Krebs-Screening: Raucher in die Röhre?

12. September 2013
Teilen

Ärzte aus den USA raten starken Rauchern zum regelmäßigen Lungenkrebs-Screening via CT. Die Empfehlung gilt wegen falsch positiver Befunde als äußerst umstritten und wird in Deutschland ebenfalls Diskussionen auslösen.

Bronchialkarzinome haben nur wenig von ihrem Schrecken verloren – Jahr für Jahr versterben allein in Deutschland 40.000 bis 50.000 Menschen an dieser Krankheit. Zwar macht der medizinische Fortschritt auch vor Lungenkrebs nicht Halt. Ärzte entdecken das Leiden jedoch häufig erst in fortgeschrittenen Stadien. Das soll sich laut Kollegen der U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF) ändern. Das Gremium aus unabhängigen Ärzten diverser Fachrichtungen hat jetzt ein heißes Eisen angepackt.

Mortalität um 20 Prozent verringert

Geht es nach der USPSTF, sollen Raucher zwischen 55 und 79 Jahren regelmäßig via Spiral-CT untersucht werden. Noch in 1996 war von einer Grad-D-Empfehlung die Rede, und in 2004 mangelte es an der nötigen Evidenz. Jetzt sprach sich das Gremium für jährliche Niedrigdosis-CT-Screenings als Grad-B-Empfehlung aus. Bis Ende August konnten Mediziner und Patienten dazu Kommentare abgeben. Sollte der Ratschlag tatsächlich umgesetzt werden, sind amerikanische Versicherungen verpflichtet, entsprechende Untersuchungen künftig in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. Das betrifft Patienten, die mindestens 30 „Packungsjahre“ auf dem Buckel – besser gesagt auf der Lunge – haben. Als „Packungsjahr“ definiert die USPSTF den täglichen Konsum einer Schachtel Zigaretten über zwölf Monate.

Diese gänzlich neue Sichtweise zur Prävention geht auf eine Studie aus dem Jahr 2011 zurück, bekannt als National Lung Screening Trial (NLST): Ärzte hatten damals 53.454 Risikopatienten auf Lungenkrebs untersucht, und zwar mit Niedrigdosis-CTs (26.722 Studienteilnehmer) oder mit Thorax-Röntgen (26.732 Menschen). Positive Testergebnisse gab es beim Low-Dose-CT in 24,2 Prozent und beim Thorax-Röntgen in 6,9 Prozent aller Fälle. Jedoch erwiesen sich 96.4 Prozent (CT) beziehungsweise 94.5 Prozent (Röntgen) der Resultate als falsch positiv. Trotzdem hatten Patienten einen deutlichen Benefit: Auf 100.000 Personenjahre normiert, verstarben 309 Menschen in der Röntgengruppe – im Vergleich zu 247 bei CTs. Screenings mit Low-Dose-Spiral-CTs verringerten die Zahl aller Todesfälle durch Lungenkrebs um 20 Prozent. Grund genug für die Koordinatoren, ihre Studie sogar vorzeitig zu beenden. Noch etwas Statistik: Um einen Patienten zu retten, müssen 320 Menschen untersucht werden. Bei der Sigmoidoskopie sind es 871.

Unnötige Folgeuntersuchungen

Eine neue Auswertung von Timothy R. Church, Minneapolis, geht dem Spannungsfeld zwischen falsch positiven Resultaten und geringer Mortalität nach: Nach Spiral-CTs berichteten Ärzte von 7.191 positiven Ergebnissen (27,3 Prozent), in der Röntgengruppe waren es 2.387 (9,2 Prozent). Allerdings konnte ein Bronchialkarzinom nur bei 292 Teilnehmern (1,1 Prozent) der Low-Dose-CT-Gruppe beziehungsweise bei 190 Patienten (0,7 Prozent) der Röntgengruppe nachgewiesen werden. Studienteilnehmer profitierten jedoch von der hohen Sensitivität. Hier geben die Autoren für CT-Untersuchungen 93,8 Prozent und für Thorax-Röntgenuntersuchungen 73,5 Prozent an. Als Fazit heißt es im Artikel, NLST-Screening-Ergebnisse deuteten darauf hin, amerikanische Screening-Zentren könnten mit erfahrenen Mitarbeitern durch Thorax-CTs die Lungenkrebs-Mortalität verringern. Die Kehrseite: Nach falsch positiven Befunden wurden bei mehr als 5.700 Studienteilnehmern weitere Untersuchungen durchgeführt, etwa konventionelle CTs, PETs oder Biopsien. In der Röntgengruppe waren davon nur 2.010 Patienten betroffen. Allerdings fanden Ärzte mit Spiral-CTs häufiger frühe und damit besser therapierbare Tumorstadien als mit Röntgenuntersuchungen.

