Der Tod macht Schicht

2. März 2009
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Gedacht haben wir es schon immer: Nach dem 24-Stunden-Dienst mit hängenden Lidern in der Frühbesprechung herum zu lallen kann nicht gesund sein. Jetzt gibt es Daten, die wissenschaftlich untermauern, warum Schichtdienst-Ärzte wahrscheinlich früher sterben.

Mehrere Millionen Schichtarbeiter gibt es in Deutschland. Sie tummeln sich in großen Fabriken, bei der Polizei, in Druckereien oder beim Wachdienst. Und sie kommen aus dem Gesundheitswesen, wo Ärzte und Krankenpflegepersonal in Kliniken regelmäßig Wache schieben, um Patienten zu versorgen, deren gesundheitliche Probleme sich partout nicht an die Ladenöffnungszeiten halten wollen.

Forscher simulieren Schichtarbeit im Zwielicht der Labore

Nine-to-five-Epidemiologen interessieren sich schon länger für die fremde Spezies des Schichtarbeiters. Sie haben aufwändige Tabellen angelegt, aus denen hervorgeht, dass Schichtarbeit mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Leiden einhergehen könnte. Weil Schichtarbeit allerdings nicht gleichmäßig über die sozialen Gruppierungen verteilt ist, waren diese Daten immer etwas mit Vorsicht zu genießen. Jetzt haben sich Wissenschaftler der Harvard Medical School des Themas nicht in epidemiologischer, sondern in experimenteller Manier angenommen. Sie berichten darüber in der Early Edition der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (DOI 10.1073/pnas.0808180106). Um gewissermaßen live zu beobachten, was bei einem Schichtarbeiter metabolisch passiert, haben sie zehn Probanden zehn Tage lang im Labor einem simulierten Schichtdienst ausgesetzt. Dabei durchlebten die Teilnehmer bei konstant gedimmtem Licht insgesamt sieben 28-Stunden-Tage in Folge. Das führte dazu, dass sich der Schlaf-Wach-Rhythmus einmal im Kreis drehte: Die Einschlafzeit verschob sich täglich um einige Stunden nach hinten, um am Ende des Protokoll wieder dort zu liegen, wo sie vorher lag, bei etwa 24 Uhr.

Wer schichtet wird zum Metaboliker

Im Gegensatz zu anderen Untersuchungen mit ähnlichen Fragestellungen achteten die Wissenschaftler um Frank Scheer präzise auf die Nahrungsaufnahme: Pro 28-Stunden-Tag waren exakt vier Mahlzeiten mit jeweils gleichem Kaloriengehalt erlaubt, was eine bessere Beurteilung vor allem des Zuckerstoffwechsels erlaubte. Und der hatte es in sich: Die Ergebnisse der Bostoner Forscher lesen sich ähnlich deprimierend wie das Laborwerte-Kapitel aus einem Lehrbuch zum metabolischen Syndrom. Vor allem in jenen Teilen des 10-Tage-Protokolls, in denen der Tag-Nacht-Rhythmus der Probanden um rund zwölf Stunden verschoben war, war an Blutwerten und sonstigen kardiovaskulären Parametern so ziemlich alles auffällig, was kardiometabolisch ungesund ist. Die Level des „Schlankmacher-Hormons“ Leptin etwa fielen um ein Fünftel ab. Trotz einer ebenfalls um rund ein Fünftel gesteigerten Insulinsekretion waren die postprandialen Glukose-Spiegel um signifikante sechs Prozent höher. Die zirkadiane Rhythmik in der Kortisolsekretion drehte sich um. Und der mittlere arterielle Druck stieg signifikant an. „Bemerkenswerterweise lag die postprandiale Glukoseantwort bei drei von acht Probanden mit ausreichender Datenlage im Bereich des Prädiabetes“, so Scheer. Vorher und nachher war das nicht so. Das allein zeige deutlich die ungünstigen kardiovaskulären Auswirkungen einer Verschiebung des Tag-Nacht-Rhythmus, so die Autoren.

Ist das Leptin die Ursache allen Übels?

Weil die erhobenen Daten sehr umfangreich sind, lassen sie auch Hypothesen über den Mechanismus zu, über den Schichtarbeit das kardiometabolische Gleichgewicht durcheinander bringt. So korrelierten die abnorm hohen Kortisolspiegel am Ende der Wachperioden mit größerer Insulinresistenz und postprandialer Hyperglykämie. Die prodiabetischen Effekte von Schichtdienst könnten damit über die hormonelle Stressachse vermittelt sein. Auf der anderen Seite könnte der deutlich verringerte Leptin-Spiegel über eine Stimulation des Appetits und eine Verringerung des Grundumsatzes zu einer diabetischen Stoffwechsellage und langfristig sogar zur Entstehung einer Adipositas beitragen. Möglicherweise steht das im Fettgewebe produzierte Leptin sogar am Anfang aller Probleme: „Den Abfall beim Leptin können wir mit den Variablen, die den Leptin-Spiegel üblicherweise beeinflussen, nicht zufriedenstellend erklären“, so Scheer. Die Wissenschaftler stellen deswegen die Hypothese auf, dass der gestörte Schlaf-Wach-Rhythmus auf noch unklaren Wegen ziemlich unmittelbar den Leptin-Spiegel absenkt. Hier soll jetzt weitere Forschung ansetzen.

