Krebsvergleich: EM mal anders

23. März 2009
Teilen

Erstmals belegen Epidemiologen einen nachhaltigen Durchbruch in der Krebstherapie: Die Zahl der als geheilt geltenden Krebspatienten nimmt in Europa deutlich zu. Zu diesem Ergebnis gelangen Experten der internationalen EUROCARE-4 Working Group. Die Zahlen repräsentieren 150 Millionen Menschen der europäischen Bevölkerung.

Angesichts der Bedeutung widmet das European Journal of Cancer (EJC) die am heutigen Dienstag erschienene Ausgabe ganz diesem Thema. Denn nie zuvor war die zu Grunde gelegte Patientendatenmenge so umfangreich wie jetzt. 93 Krebsregister aus 23 europäischen Ländern lieferten jene Informationen, aus denen Politik und Ärzteschaft wichtige Rückschlüsse über das weitere Vorgehen bei der Krebsbekämpfung ableiten können. Die ausgewertete Datenbasis umfasste 13.814.573 diagnostizierte Krebsfälle, die sich zwischen 1978 und 2002 ereigneten. Davon handelte es sich bei 5,2 Millionen Datensätzen um Angaben über überlebende Patienten.

Polen hat rote Laterne

Für den italienischen Mediziner Riccardo Capocaccia vom National Centre for Epidemiology, Surveillance and Health Promotion in Rom, der als Gastautor der EJC die Resultate der Working Group kommentiert, sind die nun vorgelegten Zahlen „beachtenswert, weil sie einen echten Fortschritt in der Krebsbekämpfung belegen.“ Man kann es auch anders ausdrücken: Weil Europa gerade vor dem Fall des Eisernen Vorhangs über unterschiedliche Gesundheitskonzepte und verschiedene medizintechnische Ansätze verfügte, fallen in der Retrospektive auch die Heilungsraten je nach Land zum Teil ganz anders aus. Doch selbst die geographischen und vermeintlich wirtschaftlichen Giganten in Europa machen beim Betrachten der Studie mitunter dicke Backen – weil sie entgegen mancherlei Erwartungen nicht immer an der vordersten Erfolgsfront mitmischen.

So liegt im allgemeinen Heilungs-Ranking bei Männern keins der großen europäischen Länder an der Spitze. Das EJC berichtet, dass in Island 47 aller männlichen Krebspatienten die Krankheit für immer besiegen, in Polen aber Ärzte diesen Kampf am seltensten für sich entscheiden können und lediglich 21 Prozent der Tumorpatienten wirklich heilen. Anders indes sieht es bei den Frauen aus. Hier liegen Finnland und Frankreich mit 59 Prozent ganz oben auf der Heilungsskala, Polen bringt es auf lediglich 38 Prozent.

Warum aber sollte man dem monströsen Werk mit seinen Zahlenspielereien überhaupt Glauben schenken? Kann eine Studie, die den Geheilten die gleiche Lebenserwartung wie Menschen ohne Krebs attestiert, überhaupt glaubwürdig sein? Vermutlich schon, wie der Blick ins Eingemachte offenbart: Die Ergebnisse sind nämlich im Vergleich zu anderen Studien nicht durch den sogenannten lead-time Effekt verzerrt. Darunter verstehen Epidemiologen Fälle, bei denen zwar eine frühe Diagnose die Überlebensspanne statistisch erhöht, weil der Zeitpunkt der Erfassung nach vorne gelegt wird – aber der Patient am Ende doch genau so schnell verstirbt wie ohne frühe Diagnose. Die Umschiffung solcher Klippen macht EUROCARE-4 letztlich so wertvoll. Sie erlaubt, anders als andere Ansätze, nur eine Lesart: Welche Krebsart in welchem Land zu welchem Prozentsatz endgültig geheilt wurde hat handfeste präventive, diagnostische und therapeutische Ursachen. Klingt logisch. Ließ sich aber bisher nicht derart untermauern.

Für Mediziner sind derartige Statistiken eine wahre Fundgrube. Denn sie verraten, ob bestimmte Therapien und Vorsorgemaßnahmen nachhaltig wirken – oder eben auch nicht. So gelten in Frankreich 60 Prozent aller Prostatakrebsfälle irgendwann als geheilt, während es Dänemark in diesem Bereich lediglich auf 14 Prozent bringt. Die erhebliche Diskrepanz sei eine Folge der PSA-Test-Intensität beider Länder, konstatieren die Autoren, betonen aber im gleichen Atemzug, dass die Dänen ähnliche Heilungschancen aufweisen, wie die restlichen nordeuropäischen Länder.

Screening zeigt Erfolge

Dass frühe Screenings der dann folgenden Therapie zum Erfolg verhelfen demonstriert auch ein Blick auf die Brustkrebsfälle. Immerhin 10 Prozent beträgt der Erfolgsunterschied zwischen Westeuropa und Ländern wie Polen, Tschechien oder Slowenien – weil viele westeuropäische Länder seit Mitte der 1990er Jahre Brustkrebs-Screenings durchführen, die östlicheren indes nicht. Ohnehin fallen die geographischen Variationen mitunter drastisch aus. Allein die Heilungsrate bei Magenkrebs kann, je nach Gegend, neun oder eben auch 27 Prozent betragen. Bei Lungenkrebs schwankt diese Zahl statistisch zwischen vier und zehn Prozent, Dickdarmtumoren können in 25 bis 40 Prozent aller Fälle als geheilt betrachtet werden. Je nachdem, wo man gerade lebt.

