Apothekenhonorar: Spannungen halten an

26. Oktober 2012
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Der Kampf um gerechte Honorare für Apothekeninhaber ist längst nicht zu Ende. Die Regierungsvertreter reagierten zwar auf Warnstreiks und führten Pauschalen für den Nacht- und Notdienst ein, aber eine wirtschaftlich solide Grundlage ist das nicht. Jetzt gibt es neue Hoffnung: auf niedrigere Zwangsrabatte.

Jahr für Jahr verschlechterten sich Erträge öffentlicher Apotheken. Schon längst hat die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – ihre Forderung anhand von Wirtschaftsdaten konkretisiert. Um steigenden Kosten zu berücksichtigen, wären 624 Millionen Euro notwendig. Das entspricht rein rechnerisch einer Anhebung der Rx-Fixvergütung von 8,10 Euro auf 9,14 Euro. Umso größer war die Enttäuschung, als Berliner Regierungspolitiker nach neunjähriger Durststrecke ankündigten, Fixhonorare nur um 25 Cent – in Summe 190 Millionen Euro – zu erhöhen. Dieser Funke brachte ein Pulverfass zur Explosion, und Streiks folgten.

Gesundheitsminister in der Klemme

Für Daniel Bahr (FDP) ist diese Entwicklung mehr als problematisch, haben sich gleich beide großen Berufsgruppen gegen ihn verschworen: Auf der einen Seite streikten Kassenärzte, und dann folgten noch Arbeitsniederlegungen bei Apothekern. Kritiker warfen dem Bundesgesundheitsminister vor, auf kurzfristige Erfolge zu setzen – ohne nachhaltige Strategie. Sein Versprechen aus Oppositionszeiten, akademische Heilberufler stärker zu unterstützen, habe er schon lange vergessen. Parallel dazu verpasst Jens Spahn (CDU), gesundheitspolitischer Sprecher der Union, keine Gelegenheit, sich selbst zu Wort zu melden. Auch die Linke erhebt sich zur Fürsprecherin öffentlicher Apotheken.

Nur die halbe Miete

Nach Streiks in Brandenburg, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland kamen plötzlich Notdienstpauschalen ins Gespräch. Nicht ohne Grund: Momentan sind entsprechende Dienstleistungen mehr als defizitär. Apotheker rechnen mit Kosten von jährlich 245 Millionen Euro. Dem stehen lediglich acht Millionen Euro Notdienstgebühr und 45 Millionen Euro packungsbezogene Roherträge entgegen. Die Bilanz: minus 192 Millionen Euro. Jetzt sollen Nacht- und Notdienste pauschal mit 200 Euro vergütet werden – das macht bundesweit 120 Millionen Euro. Aus Berlin heißt es, Details hinsichtlich der Umsetzung müssten noch geregelt werden.

Nicht allen Forderungen gerecht

Beispielsweise hat die Regierung momentan keinen Einfluss auf die Zahl aller Notdienste. Bahr möchte jedoch eine finanzielle Obergrenze festlegen. Nach Einführung der neuen Pauschale kämen Inhaber zusammen mit Fixhonoraren gerade einmal auf 50 Prozent der ursprünglichen ABDA-Forderung. Die Summe reicht bei weitem nicht aus, um Apotheken betriebswirtschaftlich auf eine solide Basis zu stellen und die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung langfristig aufrechtzuerhalten. Zum Vergleich: Damit Hausärzte in ländlichen Regionen neue Praxen eröffnen, hat sich die Regierung deutlich mehr Mühe gemacht. Hier sieht ein spezielles Maßnahmenpaket, das Versorgungsstrukturgesetz, zumindest auf dem Papier finanzielle Anreize vor.

Milliarden zu vergeben

Nur können Regierungsvertreter dieses Mal kaum argumentieren, im System fehle das nötige Kleingeld: Rabattverträge und Zwangsabschläge, Kassenfusionen und Konjunktureffekte führten zu satten 21,8 Milliarden Euro Überschuss beim Gesundheitsfonds und bei den Krankenkassen. Wieder einmal stand Bahr vor Problemen: Wie soll das Geld verteilt werden? Neben den berechtigten Forderungen von Apothekern und Ärzten gibt es noch eine weitere Gruppe: die Patienten. Gerade jetzt, so kurz vor einem Wahlkampf, wäre es attraktiv, die leidige Praxisgebühr abzuschaffen.

Ungerechte Verteilung

Und wieder einmal meldet sich Jens Spahn zu Wort. Er rechnet vor, nach Abzug aller Reserven und anderweitiger Posten blieben drei bis vier Milliarden Euro übrig. Mehr als zwei Milliarden veranschlagt er für Honoraranstiege der Ärzte und Krankenhäuser. Weitere 500 Millionen verschlingen steigende Ausgaben bei Arzneimitteln. Für die Apothekerschaft sieht er gerade einmal 310 Millionen vor und rät, „die Rücklage des Fonds, aus dem die Kassen finanziert werden, achtsam zu hüten“. Davon wird mit Sicherheit kaum eine Apotheke satt.

Nachwuchssorgen

Leere Kassen rächen sich noch in ganz anderer Weise. Wie das Kölner Institut für Handelsforschung berichtet, bangen mittlerweile etliche Inhaber um ihre Nachfolge. Dazu wurden rund 340 Chefs befragt. Bei 34 Prozent steht der Führungswechsel in ein bis fünf Jahren an, und 15 Prozent wollen sich in sechs bis zehn Jahren zur Ruhe setzen. Rund 58 Prozent haben aktuell Probleme, Käufer oder Pächter zu finden, und weitere vier Prozent rechnen mit Schwierigkeiten, sollte das Thema aktuell werden. Als Gründe nannten die Betroffenen an erster Stelle eine sinkende Rentabilität, gefolgt von ungünstigen Standorten respektive Landapotheken und der apothekenfeindlichen Gesundheitspolitik.

Pharmaunternehmen sind attraktiver

Dass öffentliche Apotheken gerade für Akademiker an Attraktivität eingebüßt haben, belegen aktuelle Zahlen. Angestellte Approbierte verdienen direkt nach ihrem dritten Staatsexamen knapp 3.100 Euro brutto, bei Apothekenleitern kann dieses Salär je nach wirtschaftlicher Lage noch unterschritten werden. In forschenden Pharmaunternehmen sind es bis zu 1.000 Euro mehr, ohne Risiken, die mit einer Existenzgründung im Apothekenbereich heute verbunden sind. Alternativ bleibt ein Job als Filialleiter. Von 2004 bis 2011 stieg die Zahl an Filialapotheken von 632 auf 3.661. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl an Hauptapotheken beziehungsweise Apotheken ohne Filiale von 20.760 auf 17.577 zurück.

Altes Thema – neue Runde

Doch es gibt noch einen Ausweg – scheinbar: Demnächst stehen neue Gespräche über Kassenabschläge auf der Tagesordnung. Eigentlich handeln Spitzenverbände der GKVen und Apotheker diesen Obolus zusammen aus. Für 2011 und 2012 hat die Regierung mit ihrem umstrittenen Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) die bekannten 2,05 Euro in Stein gemeißelt. Fritz Becker, Chef des Deutschen Apothekerverbands, fordert jetzt „eine sehr deutliche Senkung“, und zwar „auf Basis der Schiedsstellenentscheidung 2009 und 2010“.

Neue Vorschläge

Vor längerer Zeit hatte dieses unparteiisches Gremium 1,75 Euro als Richtgröße empfohlen. Ein Urteil des zuständigen Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg steht nach wie vor aus. GKVen sind mit dem aktuellen Wert von 2,05 Euro nicht gerade unglücklich. Ein gänzlich neuer Denkanstoß kommt vom Hessischen Apothekerverband. Warum nicht den leidigen Kassenabschlag durch eine Skontierung ersetzen? Versicherungen könnten bei rechtzeitiger Zahlung im normalen Geschäftsverkehr übliche Summen direkt abziehen. Egal mit welcher Strategie – die Apothekerschaft gibt sich kämpferisch und selbstbewusst.

Strategie im stillen Kämmerlein

„Wenn demnächst wieder Verhandlungen mit den Krankenkassen über unseren Zwangsabschlag ab 2013 anstehen, werden wir gut vorbereitet sein, die Verbraucher über den Sinn und Zweck einer guten Arzneimittelversorgung zu informieren“, so ABDA-Chef Heinz-Günter Wolf. Zwar hatte eine außerordentliche Mitgliederversammlung am 20. September zentrale Protestaktionen generell abgelehnt. Zeitgleich bekam die ABDA-Spitze allerdings grünes Licht für ein zusätzliches Budget in Höhe von 500.000 Euro, um anstehende Gespräche über den Kassenabschlag zu begleiten. Welche Maßnahmen geplant sind, um die Bevölkerung zu informieren, bleibt eine Überraschung. In erster Linie ist allen Beteiligten an einer Verhandlungslösung gelegen, zur Not soll die Schiedsstelle vermitteln.

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Medizin, Pharmazie

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3 Kommentare:

Helmut Fischer
Helmut Fischer

Wo bitte sind die streitbereiten Apotheker ? Die Politik wirft uns die “harte Nuß” Rezepturdokumentation mit ausführlicher Plausibilitätsprüfung vor, damit wir beschäftigt sind und keine Zeit für “Meuterei” mehr haben.
Dabei ist jetzt “5 vor 12 “.Die Apotheken läßt man am langen Arm mit geheuchelter Hinhaltetaktik langsam absterben. Die noch vorhandenen Überschüsse,mitunter auch erwirtschaftet durch auferzwungene kostenintensive Sparmaßnahmen zu Lasten uns Apotheker, werden jetzt eifrig verteilt an Ärzte und Patienten, oder beläßt Sie bei den Kassen.
Ich bin Angehöriger des bayer. Apothekerverbandes, aber ich warte schon seit Wochen auf die angekündigte Streikmaßnahme. Aber nein, man glaubt durch Stillhalten und braves Verhandeln ev. noch einen rettenden Bonus bei der Notdienstpauschale einzufahren. Sehr geehrter Herr BAV Vorsitzende, der Druck muß erhöht werden. Und zwar mit immer wiederkehrenden Streik. Bis das Ziel erreicht
ist. Der Streik muß dem täglichen Kunden und v.a. dem Notdienst-Patienten auffallen und wehtun, erst dann gerät unsere mißliche Lage ins Bewußtsein von wählendem Bürger und politisch Verantwortlichen.

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Christa borringo-grundmann
Christa borringo-grundmann

wer zahlt denn die 500000¿ an die Abda??Warum wird in der Öffentlichkeit endlich nicht mal wieder bekannt gemacht, daß der GKV-Ausgabenanteil der Apotheken 15,4% beträgt, der des Staates 16% und der pharmwzeutischen Industrie 65%?
Und warum wird der Steueranteil des Gesundheitsfonds nicht gesenkt??
C.Grundmann

#2 |
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Apotheker

Die Schiedsstelle soll vermitteln? Und weitere Gerichtsprozesse werden dann folgen? Damit haben wir nun schon reichlich Erfahrungen gesammelt. Das kann doch wirklich nicht erst gemeint sein…

#1 |
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