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Medizin

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7 Kommentare:

Ärztin

Hallo,möchte mich den Diskussionen gerne anschliessen.Meine Berufserfahrung als angehende Internistin ist erst 4 Jahre jung,allerdings sehe ich ebenfalls die im Vordergrund stehende Problematik der ausgeprägten Ignoranz der Oberärzte und Chefärzte was unsere Belastbarkeit angeht.Das Motto gilt:wer sich nicht wehrt,um den sich keiner schert!Unzählige Überstunden,Sekretärarbeiten,keine Ausbildung.Der Patient wird von so einem Doc keine gute Behandlung erwarten können!Ist das nicht paradox ,dass gerade die intelligenten Ärzte sich seit Jahren so einen Tyrannensystem unterwerfen?peinlich…

#7 |
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Stefanie Haupt
Stefanie Haupt

im rettungsdienst gehts nicht anders ab.
Und wenn der rettungsdienstmitarbeiter dann krank wird,ist er schneller seinen job los als er hallo sagen kann.vergangene woche hab ich 96 stunden gearbeitet.hab mich sehr darüber gefreut mal mehr freizeit zu haben.

#6 |
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Fachpfleger Anästhesie/intensivmed. Alois Rackl
Fachpfleger Anästhesie/intensivmed. Alois Rackl

Ich bin Anästhesiefachpfleger. Bei uns in der KLinik hat man dieses Problem ganz einfach gelößt!Die Arbeitszeit beginnt später, Bereitschaftsdienst folgt(Tagesprogramm wird bis spät nachts aufgearbeitet, Notfälle werden auch Nachts einbestellt!!!)Bereitschaftsdienstzeiten müßen abgefeiert werden(65%/ Ärzte 80%)damit nichts Verdient wird! Unter Schlafstörungen leide ich sehr aber noch mehr meine Familie, vor allem meine Kinder.

#5 |
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Dr. med. Elena Müller
Dr. med. Elena Müller

Ich kenne 24 St.+ Dienste auch viel zu gut. Obwohl ich mich gesund ernähre und Sport treibe, habe ich deutlich zugenommen. Jetzt können natürlich alle lachen und sagen: “Ist ja ein Frauenproblem”, was ich aber anders sehe und froh bin, dass es jetzt eine Studie gibt, die das belegt. Und Arbeitszeiten von 30 bis 32 Stunden sind bei uns auch nicht unbekannt gewesen. Deswegen wechselte ich in ein Haus, in dem nach einem Dreischichtensystem gearbeitet wird. Natürlich fallen auch hier Überstunden an, aber längst nicht so viele.

#4 |
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Auch in anderen Berufen gibt es das. Und viele unserer Kollegen rauchen auch. Niemand soll mir erzählen, das sei “wegen dem Stress”. Aber ich will nicht zynisch sein. Manchmal denke ich im Dienst, dass es der Mehrheit der Patienten im Haus und auch dem “akuten Erregungszustand” (unter Alkoholeinfluß) vor mir morgens um halb vier deutlich besser gehen dürfte als mir. Das gibt mir immer häufiger zu denken. Der einzig logische Schluß, den man ziehen muß, ist, sich aus der Klinikarbeit so früh als möglich in seinem Berufsleben zurückzuziehen und den falschen beruflichen Ehrgeiz zugunsten seiner eigenen Gesundheit und Zufriedenheit fallenzulassen.

#3 |
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Was lernen wir draus?

Nach dem Dienst nix mehr Essen, sondern nur noch frühstücken und viel Sport machen?

…besser man wird Chef und entspannt ;-)

*lol*

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

…. und keiner kümmert sich darum in den Kliniken, das ist eben der Alltag”…. das ist eben so, es geht nicht anderst, was soll das Gehabe, etwas belastbar muß man in unserem Beruf schon sei u.s.w.
Nach 38 Berufsjahren bin ich nun Hypertoniker, insulinpflichtiger Diabetiker, habe Gicht und Übergewicht, so auch Gelenkprobleme, im 4. Burnout Syndrom, gerade eine Meningoenzephalitis hinter mir und in Psychiatrischer Behandlung.

Nirgendwo wird so viel Raubau mit der Gesundheit getrieben, wie bei den Mitarbeitern in unseren Krankenhausern !
Eine solche Ignoranz gibt es nirgends sonst.

#1 |
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