Als besonders aussagekräftig gilt eine weitere Statistik. Nicht nur die Anzahl der nachhaltig Geheilten steigt, auch die Prozentzahl der 5-Jahres Überlebenden nimmt zu und liegt mittlerweile bei 50 Prozent. Für Epidemiologen Capocaccia legen die einzelnen Statistiken gleichzeitig Schwachpunkte des europäischen Monitoringsystems offen – die man jetzt beheben kann. Ausgerechnet für Kinder und Jugendliche lägen beispielsweise in vielen Ländern keine verlässlichen Daten vor, weil dazu Krebsregisterdaten fehlten. Deutschland machte da eine Ausnahme, schwächelte im Betrachtungszeitraum dafür in einem anderen Bereich: Lediglich das Saarland lieferte auf Grund seines Krebsregisters verlässliche Patientendaten – und deckte damit, statistisch betrachtet lediglich ein Prozent der deutschen erwachsenen Bevölkerung ab.

77 Wertungen (2.9 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

11 Kommentare:

Frau Sheila Bertzick
Frau Sheila Bertzick

There are lies, dammned lies and statistics! If you survive the 5 year period of the initial tumor, but die as a result of daughter tumors, your death is not due to the original tumor. Come on how stupid do you think we are? Read Philip Day “Dying for the truth.”

#11 |
  0
Heilpraktikerin Helga Leinenbach
Heilpraktikerin Helga Leinenbach

Na, da wär’s doch
a) mal interessant zu lesen, wo Deutschland mit seinen ausufernden Kosten im Gesundheitswesen tatsächlich steht und
b) die “Goldstandards” der Krebsbehandlung in den jeweiligen Ländern miteinander zu vergleichen, oder ??
Wie sind die Therapieempfehlungen in den anderen europäischen Ländern?

Was fehlt, ist mal wieder, mit welchen Therapien bzw. vielleicht auch ohne welche Therapien sind die Heilungsraten höher.

#10 |
  0
Naturwissenschaftlerin

Und woher willst du wissen, dass das alles korrekt ist?
Ein paar Fakten wäre hier mir angebracht als ein Rundumschlag.

#9 |
  0
Dr. med. Otmar Schaffner
Dr. med. Otmar Schaffner

Kann mich allen kritischen Kommentaren ohne zu zögern voll anschließen. Vielleicht sollte einmal untersucht werden, weshalb die sogenannte Wissenschaft die Ihre Ergebnisse nur noch aus statistischen Erhebungen ableitet immer weniger glaubwürdig erscheint

#8 |
  0
Doris Hillenbrand
Doris Hillenbrand

Ich bin leider nicht in der Lage, auch nur 1 Wort davon zu glauben. Durch die Vergleiche von Land zu Land wird dies auch nicht besser.

Man ist gewillt zu fragen, wer diese “Daten” denn ge- oder erfunden hat !

#7 |
  0
Manuela Wolters
Manuela Wolters

Die Fragen, die sich mir stellen sind folgende:

Wie verlässlich sind die oben dargestellten Informationen? Mein Kenntnisstand ist da ein ganz anderer!

Wo kann ich diese ‘Statistiken’ nachlesen?
Woher stammen die Daten…..und wer hat sie erstellt und in welchem Auftrag?

Persönlich werde ich diesen Beitrag mit ‘Vorsicht’ genießen.

#6 |
  0
Dr Eike Drees
Dr Eike Drees

Die armen Isländer!

#5 |
  0
Dr. med. Ursula M. Schleicher
Dr. med. Ursula M. Schleicher

Wo steht denn die Primärliteratur? Im aktuellen Heft des EJC geht es um alles mögliche, aber nicht darum.

#4 |
  0
Heilpraktikerin Susanne Müller
Heilpraktikerin Susanne Müller

stimme meiner kollegin christiane zu. gemäß dem motto “glaube nie einer statistik, die du nicht selbst gefälscht hast” frage ich nach ursprung der daten sowie finanzierung der statistik

#3 |
  0
Heilpraktiker

Sehr gut gefragt, Christiane.
Was besonders skeptisch macht, ist, dass alle typischen Kritikpunkte an Krebstherapien, die von Fachleuten angemahnt werden, auf einmal gar nicht stimmen sollen – ja in Wirklichkeit ist das Gegenteil wahr, nämlich dass es um die Krebstherapie geradezu spitzenmäßig bestellt ist!
Wo stammen die Daten eigentlich her, wo es in Deutschland nicht einmal ein ordentliches Krebsregister gibt, wo alle Fälle gesammelt werden? *grübel*

#2 |
  0
Heilpraktikerin Christiane Trettin
Heilpraktikerin Christiane Trettin

Wenn es um Veröffentlichungen zum Thema Krebs und Therapieerfolge geht, hat die Vergangenheit ja leider gezeigt, dass mit Begriffen wie “Heilung” und “Überlebensrate” ja sehr spezielle Definitionen gemeint sind, die sich nicht unbedingt mit unserem Wortverständnis decken.Zum anderen, was ist das für eine Gesellschaft und wer finanziert die Statistiken? In der Branche wird etrem viel Profit gemacht, Nachfragen lohnt sich also.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: