Komm, süßer Tod

20. März 2009
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Die ADVANCE-Studie gilt als weltgrößte ihrer Art und nimmt Diabetes-Patienten ins Visier. Letzte Woche wurden neue Erkenntnisse veröffentlicht: Diabetiker mit Vorhofflimmern haben ein bis zu 70 Prozent höheres Todesrisiko. Auch Ärzte können daran etwas ändern.

Seinem Diabetes-Patienten mitzuteilen, wie die Dinge rein statistisch stehen, mag Ärzten nach dieser Studie schwerer fallen als zuvor. Vor allem Diabetiker mit Vorhofflimmern (VHF) dürften über die Aussichten wenig erfreut sein: zwischen 61 und 77 Prozent höher liegt nämlich ihr Todesrisiko, wobei die am wenigsten charmante Aussage jene ist, dass Diabetiker mit Vorhofflimmern im Vergleich zu herzgesunden Pendants auf jeden Fall ein um 61 Prozent höheres Risiko aufweisen, aus welchen Gründen auch immer zu sterben.

Was Anushka Patel, Direktorin am der Cardiovascular Division at The George Institute for International Health der australischen University of Sydney jetzt verkündet, kommt nicht von ungefähr. Den Auswertungsergebnissen liegen Patientendaten von 11.140 Menschen zugrunde, die an der ADVANCE-Studie teilnahmen. Ob solcher Hiobsbotschaften beeilt sich die Medizinprofessorin gleichzeitig um die Vermittlung des berühmten Silberstreifs am Horizont– den nur Ärzte bieten können. Immerhin einer von 42 diabetischen Todeskandidaten ließe sich retten, sofern ihm die behandelnden Ärzte über einen konstanten Mindestzeitraum von fünf Jahren nur vernünftig therapieren würden. Schlaganfälle und kardiovaskuläre Nebenerscheinungen setzen Diabetikern generell zu, jedoch VHF-Kandidaten weitaus mehr als dem Rest der Betroffenen. Auf bis zu 77 Prozent schnellt das Risiko eines Herzanfalls oder eines Schlaganfalls hoch, sofern Diabetiker gleichzeitig an Vorhofflimmern leiden – ohne die Zusatzbelastung stehen die Chancen damit deutlich besser.

Die Erkenntnis, dass Vorhofflimmern die Lebenszeit beeinflusst, ist freilich nicht neu, nur: Mit soliden und so umfangreichen Daten hat diesen Zusammenhang bisher niemand belegt. Dabei wäre ein kardiologischer Blick mehr als angebracht. Weltweit dürften bis 2025 über 40 Millionen Diabetiker gleichzeitig Vorhofflimmern leiden, schätzt die Professorin aus Sidney. „Die Studie informiert Kliniker, dass ihre Patienten die Risikofaktoren ihrer Patienten aggressiver kontrollieren müssen“, fordert daher Patel, und: „Die Verabreichung von Perindopril und Indapamid senkte beispielsweise die kardiovaskulär bedingten Todesrate um 18 Prozent“.

Kleine Schwäche, wuchtige Aussage

Gleichwohl und genau an dieser Stelle hat das Paper, trotz der Relevanz, mit einem Manko zu kämpfen. Einer der Co-Autoren, John Chalmers, ist Mitglied im Advisory Board des französischen Pharmaherstellers Servier – zu dessen Blockbustern ausgerechnet die ACE-Hemmer Wirkstoffe Perindopril und Indapamid zählen. Das European Heart Journal weist am Ende der Publikation auf diesen bestehenden „Conflict of Interest“ hin, weil Chalmers zudem Geldmittel von Servier erhielt. Sofern man diese Zusammenhänge kennt, und die wirklich unabhängige Auswertung der 11.140 ADVANCE-Patientendaten berücksichtigt, bleibt für Ärzte dennoch eine wichtige Erkenntnis übrig: Blutdrucksenker reduzieren die Wahrscheinlichkeit von Vorhofflimmern – was wiederum die Überlebenschance der Diabetiker wesentlich erhöhen kann.

Ohnehin kommen niedergelassenen Ärzten die jetzt publizierten Ergebnisse, trotz der bestehenden Schwächen in Punkto Unabhängigkeit einer der Autoren, im Alltag zu Gute. So verrät Patel, das Frauen mit Diabetes und Vorhofflimmern besonders gefährdet sind, 90 Prozent der weiblichen Patientinnen mit dieser ungünstigen Konstellation fallen in die Extremrisiko-Kategorie. Bislang machte sich aber bei weitem nicht jeder Praxisarzt Gedanken über das vorhandene oder sogar drohende Vorhofflimmern seiner übergewichtigen Diabetes-Patientin. Für die Medizinerin aus Down Under lässt sich die Problematik recht direkt auf den Punkt bringen: Die meisten VHF-Fälle bei Menschen mit Diabetes bleiben unentdeckt.

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Medizin

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3 Kommentare:

Diätassistent

….das ist das Problem – es gibt keine Resultate -z.B Krebs – es wird alles getan aber wir Forschen an dem Kranken weiter und kommen momentan an
keine Ergebniße die uns Helfen.

#3 |
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Dr Hanspeter Thies
Dr Hanspeter Thies

es fehlt m.E.die Angabe in welchem Zeitraum die Leute sterben.So hat es ja wenig Sinn weil alle mal sterben

#2 |
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Immer mehr Medikamente und immer weniger Prävention und Lebensstiländerung: qui bono? Die letzteren bringen kein Gewinn für die Industrie. Übrigens: schon mal UKPDS gelesen? Alt aber immer noch aktuell.

#1 |
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