Einmal Bein ab, bitte!

10. März 2009
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Es gibt Menschen, die wünschen sich nichts sehnlicher als sich eine Gliedmaße amputieren zu lassen. Die Gliedmaße ist allerdings gesund, der Betroffene offenbar nicht. Er leidet an einer Krankheit, die gar keine ist: Die Body Integrity Identity Disorder.

Häufig hat es bereits in der Kindheit begonnen. Der Vater hatte sich das Bein gebrochen und musste wochenlang mit Krücken gehen. Diese Krücken! Von ihnen ging eine eigenartige Faszination aus, die den Blick fesselte und den Geist nicht mehr losließ. Das Ausleihen der Krücken – mehr als ein Kinderspaß, nämlich ein unsagbares Gefühl der Vollständigkeit, auch wenn die Gehhilfen zu groß waren und die Griffe für die Hände aufgrund der Kindergröße gerade unter die Schultern reichten. So will ich sein – so will ich werden.

Ähnliche Erinnerungen haben Patienten, die sich Jahrzehnte später nur noch eines wünschen: Das Bein muss ab. Wer führt bei mir eine Querschnittlähmung herbei, damit der Gebrauch des bereits beschafften und benutzten Rollstuhls endlich gerechtfertigt ist? Neben dem wachsenden Wunsch wird allerdings auch das schlechte Gewissen immer größer.

Eine Krankheit, die keine ist

Body Integrity Identity Disorder (BIID) ist der medizinische Name einer Erkrankung ohne ICD-Nummer oder Eintrag im DSM-Verzeichnis. Sich des eigenen bizarren Wunsches vollständig bewusst stoßen Patienten bei Ersuchen um Hilfe fast bei jedem Gesunden und auch vielen Ärzten auf eine breite Palette von Gefühlen und Reaktionen. Unverständnis, Verurteilung und Nichternstnehmen können allerdings dramatische Folgen haben. Der Patient legt sich auf die Gleise, springt aus dem Fenster oder erreicht mit Werkzeugen das, was ihm von offizieller Seite her versagt bleibt: Das Gefühl der Ganzheit.

Das intensive Gefühl, der Körper wäre nach der Amputation eines Gliedes oder Herbeiführen einer Tetraplegie „kompletter“ sollte nicht als Wahn, Schizophrenie oder neurologische Erkrankung fehlgedeutet werden, weiß Neuropsychologe Erich Kasten der Universität Lübeck. Er ist einer der wenigen Forscher, die sich intensiv mit dem Krankheitsbild auseinandersetzten, bei dem bislang jede denkbare Therapie versagte. In neun Fallbeispielen untersuchte er übereinstimmende Persönlichkeitsmerkmale und Motive von Betroffenen (Fortschr Neurol Psychiatr 2009; 77: 16-24).

Parallelen zu körperdysmorphen Erkrankungen (BDD), Fetischismus oder Wahn fanden sich wenige. Sexuelle Motive spielten bei einem Drittel der Untersuchten eine Rolle. Amputationswünsche konnten von einer Körperseite auf die andere wechseln, blieben aber trotz aller medizinischen und psychotherapeutischen Interventionen erhalten. Damit lässt sich die Krankheit auch nicht mit einer ZNS-Läsion erklären.

Fragen nach Recht und Ethik

Nicht nur, dass eine rechtliche Seite allen Beteiligten zu schaffen macht, auch ethische Bedenken kommen in wohl jedem Menschen hoch, dessen Ziel der Erhalt der Gesundheit und körperlichen Integrität ist. Da die Erkrankung offiziell nicht als Krankheit gilt, gibt es auch keine anerkannte Therapie. Eine gezielt herbeigeführte Amputation oder Querschnittlähmung hat einen therapeutischen Zweck zu erfüllen und ist nur dann zulässig.

Hilfe für Patienten fordert Michael First, Professor der Psychiatrie an der Columbia University in New York. Er hatte 52 Personen mit Amputationswunsch untersucht. Die Amputationswünsche hatten ihren Ursprung bereits in der Kindheit oder Jugend. Keiner der Patienten war psychotisch. Helfe man den Patienten nicht, würden diese in ihrer Verzweiflung selbst Hand anlegen, so der Forscher. Vorurteile und Sperren gegen eine Behandlung wären keine Lösung. Das Wissen und die Beschäftigung mit dem Krankheitsbild ist die Voraussetzung einer möglichen Therapie. Parallelen zieht er zu Transsexuellen, bei denen geschlechtsangleichende Operationen auch lange Zeit als ethisch verwerflich galten.

