Chronische Nierenerkrankung: Besserer Biomarker

9. September 2013
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Die bisher gängige Bestimmung der Nierenfunktion über den sogenannten Kreatinin-Wert im Serum ist unbefriedigend. Wissenschaftler zeigten nun, dass der Biomarker Cystatin C alleine oder in Kombination mit dem Kreatinin-Wert die Diagnostik verbessern kann.

Chronische Nierenerkrankungen betreffen vor allem ältere Menschen. Gerade in dieser Risikogruppe ist das gängige Kreatinin-basierte Schätzverfahren wenig zuverlässig, wird der Biomarker doch von Alter, Geschlecht und Muskelmasse beeinflusst. Aufgrund dieser und anderer Schwächen hat eine internationale Forschergruppe in einer Metaanalyse untersucht, ob der Biomarker Cystatin C die Diagnostik chronischer Nierenerkrankungen optimieren könnte.

Die Wissenschaftler berücksichtigten elf repräsentative Studien mit mehr als 90.000 US-Amerikanern, Europäern und Australiern. Weiterhin werteten sie Daten von fast 3.000 nierenkranken Frauen und Männern aus. „Konkret haben wir den Zusammenhang von Kreatinin- und Cystatin C-Werten der Patienten einzeln und in Kombination mit dem Risiko der allgemeinen Sterblichkeit in den Kohorten, dem Risiko des Todes nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dem Risiko für eine Nierenkrankheit im Endstadium untersucht“, erklärt Professor Dietrich Rothenbacher, Leiter des Ulmer Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie. Zum weiteren Vergleich teilten die Forscher Patienten in Krankheitsstadien ein – entweder aufgrund ihres Kreatinin- oder Cystatin C-Wertes.

Die Datenauswertung lieferte eindeutige Ergebnisse: Insgesamt ließen sich Nierenfunktionsstörungen mit dem Marker Cystatin C wesentlich genauer und zudem früher nachweisen — teilweise zehn oder zwanzig Jahre bevor der Kreatinin-Grenzwert überschritten wurde. Cystatin C ist zudem unabhängig von Faktoren wie Alter oder Muskelmasse und ermöglicht eine präzisere Einteilung in Krankheitsstadien – das ist für die Therapie und die Einschätzung von Risiken bedeutsam.

Anfang eines Paradigmenwechsels?

„Dies könnte der Anfang eines Paradigmenwechsels sein“, sagt Professor Wolfgang Koenig von der Universitätsklinik für Innere Medizin II/Kardiologie. Zwar werde es noch eine Weile dauern, bis die neuen Erkenntnisse Eingang in die Praxis fänden. Dann könnten Risikopatienten jedoch einfacher identifiziert und Folgeerkrankungen vermieden werden.

Originalpublikation:

Cystatin C versus Creatinine in Determining Risk Based on Kidney Function
Wolfgang Koenig et al.; N Engl J Med, DOI: 10.1056/NEJMoa1214234; 2013

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Innere Medizin, Medizin

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1 Kommentar:

Renal Disease wird im vorliegenden Zusammenhang nicht mit Nierenerkrankung, sondern mit Niereninsuffizienz übersetzt. Es gibt etwa einhundert verschiedene Schätzformeln für die GFR. Davon fragen etwa zehn nach Cystatin C. Eine davon lautet einfach GFR = 80/Cys. Oft ist eine Herzkrankheit bei einer schweren Niereninsuffizienz nicht die Folge, sondern die Ursache des Nierenversagens. Bei nierengesunden Herzpatienten ist die GFR ein Maß für die Herzinsuffizienz und nicht für eine Nierenkrankheit. Das nennt man kardiorenales Syndrom. Bei nierengesunden Leberpatienten ist die GFR ein Maß für die Leberinsuffizienz und nicht für eine Nierenkrankheit. Das nennt man hepatorenales Syndrom. Das haben die Autoren nicht verstanden. Auch das gesündeste Herz kann nur das zur Verfügung stehende Blut pumpen. Auch die gesündeste Niere kann nur das zur Verfügung stehende Plasma klären. Nieren-, Herz-, Lungen- und Leberkrankheiten reduzieren das Herzzeitvolumen und damit den renalen Plasmafluss und damit die renale Clearance. So einfach ist das. Auch ein Klärwerk kann nur das zur Verfügung stehende Abwasser klären. Die Clearance ist definiert als das pro Zeiteinheit von einer Substanz befreite Flüssigkeitsvolumen. Je weniger Volumen, desto weniger Clearance. Und zwar unabhängig von der Qualität des Filters.

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