Jedem seine Pille

26. Februar 2009
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Sie gelten weltweit als Avantgarde der Pharmaforschung, jetzt setzten die großen Schweizer Arzneimittelkonzerne auf die personalisierte Medizin - und verhelfen damit der Pille nach Maß zum lang erwarteten Durchbruch.

Die Publikation kommt auf über 126 Seiten in der gewohnten Aufmachung daher: Zahlen, Grafiken, Wirkstoffe und Perspektiven. Doch neben Blockbustern und Bilanzen finden sich im druckfrischen und Anfang Februar erschienenen Roche Geschäftsbericht 2008 deutliche Hinweise auf eine neue Zeit. „Roche ist einzigartig positioniert, die Möglichkeiten der personalisierten Medizin zu realisieren“, prangen unübersehbare Lettern auf Seite 49 des Dokuments, und in einem Interview zuvor lassen gleich drei CEOs im Gespräch wissen, dass die personalisierte Medizin ein Schlüsselelement der Konzernstrategie sei.

Tatsächlich zeigt die PR-Offensive des Giganten, dass der Vorstoß der personalisierten Medizin nach Jahren der Erwartungen endlich konkrete Züge annimmt. Die Idee, das therapeutische Vorgehen auf diverse Untergruppen von Patienten abzustimmen und diese je nach den „biologischen Besonderheiten und spezifischen Krankheitsmerkmalen“ zu behandeln, ist nicht neu. Bereits Ende der 1990er Jahre machte der Slogan „Pille nach Maß“ die Medienrunde, nur: Seitdem ist vorwiegend im Forschungsbereich nicht viel passiert.

Genau das könnte sich bald ändern. Denn die Fortschritte der personalisierten Medizin lassen sich heute in Form von zugelassenen Präparaten vermarkten – und versprechen einen Milliardenmarkt. So erhalten beispielsweise Patienten mit Hepatitis C innerhalb von 12 Wochen nach Bestimmung des Virus-Genotyps darüber Auskunft, ob die Therapie mit dem Roche-Präparat Pegasys überhaupt wirkt. Wer an Viren der HCV-Genotypen 2 und 4 leidet kann zudem vorab erfahren, dass womöglich schon eine kurze Therapie zur Genesung ausreicht. Genotyp 1 wiederum erfordert viel Geduld: Ein einziger Behandlungs-Zyklus dauert 72 Wochen – und erhielt die Zulassung durch die Arzneimittelbehörden. „Somit haben wir tatsächlich mit einer Kombination aus innovativem Medikament, Bestimmung des Genotyps und Kontrolle der Viruslast die für einige Patienten verfügbaren Behandlungsoptionen personalisiert“, erklärt William M. Burns, CEO Division Pharma bei Roche, den Trend.

Vor allem die Onkologie dürfte von der „Pille nach Maß“ profitieren, doch ausgerechnet im Bereich der Krebsbekämpfung im Alltag einsetzbare Erfolge rar. „Unser gezielt wirkendes Brustkrebsmedikament Herceptin und die HER2-Begleittests zur Identifizierung von Patientinnen, die aller Voraussicht nach von einer Behandlung mit Herceptin profitieren werden, sind immer noch eher die Ausnahme, als die Regel“, meint Burns.

Durchbruch für die Pille nach Maß

Dennoch erkennt die Branche eine klare Entwicklung. „Nach jahrelanger intensiver Forschung kommt die personalisierte Medizin inzwischen nach und nach beim Patienten an“, attestiert der in Deutschland ansässige Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), zu dem auch Schweizer Größen wie Roche oder Novartis zählen. So habe beispielsweise die US-amerikanische Arzneimittelbehörde 2007 erstmalig vor der Anwendung Warfarin-haltiger Produkte beim Patienten einen genetischen Test empfohlen.

Der Wirkstoff Warfarin, der zur Hemmung der Blutgerinnung eingesetzt wird, gilt als wichtige Substanz wenn es darum geht bei Risikopatienten die Gefahr von Thrombosen und Schlaganfällen deutlich zu senken. Was Ärzten jedoch bislang Kopfschmerzen bereitete: Rund 30 Prozent der Patienten bauen Warfarin infolge individueller Genvariationen des CYP2C9- und des VKORC1-Gens langsamer ab und verfügen bei Einnahme der Standarddosis über einen zu hohen Warfarin-Spiegel im Körper. Unliebsame Folge dieses Effekts: Es kann zu schweren Blutungen kommen. Als nicht minder problematisch erweist sich der Umkehrschluss. Zu niedrige Dosierungen führen nicht zur erhofften Senkung des Thromboserisikos.

Doch nach wie vor zählt der Krebsbereich zu den wichtigsten Segmenten in denen bereits gezielte Therapien im Markt sind, wie eine Analyse der Credit Suisse feststellt. „Herceptin (Roche, Brustkrebs) und Glivec (Novartis, chronisch-myeloische Leukämie) sind die am besten eingeführten Beispiele“, resümieren die Banker. Die Liebe der Schweizer Pharmariesen zur personalisierten Krebsmedizin freilich hat handfeste wirtschaftliche Gründe, wie die Experten der Credit Suisse mit einem Blick in die Vergangenheit zu erklären wissen: „Während alle wichtigen Entdeckungen die medizinische Praxis substanziell veränderten, spielten einige davon auch eine zentrale Rolle beim Aufstieg kleinerer Unternehmen in die Rangliste der zehn größten multinationalen Konzerne ihrer Zeit“. In Sachen personalisierte Medizin könnte man es auch mit den Worten von Michail Gorbatschows ausdrücken: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.

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