegründet, ist Patent-Inhaber dieser Diagnose-Verfahren.

Proteine sind auch als Biomarker gesucht. Im letzten Jahr identifizierten Max-Planck-Wissenschaftler um Prof. Lenhard Rudolph, Ulm, vier Biomarker für Alterungsprozesse. Mit der von Prof. Mischak der DiaPat GmbH durchgeführten CE und MS wurden die vier Biomarker im Patientenurin gefunden. Prof. Mischak erhöhte die Sensitivität der Untersuchungsmethode durch mathematische Algorithmen. Bei älteren, kranken Menschen sind diese Biomarker deutlich erhöht und werden mit dem Urin vermehrt ausgeschieden. Eine Leberzirrhose bei über 50jährigen, berichten die Wissenschaftler, führte zu um das Doppelte erhöhten Werten für die vier Biomarker im Urin. Sie sind auch im Blut nachweisbar. Die gleiche Patientengruppe wies überdies kürzere Telomere in der DNA auf, was die Alterungsprozesse weiter beschleunigt. Prof. Rudolph, der für seine Entdeckung den Leibniz-Forschungspreis 2009 erhält, möchte diese Entdeckung ab sofort klinisch nutzen: Den Patienten können nun ihrem biologischen Alter angepasste Medikamenten-Dosierungen verabreicht werden. Dies könnte den Heilungsprozess deutlich beschleunigen und Nebenwirkungen verringern. Weiter könnte die Regenerationsfähigkeit alter Zellen, speziell von Stammzellen, erhöht werden, sagen die Wissenschaftler. Auch Gesundheits-Prävention, Anti-Aging-Produkte sowie Nahrungsmittelzusätze könnten verbessert werden.

Urin ist stabiler als Blut

Für Prof. Mischak ist „Urin ein hervorragender Informationsträger: Einfach und ohne körperlichen Eingriff zu entnehmen und im Gegensatz zu Blut auch wesentlich stabiler.“ Nach Mitteilung von Joachim Conrads, CEO der mosaiques diagnostics GmbH, die die Software für die Proteomanalyse entwickelte, sind in seinem Unternehmen die Proteinmuster von Blasen- und Prostatakrebs, Nierenerkrankungen sowie Diabetes gespeichert. Seit kurzem kann auch eine Koronare Herzkrankheit diagnostiziert werden.
Das nicht-invasive Diagnose-Verfahren DiaPat wurde im Rahmen des von Bundespräsident Horst Köhler unterstützten Wettbewerbs „Deutschland – Land der Ideen“ am 17.2.2009 als Gewinner ausgewählt.

Indes beschreitet Conrads mit dem von ihm initiierten Medizin-Sponsoring „vote4health“ noch mehr neue Wege in Deutschland. Hier entscheiden die Sponsoren selbst, welchem biomedizinischen Forschungsgebiet ihre Spende zugute kommen soll. Als Anerkennung erhalten sie einen kostenlosen Gesundheitscheck – inklusive Urinanalyse natürlich.

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Medizin

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7 Kommentare:

Dr Günther Gerber
Dr Günther Gerber

DDI in chicago macht schon Jahrelang analysen!
Amino acid analyses aid in the diagnosis of: dietary protein adequacy and amino acid balance, gastrointestinal dysfunctions, forms of protein intolerance, nutritional deficiencies (vitamins, minerals), renal and hepatic dysfunction, psychiatric abnormalities, susceptibility to inflammatory response and oxidative stress, reduced detoxification capacity, susceptibility to occlusive arterial disease and many inherent disorders in amino acid metabolism.

#7 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Im letzten Arznei-Telegramm 8Ausgabe Februar 2009)steht ein Artikel, daß das Unternehmen, das DIAPAT herstellt, sich unlauterer Werbemethoden bedient, nämlich falsche8vermeintliche) Patienten, die in Arztpraxen speziell auf diesen Test bestehen.
Kein toller Start!
KW

#6 |
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Dr. med. Jose-Luis Ramirez
Dr. med. Jose-Luis Ramirez

Hoch interessant, würde ich gerne selbst in meiner Praxis ausprobieren. Kontaktadresse?

#5 |
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Dr. Christian Steffen
Dr. Christian Steffen

Zur Beurteilung des Nutzebs wäre ein Vergleich mit konventionellen Methoden erforderlich. So ist nicht zu beurteilen, ob die aufwändige Urindiagnostik ein nützliches Verfahren oder nur ein Schrotschuss ins Blaue ist.
Und bitte:Algorithmus, nicht -rhythmus

#4 |
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Sehr geehrter Herr Schneider, ich möchte Sie doch bitten, in Ihre Recherchen in Sachen DIAPAT-Verfahren auch die sehr kritische Haltung z.B. des Arzneimitteltelegramms einzubeziehen. Es gibt nicht wenige Stimmen, die hier von Humbug und Geschäftemacherei ausgehen.

#3 |
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Dr. med. Werner Horn
Dr. med. Werner Horn

Ich bin der gleichen Meinung,wie der Kollege
J.Wank.Zahlt diese Untersuchung die GKV und
was kostet sie.

#2 |
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Joachim Wank
Joachim Wank

Äußerst interessanter Beitrag. In dem Programm zu Uro-Up-Date-Kongressin Düsseldorf konnte ich keinen Hinweis auf diese Entwicklung entdecken.
Speziello die Möglichkeit eines sicheren Test für Prostata-Ca sollte Flächedeckend eingeführt werden.

#1 |
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