Pro und Kontra Operation

Argumentationen für eine Operation findet auch der Australier Christopher James Ryan (Neuroethics 2009; 2:21-33). Er untersuchte die medizinische und philosophische Literatur zum Thema. Sein Fazit: Nach eingehender Diagnostik und Bestätigung der Erkrankung und einem Therapieversuch mit Antidepressiva hält er eine Entfernung der betreffenden Extremität für eine ethisch vertretbare Behandlungsoption.

Sechs Patienten der Studie von First wurde ihr Wunsch jedenfalls erfüllt. Alle Patienten fühlten sich nach der Amputation besser denn je. Wünsche nach weiteren Amputationen bestanden nicht.

196 Wertungen (3.43 ø)
Allgemein

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14 Kommentare:

es ist schade kommentare wie von sansibar zulesen. hypnose ist nicht nur eine der aeltesten sondern auch eine der effektivsten heilmethoden.
sansibar, sie können nur aus unkenntnis solch unqualifizierte aeusserungen machen.
wenn dem patienten geholfen wird zu finden, warum er einen solchen wunsch verspürt und ihm zu helfen diesen positiv zu verändern oder aufzulösen, was sollte daran Schmarrn“ sein? Genau hierbei hilft Hypnose ideal, da unbewusste `Programmierungen` oft sehr schnell gefunden werden können Ich empfehle Ihnen z.B. Milton Erikson Schüler wie Jeff Zeig, Brian Alman, Michal Yapko, Steven Gilligan, Dr.Gunther Schmidt etc etc sie alle haben seit Jahrzehnten sagenhafte Erfolge. Es gibt die Deutsche Gesellschaft für Hypnose, für zahnärztliche Hypnose etc auch da können Patienten qualifizierte Therapeuten genannt bekommen.medizinische Hypnose hat nichts, aber auch gar nichts mit Quacksalberei zu tun, sondern ist eine wunderbare Bereicherung von Heilmöglichkeiten.

#14 |
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Naturwissenschaftlerin

Da kann ich diamantia nur zustimmen. Haaresträubend, wie sich hier manche profilieren müssen. Warum können wir nicht einmal beim Thema bleiben? Permanent geht es in die Kostenschiene. Mich interessiert dieses Krankheitsbild, wenn es denn eins ist.

#13 |
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Dr. med. Elena Müller
Dr. med. Elena Müller

Und um hier im Gegensatz zu einigen Teilnehmern sachlich zu bleiben … Es ist ein sehr wichtiges Thema, das wir hier diskutieren. Wir reden hier immer noch von Menschen, die leiden… Oder hat das vielleicht jemand vergessen?
Abgesehen davon, handelt es sich hier nicht um eine alternative Lebensweise, sondern um Patienten, die sich evtl. beträchtlich gefährden, wenn sie sich z.B. auf die Bahnschienen legen…
Ferner ist BIID sehr unerforscht, also wären Bemühungen in dieser Richtung sinnvoll. Unabhängig davon, ob nun Psychiater sie anstellen oder Chirurgen. Solange es keine Astrologen sind… :-)

#12 |
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Dr. med. Elena Müller
Dr. med. Elena Müller

Selten hier eine so hitzige Diskussion erlebt, aber das Thema läßt einen auch kaum kalt, v.a. nicht als Arzt, der sich auch darum kümmern soll. Die Patienten ersuchen uns schließlich ja um Rat…
Und erneut die Bitte, laßt uns das wie Profis diskutieren! Was man persönlich über die Autorin oder andere Forumsbeteiligte denkt, sollte auch persönlich bleiben!

Um zurück zum Thema zu kommen, und zur Antwort auf Beitrag 12: Da insgesamt dieses Krankheitsbild wenig erforscht ist, gibt es wenige Untersuchungen überhaupt, auch nicht zur Akupunktur. Außerdem geht es, glaube ich, auch um die Compliance der Patienten, die bei Phantomschmerz deutlich höher liegt.

Ferner ist es die Frage, ob diese Krankheit in die Kategorie der Körperschemastörungen, wie man sie bei Essstörungen postuliert, ungeklärt.

#11 |
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Naturwissenschaftlerin

Mit Vorrednerin meinte ich natürlich Beitrag 13!
Mit Beitrag 14 sind wir wieder auf dem Niveau, was nicht auf diese Plattform passt!

#10 |
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Naturwissenschaftlerin

Danke an meine Vorrednerin, hier mal wieder das Niveau anzuheben und vor allem beim Thema zu bleiben. Wie gesagt, ich habe davon noch nie gehört. Aber wenn es diese Problematik gibt, sei es als Krankheit definiert oder nicht, sollte man sich diesem Problem auch annehmen.