Sprechen wir über Geld

Jiemin Ma, Epidemiologe aus Atlanta, wollte wissen, welche Folgen auf das US-amerikanische Gesundheitssystem zukommen, sollten Screenings für Risikopatienten tatsächlich in den Leistungskatalog aller Krankenversicherungen aufgenommen werden. Für eine Computersimulation verwendete er unter anderem Daten aus dem US-Bevölkerungszensus, dem National Health Interview Survey und dem National Health and Nutrition Examination Survey. Basierend auf entsprechenden Informationen hätten 3,4 Millionen Frauen und 5,2 Millionen Männer Anspruch auf ein Screening pro Jahr. Im besten Falle könnten, so Ma, 12.000 Todesfälle vermieden werden. Sollten nur 70 Prozent der Zielgruppe Untersuchungen in Anspruch nehmen, ließen sich immerhin 8.600 Menschen retten. Dieser Prozentsatz kommt aus Daten von Mammographie-Screenings. Mas Veröffentlichung stößt nicht nur auf Wohlwollen: In einem Kommentar zur Simulationsstudie schreibt Larry Kessler, Seattle, entsprechende Zahlen allein reichten ihm nicht aus. Vielmehr wäre es an der Zeit, Nutzen und Risiken gegeneinander abzuwägen. Bleibt noch der Kostenfaktor zu klären. Bernardo H. L. Goulart, Seattle, rechnet mit 240.000 US-Dollar, um einen Todesfall durch Lungenkrebs zu vermeiden. Die Aufwendungen pro qualitätskorrigiertem Lebensjahr (quality adjusted life year, QALY) liegen unter 10.000 US-Dollar.

Wirklich sinnvoll?

Sollten flächendeckende Lungenkrebs-Screenings tatsächlich zur Realität werden, bedeutet das für Ärzte einen großen Aufwand hinsichtlich ihrer Diagnostik und Beratung – schließlich haben laut NLST-Daten 96 Prozent aller Patienten mit positivem Screening-Ergebnis keine maligne Erkrankung der Lunge. Weitere Untersuchungen belasten Betroffene psychisch und das Gesundheitssystem monetär. Es bleibt die Frage, ob diese Gelder nicht besser in Programme zur Aufklärung angelegt wären – Rauchstopp ist und bleibt die beste Prävention.

54 Wertungen (4.35 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

13 Kommentare:

nautilus
nautilus

Wir sollten bei der Diskussion die Begriffe “Praevention” und “Früherkennung” scharf voneinander trennen. – Wäre ein negativer Befund in der Röntgen-Thorax-Aufnahme oder im CT nicht ein Freifahrtschein für das Weiter-Rauchen?

#13 |
  0
Dr. Friedrich Braun
Dr. Friedrich Braun

Wenn die Raucher so etwas wollen sollen sie es selber finanzieren. Es ist unerträglich hier gesundheitsbewußte Beitragszahler einzubeziehen. Zuschlag auf die Tabaksteuer…Teerpauschale könnten wir das nennen. Mit Prävention hat das nichts zu tun, nicht mal mit Schadensbegrenzung. Ich würde auch eine FEV1-Grenze beim Screening einführen um zu vermeiden, dass ein nicht unerheblicher Teil der pathologisch gescreenten dann ohne Konsequenz den Tumoren beim wachsen zusehen muss.

