Von Schrittmachern und Badekappen

17. Februar 2009
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Bei Patienten mit ischämischem Schlaganfall greift die Neurologie nach jedem Therapiestrohhalm. Selbst Gebete sind kein Tabu, wenn es um die Versorgung der Patienten geht. Mehr Erfolgsaussichten dürften aber Ultraschall, Laser und eine Schrittmacherbehandlung haben.

Es klingt durchaus martialisch: Bei einem Patienten mit frischem ischämischem Schlaganfall presst ein Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurg eine Elektrode durch ein knöchernes Foramen im Oberkiefer und schiebt sie dann bis (fast) zum Gehirn vor. Dann wird ein Stimulator angeschlossen, der eine Woche lang mehrere Stunden am Tag Impulse versendet. Zielstruktur der Prozedur ist das so genannte Ganglion sphenopalatinum, ein wenige Millimeter großes Nervengeflecht, das in der Fossa pterygopalatina liegt. Was damit erreicht werden soll, ist eine durch die autonome Stimulation in Gang gesetzte Verbesserung der Hirndurchblutung. Das könnte die neurologischen Folgen des Schlaganfalls zumindest abmildern.

Kahlschlag nötig

„In einer Pilotstudie kam es dadurch zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik“, sagt Professor Dietmar Schneider von der Neurologischen Klinik der Universität Leipzig. Diese Studie war die IMPACT-1-Studie mit 98 Patienten. Die günstigen Ergebnisse führten zur Konzeption einer größeren Studie, IMPACT-24 genannt. Die allerdings ist nicht ganz ohne, denn anders als IMPACT-1 wird eine Kontrollgruppe mitgeführt, bei der der Schrittmacher platziert wird, ohne angeschaltet zu werden. Die US-Zulassungsbehörde FDA wollte das so. Wie schnell vor diesem Hintergrund die kürzlich begonnene Rekrutierung der insgesamt 440 Patienten zum Ende kommt, bleibt abzuwarten.

Für spannend hält Schneider auch die NEST-2-Studie, eine internationale Multicenterstudie mit 660 Patienten. Bei dieser Studie, deren Ergebnisse in den nächsten Wochen veröffentlicht werden sollen, wurden Patienten mit ischämischem Schlaganfall mit Nahinfrarotlaser behandelt. Auch hier geht es darum, die Durchblutung des Gehirns zu fördern. Damit das Licht nicht an irgendeinem Haarbüschel hängen bleibt, muss der Patient dafür penibel rasiert werden. Auf den kahlen Kopf wird dann eine Art Badekappe gesetzt, die zwanzig Löcher hat. Diese Löcher sind die Eintrittsstellen für das Licht. „Appliziert wird eine Wellenlänge von genau 808 Nanometern. Das soll offenbar wichtig sein“, so Schneider. In einer Vorstudie zumindest gab es einen statistisch signifikanten Effekt: Patienten mit Laser-Badekappe hatten nachher weniger neurologische Defizite als Patienten ohne.

Lysetherapie schon im Rettungswagen?

Mit einer Art Kappe arbeiten auch Ärzte, die die Akutversorgung beim Schlaganfall mit Ultraschall noch im Rettungswagen verbessern wollen. Das als Sonothrombolyse bekannte Verfahren wird in Deutschland unter anderem am Universitätsklinikum Regensburg und am Asklepios-Klinikum Hamburg Nord untersucht. Dabei werden mit einem speziellen Gerät die Hirngefäße per Ultraschall dargestellt. Zeigt sich ein Thrombus – in Frage kommen vor allem Thromben im Bereich der Arteria cerebri media – wird der Ultraschall therapeutisch genutzt: Der Thrombus wird durch eine dann längerdauernde Beschallung quasi in seinen Grundfesten erschüttert. In einer im Sommer publizierten Studie mit 37 Patienten mit Mediahauptstammverschluss konnte durch diese frühe Ultraschallbehandlung zusätzlich zur Lysetherapie bei 57,9 Prozent der Patienten eine vollständige oder partielle Rekanalisation des Gefäßverschlusses erreicht werden, gegenüber 22,2 Prozent in der Kontrollgruppe, wo nur eine rt-PA-Lyse gemacht wurde.

Ziel der Sonothrombolyse ist letztlich ein früherer Beginn der Lysetherapie, um damit möglichst viel Hirngewebe vor dem definitiven Absterben zu bewahren. Auf eine möglichst frühe Lysetherapie zielt auch ein ganz neues Projekt des Universitätsklinikums Homburg Saar. Dort wurde jetzt ein Rettungswagen mit einem Computertomographen und mit speziellen Laborgeräten für die Schlaganfalldiagnostik ausgestattet. Die Pilotstudie läuft gerade. Spannend wird, ob es gelingt, die mobile Stroke Unit so in die Rettungskette zu integrieren, dass durch das CT unterwegs tatsächlich nennenswert Zeit eingespart wird. Verantwortlich für das Anfordern der mobilen Stroke Unit ist die Rettungsleitstelle.

Sind Gottesdienste präventiv wirksam?

Lassen wir die technisch aufwändigen und zum Teil ausgesprochen kostenintensiven neuen Ansätze der Schulmedizin einmal beiseite und kehren wir zurück zu den Wurzeln der abendländischen Zivilisation. US-Ärzte vom Howard University College of Medicine haben untersucht, inwieweit regelmäßige Gottesdienstbesuche einen Einfluss haben auf kardiovaskuläre Ereignisse. Und tatsächlich: Afroamerikanerinnen, die Gottesdienste besuchen, hatten signifikant weniger Schlaganfälle als solche, die das nicht taten. Wöchentliche Besuche mussten es allerdings schon sein, einmal im Monat half nicht. Und ganz eindeutig zu interpretieren sind die Daten auch nicht: So war der Fischkonsum bei den Gottesdienstbesuchern signifikant größer. Hier läge also eine mögliche Störgröße, und es ist vermutlich nicht die einzige.

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Medizin

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