#9 |
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Angelika Wuschisch-Gerrietzen
Angelika Wuschisch-Gerrietzen

Wenn Menschen sich dick fressen, sich kaputt saufen oder sonst irgendwie zerstören – alles trägt die Gemeinschaft. Mal ganz ehrlich : wo führt uns das hin ?? Wer krank ist, sollte alles Erdenkliche bekommen, damit es ihm besser geht, aber hat nicht alles seine Grenzen ?? Was waren die Zeiten schön, als Krankheit noch Pest, Pocken und Tuberkulose hießen – da konnte jeder etwas mit anfangen ….

#8 |
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Heilpraktiker

Bislang hatte ich von diesem Krankheitsbild auch noch nichts gehört. Je mehr ich aber darüber lese, um so unglaublicher findeich die Bemerkungen von z. B. Herrn Lachenmaier. Auchnich würde es nicht für richtig halten, solchen Patienten ihren Wunsch zu erfüllen, aber eine intensiove und ernsthafe Beschäftigung mit diesem Phänomen sollte doch wohl drin sein. Gefragt habe ich mich allerdings folgendes: Bekanntermassen ist Akupunktur beim Phantomschmerz sehr erfolgreich. Ansatzweise sehe ich Parallelen zwischen einem Phantomschmerz und und dem BIID. Gibt es darüber schon Untersuchungen und wenn nicht, warum nicht?

#7 |
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Dipl.Phys Susanne Schoofs
Dipl.Phys Susanne Schoofs

Eine Art fixe Idee beherrscht das Leben dieser Menschen. Woher kommt die ? Gibt es fMRT- Untersuchungen ?

Die Annahme, dass es sowas wie Reinkarnation gibt, wird in unserem westlichen Weltbild unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht ganz bzw. von allen ernst genommen.

Doch mittels Hypnose läßt sich das Bewußtsein in eine andere Zeit versetzen. Und vielleicht findet man auf diese Art immerhin eine Erklärung für diese obskuren Wünsche zur Selbstverstümmelung.

Ich bin nicht der Meinung, dass Patientenwünschen dieser Art nachgegeben werden sollte. Ob es mit Operationen zur Transsexualität eher vergleichbar ist oder eher mit Tötung auf Verlangen, ist schwer zu entscheiden. Ich tendiere zu letzterem.

Und was das betrifft: Die Diskussion dreht sich oft genug nur um “Hilfe” oder Nicht-Hilfe. Seltener wird folgende Perspektive betrachtet: dass es nämlich eigentlich eine drastische “Zumutung” ist, wenn Sterbewillige andere (Verwandte, Ärzte & Co) dafür einspannen und “instrumentalisieren”, sie selbst ins Jenseits zu befördern, wenngleich sie es (in vielen oder in den meisten Fällen) auch selbst in irgendeiner Form tun könnten.

#6 |
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Dr. Anna Silke Limpert
Dr. Anna Silke Limpert

Ich habe einen beinaputierten Vater und kann dazu nur sagen, daß es sehr schwierig für diese Menschen ist, ein auf nicht Behinderte ausgerichtetes tägliches Leben zu meistern. Mal abgesehen von Phantomschmerzen und Spätfolgen wie Leisten- und kardiovaskulären Problemen. Wenn jemand meint, er muß sich eine Extremität amputieren lassen, naja, kann ich nichts zu sagen. Nur bitte nicht auf Kosten der Allgemeinheit!!! Dafür will ich keine Krankenkassenbeiträge bezahlen. Lieber möchte ich Forschungsvorhaben unterstützen, die sich auf bessere Prothesen für Amputierte ausrichten!!!!

#5 |
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Das Phänomen ist nichts Neues. Seine Definition als Krankheit ist absurd und paßt zur Abartigkeit einer sogenannten modernen Medizin, die sich anmaßt, alles tun zu können, und alles, was sie kann, auch tun zu müssen. Muß ich als Arzt jedem Wunsch eines Patienten willfahren? Bin ich ein Reaktionär, wenn ich meinen Krankheitsbegriff enger fasse? Wo ist im konkreten Fall z. B. die Grenze zur Tötung auf Verlangen?

#4 |
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Dr. Christine Benert
Dr. Christine Benert

Die Problematik der Folgekosten sollte nicht misachtet werden. Schließlich wird durch die Behandlung aus einem körperlich Gesunden ein Kranker gemacht, der auf Grund dieser Erkrankung potentiell kontinuierlich Leistungen vom Gesundheitssystem fordern kann.

#3 |
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Naturwissenschaftlerin

Geschmackloser Beitrag meines Vorredners. Ich finde den Artikel sehr interessant, habe von diesem Krankheitsbild noch nie was gehört. Und natürlich macht man sich Gedanken, wie den Betroffenen geholfen werden könnte.

#2 |
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Heilpraktiker

Wenn die Betroffenen die Kosten selber tragen und dadurch das Sozialsystem nicht belasten können sie sich von mir aus auch das Hirn amputieren lassen, sofern sie eines haben.

#1 |
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