#12 |
  0
M.Sc. Sabine Masanetz
M.Sc. Sabine Masanetz

@ Dr. Vollmers: Im Vergleich zu der Strahlendosis, die ein Raucher seiner Lunge durch den Zigarettenkonsum antut (bei einer Schachtel täglich entspricht das immerhin knapp 200 konventionellen Röntgenaufnahmen im Jahr!), kann man die Zusatzbelastung durch Spiral-CTs getrost vernachlässigen.

#11 |
  0
Gast
Gast

Man darf dabei nicht vergessen, dassdas Risiko für radiogene Tumoren Carcinomrisiko wegen Rauchens potenziert.

#10 |
  0

@Dr. Cor

Man sollte die radiogenen Tumor nicht unterschätzen. Vor einiger Zeit gabt es ebenfalls amerikanische Untersuchung, die zu dem Schluss kam, dass auf 200 CT, falls ich mich richtig erinnere, von einer strahleninduzerten malignen Erkrankung, zugegehen ist (0,5%). Da ein/e Raucher/in mit 30 Packyears ab den 45 Lgj. jährlich eine CT-Untersuchung bekommt, sind das etwa 35-40 Untersuchungen, ohne zusätzliche CT-Untersuchungen aus anderer Indikation. das bedeutet ein Carcinomrisik von 17-20 % durch die CT´s.

#9 |
  0
Dr. Cor
Dr. Cor

@Dr Degenhardt:
Wer bei Raucher tatsächlich Angst vor einem radiogen Tumor spricht, hat vieles nicht verstanden

#8 |
  0
Ärztin

Besser wäre es doch Hunde auf den Geruch von Bronchialkarcinom abzurichten ( das gibt es schon) und damit breit zu screenen. Billig,effektiv und sicher!
Es ist immer wieder erschreckend, wie Lobbyisten es schaffen menschliche Schwächen zu kapitalisieren.
Die im Text beschriebene Methode ist extrem teuer (in den USA wird so eine Untersuchung immer noch privat bezahlt und nicht von der Gemeinschaft) und, wie schon von Kollegen Degenhardt festgestellt, es besteht die Gefahr der Bildung von radiogenen Malignomen und sie ist mit 96% falsch positiven Ergebnissen auch nicht sicher.

#7 |
  0
Medizinjournalist

Vorschlag: Den Dealer (Tabakindustrie) und den Profiteur (Staat über Tabaksteuer) an der Finanzierung der Krankheits- und Präventionskosten beteiligen.

#6 |
  0

Der Effekt der Strahlenbelastung wurde nicht diskutiert. Ein 55-Jähriger hat immerhin noch die Chance, sein radiogenes Malignom noch zu erleben.

#5 |
  0
Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

@2 aha, und die nichtraucher sind die intelligenz – das ich nicht lache

#4 |
  0
Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

ich rauche gerne. ich mag alle die nicht, die gegen die raucher sind.

#3 |
  0
Dr.med Joachim Herzig
Dr.med Joachim Herzig

Raucherentwoehnug ist weiterhin keine Kassenleistung. Mehrere Ausbildungen zur Raucherentwoehnung habe ich gemacht , kann die Leistung aber entweder igeln oder umsonst erbringen. Die Raucherentwoehnung mittels Verhaltenstherap. Kursen hat dabei eine besonders niedrige NNT.
Aber Raucher/innen kommen vermehrt aus niedrigeren Einkommensschichten , historisch Arbeiter und Soldaten. Das spielt m.E. Auch eine Rolle bzgl Aufklaerung, screening , Vergütung etc.

#2 |
  0
J. Hurter
J. Hurter

Die Befreiung von der Tabaksucht ist und bleibt die beste Prävention, da haben Sie Recht, es gibt aber Patienten, die ihre dreissig Packungsjahre hinter sich haben und heute rauchfrei leben. Die gehören auch zur Risikogruppe, der ein CT empfohlen wird.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: